Soldaten: Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben

Soldaten

Soldaten

Kurzbeschreibung
   Dieses Buch legt auf der Basis von 150.000 Seiten Abhörprotokollen erstmals eine überzeugende Mentalitätsgeschichte des Krieges vor. In von Briten und Amerikanern eigens eingerichteten Lagern wurden deutsche Kriegsgefangene aller Ränge und Waffengattungen heimlich abgehört. Sie sprachen über militärische Geheimnisse, über ihre Sicht auf die Gegner, auf die eigene Führung und auf die Judenvernichtung. Das Buch zeigt die Kriegswahrnehmung von Soldaten in historischer Echtzeit und vermittelt eine faszinierende und erschreckende Innenansicht des Zweiten Weltkriegs durch jene Soldaten, die große Teile Europas verwüsteten. Zudem wird im Vergleich zu anderen Kriegen herausgearbeitet, was am Fühlen und Handeln der deutschen Soldaten spezifisch für den Nationalsozialismus war und was nicht.

Sönke Neitzel | Harald Welzer SOLDATEN Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben

PROLOGE

Prolog 1: Sönke Neitzel

   Es war ein typischer englischer Novembertag: tief hängende Wolken, Nieselregen und acht Grad. Wie oft zuvor war ich mit der District Line bis nach Kew Gardens gefahren, an der pittoresken U-Bahn-Station im Südwesten Londons ausgestiegen und zum britischen Nationalarchiv gehastet, um mich dort in alte Akten zu vergraben. Der Regen war diesmal noch unangenehmer als sonst und trieb mich zur Eile. Im Eingangsbereich stand – wie immer – eine beeindruckende Zahl von Aufsichtspersonen, die flüchtig meine Tasche durchwühlten. Es ging vorbei an dem kleinen Buchladen zur Garderobe, dann die Treppe hinauf in den Lesesaal, wo mich spätestens der stechend grüne Teppich darin versicherte, dass sich hier seit dem letzten Besuch nichts verändert hatte.
   In jenem Herbst 2001 arbeitete ich als Gastdozent an der Universität Glasgow und hatte mir einen kurzen London-Besuch genehmigt. Wenige Wochen zuvor war ich auf das Buch Michael Gannons über die Wende in der Atlantikschlacht im Mai 1943 gestoßen. Darin waren auch einige Seiten Abhörprotokolle deutscher U-Boot-Fahrer abgedruckt – und das hatte mich neugierig gemacht. Dass es Verhörberichte über deutsche Gefangene gab, war mir bekannt, aber von geheimen Lauschberichten hatte ich noch nie gehört. Dieser Spur wollte ich unbedingt nachgehen. Allzu Aufregendes erwartete ich freilich nicht. Worum konnte es sich schon handeln? Einige wenige Seiten unzusammenhängender Gespräche, irgendwo von irgendwem aufgenommen. Unzählige Male hatten sich hoffnungsvolle Hinweise auf vermeintlich neue Quellen als Sackgasse erwiesen.
   Doch diesmal war es anders: Auf meinem kleinen Arbeitstisch lag ein dickes Aktenbündel, vielleicht 800 Seiten stark, zusammengehalten nur durch einen Bindfaden. Die dünnen Blätter lagen noch fein säuberlich geordnet übereinander; ich muss einer der Ersten gewesen sein, der sie in Händen hielt. Mein Blick glitt über endlose Gesprächsprotokolle deutscher Marinesoldaten, U-Boot-Fahrer meist, Wort für Wort transkribiert. 800 Seiten allein vom Monat September 1943. Wenn es Berichte vom September gab, musste es auch welche vom Oktober und vom November 1943 geben. Und was war mit den übrigen Kriegsjahren? Und tatsächlich, auch von anderen Monaten existierten dicke Bände. Mir dämmerte allmählich, dass ich auf die Spitze eines Eisberges gestoßen war. Aufgeregt bestellte ich mehr und immer mehr Akten; offenbar waren nicht nur U-Boot-Fahrer, sondern auch Luftwaffen- und Heeressoldaten abgehört worden. Ich las mich in den Gesprächen fest, wurde geradezu hineingesogen in die Innenwelt des Krieges, die sich vor mir ausbreitete. Man hörte die Soldaten förmlich reden, sah sie gestikulieren und debattieren. Vor allem die Offenheit, mit der sie über das Kämpfen, Töten und Sterben sprachen, überraschte mich. Mit einigen Kopien interessanter Textstellen im Gepäck flog ich zurück nach Glasgow. Im Historischen Institut traf ich am nächsten Tag zufällig Professor Bernard Wasserstein und erzählte ihm von meinem Fund. Ich sagte, dass das wohl eine ganz neue Quelle sei und man darüber vielleicht eine Dissertation vergeben könne. »You want to give it away?«, fragte er erstaunt. Dieser Satz wirkte noch lange in meinen Gedanken nach. Nein, er hatte recht: Diesen Schatz musste ich selber heben.
   Wieder und wieder fuhr ich fortan nach London und begann zu begreifen, worauf ich eigentlich gestoßen war: Die Briten hatten während des gesamten Krieges Tausende deutsche und einige hundert italienische Gefangene systematisch abgehört, besonders interessant erscheinende Gesprächspassagen auf Wachsplatten aufgenommen und davon Abschriften angefertigt. Sämtliche Protokolle hatten den Krieg überdauert und waren 1996 freigegeben worden. In den folgenden Jahren hat aber niemand die Bedeutung dieser Quellen erkannt – unentdeckt schlummerten sie in den Magazinregalen vor sich hin.
   2003 veröffentlichte ich erste Auszüge, zwei Jahre später folgte eine Edition mit knapp 200 Abhörprotokollen deutscher Generäle. Die Auswertung dieser Quellen war damit aber nur ein kleines Stück vorangeschritten. Kurze Zeit später stieß ich in den National Archives in Washington auf einen ganz ähnlichen Bestand, doppelt so groß wie der britische, also noch einmal 100 000 Seiten dazu. Es war unmöglich, diese schier unübersehbare Menge an Akten allein auszuwerten.

Prolog 2: Harald Welzer

   Als Sönke Neitzel mich anrief und mir von seinem Quellenfund berichtete, war ich sprachlos: Bislang mussten wir unsere Forschungen zur Gewaltwahrnehmung und Tötungsbereitschaft auf sehr problematische Quellen stützen – auf Ermittlungsakten, Feldpostbriefe, Augenzeugenberichte, Memoiren. Alle diese Quellen teilen ein riesiges Problem: Die Aussagen, Berichte, Beschreibungen, die hier gegeben werden, sind ganz bewusst verfasst und richten sich alle an jemanden – einen Staatsanwalt, eine Ehefrau zu Hause oder an ein Publikum, dem man aus ganz unterschiedlichen Gründen die eigene Sicht der Dinge mitteilen möchte. Wenn die Soldaten in den Lagern miteinander sprachen, geschah das absichtslos – keiner hätte auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass seine Erzählungen und Geschichten irgendwann mal eine »Quelle« sein könnten, geschweige denn gedruckt erscheinen würden. Ermittlungsakten, Autobiographien und Zeitzeugeninterviews bestehen zudem aus Berichten von Erzählern, die wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist, und die ihre Erlebnisse und Sichtweisen längst mit diesem nachträglichen Wissen überschrieben haben. Hier, in Neitzels Fund, sprachen Männer in Echtzeit über den Krieg und was sie darüber dachten – eine Quelle, die einen ganz einzigartigen und neuen Einblick in die Mentalitätsgeschichte der Wehrmacht, ja vielleicht des Militärs überhaupt eröffnete. Ich war elektrisiert, und wir verabredeten uns sofort. Es war völlig klar, dass ich als Sozialpsychologe das Material ohne profunde Kenntnisse über die Wehmacht nie würde auswerten können; umgekehrt würde man allein in historischer Perspektive die Gesprächsprotokolle in all ihren kommunikativen und psychologischen Aspekten nicht entschlüsseln können. Wir hatten beide schon zuvor intensiv über die Zeit des »Dritten Reiches« gearbeitet, und doch blickten wir aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf die Dialoge der Gefangenen. Nur durch die Kombination unserer Fachgebiete – der Sozialpsychologie und Geschichtswissenschaft – würde man einen angemessenen Zugang zu dieser einzigartigen mentalitätsgeschichtlichen Quelle bahnen und die Sicht auf das Handeln der Soldaten neu justieren können. Wir konnten die Gerda-Henkel-Stiftung und die Fritz-Thyssen-Stiftung von unserem Vorhaben überzeugen, sofort ein größeres Forschungsprojekt zu starten; so hatten wir schon bald nach unserem ersten Treffen die Mittel zur Finanzierung einer Forschungsgruppe[1], die sich über die unüberschaubare Menge von Texten hermachte. Das britische Korpus und große Teile des amerikanischen Materials konnten digitalisiert und mittels einer inhaltsanalytischen Software ausgewertet werden. Nach über drei Jahren intensiver und spannender Zusammenarbeit, in der wir selbst viel Neues gelernt haben und auch von Überzeugungen Abstand nehmen mussten, die sich angesichts unserer Quelle als nicht haltbar erwiesen, ist es nun an der Zeit, erste Ergebnisse vorzulegen.

Worüber die Soldaten sprechen

   SCHMID: Ich habe da mal einen Fall gehört von zwei fünfzehnjährigen Bengels. Die hatten Uniform an und schossen da wild mit. Wurden aber gefangen. […] Dass der Russe auch junge Burschen bei sich hat, sogar Zwölfjährige an der Musik zum Beispiel, die eingekleidet waren, das habe ich selbst gesehen. Wir hatten mal ein russisches Musikkorps – aber das machte eine Musik, du! Also, da bist du zunächst mal vollkommen fertig. So was Stilles, was über der Musik liegt, so was Sehnsuchtsschweres – ich möchte sagen, die ganze russische Weite kommt dir in den Sinn. Das ist furchtbar. Das hat mir einen Heidenspaß gemacht. Das war so eine Militärkapelle. […] Also, jedenfalls die beiden jungen Burschen sollten nach dem Westen tippeln – sollten sich genau an die Straße halten. In dem Moment, wo sie versuchen, bei der nächsten Biegung in den Wald reinzuhuschen, da kriegen sie was auf den Latz geknallt. Und kaum sind sie außer Sichtweite, da schleichen sie weg von der Straße – husch, husch, weg waren sie. Da wurde gleich ein größeres Kontingent aufgeboten und musste suchen. […] Und dann haben sie die beiden erwischt. Das waren die zwei, du. Nun waren sie so anständig und haben die nicht gleich erschlagen, sie haben die nochmals vor den Regimentskommandeur gestellt. Nun war es ja klar, nun hatten sie ihr Leben verwirkt. Da mussten sie ihr Grab schaufeln, zwei Löcher, dann wurde der eine erschossen. Der fällt nicht ins Grab, der fällt vorne über. Da sagt man dem anderen, er sollte den Ersten ins Loch reinwerfen, bevor er selbst erschossen wird. Das hat er mit lächelnder Miene gemacht! Ein fünfzehnjähriger Bengel! Das ist ein Fanatismus oder Idealismus – da ist was dran![2]
   Diese Geschichte, die Oberfeldwebel Schmid am 20. Juni 1942 erzählt, ist typisch dafür, wie Soldaten in den Abhörprotokollen sprechen. Wie in jedem anderen Alltagsgespräch wechselt der Erzähler mehrmals assoziativ die Themen – mittendrin fällt Schmid beim Stichwort »Musik« ein, wie sehr er die russische Musik mag, beschreibt diese kurz, dann erzählt er die eigentliche Geschichte weiter. Die fing harmlos an, aber ihr Ende ist böse: Es geht um die Erschießung zweier russischer Soldaten im Jungenalter. Der Erzähler berichtet, dass die Jungen nicht einfach erschossen wurden, sondern sie sich selbst ihr Grab schaufeln mussten, bevor man sie ermordete. Bei der Erschießung gibt es eine Komplikation, und die führt dann zur eigentlichen Moral der Geschichte: Der zu tötende Junge erweist sich als »fanatisch« oder »idealistisch« – und der Oberfeldwebel gibt seiner Bewunderung darüber Ausdruck.
   Wir haben hier eine auf den ersten Blick spektakuläre Kombination vieler Themen – Krieg, feindliche Soldaten, Jugendliche, Musik, russische Weite, Kriegsverbrechen, Bewunderung – vor uns, die alle nicht zusammenzugehören scheinen, aber trotzdem in einem einzigen Atemzug erzählt werden. Das ist das Erste, was man festhalten kann: Die Geschichten, von denen hier die Rede ist, sind anders, als man es erwarten würde. Sie folgen nicht den Kriterien von Geschlossenheit, Konsistenz und Logik, sondern sie sollen Spannung erzeugen, interessant sein, Raum und Anschlussmöglichkeiten für Kommentare oder eigene Geschichten der Gesprächspartner geben. In dieser Hinsicht sind sie wie alle Alltagsgespräche sprunghaft, aber interessant, voller Abbrüche, neuer Anknüpfungen von Erzählfäden, vor allem auf Konsens und Übereinstimmung ausgelegt. Menschen unterhalten sich nicht nur, um Informationen auszutauschen, sondern um eine Beziehung zu bilden, Gemeinsamkeiten herzustellen, sich zu versichern, dass man an ein- und derselben Welt teilhat. Diese Welt ist der Krieg, und das nun macht die Gespräche ganz unalltäglich, aber nur für heutige Leserinnen und Leser, nicht für die Soldaten.
   Die Brutalität, Härte und Kälte des Krieges sind ein alltägliches Moment dieser Gespräche, und das frappiert immer wieder, wenn man die Dialoge heute, also mehr als 60 Jahre nach den Ereignissen liest. Unwillkürlich schüttelt man den Kopf, ist erschüttert, nicht selten geradezu fassungslos – aber von derlei moralischen Regungen muss man sich frei machen, sonst versteht man nur die eigene Welt, nicht aber die der Soldaten. Die Normalität des Brutalen zeigt ja nur eins: Das Töten und die extreme Gewalt gehören zum Alltag der Erzähler und ihrer Zuhörer, sind eben nichts Außergewöhnliches. Sie unterhalten sich stundenlang darüber, aber zum Beispiel auch über Flugzeuge, Bomben, Radargeräte, Städte, Landschaften und Frauen.
   MÜLLER: Als ich in Charkow war, war alles bis auf die Innenstadt zerstört. Eine herrliche Stadt, eine herrliche Erinnerung. Alle Leute sprachen etwas Deutsch – in der Schule gelernt. Auch in Taganrog – herrliche Kinos und wundervolle Strandcafes. […] Dort, wo Don und Donetz zusammenfließen, da sind wir viel geflogen, da war ich überall. Schön ist die Landschaft – im LKW war ich überall. Da sah man nichts als Frauen, die Pflichtsarbeitsdienst machten.
   FAUSST: Ach, du Scheiße!
   MÜLLER: Straßen haben die gemacht, mordsschöne Mädels – da sind wir vorbeigefahren, haben sie einfach in den PKW hereingerissen, umgelegt und dann wieder rausgeschmissen. Mensch, was haben die geflucht![3]
   So sind Männergespräche. Die beiden Soldaten, ein Gefreiter und ein Feldwebel der Luftwaffe, unterhalten sich über die touristischen Aspekte des Russlandfeldzugs – von »herrlichen Städten« und »herrlichen Erinnerungen« ist die Rede. Plötzlich handelt die Geschichte von spontanen Vergewaltigungen von Zwangsarbeiterinnen; der Gefreite erzählt das wie eine kleine, beiläufige Anekdote und fährt dann fort mit seiner Reisebeschreibung. Das beschreibt den Raum des Sagbaren und des Erwartbaren in den abgehörten Gesprächen: Nichts von der berichteten Gewalt gegen andere verstößt gegen Erwartungen der Zuhörer. Geschichten vom Erschießen, Vergewaltigen, Rauben gehören in den Alltagsbereich der Kriegserzählungen; fast nie kommt es bei solchen Themen zu Auseinandersetzungen, moralischen Einwänden, gar Streitigkeiten. Die Gespräche, so gewaltvoll ihre Inhalte oft sind, verlaufen stets harmonisch; die Soldaten verstehen sich, teilen dieselbe Welt, tauschen sich aus über die Geschehnisse, die sie beschäftigen, und Dinge, die sie gesehen oder getan haben. Diese erzählen und interpretieren sie in historisch, kulturell und situativ spezifischen Rahmen: den Referenzrahmen.
   Die wollen wir in diesem Buch rekonstruieren und beschreiben – um zu verstehen, was die Welt der Soldaten war, wie sie sich selbst und ihre Gegner gesehen haben, was sie über Adolf Hitler und den Nationalsozialismus dachten, warum sie weiterkämpften, auch dann noch, als der Krieg bereits verloren schien.
   Und wir wollen untersuchen, was an diesen Referenzrahmen »nationalsozialistisch« war – ob man es also bei diesen meist freundlichen und gutmütigen Männern in den Gefangenenlagern mit »Weltanschauungskriegern« zu tun hat, die ausgezogen sind, um in einem »Vernichtungskrieg« unterschiedslos rassistische Verbrechen zu begehen und Massaker zu verüben. Inwieweit entsprechen sie dem in den 1990er Jahren von Daniel Goldhagen gezeichneten Bild von den »willigen Vollstreckern« oder dem differenzierteren, das die beiden »Wehrmachtausstellungen« des Hamburger Instituts für Sozialforschung sowie eine Unzahl historischer Einzelarbeiten zu den Verbrechen der Wehrmacht erarbeitet haben? Gegenwärtig herrscht der Eindruck vor, dass die Wehrmachtsoldaten Teil einer gigantischen Vernichtungsmaschinerie waren und somit Akteure, wenn nicht Exekuteure eines beispiellosen Massenverbrechens. Zweifellos ist zutreffend, dass die Wehrmacht an allen Verbrechen – von der Erschießung von Zivilisten bis zur systematischen Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder – beteiligt war. Das sagt aber nichts darüber aus, ob und wie die einzelnen Soldaten in Verbrechen involviert waren, und vor allem nichts darüber, welches Verhältnis sie selbst dazu hatten – ob sie solche Verbrechen willig oder mit Abscheu oder auch gar nicht verübten. Darüber gibt unser Material detailliert Auskunft, und zwar auf eine Weise, dass die festgefügten Bilder über »die Wehrmacht« in Bewegung geraten.
   Dabei muss man sehen, dass Menschen alles, was ihnen begegnet, niemals unvoreingenommen, sondern immer durch spezifische Filter hindurch wahrnehmen. Jede Kultur, jede historische Epoche, jede Wirtschaftsform, kurz: jedes Sein prägt Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die die Wahrnehmung und Interpretation der Erlebnisse und Ereignisse anleiten. Die Abhörprotokolle bilden in Echtzeit ab, wie die Soldaten den Krieg sehen und sich darüber verständigen. Wir werden zeigen, dass ihre Betrachtungen und Unterhaltungen anders sind, als man sich das gemeinhin vorstellt – unter anderem, weil sie im Unterschied zu uns Heutigen nicht wissen, wie der Krieg ausgehen und was aus dem »Dritten Reich« und seinem »Führer« werden wird. Für uns ist ihre erträumte und reale Zukunft schon längst Vergangenheit, für sie aber noch ein offener Raum. An Ideologie, Politik, Weltordnung und dergleichen sind die meisten kaum interessiert; sie führen keinen Krieg aus Überzeugung, sondern weil sie Soldaten sind und Kämpfen ihre Arbeit ist.
   Viele sind Antisemiten, aber das ist nicht identisch damit, »Nazi« zu sein. Und es hat auch nichts mit ihrer Tötungsbereitschaft zu tun: Nicht wenige hassen zwar »die Juden«, sind aber empört angesichts der Judenerschießungen. Einige sind dezidierte Anti-Nazis, befürworten aber ausdrücklich die anti-jüdische Politik des NS-Regimes. Etliche sind erschüttert, dass Hunderttausende russische Kriegsgefangene dem Verhungern preisgegeben werden, zögern aber nicht, Kriegsgefangene zu erschießen, wenn es ihnen zu lästig oder gefährlich erscheint, sie zu bewachen und abzuliefern. Einige halten es für ein Problem, dass die Deutschen zu »human« seien, und erzählen im selben Atemzug en détail, wie sie die Einwohner ganzer Dörfer niedergemacht haben. Und: In vielen Erzählungen wird ganz offensichtlich angegeben und geprotzt, aber nicht nur, wie in heutigen Männergesprächen, mit der eigenen Leistungsfähigkeit oder der des Autos. In den Gesprächen der Soldaten wird auch mit extremer Gewalttätigkeit angegeben, mit Vergewaltigungen, Abschüssen, Versenkungen von Handelsschiffen. Gelegentlich können wir nachweisen, dass die Berichte nicht stimmen – aber gerade dann frappiert, womit die Soldaten Eindruck machen wollten, zum Beispiel mit der Versenkung eines Kindertransports. Der Raum des Sagbaren und Gesagten ist hier also ein anderer als heute, und damit auch die Dinge, mit denen man Anerkennung ernten oder dies zumindest hoffen kann – gewalttätig zu sein gehört ganz offensichtlich dazu. Und: Die meisten Erzählungen erscheinen auf den ersten Blick extrem widersprüchlich. Dies aber nur dann, wenn man davon ausgeht, dass Menschen entsprechend ihren »Einstellungen« handeln und dass solche Einstellungen viel mit Ideologien, Theorien und großen Überzeugungen zu tun hätten.
   In Wahrheit handeln Menschen, und das wird dieses Buch zeigen, so, wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet wird. Und das hat viel weniger mit abstrakten »Weltanschauungen« zu tun als mit ganz konkreten Einsatzorten, -zwecken und -funktionen und vor allem mit den Gruppen, von denen sie ein Teil sind.
   Um also verstehen und erklären zu können, warum deutsche Soldaten fünf Jahre lang einen Krieg mit bis dato unbekannter Härte geführt haben und für eine Gewalteruption sorgten, der 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen und die einen ganzen Kontinent verwüstete, muss man wissen, mit welchen Augen sie ihn, ihren Krieg, gesehen haben. Im folgenden Kapitel wird es zunächst ausführlich um die Faktoren gehen, die die Sichtweisen der Soldaten anleiten und bestimmen: um die Referenzrahmen also. Leserinnen und Leser, die sich nicht für den Referenzrahmen des »Dritten Reichs« und den des Militärs interessieren, sondern neugieriger auf die Erzählungen und Dialoge der Soldaten über Gewalt, Technik, Vernichtung, Frauen oder den »Führer« sind, sollten direkt auf S. 83 weiterlesen. Nach einer detaillierten Beschreibung der Sicht der Soldaten auf das Kämpfen, Töten und Sterben vergleichen wir den Krieg der Wehrmacht abschließend mit anderen Kriegen, um zu klären, was an diesem Krieg »nationalsozialistisch« war und was nicht. Unsere Ergebnisse, das kann man schon an dieser Stelle sagen, werden manchmal überraschend sein.

DEN KRIEG MIT DEN AUGEN DER SOLDATEN SEHEN REFERENZRAHMENANALYSE

   »Das Entsetzen, wissen Sie, das Entsetzen, das wir am Anfang verspürt haben, dass ein Mensch so mit einem anderen umgehen kann, das hat sich dann irgendwie gelegt. Ja, so ist das eben, nicht wahr? Und ich hab’s ja dann auch an mir selbst gesehen, dass wir dann eigentlich relativ cool geworden sind, wie man heute so schön sagt.«
Ehemalige Anwohnerin des Konzentrationslagers Gusen
   Menschen sind keine Pawlow’schen Hunde. Sie reagieren nicht mit konditionierten Reflexen auf vorgegebene Reize. Zwischen Reiz und Reaktion gibt es bei Menschen etwas Hochspezifisches, das ihr Bewusstsein ausmacht und die menschliche Gattung von allen anderen Lebewesen unterscheidet: Menschen deuten, was sie wahrnehmen, und erst auf der Grundlage dieser Deutung ziehen sie Schlussfolgerungen, entscheiden und agieren sie. Deshalb handeln Menschen, anders als die marxistische Theorie annahm, nie auf Basis objektiver Bedingungen, und sie handeln auch nicht, wie die »Rational Choice«-Theoretiker in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften lange glauben machen wollten, allein mit Blick auf Kosten-Nutzen-Kalküle. Ein Krieg geht so wenig in Kosten- und Nutzenerwägungen auf wie er aus objektiven Verhältnissen entstehen muss. Ein Körper fällt immer entsprechend den Fallgesetzen und nie anders, aber was Menschen tun, können sie immer auch anders tun. Es sind auch nicht so magische Angelegenheiten wie »Mentalitäten«, die Menschen so oder so handeln lassen, obwohl auch psychische Formationen zweifellos bedeutsam für das sind, was Menschen machen. Mentalitäten gehen Entscheidungen voraus, determinieren sie aber nicht. Auch wenn Menschen in ihrem Wahrnehmen und Handeln an gesellschaftliche, kulturelle, hierarchische und biologische bzw. anthropologische Bedingungen gebunden sind, finden sie doch jeweils Deutungs- und Handlungsspielräume vor. Deuten und entscheiden zu können setzt freilich Orientierung voraus und Wissen darüber, womit man es gerade zu tun und welche Konsequenzen welche Entscheidung hat. Und diese Orientierung liefert eine Matrix von ordnenden und organisierenden Deutungsvorgaben: der Referenzrahmen.
   Referenzrahmen sind historisch und kulturell höchst variabel: Orthodoxe Muslime ordnen sittliches und verwerfliches Sexualverhalten in andere Referenzrahmen ein als weltliche Bewohner des Abendlandes. Aber kein Mitglied einer der beiden Gruppen deutet, was er sieht, frei von Referenzen, die nicht er selbst gewählt und ausgesucht hat und die seine Wahrnehmungen und Interpretationen prägen, anleiten und in beträchtlichem Ausmaß steuern. Das heißt nicht, dass es in besonderen Situationen nicht auch Überschreitungen des gegebenen Referenzrahmens gäbe und dass Neues gesehen und gedacht wird, aber das ist relativ selten der Fall. Referenzrahmen gewährleisten Handlungsökonomie: Das allermeiste, was geschieht, lässt sich in eine bekannte Matrix einordnen. Das wirkt entlastend. Kein Handelnder muss immer wieder bei null beginnen und stets aufs Neue die Frage beantworten: Was geht hier eigentlich vor? Der allergrößte Teil der Antworten auf diese Frage ist voreingestellt und abrufbar – ausgelagert in einen kulturellen Orientierungs- und Wissensbestand, der weite Teile der Aufgaben im Leben in Routinen, Gewohnheiten, Gewissheiten auflöst und den Einzelnen kolossal entlastet.
   Umgekehrt bedeutet das aber: Wenn man das Handeln von Menschen erklären will, muss man rekonstruieren, innerhalb welcher Referenzrahmen sie gehandelt haben – was ihre Wahrnehmungen geordnet und ihre Schlussfolgerungen nahegelegt hat. Für diese Rekonstruktion sind Analysen objektiver Bedingungen völlig unzureichend. Mentalitäten erklären ebenfalls nicht, warum jemand etwas getan hat, zumal dann, wenn es unter Angehörigen derselben mentalen Formation zu ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen und Entscheidungen kommt. Hier liegt die systematische Grenze von Theorien über Weltanschauungskriege oder auch totalitäre Regime: Die Frage bleibt ja immer, wie sich »Weltanschauungen« und »Ideologien« in individuelle Wahrnehmungen und Deutungen übersetzen, wie sie im Handeln der Einzelnen wirksam werden. Um das zu verstehen, verwenden wir das Verfahren der Referenzrahmenanalyse, ein Instrument für die Rekonstruktion der Wahrnehmungen und Deutungen von Menschen in bestimmten historischen Situationen, hier von deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.
   Das Verfahren der Referenzrahmenanalyse geht auf die Überlegung zurück, dass man die Deutungen und Handlungen von Menschen nicht verstehen kann, wenn man nicht rekonstruiert, was sie »gesehen« haben – innerhalb welcher Deutungsmuster, Vorstellungen, Beziehungen sie Situationen wahrgenommen und wie sie diese Wahrnehmungen interpretiert haben. Ohne die Berücksichtigung des Referenzrahmens müssen wissenschaftliche Analysen vergangener Handlungen zwangsläufig normativ ausfallen, weil als Grundlage des Verstehensprozesses die normativen Maßstäbe der jeweiligen Gegenwart herangezogen werden. Deshalb erscheinen historische Geschehnisse im Zusammenhang von Krieg und Gewalt oft als »grausam«, obwohl Grausamkeit ganz und gar keine analytische Kategorie ist, sondern eine moralische. Und deshalb erscheint das Verhalten von Menschen, die Gewalt ausüben, oft schon von vornherein als anormal oder pathologisch, obwohl es – wenn man die Welt aus ihrer Sicht rekonstruiert – plausibel und nachvollziehbar ist, dass sie Gewalt ausüben. Es geht uns also darum, mit Hilfe der Referenzrahmenanalyse einen unmoralischen, nämlich nicht-normativen Blick auf die Gewalt zu werfen, die im Zweiten Weltkrieg ausgeübt wurde – um zu verstehen, was die Voraussetzungen dafür sind, dass psychisch ganz normale Menschen unter bestimmten Bedingungen Dinge tun, die sie unter anderen Bedingungen nie tun würden.
   Wir unterscheiden dabei Referenzrahmen unterschiedlicher Ordnung:
   Referenzrahmen erster Ordnung umfassen das soziohistorische Hintergrundgefüge, vor dem Menschen in einer jeweiligen Zeit handeln. So wie sich kein Bundesbürger beim Lesen der Zeitung darüber Rechenschaft ablegt, dass er zum christlich-abendländischen Kulturkreis zählt und seine Bewertungen etwa eines afrikanischen Politikers an die Normen dieses Kulturkreises gebunden sind, so ist sich in der Regel niemand über die Orientierungsfunktion solcher Rahmen erster Ordnung bewusst. Rahmen erster Ordnung sind das, was Alfred Schütz die »assumptive world« genannt hat, das als selbstverständlich vorausgesetzte So-Sein einer gegebenen Welt, was darin als »gut« und »böse«, als »wahr« oder »falsch« betrachtet wird, was zum Bereich des Essbaren gehört, welchen Körperabstand man beim Sprechen einhält, was als höflich oder unhöflich gilt usw. Diese »gefühlte Welt« ist weit eher auf einer unbewussten und emotionalen Ebene wirksam als auf einer reflexiven.[4]
   Referenzrahmen zweiter Ordnung sind historisch, kulturell und meist auch geographisch konkreter: Sie umfassen einen soziohistorischen Raum, den man in den meisten Hinsichten eingrenzen kann – auf die Herrschaftsdauer eines Regimes zum Beispiel, auf die Geltungsdauer einer Verfassung oder die Geschichte einer historischen Formation wie zum Beispiel der des »Dritten Reiches«.
   Referenzrahmen dritter Ordnung sind nochmals spezifischer: Sie umfassen einen konkreten soziohistorischen Geschehenszusammenhang, in dem bestimmte Personen handeln, zum Beispiel also einen Krieg, in dem sie als Soldaten kämpfen.
   Referenzrahmen vierter Ordnung sind die jeweils besonderen Eigenschaften, Wahrnehmungsweisen, Deutungsmuster, gefühlten Verpflichtungen etc., die eine Person in eine Situation mit hineinbringt. Auf dieser Ebene geht es um Psychologie, um persönliche Dispositionen und um die Frage der individuellen Entscheidungsfindung.
   Wir werden in diesem Buch Referenzrahmen zweiter und dritter Ordnung analysieren, weil unser Material vor allem dazu einen Zugang erlaubt.

   Es geht also um die Welt des »Dritten Reiches«, aus der die Wehrmachtsoldaten kommen, und um die Analyse der konkreten Situationen in Krieg und Militär, in denen sie handeln. Über die Persönlichkeiten der einzelnen Soldaten – den Rahmen vierter Ordnung – wissen wir dagegen oft nichts und immer zu wenig, um zum Beispiel erklären zu können, welche biographische Begebenheit und welche psychische Disposition dafür verantwortlich war, dass jemand gern getötet hat und jemand anderes Abscheu davor hatte.
   Bevor wir aber mit der eigentlichen Analyse beginnen, sollen zunächst die verschiedenen Bestandteile von Referenzrahmen dargestellt werden.

Basale Orientierungen: Was geht hier eigentlich vor?

   Am 30. Oktober 1938 unterbricht der amerikanische Radiosender CBS sein Programm mit einer Sondermeldung: Auf dem Mars habe sich eine Gasexplosion ereignet, in deren Folge sich eine Wasserstoffwolke mit hoher Geschwindigkeit auf die Erde zu bewege. Mitten in ein Interview hinein, das ein Reporter dann mit einem Astronomie-Professor führt, um über die drohende Gefahr Klarheit zu gewinnen, platzt die nächste Nachricht: Seismographen hätten eine Erschütterung von der Stärke eines heftigen Erdbebens verzeichnet, vermutlich handele es sich um einen Meteoriteneinschlag. Jetzt überschlagen sich die Sondermeldungen. Schaulustige suchen die Einschlagstelle auf; aus der steigen nach kurzer Zeit Außerirdische, die die Zuschauer angreifen. Weitere Objekte schlagen an anderen Stellen ein, Scharen von Außerirdischen greifen Menschen an. Das Militär wird eingesetzt, allerdings mit geringem Erfolg, die Außerirdischen bewegen sich in Richtung New York. Die Armee setzt Kampfflugzeuge ein, die Menschen beginnen, aus der Gefahrenzone zu fliehen. Panik bricht aus.
   An dieser Stelle findet ein Wechsel des Referenzrahmens statt: Bis zu der Episode mit den Kampfflugzeugen gibt die Beschreibung lediglich den Verlauf eines Hörspiels wieder, das Orson Welles aus dem Roman »Krieg der Welten« von H. G. Wells gemacht hatte; die panisch fliehenden Menschen aber gab es wirklich. Von den sechs Millionen Amerikanern, die an diesem denkwürdigen Tag die Radioübertragung hörten, nahmen zwei Millionen den Angriff der Außerirdischen für bare Münze. Einige packten sogar hektisch ihre Sachen und liefen auf die Straßen, um vor dem befürchteten Gasangriff der Außerirdischen zu fliehen. Die Telefonleitungen waren stundenlang blockiert. Es dauerte Stunden, bis sich herumgesprochen hatte, dass der Angriff bloß eine Fiktion war.[5] Dieses legendäre Ereignis, das den Ruhm von Orson Welles begründete, führt eindringlich vor Augen, dass der Sozialpsychologe William I. Thomas recht hatte, als er 1917 das folgende Theorem formulierte: »Wenn Menschen Situationen als real interpretieren, dann sind diese in ihren Folgen real.« Eine Realitätseinschätzung kann so falsch oder irrational sein, wie sie will – die Schlussfolgerungen, die aus ihr gezogen werden, schaffen nichtsdestoweniger ihrerseits neue Wirklichkeiten.
   So wie die Hörerinnen und Hörer, die die Ansage nicht mitbekommen hatten, dass es sich beim »Krieg der Welten« um ein Hörspiel handelte, die Invasion für Wirklichkeit hielten. Man muss sich dabei übrigens vergegenwärtigen, dass die Kommunikationsmöglichkeiten damals eine schnelle Realitätsprüfung nicht zuließen – und unten auf der Straße sahen sich die Flüchtenden eines Wohnblocks in einer Menge anderer Menschen, die genau dasselbe taten wie sie selbst. Wie konnte da der Verdacht entstehen, einer Täuschung aufgesessen zu sein? Menschen versuchen, ihre Wahrnehmung und Deutung von Wirklichkeiten an der Beobachtung dessen zu bestätigen, was die anderen tun – insbesondere in Situationen, die wegen ihrer Unerwartetheit und Bedrohlichkeit zunächst starke Orientierungsprobleme mit sich bringen: Was geschieht hier? Was soll ich tun?
   So entsteht zum Beispiel das berühmte »Bystander«-Phänomen: Wenn mehrere Personen Zeugen eines Unfalls oder einer Schlägerei werden, hilft selten jemand. Denn keiner der Zuschauer weiß sicher, was in diesem Augenblick die richtige Reaktion wäre, weshalb sich alle wechselseitig aneinander zu orientieren versuchen – und da niemand zu reagieren scheint, bleiben alle stehen und schauen. Keiner hilft, aber nicht – wie das dann in den Medien gewöhnlich kommentiert wird – aus »Herzlosigkeit«, sondern aus Orientierungsmangel und aufgrund eines fatal ablaufenden Prozesses der wechselseitigen Bestätigung im Nicht-Handeln. Die Beteiligten schaffen sich einen gemeinsamen Referenzrahmen, und ihre Entscheidungen fallen innerhalb dieses Rahmens. Menschen, die allein sind, wenn sie damit konfrontiert werden, helfen zu sollen, greifen in der Regel ein, ohne groß nachzudenken.
   Das Beispiel »Krieg der Welten« ist spektakulär. Es zeigt aber lediglich, was grundsätzlich der Fall ist, wenn Menschen sich zu orientieren versuchen. Insbesondere moderne Gesellschaften setzen in der Fülle ihrer Funktionsbereiche, Rollenanforderungen und komplexen Situationen eine beständige Interpretationsarbeit ihrer Mitglieder voraus: Was geht hier vor? Welche Erwartung habe ich zu erfüllen? Das meiste davon wird einem nie bewusst, weil der größte Teil dieser beständigen Orientierungsarbeit von Routinen, Gewohnheiten, Skripts und Regeln übernommen wird, also gleichsam automatisch abläuft. Aber im Fall von Funktionsstörungen, kleinen Unfällen, Täuschungen oder Irrtümern wird einem bewusst, dass nun explizit erforderlich ist, was man sonst implizit andauernd macht: nämlich das gerade Geschehende zu deuten.
   Solche Deutungsarbeit findet selbstverständlich nicht im luftleeren Raum statt und setzt nicht jedes Mal bei null an: Sie ist wiederum gebunden an »Rahmen«, also an aus vielen Bestandteilen zusammengesetzten Optiken, die der gerade zu machenden Erfahrung eine organisierende Struktur geben. Erving Goffman hat in Anlehnung an Gregory Bateson[6] und Alfred Schütz[7] eine Fülle solcher Rahmen und ihrer Eigenschaften beschrieben und dabei herausgearbeitet, in welch umfassender Weise solche Rahmen nicht nur unsere Alltagswahrnehmungen und -orientierungen organisieren, sondern wie sie auch – je nach Kontextwissen und Beobachterstandpunkt – höchst unterschiedliche Deutungen vorgeben. Für einen Betrüger etwa ist der Rahmen seiner Handlung ein »Täuschungsmanöver«, für den Betrogenen geht das vor sich, was vorgetäuscht wird.[8] Oder, wie Kazimierz Sakowicz notierte: »Für die Deutschen bedeuten 300 Juden 300 Feinde der Menschheit, für die Litauer sind es 300 Paar Schuhe, 300 Hosen.«[9]
   In unserem Zusammenhang ist ein Aspekt besonders wichtig, der Goffman nicht sonderlich interessiert hat: wie nämlich die Referenzrahmen gebildet werden, die die Interpretation einer Situation anleiten, steuern und organisieren. »Krieg« bildet zweifellos einen anderen Referenzrahmen als »Frieden«, lässt andere Entscheidungen und Begründungen als angemessen erscheinen, verschiebt die Maßstäbe dafür, was richtig oder falsch ist. Auch Soldaten folgen in ihren Wahrnehmungen und Deutungen von Situationen, in denen sie sich befinden, nicht beliebigen Hinweisen, sondern operieren in einer höchst spezifischen Gebundenheit an Muster, die ihnen nur ein begrenztes Spektrum an individuellen Interpretationen erlauben. Jeder Mensch ist an ein Set kulturell imprägnierter Wahrnehmungs- und Deutungsweisen (»belief systems«) gebunden – das gilt nicht nur für Soldaten.
   Besonders in pluralen Gesellschaften ist dabei der jeweilige Orientierungsbedarf und damit die Differenziertheit der Rahmen besonders ausgeprägt. Moderne Menschen müssen beständig zwischen unterschiedlichen Rahmenanforderungen – als Chirurg, als Vater, als Kartenspieler, als Sportler, als Mitglied einer Eigentümergemeinschaft, als Bordellbesucher, als Patient im Wartezimmer etc. – hin- und herwechseln und die mit jeder Rolle verbundenen Anforderungen bewältigen können. Dazu gehört auch, dass man das, was man im Rahmen der einen Rolle tut, aus der Sicht der anderen Rolle distanziert betrachten und beurteilen kann – dass man also zu unterscheiden in der Lage ist, wo Emotionslosigkeit und professionelle Kälte gefragt sind (bei einer Operation) und wo nicht (beim Spiel mit den Kindern). Und diese Fähigkeit zur »Rollendistanz«[10] stellt sicher, dass man in der jeweiligen Rolle nicht aufgeht und für die Bewältigung anderer Rollenanforderungen unfähig wird – mit anderen Worten: dass man flexibel zwischen den unterschiedlichen Referenzrahmen wechseln, die variierenden Anforderungen richtig deuten und nach diesen Deutungen handeln kann.

Kulturelle Bindungen

   Stanley Milgram hat einmal formuliert, dass ihn interessiere, warum Menschen es vorziehen, in einem Haus zu verbrennen, anstatt ohne Hose auf die Straße zu rennen. Objektiv betrachtet ist das selbstverständlich eine irrationale Handlungsweise, subjektiv zeigt sie aber lediglich, dass in bestimmten Kulturen Schamstandards Hürden vor lebensrettenden Strategien aufbauen, die nur äußerst schwer zu überspringen sind. Japanische Soldaten töteten sich im Zweiten Weltkrieg lieber selbst, da sie nicht in Gefangenschaft geraten wollten. In Saipan stürzten sich sogar tausende Zivilisten von den Klippen, um den Amerikanern nicht in die Hände zu fallen.[11] Auch wenn es um das eigene Überleben geht, spielen also kulturelle Bindungen und Verpflichtungen oft eine größere Rolle als der Selbsterhaltungstrieb, weshalb zum Beispiel Menschen auch bei dem Versuch umkommen, einen Hund vor dem Ertrinken zu retten, oder es für sinnvoll halten können, sich als Selbstmordattentäter in die Luft zu sprengen (vgl. S. 330).
   Fälle des Scheiterns ganzer Gesellschaften zeigen, wie kulturelle Bindungen großflächig funktionieren. So sind die normannischen Wikinger, die um das Jahr 1000 herum Grönland besiedelten, daran gescheitert, dass sie die aus Norwegen mitgebrachten Anbau- und Essgewohnheiten auch in Grönland nicht ablegten, obwohl dort ganz andere klimatische Bedingungen herrschten. So aßen sie zum Beispiel keinen Fisch, der in Hülle und Fülle vorhanden war, sondern versuchten Viehwirtschaft zu treiben, wofür die Weidesaison in Grönland allerdings viel zu kurz war.[12] Dass ein Überleben unter diesen Umweltbedingungen trotzdem möglich war, zeigen die Inuit, die Grönland schon zu Zeiten der Wikinger besiedelten und heute noch dort leben. Das berühmteste Beispiel für das Scheitern von Gesellschaften aufgrund kultureller Verpflichtungen liefern die Osterinsulaner, die so viel Ressourcen in die Produktion gigantischer Skulpturen zu Statuszwecken investierten, dass sie damit schließlich ihre eigenen Überlebensgrundlagen unterminierten und untergingen.[13]
   Kulturelle Verpflichtungen (zu denen selbstverständlich auch religiöse zählen) scheinen auch in Scham- und Ehrgefühlen und -begriffen auf und generell in der Unfähigkeit, »rationale« Lösungen für Probleme zu ergreifen, obwohl diese aus der Beobachterperspektive so nahezuliegen scheinen wie im Fall der Wikinger, die sich nur von Fleisch auf Fisch hätten umstellen müssen.
   Das kulturelle Gepäck kann unter Überlebensgesichtspunkten gelegentlich schwer und manchmal auch tödlich werden. Oder anders gesagt: Was in all diesen Fällen als Problem wahrgenommen wird, ist gar nicht die Gefährdung des eigenen Überlebens, sondern die Gefahr, symbolische, tradierte, status- oder befehlsgebundene Verhaltensvorschriften zu verletzen – und eine solche Gefahr kann offenbar so schwerwiegend sein, dass in der Perspektive der Akteure gar keine andere Möglichkeit zu sehen ist. Auf diese Weise werden Menschen zu Gefangenen ihrer eigenen Überlebenstechniken.
   Habituelle kulturelle Bindungen und selbstverständliche kulturelle Verpflichtungen machen einen erheblichen Teil von Referenzrahmen aus und sind gerade deshalb so wirksam und oft geradezu zwingend, weil sie die Ebene der Reflexion gar nicht erreichen. Es ist offensichtlich die kulturelle Lebensform selbst, die ausschließt, dass bestimmte Dinge gesehen oder schädliche Gewohnheiten und unsinnige Strategien geändert werden können. Aus der Außenperspektive erscheint daher oft als völlig irrational, was aus der Binnensicht der Akteure die Qualität höchster, weil selbstverständlichster Vernünftigkeit besitzt. Dabei zeigt das Wikinger-Beispiel auch, dass kulturelle Bindungen nicht nur in dem bestehen, was die Mitglieder einer Kultur wissen, sondern vor allem auch in dem, was sie nicht wissen.

Nicht-Wissen

   Das Beispiel des jüdischen Jungen Paul Steinberg, der als 16-Jähriger in Frankreich von einer Nachbarin denunziert und daraufhin nach Auschwitz deportiert wurde, gibt einen Einblick in mögliche Wirkungen des Nicht-Wissens. So wurde Steinberg in Auschwitz auf ein fatales Defizit in seinem Referenzrahmen aufmerksam, und zwar beim Duschen:
   ›Wie kommst du denn hierher?‹, fragte ein Kürschner aus dem Faubourg-Poissonnière. Ich sah ihn verdutzt an. Er zeigte mit seinem Finger auf meinen Schwanz, rief die Gefährten herbei und schrie: ›Der ist ja gar nicht beschnitten!‹ Ich wusste so wenig über Beschneidung wie über die jüdische Religion im Allgemeinen. Mein Vater hatte es unterlassen – ganz sicher aus einer schwachsinnigen Scham heraus –, mich mit diesem fesselnden Thema bekannt zu machen. Ich war und bleibe wohl auch der einzige deportierte Jude aus Frankreich und Navarra, der unbeschnitten in Auschwitz anlangte, ohne diese Trumpfkarte ausgespielt zu haben. Die Ansammlung um mich herum wurde immer größer, die Kerle lachten sich halb tot. Am Ende hat mich einer von ihnen als den allerletzten Trottel bezeichnet![14]
   Paul Steinberg konnte seine Chance, unterzutauchen, aus kulturellem Nicht-Wissen heraus nicht nutzen – für die meisten anderen jüdischen Männer war es zur NS-Zeit ein tödliches Zeichen, beschnitten zu sein, und alle waren peinlich darauf bedacht, dieses Erkennungszeichen zu verbergen. Besonders in den besetzten Gebieten wurden Juden mit einem Blick auf das beschnittene Glied identifiziert – und so betrachtet hatte Steinberg seinen entscheidenden Vorteil nicht ausgespielt.
   Dies ist ein Beispiel für die Fatalität individuellen Nichtwissens, das gleichwohl zum in diesem Fall maßgeblichen Referenzrahmen und die an ihn gebundenen Interpretationen und Handlungen gehört. Insofern hängt, was man tut, davon ab, was man wissen und nicht wissen kann. Aber nicht nur deshalb ist die Erforschung dessen, was Menschen zu einem früheren Zeitpunkt gewusst haben, ein schwieriges Unterfangen. Denn Geschichte wird nicht wahrgenommen, sie geschieht. Und erst später wird von Historikern festgestellt, was aus einem Inventar von Geschehnissen »historisch«, also in irgendeiner Weise für den Lauf der Dinge bedeutsam gewesen ist. Im Alltag werden schleichende Veränderungen der sozialen und physikalischen Umwelt meist nicht registriert, weil sich die Wahrnehmung an die Veränderung ihrer Umwelten permanent nachjustiert. Umweltpsychologen nennen dieses Phänomen »shifting baselines«. Beispiele von der Veränderung von Kommunikationsgewohnheiten bis zur radikalen Verschiebung normativer Standards etwa im Nationalsozialismus zeigen, wie wirkungsvoll solche shifting baselines sind. Man hat den Eindruck, alles bliebe im Großen und Ganzen gleich, obwohl sich Fundamentales verändert hat.
   Erst nachträglich wird ein für die Wahrnehmung langsamer Prozess durch Begriffe wie etwa »Zivilisationsbruch« auf ein abruptes Ereignis verdichtet – dann nämlich, wenn man weiß, dass eine Entwicklung radikale Konsequenzen gehabt hat. Die Interpretation dessen, was Menschen vom Entstehen eines Prozesses wahrgenommen haben, der sich erst sukzessive zur Katastrophe auftürmte, ist also ein äußerst vertracktes Unterfangen – vertrackt auch deswegen, weil wir unsere Frage nach der zeitgenössischen Wahrnehmung im Wissen darum stellen, wie die Sache ausgegangen ist, das aber die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen logischerweise gar nicht haben konnten. Man blickt also vom Ende einer Geschichte auf ihren Beginn und müsste gewissermaßen das eigene historische Wissen suspendieren, um für einen jeweiligen Zeitpunkt angeben zu können, was man damals gewusst hat. Norbert Elias hat es deshalb als eine der schwierigsten Aufgaben der Sozialwissenschaften bezeichnet, die Struktur des Nichtwissens zu rekonstruieren, die zu anderen Zeiten vorgelegen hat.[15] Man kann das mit Jürgen Kocka auch als die Aufgabe der »Verflüssigung« von Geschichte bezeichnen, also »das Rückverwandeln von Faktizität in Möglichkeiten«.[16]

Erwartungen

   Am 2. August 1914, dem Tag nach der deutschen Kriegserklärung gegen Russland, notiert Franz Kafka in Prag in seinem Tagebuch: »Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.« Das ist lediglich ein besonders prominentes Beispiel dafür, dass Ereignisse, die die Nachwelt als historische zu bewerten gelernt hat, in der Echtzeit ihres Entstehens und Auftretens nur selten als solche empfunden werden. Wenn sie überhaupt zur Kenntnis genommen werden, dann als Teil eines Alltags, in dem noch unendlich viel mehr anderes wahrgenommen wird und Aufmerksamkeit beansprucht. So geschieht es, dass selbst außergewöhnlich intelligente Zeitgenossen einen Kriegsausbruch mitunter nicht bemerkenswerter finden als den Umstand, dass man am selben Tag seinen Schwimmkurs absolviert hat.
   In dem Augenblick, in dem Geschichte stattfindet, erleben Menschen Gegenwart. Historische Ereignisse zeigen ihre Bedeutung erst im Nachhinein, nämlich dann, wenn sie nachhaltige Folgen gezeitigt haben oder sie sich, mit einem Begriff von Arnold Gehlen, als »Konsequenzerstmaligkeiten« erwiesen haben: also als präzedenzlose Ereignisse mit Tiefenwirkung für alles, was danach kam. Damit ergibt sich ein methodisches Problem, wenn man die Frage stellt, was Menschen eigentlich von solch einem heraufdämmernden Ereignis wahrgenommen bzw. gewusst haben bzw. wahrnehmen und wissen konnten. Denn Erstmaligkeitsereignisse werden in der Regel gerade deshalb nicht wahrgenommen, weil sie neu sind, man also das, was geschieht, mit den verfügbaren Referenzrahmen zu erfassen versucht, obwohl es sich um ein präzedenzloses Geschehen handelt, das selber erst eine Referenz für spätere vergleichbare Ereignisse liefern kann.
   So kann man aus historischer Perspektive feststellen, dass die Weichen für den Vernichtungskrieg längst gestellt waren, als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angriff. Gleichwohl darf bezweifelt werden, dass die Soldaten, die am frühen Morgen dieses Tages ihre Anordnungen erhielten, wirklich begriffen, welch ein Krieg ihnen bevorstand. Sie erwarteten einen raschen Vormarsch, so wie in Polen, Frankreich und auf dem Balkan, keinen Vernichtungskrieg, der auch in der Hauptkampflinie mit bislang beispielloser Härte geführt werden sollte. Und schon gar nicht erwarteten sie, dass im Rahmen dieses Krieges systematisch Personengruppen vernichtet werden würden, die mit dem Kriegsgeschehen im engeren Sinn gar nichts zu tun hatten. Der Referenzrahmen »Krieg« sah das nämlich bis dato überhaupt nicht vor.
   Aus demselben Grund haben viele der jüdischen Deutschen nicht die Dimension des Ausgrenzungsprozesses erkannt, deren Opfer sie wurden. Die nationalsozialistische Herrschaft wurde als kurzlebiges Phänomen betrachtet, »das man durchstehen müsse, oder als einen Rückschlag, auf den man sich einstellen konnte, schlimmstenfalls als Bedrohung, die einen zwar persönlich einengte, aber immer noch erträglicher war als die Fährnisse eines Exils«.[17] Die bittere Ironie liegt im Fall der Juden gerade darin, dass ihr Referenzrahmen Antisemitismus, Verfolgung und Beraubung aufgrund leidvoller historischer Erfahrungen ohne weiteres umfasste, er es ihnen aber gerade dadurch unmöglich machte zu sehen, dass nun etwas geschah, was anders, nämlich absolut tödlich, war.

Zeitspezifische Wahrnehmungskontexte

   Am 2. Juni 2010 kamen bei einem Entschärfungsversuch einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg in Göttingen drei Männer des Kampfmittelräumdienstes ums Leben – ein Ereignis, über das alle Medien ausführlich berichteten und das erhebliche Betroffenheit auslöste. Wären 1944 oder 1945, als die Bombe abgeworfen wurde, dabei drei Personen getötet worden, wäre das keinerlei Aufmerksamkeit über den Kreis der Angehörigen hinaus wert gewesen. Der zeitgenössische Kontext hieß Krieg; noch im Januar und Februar 1945 wurden in Göttingen ca. 100 Menschen durch Bombenangriffe getötet.[18]
   Ähnliches gilt für einen anderen Geschehenszusammenhang, die Massenvergewaltigungen, wie sie zu Kriegsende vor allem durch die Soldaten der vorrückenden Roten Armee begangen wurden. Die eindrücklichen Schilderungen der Anonyma,[19] die vor einigen Jahren publiziert wurden, lassen erkennen, dass es für die Wahrnehmung und Verarbeitung selbst von körperlicher Gewalt einen erheblichen Unterschied macht, ob man als einzelne Person davon betroffen ist oder ob es sehr viele andere gibt, die dasselbe erleiden. Die Frauen sprachen zu dieser Zeit über die Vergewaltigungen, und sie entwickelten Strategien, sich und besonders die jungen Mädchen vor Übergriffen zu schützen. Die Anonyma etwa ging ein Verhältnis mit einem russischen Offizier ein, was sie vor willkürlichen sexuellen Übergriffen durch andere sowjetische Soldaten schützte. Aber schon der Umstand, dass es einen kommunikativen Raum gibt, in dem man sich über das Leid, aber auch über Strategien des Entkommens austauschen kann, bedeutet einen erheblichen Unterschied für die Wahrnehmung und Deutung solcher Ereignisse.
   Im Zusammenhang von Gewalt ist außerdem zu berücksichtigen, dass Gewalt historisch sehr unterschiedlich ausgeübt und erlebt wird. Die außerordentlich große Gewaltabstinenz moderner Gesellschaft und die weitgehende Absenz von Gewalt im öffentlichen – und eingeschränkter im privaten Raum – gehen auf die zivilisatorische Errungenschaft der Gewaltenteilung und Gewaltmonopolisierung aufseiten des Staates zurück. Das ermöglicht die enorm große Sicherheit, die zum Leben in modernen Gesellschaften gehört, während es in vormodernen Zeiten erheblich wahrscheinlicher war, zum Opfer direkter körperlicher Gewalt zu werden.[20] Auch die Präsenz von Gewalt im öffentlichen Raum, etwa im Zusammenhang von Strafen und Hinrichtungen, war erheblich größer als heute,[21] so dass man davon ausgehen kann, dass die Referenzrahmen und damit das Erleben von ausgeübter wie erlittener Gewalt historisch höchst variabel sind.
   Was gerade für »Zeiten« herrschen, in welche Normalitätsvorstellungen Ereignisse also fallen, was für gewöhnlich und was für extrem gehalten wird, bildet ein wichtiges Hintergrundelement von Referenzrahmen. In »Krisenzeiten« sind etwa politisch andere Maßnahmen gerechtfertigt als in »normalen«, unter Katastrophenbedingungen wiederum andere, und im Krieg ist, einem bekannten Sprichwort zufolge, »jedes Mittel erlaubt«, jedenfalls viele, die unter Friedensbedingungen streng geahndet würden.

Rollenmodelle und -anforderungen

   Einen sehr weiten Bereich, besonders in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften bilden die bereits erwähnten Rollen, die jede für sich ein bestimmtes Set an Anforderungen an diejenigen stellen, die sie ausfüllen möchten oder müssen. Rollen nehmen eine mittlere Ebene zwischen den kulturellen Bindungen und Verpflichtungen und den gruppenspezifischen und individuellen Deutungen und Handlungen ein. Es gibt eine Reihe von Rollen, bei denen wir uns nicht bewusst sind, dass wir ihren Normen entsprechend handeln, obwohl wir das ganz selbstverständlich tun. Hierzu zählen etwa alle Rollen, nach denen Soziologen Gesellschaften differenzieren: Geschlechts-, Alters-, Herkunfts- oder Bildungsrollen. Die damit verbundenen Sets von Anforderungen und Normen können zwar bewusst wahrgenommen und auch hinterfragt werden, müssen es aber nicht und werden es gewöhnlich auch nicht. Diese selbstverständlichen lebensweltlichen Rollen prägen nichtsdestotrotz Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsoptionen – und sie unterliegen, besonders deutlich beim Geschlecht und beim Alter, normativen Regeln: Von einer betagten Dame wird sozial ein anderes Verhalten erwartet als von einem Jugendlichen, und zwar ohne dass es dafür einen Regelkatalog oder gar ein Gesetzbuch gäbe. Als Mitglied einer Gesellschaft »weiß« man so etwas implizit.
   Anders verhält es sich mit explizit eingenommenen Rollen, die – etwa im Lauf der Karriere – schon deutlich mit neuen und zu erlernenden Sets von Anforderungen einhergehen: Wenn jemand gerade noch Mathematikstudent war und nun als Versicherungsmathematiker zu arbeiten beginnt, wechselt sein Anforderungsset erheblich: von den Kleidungsnormen über die Arbeitszeit bis hin zur Kommunikation und den Dingen, die wichtig oder unwichtig sind. Andere tiefgreifende Übergänge finden sich dort, wo jemand Mutter oder Vater wird oder als Rentner aus dem Berufsleben ausscheidet. Und dann gibt es noch jene radikalen Rollenwechsel, wie sie etwa mit dem Übertritt in »totale Institutionen«[22] verbunden sind: in ein Kloster zum Beispiel, in ein Gefängnis oder – für unseren Zusammenhang besonders wichtig – ins Militär. Hier ergreift die Institution, zum Beispiel die Wehrmacht oder die SS, die vollständige Verfügung über die Person: Sie bekommt einheitliche Kleidung und Frisur, verliert damit die Kontrolle über ihre Identitätsausstattung, sie kann nicht mehr über die eigene Zeit verfügen, unterliegt in jeder Weise äußeren Zwängen, Drill, Schikanen, drakonischen Strafen bei Regelverletzungen. Totale Institutionen funktionieren gerade deshalb als hermetische Welten eigener Art, weil sie Zwecke der Zurichtung verfolgen: Soldaten sollen nicht nur die Handhabung einer Waffe oder das Bewegen im Gelände lernen, sondern auch Gehorsam, die unbedingte Einfügung in Hierarchien und das jederzeitige Handeln auf Befehl. Totale Institutionen etablieren eine bestimmte Form der Vergemeinschaftung, in der Gruppennormen und -zwänge einen größeren Einfluss auf die Einzelnen ausüben als unter gesellschaftlichen Normalbedingungen, einfach deshalb, weil die Kameradschaftsgruppe, zu der man zählt, zwar nicht frei gewählt, aber trotzdem die alternativlose Bezugsgruppe ist. Man gehört zu ihr, weil man ihr zugeteilt wurde.[23]
   Es ist bezeichnend, dass eine totale Institution ihre Klienten insbesondere während der Ausbildungszeit in jeder Hinsicht völlig der eigenen Kontrolle zu berauben versucht und erst danach rangspezifische Freiheitsgrade und Handlungsspielräume eröffnet. Die Literatur über die Weitergabe der zum Teil demütigenden Zwangserfahrungen der Älteren an die Jüngeren gehört zu der Vergemeinschaftungsform solcher Institutionen; ihr Horror ist vielfach Gegenstand der Literatur geworden.[24] Dies alles wirkt schon im Frieden in eklatantem Ausmaß, mehr noch aber im Krieg: Wenn Kampfhandlungen aus dem Status der Simulation in den der alltäglichen Wirklichkeit wechseln und es nicht zuletzt vom Funktionieren des eigenen Kommandos abhängt, ob man überlebt oder nicht. Hier wird aus der totalen Institution die totale Gruppe und die totale Situation,[25] und beide lassen den Akteuren nur die durch den Rang und die Befehlslage genau definierten Handlungsspielräume. Der Referenzrahmen eines Soldaten im Krieg ist daher verglichen mit jeder Rolle im Zivilleben durch Alternativlosigkeit bestimmt. Einer der abgehörten Soldaten formulierte es im Gespräch mit seinem Kameraden so: »Wir sind wie ein MG. Eine Waffe, um Krieg damit zu führen.«[26]
   Was und mit wem man als Soldat wann etwas tut, unterliegt nicht der eigenen Wahrnehmung, Deutung und Entscheidung; der Raum, in dem ein Befehl nach eigener Einschätzung und Kompetenz ausgelegt werden kann, ist meist extrem klein. In diesem Sinn variieren die Rollenanteile von Referenzrahmen sehr stark: Ihre Bedeutung kann unter den pluralen Bedingungen des Zivillebens verschwindend gering oder unter den Bedingungen des Krieges oder anderer Extremsituationen total sein.
   Dabei können sich Bestandteile unterschiedlicher Rollen im militärischen Kontext auch überlagern, und zwar in zwei Richtungen: Die Kompetenz eines Landvermessers kann bei der Orientierung im Gelände äußerst hilfreich sein, und umgekehrt können zivile Tätigkeiten im Kontext von Krieg und Massenvernichtung plötzlich tödlich werden. Man denke hier etwa an den Ingenieur Kurt Prüfer von der Erfurter Firma Topf & Söhne, der mit großer Energie an der Entwicklung effizienterer Krematoriumsöfen für Auschwitz arbeitete, die es ihrerseits erlaubten, die Zahl der täglich zu Ermordenden zu steigern.[27] Einen anderen Fall von Rollenüberlagerung berichtet eine Frau, die Stenotypistin beim Kommandeur der Sicherheitspolizei in Warschau gewesen ist: »Wenn ein oder zwei Deutsche in Warschau erschossen wurden, ordnete der Kommandeur der Sicherheitspolizei Hahn bei Kriminalrat Stamm an, dass eine bestimmte Zahl von Polen zu erschießen sei. Stamm wies dann die Damen seines Vorzimmers an, aus den einzelnen Referaten geeignete Akten kommen zu lassen. Im Vorzimmer lag dann ein großer Haufen Akten. Wenn nun z.B. 100 Akten dalagen und nur 50 erschossen werden sollten, dann lag es an den Damen, wie sie nach Gutdünken die Akten herauszogen. Es kann in Einzelfällen auch gewesen sein, dass der Referatsbearbeiter noch hinzugefügt hat: ›Der und der muss weg. Weg mit dem Dreck‹. Solche Äußerungen sind sehr oft gefallen. Ich habe oft tagelang nicht schlafen können wegen der Vorstellung, dass es von den Vorzimmerdamen abhing, wer erschossen wurde. So sagte z.B. die eine Dame zur anderen: ›Ach, Erika, wollen wir den oder den noch mitnehmen?‹«[28]
   Eine an sich harmlose Tätigkeit kann plötzlich mörderisch werden, wenn ihr Bezugsrahmen wechselt. Schon Raul Hilberg hat auf dieses Potential arbeitsteiliger Vollzüge hingewiesen: Jedes Mitglied der Ordnungspolizei konnte »Aufseher eines Ghettos oder eines Eisenbahntransports sein. Jeder Jurist des Reichssicherheitshauptamts kam dafür in Frage, die Leitung einer Einsatzgruppe zu übernehmen; jeder Finanzsachverständige des Wirtschafts-Verwaltungshauptamts wurde als natürliche Wahl für den Dienst in einem Vernichtungslager betrachtet. Mit anderen Worten, alle notwendigen Operationen wurden mit dem jeweils verfügbaren Personal durchgeführt. Wo immer man den Trennungsstrich der aktiven Teilnahme zu ziehen gedenkt, stets stellte die Vernichtungsmaschinerie einen bemerkenswerten Querschnitt der deutschen Bevölkerung dar.«[29] Übertragen auf den Krieg heißt das: Jeder Mechaniker konnte Bomber reparieren, die mit ihrer tödlichen Fracht Tausende von Menschen töteten; jeder Metzger konnte als Mitglied der Versorgungsbetriebe an der Ausplünderung der besetzten Gebiete teilnehmen. Lufthansapiloten wurden mit ihren Verkehrsmaschinen vom Typ FW200 auch im Krieg für Langstreckenflüge eingesetzt, doch diesmal nicht, um Passagiere zu befördern, sondern um britische Handelsschiffe im Atlantik zu versenken. Da die Tätigkeit an sich nicht wechselt, haben die Rollenträger in der Regel keine Veranlassung, moralische Erwägungen anzustellen oder gar ihre Arbeit zu verweigern. Die bleibt ja dieselbe.
   In totalen Institutionen ist, wie gesagt, der gegebene Referenzrahmen nahezu alternativlos. Das gilt schon für den Soldaten im Militärdienst, aber noch mehr im Krieg, und nochmals mehr im Kampf. Man muss dabei bedenken, dass ein so lang andauernder, umfassender und in vielerlei Hinsicht präzedenzloser Krieg wie der Zweite Weltkrieg an sich schon »den Charakter eines außerordentlich komplexen, schwer überschaubaren Geschehens« hat.[30] Für den Einzelnen, der sich an irgendeiner Stelle dieses Geschehens befindet, ist es enorm schwer, sich angemessen zu orientieren – daher werden der Befehl und die Gruppe auch subjektiv wichtiger: Sie gewährleisten Orientierung, wo sonst keine wäre. Die Wichtigkeit der Kameradschaftsgruppe für die eigenen Orientierungsbedürfnisse wächst mit der Bedrohlichkeit der Situation, in der man sich gerade befindet. Die Gruppe wird zur totalen Gruppe.
   Vor dem Hintergrund der Rollentheorie sind Fragen danach, wieso jemand im Krieg Menschen getötet oder sich an Kriegsverbrechen beteiligt hat, sinnvollerweise zunächst keine moralischen, sondern empirische Fragen. Moralisch können sie sinnvoll nur dann gestellt werden, wenn die Handlungsspielräume der Einzelnen greifbare Alternativen enthielten, die nicht gewählt wurden. Wie man weiß, gilt das zum Beispiel für die Verweigerung der Teilnahme an sogenannten Judenaktionen, was ohne juristische Konsequenzen blieb,[31] und für die unendlich zahlreichen Fälle von lustvoller Gewaltausübung, die uns in diesem Buch noch begegnen werden. Aber für viele andere Geschehenszusammenhänge im Krieg muss man nüchtern konstatieren, dass die Wahlmöglichkeiten und Handlungsalternativen, die die Pluralität der Rollen im zivilen Alltag bereithält, nicht existieren.

Deutungsmuster: Krieg ist Krieg

   Eng geknüpft an die Anforderungssets, die jede Rolle vorsieht, sind spezifische Deutungsmuster: Als Arzt betrachtet man eine Krankheit anders als der Patient, als Täter die Tat anders als das Opfer. Deutungsmuster leiten die Interpretation konkreter Situationen an, sind gewissermaßen Mikro-Referenzrahmen. Es war oben schon die Rede vom Nicht-Wissen: Jedes Deutungsmuster schließt natürlich ein ganzes Universum alternativer Deutungen aus, bedeutet also immer auch Nicht-Wissen. Das ist schlecht im Fall von Situationen, die so neu sind, dass für deren Bewältigung Erfahrungen nicht nützlich, sondern hinderlich sind,[32] sehr funktional aber im Kontext des Gewohnten, weil nicht jedes Mal komplizierte Überlegungen darüber angestellt werden müssen, womit man es gerade zu tun hat und welches das richtige Rezept für die Lösung eines Problems ist. Deutungsmuster als typisierte und routinisierte Rahmen der Einordnung dessen, was gerade geschieht, strukturieren das Leben in außerordentlich hohem Maße. Sie reichen von Stereotypen (»Der Jude ist …«) bis hin zu ganzen Kosmologien (»Gott wird Deutschland nicht untergehen lassen«), sind indes historisch und kulturell höchst spezifisch. Deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg typisieren ihre Gegner nach anderen Kriterien und Merkmalen als Soldaten im Vietnamkrieg, aber der Vorgang des Typisierens und die Funktion, die er hat, sind identisch.
   Auch die Dinge, die ein Soldat erlebt, gehen nicht pur in seine Erfahrung ein. Vielmehr werden diese Erlebnisse durch vorhandene – aus Ausbildung, Medien und Erzählungen gebildete – Deutungsmuster präformiert und gefiltert. Überraschung zum Beispiel tritt dann auf, wenn das Erlebte vom Erwarteten abweicht – Joanna Bourke zitiert einen Soldaten, der überrascht ist, dass der von ihm getroffene Gegner nicht wie im Kinofilm aufschreit und umfällt, sondern mit einem Grunzen zusammenbricht.[33] In den meisten Fällen hilft das Deutungsmuster aber, das Erlebte einzuordnen und zu verarbeiten und Orientierungssicherheit herzustellen.
   Für die Frage, wie die Soldaten den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, spielen Deutungsmuster – über die »Anderen«, die eigene Mission, über den Kampf, über die »Rasse«, über Hitler, die Juden etc. – eine besonders wichtige Rolle. Sie statten den Referenzrahmen gewissermaßen mit Vordeutungen aus, in die das Erlebte einsortiert werden kann. Dazu gehören auch Muster, die aus anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen kommen und in die Kriegserfahrung importiert werden – besonders deutlich wird dies am Topos »Krieg als Arbeit«, der äußerst wichtig für die Selbstdeutung dessen ist, was die Soldaten tun. Das lässt sich nicht nur in den immer wieder auftauchenden Begriffen ablesen – wenn etwa von »Drecksarbeit« die Rede ist oder davon, dass die Luftwaffe »ganze Arbeit geleistet« habe. Harald Turner, Chef der Militärverwaltung in Serbien, schreibt am 17. Oktober 1941 an den Höheren SS- und Polizeiführer Richard Hildebrandt: Ich habe »in den letzten 8 Tagen 2000 Juden und 200 Zigeuner erschiessen lassen nach der Quote 1:100 für bestialisch hingemordete deutsche Soldaten. Und weitere 2200, ebenfalls fast nur Juden, werden in den nächsten 8 Tagen erschossen. Eine schöne Arbeit ist das nicht!«[34] Auch in Ernst Jüngers berühmter Bezeichnung des Soldaten als »Arbeiter des Krieges« scheint die Wirksamkeit industriegesellschaftlicher Deutungsmuster für das Erleben und die Verarbeitung der Kriegserfahrung auf – der Krieg erscheint als ein »von Gefühlen des Entsetzens wie der Romantik gleichweit entfernter rationaler Arbeitsprozess sowie die Bedienung der Waffe als Verlängerung der gewohnten Tätigkeit an der heimischen Werkbank«.[35]
   Und tatsächlich weisen ja betriebliche Arbeit und Kriegsarbeit vielfältige Verwandtschaften auf: Beide sind arbeitsteilig organisiert, setzen sich aus technischen Teil- und Spezialqualifikationen zusammen und sind hierarchisch strukturiert. In beiden Fällen hat man mit dem Endprodukt, das hergestellt wird, nichts zu tun, man führt Anordnungen aus, über deren Sinn man sich keine Gedanken zu machen braucht. Verantwortung bezieht sich immer nur partikular auf den unmittelbaren Tätigkeitsbereich oder ist grundsätzlich delegiert. Routine spielt eine große Rolle, man macht immer wieder dieselben Handgriffe, folgt denselben Anweisungen. Auch in einem Bomber arbeiten Piloten, Bomben- und Heckschützen mit unterschiedlicher Qualifikation in unterschiedlichen Teilvollzügen an einem Gesamtprodukt, nämlich der Zerstörung eines vorgegebenen Zieles, ganz gleich, ob es sich um eine Stadt, eine Brücke oder eine Truppenansammlung auf freiem Feld handelt. Massenerschießungen wie die sogenannten Judenaktionen werden nicht nur von den Schützen durchgeführt, sondern ebenso von den Lastwagenfahrern, den Köchen, Waffenwarten und »Zuführern« und »Packern«, also denen, die die Opfer an die Grube bringen und denen, die sie aufeinanderschichten, mithin also hoch arbeitsteilig.
   Alf Lüdtke hat an vielen Stellen die Verwandtschaft von Industrie- und Kriegsarbeit herausgestellt und deutlich gemacht, dass man gerade in proletarischen Schichten als »Arbeit« ansah, was man in anderer Funktion tat, etwa als Soldat oder Reservepolizist. In den autobiographischen Zeugnissen solcher Männer, also in Feldpostbriefen und Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg, finden sich vielfältige Analogsetzungen von Krieg und Arbeit, was sich etwa in der Disziplin verkörpert, in der Monotonie von Vollzügen, sich aber auch in Bemerkungen äußert, »in denen eine militärische Aktion, d.h. das Zurückwerfen oder Vernichten des Gegners – also das Töten von Menschen und Zerstören von Material als gute Arbeit gilt.« Lüdtke fasst zusammen: »Gewalteinsatz, Gewaltandrohung, das Töten oder doch Schmerzzufügen ließ sich als Arbeit begreifen und damit als sinnvoll, zumindest als notwendig und unvermeidbar erfahren.«[36]
   Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Deutungsmuster auch die Funktion der Sinnstiftung haben: Wenn ich etwa die Tötung von Menschen als »Arbeit« interpretiere, ordne ich sie nicht in die Kategorie »Verbrechen« ein, normalisiere den Vorgang also. Die Rolle, die Deutungsmuster in den Referenzrahmen des Krieges spielen, wird anhand solcher Beispiele klar. Das, was unter den Normalbedingungen des zivilen Alltags als Abweichung, mithin als erklärungs- und legitimationsbedürftig betrachtet würde, wird hier zum normalen und konformen Verhalten. Das Deutungsmuster automatisiert gewissermaßen die moralische Prüfung und schützt Soldaten davor, sich schuldig zu fühlen.

Formale Verpflichtungen

   Zum orientierenden Referenzrahmen gehört auch etwas sehr Einfaches: das Universum des Vorgeschriebenen und die Position in einer Hierarchie, die festlegt, was man vorgeschrieben bekommt und auszuführen hat und was man selbst anderen vorschreiben kann. Auch hier gibt es im Zivilleben ein Kontinuum von totaler Abhängigkeit bis zu totaler Freiheit, wobei dies wiederum je nach der Rolle, in der man auftritt, variieren kann. Wenn jemand als Unternehmer große Handlungsfreiheit hat und ihm jenseits des Gesetzes kaum etwas vorzuschreiben ist, kann das zum Beispiel innerhalb seiner Familie ganz anders aussehen, wo ihm, je nachdem, ein dominanter Vater oder eine herrische Ehefrau durchaus Vorschriften machen können, denen er sich nur schwer entziehen kann.
   Im Militär sind die Dinge wiederum ganz klar: Hier ist durch den Rang und die Funktion eindeutig festgelegt, wie groß oder klein die Handlungsspielräume des Einzelnen sind, und je tiefer man in der Hierarchie steht, desto abhängiger ist man von den Befehlen und Entscheidungen anderer. Selbst in totalen Institutionen wie dem militärischen Ausbildungslager, dem Gefängnis oder der psychiatrischen Anstalt ist der Handlungsspielrum des Einzelnen aber nicht grundsätzlich gleich null. Erving Goffman hat in »Asyle« eindrücklich beschrieben, wie Regeln in totalen Institutionen ausgebeutet und für eigene Zwecke genutzt werden können. Wenn etwa Tätigkeiten in der Küche zum »Organisieren« oder in der Bücherei zum Schmuggeln benutzt werden, handelt es sich um eine »sekundäre Anpassung« an die Institution. Man gibt vor, den Regeln zu folgen, beutet sie aber zu eigenen Zwecken aus. Besatzer haben vielfältige Möglichkeiten zur sekundären Anpassung. So erzählt Leutnant Pölert im Juni 1944: »Ich habe von Frankreich ungeheure Mengen von Butter und drei bis vier Schweine nach Hause geschickt. Es waren vielleicht drei bis vier Zentner Butter.«[37] Das ist die schöne, ausbeuterische Seite des Krieges. Aber die Freiheitsgrade zur sekundären Anpassung sinken radikal, wenn gekämpft wird – solche Situationen lassen sich allenfalls noch dadurch ausbeuten, dass man Gefallen an der Gewalt findet. In jedem Fall findet mit der Verengung und Verschärfung der Situation eine Entdifferenzierung des Referenzrahmens statt.

Soziale Verpflichtungen

   Während im Fall von Einschränkungen des Referenzrahmens wie in totalen Institutionen die Wahlfreiheit gering und die Orientierungssicherheit groß ist, können soziale Verpflichtungen in bestehende klare Entscheidungsstrukturen intervenieren und Gruppenbindungen oder sogar Befehlslagen durchlässiger machen. Der KZ-Kommandant Erwin Dold etwa, der völlig regelwidrig und unerwartet Lebensmittel für »seine« Häftlinge organisierte und alles daran setzte, deren Überlebensbedingungen zu verbessern, konnte sich dabei gewiss sein, dass seine Frau dieses Verhalten unterstützte oder sogar erwartete.[38] Soziale Verpflichtungen anderer Art spürten Schützen, die bei Massenmorden dann Schwierigkeiten bekamen, wenn sie Ähnlichkeiten zwischen den zu tötenden Kindern und ihren eigenen feststellten.[39] Aber man sollte keine allzu romantischen Vorstellungen über die Wirkungen sozialer Verpflichtungen hegen – wir wissen auch von vielen Fällen, in denen die gefühlte oder die physische Anwesenheit der Ehefrau das Morden begünstigt hat, weil der Täter sich mit den Wünschen und Optionen seiner Gattin in Einklang fühlte.
   So schreibt etwa der Polizeisekretär Walter Mattner, Verwaltungsbeamter beim SS- und Polizeistandort Mogilev, am 5. Oktober 1941 an seine Frau: »Noch etwas habe ich Dir zu berichten. Ich war also tatsächlich auch dabei, bei dem großen Massensterben am vorgestrigen Tage. Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert, als ich geschossen habe. Aber man gewöhnt sich an das. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. Eingedenk dessen, dass ich auch zwei Säuglinge daheim habe, mit denen es diese Horden genauso, wenn nicht zehnmal ärger machen würden. Der Tod, den wir ihnen gaben, war ein schöner kurzer Tod gemessen an den höllischen Qualen von Tausenden, Abertausenden in den Kerkern der GPU.«[40] Selbstverständlich ging Mattner bei diesen Zeilen davon aus, dass seine Frau billigen würde, was er tat und wie er es begründete.
   Einen noch extremeren Fall stellt Vera Wohlauf, die Ehefrau von Hauptmann Julius Wohlauf dar. Ihr Mann war Kompaniechef beim Reservepolizeibataillon 101, das zahlreiche »Judenaktionen« durchführte.[41] Die zu diesem Zeitpunkt schwangere Frau Wohlauf fand solches Gefallen an Razzien und Sammlungen von Juden zur Deportation und Erschießung, dass sie es nicht nehmen ließ, den ganzen Tag dabei zu sein und alles aus nächster Nähe zu betrachten – was sogar bei den Angehörigen des Bataillons Empörung hervorrief.[42]
   Auch in den Gesprächen des Panzergenerals Heinrich Eberbach werden soziale Verpflichtungen deutlich. Im Oktober 1944 spricht er in dem britischen Gefangenenlager Trent Park darüber, ob er für die Briten Propaganda machen sollte:
   Ich bin in Panzer-Kreisen ziemlich bekannt […]. Ich bin überzeugt, wenn ich also einen solchen Aufruf machen würde, der im Volk also irgendwo gehört und gelesen würde – Flugblätter, die man über der Front abwirft oder so –, hätte es bestimmt eine gewisse Wirkung auf die Leute. Aber erstens würde ich die Sache als eine bodenlose Gemeinheit empfinden nach wie vor, es ginge mir einfach so selbst gegen das Gefühl, dass ich es nie tun könnte. Dann, davon ganz abgesehen – also meine Frau, meine Kinder –, das kommt eben nie in Frage. Ich würde mich vor meiner Frau schämen, das zu tun. Meine Frau ist so national, ich könnte das nie machen.[43]
   Die psychologische Tiefenwirkung sozialer Verpflichtungen resultiert daraus, dass Menschen, anders als gewöhnlich angenommen wird, nicht nach kausalen Gründen und rationalen Kalkülen handeln, sondern innerhalb von sozialen Beziehungen. Diese bilden die entscheidende Variable für das, wofür Menschen sich entscheiden. Das gilt in besonderem Maß für Entscheidungen unter Stress, wie sie im berühmten Gehorsamsexperiment von Stanley Milgram simuliert wurden. Hier spielte insbesondere die soziale Konstellation eine entscheidende Rolle dafür, wie gehorsam sich Versuchspersonen gegenüber einer Autorität verhielten.[44]
   Gefühlte oder faktische soziale Nähe und die damit verbundenen Verpflichtungen bilden ein zentrales Element von Referenzrahmen. In historischer Perspektive tritt dieses Element nur selten in den Blick, weil die verfügbaren Quellen nur in Ausnahmefällen darüber Auskunft geben, wem sich jemand verpflichtet fühlte, als er etwas Bestimmtes tat oder eben nicht tat. Erschwerend kommt hinzu, dass soziale Verpflichtungen nicht unbedingt bewusste Verpflichtungen sein müssen, sondern so selbstverständlich verinnerlicht sind, dass sie orientieren, ohne dass der Betreffende das weiß. Psychoanalytiker nennen das Delegation.
   Nimmt man den monodimensionalen Referenzrahmen im Kontext militärischer Situationen sowie die Beschränkung des sozialen Raums des Soldaten auf seine Kameradschaftsgruppe hinzu, wird deutlich, welche Rolle hier die soziale Verpflichtung annimmt: Während Familie, Freundin, Freunde, Mitschüler, Kommilitonen usw. im Zivilleben eine plurale Menge unterschiedlicher Referenzfiguren für das Abwägen eigener Entscheidungen bilden, schrumpft die Pluralität an der Front im Wesentlichen auf die Gruppe der Kameraden zusammen. Und die arbeiten im selben Referenzrahmen jeweils auf dasselbe Ziel zu, nämlich ihre militärische Aufgabe zu erfüllen und zugleich zu überleben. Dafür ist der Zusammenhalt und die Kooperation in der Gefechtssituation tatsächlich entscheidend; die Gruppe bildet daher im Gefecht das stärkste Element des Referenzrahmens. Weil sie überlebenswichtig ist, sind ihre Regeln auch so wirkungsmächtig. Aber auch dann, wenn nicht gekämpft wird, ist der einzelne Soldat in extrem hohem Maße auf die Gruppe angewiesen: Er weiß ja weder, wie lange der Krieg noch dauern wird, noch, wann es den nächsten Heimaturlaub oder eine Versetzung gibt – wann er sich also aus der totalen Gruppe entfernen und wieder Teil von pluralen Gruppen werden kann. Die zwingende Wirksamkeit der Kameradschaft ist vielfach beschrieben worden. Neben ihren sozialen Funktionen weist sie in Bezug auf den Außenbereich der Kameradschaftsgruppe antisoziale Elemente auf. Die internen Normen der Gruppe bilden den Verhaltensstandard; der Standard der außermilitärischen Lebenswelt wird nachrangig und unwichtig.
   Aber der Kamerad wird nicht nur, ob mit seinem oder gegen seinen Willen, vergemeinschaftet und gibt Autonomie ab, er bekommt auch etwas dafür, nämlich das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft, Verlässlichkeit, Halt, Anerkennung. Zudem bietet die Kameradschaftsgruppe eine Entlastung von den gewöhnlichen Verpflichtungen des Zivillebens. Genau darin sieht der spätere Emigrant und dezidierte Regimegegner Sebastian Haffner etwas psychologisch höchst Bestechendes: »Die Kameradschaft […] beseitigt völlig das Gefühl der Selbstverantwortung. Der Mensch, der in der Kameradschaft lebt, ist jeder Sorge für die Existenz, jeder Härte des Lebenskampfes überhoben. […] Er braucht sich nicht die kleinste Sorge zu machen. Er steht nicht mehr unter dem harten Gesetz: ›Jeder für sich‹, sondern unter dem generös-weichen: ›Alle für einen‹. […] Das Pathos des Todes allein erlaubt und erträgt diese ungeheuerliche Dispensierung von der Lebensverantwortung.«[45]
   Diesen Zusammenhang von Be- und Entlastung durch die soziale Vergemeinschaftungsform »Kameradschaft« hat Thomas Kühne in seiner umfassenden Studie herausgearbeitet. Insbesondere die Rolle, die Kategorien wie Gemeinschaft und Kameradschaft im Nationalsozialismus zugemessen bekamen, führte zu einer beständigen Hochbewertung des Kollektivs und Abwertung des Individuums: »Kameradschaft leitete nun eine Kultur der Scham an, in der das Denken, Fühlen und Handeln in Kategorien individueller Lebensführung und persönlicher Verantwortung abgelöst war vom Diktat einer Moral, die nur erlaubte, was dem physischen Erhalt, dem sozialen Leben und dem Prestige der eigenen Gruppe dienlich war.«[46] Kameradschaft bedeutet – so betrachtet – nicht nur die maximale Konzentration sozialer Verpflichtung, sondern auch die Entpflichtung von all jenem, was sonst in der Welt von Bedeutung ist. Davon ist nicht nur der soldatische Referenzrahmen in außerordentlich hohem Maße geprägt, sondern vor allem auch die soldatische Praxis im Krieg. Hier wird die Kameradschaft nicht mehr nur zur be- und entlastenden Vergemeinschaftungsform, sondern buchstäblich zur Überlebenseinheit und bildet dabei Bindungskräfte aus, die unter Normalbedingungen von Vergemeinschaftung niemals so stark werden. Das wiederum ist nicht spezifisch für den Nationalsozialismus – in ihrer umfassenden Studie über den »American Soldier« haben Edward  A. Shils und Morris Janowitz hervorgehoben, welch zentrale Rolle die Kameradschaftsgruppe als primäre Organisations- und Deutungseinheit im Krieg für den Einzelnen spielt.[47] Sie liefert erheblich mehr Orientierung als jede Weltanschauung und Ideologie, für nicht wenige auch mehr emotionale Heimat als die Familie zu Hause, die die Erfahrungswelt des Soldaten nicht teilen und ihn daher auch nicht verstehen kann. Daher ist Kameradschaft auch keineswegs nur ein verklärender soldatischer Mythos, sondern ein sozialer Ort, der wichtiger wird als alles andere. Aus diesem Grund gehen Soldaten im Zweiten Weltkrieg auch freiwillig zurück an die Front: weil sie sich dort in einem psychologisch tiefen Sinn zu Hause fühlen. »Ich war glücklich«, schreibt Willy Peter Reese, ein junger Wehrmachtsoldat, der während eines Fronturlaubs Anfang 1944 ein 140-seitiges »Bekenntnis aus dem großen Krieg« verfasste: »Mitten in Russland fühlte ich mich endlich wieder zu Hause. Hier war Heimat, nur in dieser Welt, in ihren Schrecken und ihren spärlichen Freuden, war es gut zu sein.«[48]

Situationen

   An der Universität von Princeton wurde im Jahr 1973 ein bemerkenswertes Experiment durchgeführt. Eine Reihe von Theologiestudenten bekam die Aufgabe, einen kurzen Vortrag zum Gleichnis vom guten Samariter zu verfassen. Den ausgearbeiteten Vortrag sollte jeder Einzelne dann, auf eine gesonderte Aufforderung hin, in einem bestimmten Gebäude auf dem Campus abgeben, wo er dann für eine Radioübertragung aufgezeichnet würde. Während die Personen einzeln auf die Aufforderung warteten, ihren Vortrag abzugeben, kam plötzlich jemand hereingeplatzt und sagte: »Oh, Sie sind noch da? Sie sollten schon längst drüben sein! Vielleicht wartet der Assistent noch – beeilen Sie sich!« Der betreffende Student hastete los. Im selben Moment wurde vor der Tür des aufzusuchenden Universitätsgebäudes eine scheinbar hilflose Person platziert, die sich mit geschlossenen Augen hustend und stöhnend am Boden wand. Man konnte das Gebäude nicht betreten, ohne diese Person, die sich offensichtlich in größten Schwierigkeiten befand, wahrzunehmen. Wie reagierten die angehenden Theologen auf diese Situation? Das Ergebnis war überraschend: Lediglich 16 von den 40 Versuchspersonen versuchten, etwas für die scheinbar hilflose Person zu tun, die Übrigen liefen ohne Halt weiter zu ihrem Termin. Besonders irritierend war, dass sich in einer anschließenden Besprechung des Vorfalls mit den einzelnen Seminaristen herausstellte, dass viele derjenigen, die der hilflosen Person nicht geholfen hatten, »nicht einmal bemerkt hatten, dass da jemand in Not war, obwohl sie praktisch über ihn gestolpert waren«.[49]
   Dieses Experiment sagt zunächst aus, dass Menschen erst einmal etwas wahrnehmen müssen, bevor sie etwas tun. Wenn man höchst konzentriert auf etwas hin arbeitet, blendet man vieles einfach aus der Wahrnehmung aus – das, was mit der Erfüllung der Aufgabe nichts zu tun hat. Diese Fokussierung hat mit moralischen Fragen nichts zu tun; sie geht auf eine notwendige und fast immer aktive Ökonomisierung im Handeln zurück, die Überflüssiges zu vermeiden sucht. Andere Experimente haben gezeigt, dass die Entscheidung zur Hilfe sehr stark davon abhängig ist, wer Unterstützung benötigt: Attraktiven Menschen wird eher geholfen als unattraktiven; Menschen, die ihren äußeren Merkmalen nach der Wir-Gruppe entsprechen, zu der man sich selber zählt, hilft man eher als solchen, die man fremden Gruppen zuordnet. Personen, die – wie zum Beispiel Betrunkene – ihre Notlage selbst verursacht zu haben scheinen, wird seltener geholfen als Menschen, die ohne eigenes Zutun in eine üble Lage geraten sind.[50]
   Dies alles macht deutlich, dass der Zusammenhang zwischen Einstellungen und Handlungen viel lockerer ist, als wir gewöhnlich annehmen. Außerdem: Zwischen dem, was Menschen über sich glauben – über ihre Moral, ihre Überzeugungen, die Festigkeit ihrer Haltung – und dem, was sie tatsächlich tun, besteht ein himmelweiter Unterschied. In konkreten Situationen, in denen Entscheidungen und Handlungen gefordert sind, sind dafür Faktoren ausschlaggebend, die mit ethischen Erwägungen und moralischen Überzeugungen zunächst mal gar nichts zu tun haben. Da geht es nämlich um das Erreichen eines Zieles oder die Erfüllung einer Aufgabe und damit vordringlich um die Frage, wie man diese Aufgabe möglichst effizient erfüllt oder wie man das Ziel am besten erreicht. Im Fall der angehenden Theologen ging es, als sie die hilflose Person ignorierten, nicht um die Ethik des Helfens, sondern um die Geschwindigkeit, die sie einhalten mussten, um ihre Aufgabe zu erfüllen. In den Worten der amerikanischen Psychologen John Darley und C. Daniel Batson, die sich das Experiment ausgedacht hatten: »Wer es nicht eilig hat, bleibt unter Umständen stehen und versucht, einer anderen Person zu helfen. Wer es eilig hat, wird eher weitereilen, selbst wenn er sich eilt, um über das Gleichnis vom guten Samariter zu sprechen.«[51]
   Mithin scheint die Situation viel entscheidender für das, was Menschen tun, als die Persönlichkeitseigenschaften, die sie in diese Situation hineinbringen. Dieser Befund wird auch durch die inzwischen etablierte Erkenntnis gestützt, dass man weder Antisemit sein musste, um Juden zu töten, noch eine altruistische Persönlichkeit, um Juden zu retten. Es war für beides völlig ausreichend, sich in einer sozialen Situation zu finden, in der das eine oder das andere gefordert schien. Ist allerdings eine entsprechende Entscheidung erst einmal getroffen und in die Tat umgesetzt, verläuft alles weitere nach Pfadabhängigkeiten: Mit der Teilnahme an der ersten Massenerschießung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man auch an der zweiten, dritten usw. teilnimmt; mit dem Entschluss zu einer Hilfeaktion steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man auch in einer späteren Situation Hilfe leistet.

Persönliche Dispositionen

   Natürlich kann nicht alles von dem, was Menschen wahrnehmen und tun, auf unterschiedlich abgestufte äußere Referenzen zurückgeführt werden. Selbstverständlich bringen einzelne Personen unterschiedliche Wahrnehmungsweisen, sozialisierte Deutungsmuster, altersspezifische Erfahrungen und besondere Fähigkeiten, Schwächen und Vorlieben mit in die Situationen, die sie dechiffrieren und in denen sie handeln müssen. In diesem Sinn bilden soziale Situationen immer Gelegenheitsstrukturen, die in unterschiedlichen Freiheitsgraden genutzt und ausgeweitet werden können. Das hängt dann tatsächlich von der Person ab, und gewiss ist es so, dass die vereinseitigten Machtverhältnisse in Konzentrationslagern oder bei Massenerschießungen den eher gewaltbereiten SS-Männern, Reservepolizisten oder Wehrmachtsoldaten als Gelegenheiten entgegenkamen, eigene sadistische Bedürfnisse oder nur Neugier zu befriedigen, während sie bei eher sensiblen und gewaltfernen Personen Abscheu hervorriefen. Es ist also ein Unterschied, wer mit welcher Persönlichkeitsausstattung mit welcher Situation konfrontiert ist. Aber man sollte das Gewicht dieser Differenzen nicht überschätzen: Wie der Holocaust und der nationalsozialistische Vernichtungskrieg zeigen, verhält sich die weit überwiegende Mehrheit aller Zivilisten und Soldaten bzw. SS-Männer und Polizisten ausgrenzend, gewaltbereit und gegenmenschlich, wenn die entsprechende Situation das nahezulegen und zu fordern scheint, und nur eine verschwindende Minderheit ist widerständig und prosozial. Weil genau das nach zeitgenössischen Maßstäben als abweichend gilt und das gegenmenschliche Verhalten als konform, haben wir mit dem ganzen Geschehenszusammenhang des »Dritten Reiches« und der von ihm ausgehenden Gewalt ein gigantisches Realexperiment, wozu psychisch normale und ihrem Selbstbild nach gute Menschen fähig sind, wenn sie etwas innerhalb ihres Referenzrahmens für geboten, sinnvoll oder richtig halten. Der Anteil der von ihrer psychischen Ausstattung her persönlich zu Gewalt, Ausgrenzung und Exzessen neigenden Menschen betrug hier wie unter allen anderen gesellschaftlichen Bedingungen auch etwa fünf bis zehn Prozent.
   Psychologisch betrachtet, waren die Bewohner des nationalsozialistischen Deutschland so normal wie die jeder anderen Gesellschaft jener Zeit. Und das Spektrum der Täter entsprach dem normalgesellschaftlichen Spektrum ziemlich genau; keine Personengruppe zeigte sich immun gegen die Verlockungen der »unbestraften Unmenschlichkeit« (Günter Anders). Dieses Realexperiment reduziert die Bedeutung von Persönlichkeitsvariablen nicht auf null, sie misst ihr nur einen vergleichsweise geringen, oft sogar unerheblichen Stellenwert bei.

SOLDATENWELT

Der Referenzrahmen des »Dritten Reiches«

   »Wir haben einen anderen Begriff der Freiheit als die Engländer und Amerikaner. Ich bin sehr stolz, Deutscher zu sein, ich vermisse ihre Freiheit nicht. Deutsche Freiheit ist die innerliche Freiheit, Unabhängigkeit von allem Materiellen; dem Vaterland Dienste erweisen zu können. Wenn du als Soldat nach Hause kommst, dann stehst du über den kleinlichen Sachen der anderen, der Frau Kreschke, weil die was vom Krämer nicht bekommt, des Herrn Sowieso, weil er kein Öl für sein Auto bekommt. Der Soldat steht über so was. Freiheit, eine Verantwortung tragen zu dürfen, das ist etwas, das nicht jeder kann. Ist es Freiheit, wenn du sagen und schreiben kannst wie jeder Judenlümmel? Die amerikanische, demokratische Freiheit ist nichts als Willkür.«
Oberleutnant zur See Heinrich Russ, 28. 3. 1942[52]
   Wir haben im vorangegangenen Kapitel definiert, dass Referenzrahmen erster Ordnung das weitgehend unbewusste soziohistorische Hintergrundgefüge bilden, vor dem Menschen in einer jeweiligen Zeit handeln, gewissermaßen die Grundierung aller bewussten Orientierungsbemühungen. Eine solche Totalität zu untersuchen und darzustellen, ist unmöglich. Referenzrahmen zweiter Ordnung dagegen sind historisch, kulturell und meist auch geographisch konkret und daher wenigstens in Umrissen skizzierbar: Sie umfassen einen soziohistorischen Raum, den man eingrenzen kann – auf die Herrschaftsdauer eines Regimes zum Beispiel, auf die Geltungsdauer einer Verfassung oder die Geschichte einer historischen Formation wie zum Beispiel der des »Dritten Reiches«. Dabei sind ihre Elemente in den meisten Fällen dem Bewusstsein zugänglich – so wie im obigen Zitat zur deutschen Art der Freiheit. Aber die allermeisten Deutschen im Jahr 1935 hätten zum Beispiel auch ohne weiteres sagen können, was an der Gesellschaft des »Dritten Reiches« spezifisch war, und sie hätten dabei die Gegensätze zur Weimarer Republik hervorgehoben: etwa einen beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung, das Gefühl erhöhter Sicherheit und Ordnung, ein wieder gewonnener Nationalstolz, eine Identifikation mit dem »Führer« und andere Dinge mehr. Dieser Referenzrahmen zweiter Ordnung ist gerade wegen der Radikalität seiner Unterscheidung von der Zeit zuvor – der »Systemzeit«, wie es abfällig hieß – in außergewöhnlich hohem Maße bewusst; auch in Zeitzeugeninterviews wird regelmäßig das Gefühl hervorgehoben, dass nun eine »neue«, eine »schöne« Zeit herangebrochen war, in der es »wieder aufwärts« ging, in der »etwas getan« wurde, die »Jugend von der Straße kam« und »Gemeinschaft« spürbar war. Die Jahre zwischen 1933 und 1945 sind erfahrungsgeschichtlich viel konturierter gegenüber der Weimarer Republik einerseits und der west- und ostdeutschen Nachkriegszeit andererseits, weshalb sich ihr Referenzrahmen leichter skizzieren lässt als der von vergleichsweise ereignislosen Jahren, wie etwa zwischen 1975 und 1987. Tatsächlich ist das »Dritte Reich« erfahrungsgeschichtlich eine Zeitspanne von ungeheurer Verdichtung, extrem reich an Veränderungen, auch geprägt von der Erfahrung radikaler und sich steigernder Euphorie in einem kurzen Zeitraum von etwa acht Jahren und sich steigernder Abstiegsangst, Gewalt, Verlust und Unsicherheit in den verbleibenden vier Jahren. Dass diese Zeit sich mit solcher Wucht und Nachhaltigkeit in die deutsche Geschichte eingeschrieben hat, liegt aber nicht nur an den Verbrechen und der extremen Massengewalt, die sie hervorgebracht hat, sondern auch an der verdichteten Erfahrung, an der Entstehung von etwas ganz Neuem, Gewaltigem beteiligt zu sein, an einem gemeinsamen Projekt, dem nationalsozialistischen, mitwirken zu dürfen, kurz: dabei zu sein in »großer Zeit«.
   Die Sozial- und Kulturgeschichte des »Dritten Reiches« ist so gut dokumentiert, dass wir hier auf die Standardliteratur verweisen können.[53] Hinsichtlich des sich entwickelnden Referenzrahmens des »Dritten Reiches« möchten wir nur auf zwei besondere Aspekte eingehen, die für die Wahrnehmung der Soldaten von entscheidender Bedeutung. Der erste Aspekt ist die sich mit der »Judenfrage« sukzessive etablierende Vorstellung, Menschen seien kategorial ungleich. Kategorial meint hier, dass es keinem Mitglied der einen Gruppe, also etwa der »arischen« Deutschen, aus eigener Anstrengung oder eigenem Versagen möglich ist, in die Gruppe der anderen, also etwa der »jüdischen« Deutschen zu wechseln. Kern dieser Ungleichheitsvorstellungen, die sich keineswegs nur auf die Juden, sondern auch auf die Differenzierung höher oder niedriger stehender »Rassen« wie der Germanen einerseits und der Slawen andererseits bezog, war die Rassentheorie. Sie war keineswegs eine deutsche Erfindung und spezielle Blüte deutscher Wissenschaft, sondern international vertreten.[54] Aber allein in Deutschland wurde sie zum Fundament eines politischen Programms und zu einer Gesellschaftsvorstellung, die sich in der verzögerungslos einsetzenden antijüdischen Praxis in eine gefühlte und geglaubte Realität übersetzte. Dass die Menschen kategorial ungleich waren, wurde in einer Gesellschaft, die radikal in Zugehörige und Nicht-Zugehörige unterschieden war, mit praktischer Evidenz versehen. Der zweite Aspekt besteht aus dem nationalsozialistischen Alltag. Die Forschung neigt dazu, die symbolischen Formen gesellschaftlicher Praxis – also etwa »Ideologien«, »Weltanschauungen«, »Programmatik« – zu untersuchen und dabei zu übersehen, dass die sozialen Praktiken des Alltags eine weit stärkere formative Wirkung haben – unter anderem deswegen, weil sie nicht reflexiv zugänglich sind. Diese formative Kraft des Faktischen bildet einen wesentlichen Aspekt des Referenzrahmens des »Dritten Reiches«.
   Die Sozial- und Mentalitätsgeschichte des »Dritten Reiches« wird gewöhnlich durch das Prisma des Holocaust betrachtet – so, als würde vom Ende eines ungeheuer dynamischen sozialen Prozesses mit widersprüchlichen Teilentwicklungen und Pfadabhängigkeiten analytisches Licht auf seinen Beginn fallen können. Das ist verständlich, weil der Nationalsozialismus und der Vernichtungskrieg ihre historische Signatur aus dem Grauen beziehen, das sie angerichtet haben. Methodisch ist dies aber komplett unsinnig. Niemand würde auf die Idee kommen, die Biographie einer Person vom Ende her zu entwickeln oder die Geschichte einer Institution von hinten nach vorn zu rekonstruieren – einfach deshalb, weil Entwicklungen nach vorn, nicht aber nach hinten offen sind. Nur in der Rückschau scheinen sie alternativlos und zwangsläufig, während soziale Prozesse in ihrer Entfaltung eine Fülle von Möglichkeiten bereithalten, von denen faktisch nur einige ergriffen werden und ihrerseits bestimmte Pfadabhängigkeiten und Eigendynamiken ausbilden.
   So muss man, wenn man das Handeln von Menschen im Referenzrahmen des »Dritten Reiches« rekonstruieren möchte, den Prozess der Nationalsozialisierung verfolgen, also die Melange aus dem, was nach der »Machtergreifung« neu in die gesellschaftliche Praxis Deutschlands eingeführt wurde, und aus dem, was auch nach dem 30. Januar 1933 so blieb wie zuvor. Es ist wiederholt darauf hingewiesen worden, dass man die gesellschaftliche Wirklichkeit des »Dritten Reiches« nicht mit dem propagandistischen Bild verwechseln darf, das die Regisseure und Texter aus Goebbels’ Ministerium mit wachsender Perfektion von ihm entwarfen. Auch das »Dritte Reich« bestand nicht aus pausenlosen Olympiaden und Reichsparteitagen, aus Aufmärschen und pathetischen Ansprachen, denen blonde zopftragende Volksgenossinnen mit glänzenden Augen lauschten. Es bestand zunächst einmal aus derselben Menge Alltag, der in jeder möglichen Gesellschaft das Leben von Menschen strukturiert: Kinder gehen in die Schule, Menschen zur Arbeit oder zum Arbeitsamt, sie zahlen Miete, gehen einkaufen, frühstücken und essen zu Mittag, treffen sich mit Freunden oder Verwandten, lesen Zeitungen oder Bücher und diskutieren über Sport oder Politik. All diese Dimensionen des Alltags mögen im Lauf des zwölfjährigen Bestehens des »Dritten Reiches« zunehmend mit ideologischen und rassistischen Versatzstücken imprägniert worden sein, sie blieben aber trotzdem Gewohnheiten und Routinen, also ein vom »so-wie-immer« geprägter Alltag.
   Gesellschaften basieren nicht nur auf dem, was irgendwann als Quellen für Historiker lesbar wird, sondern auch aus materiellen, institutionellen und mentalen Infrastrukturen, also aus Dingen wie Fabriken, Straßen und Abwässersystemen ebenso wie aus Schulen, Behörden und Gerichten und – was häufig übersehen wird – aus Traditionen, Gewohnheiten und Deutungsmustern. Alle drei Typen von Infrastrukturen bilden die für selbstverständlich gehaltene Welt. Sie sind die Grundierung des Alltagslebens, und sie weisen spezifische Trägheiten auf. An ihnen ändert sich nämlich nicht viel, selbst wenn sich in Politik oder Wirtschaft gravierende Veränderungen vollziehen. Denn auch diese Infrastrukturen sind nur Teilsysteme in einem komplexen gesellschaftlichen Gefüge – äußerst wichtige zweifellos, aber sie machen eben nicht die gesellschaftliche Totalität aus. Auch im Nationalsozialismus wachten die Bürgerinnen und Bürger am Morgen des 31. Januar 1933 nicht in einer neuen Welt auf. Die war noch dieselbe wie am Tag zuvor, lediglich die Nachrichten waren neu. Sebastian Haffner beschreibt denn auch den 30. Januar nicht als Revolution, sondern als Regierungswechsel – und ein solcher war in der Weimarer Republik keineswegs ein ungewöhnliches Ereignis. Für Haffner bestand »das Erlebnis des 30. Januar tatsächlich nur in Zeitungslektüre – und den Empfindungen, die sie auslöste«.[55] Beides wird natürlich in den möglichen Folgen und Bedeutungen erwogen und diskutiert, aber das werden andere politische Neuigkeiten auch. Haffner schildert die Gespräche mit seinem Vater: man diskutiert, wie viel Prozent der Bevölkerung eigentlich »Nazis« sind, wie das Ausland darauf reagieren wird, dass Hitler Reichskanzler ist, was die Arbeiterschaft wohl machen wird – kurz alles, was politisch denkende Bürger sich überlegen, wenn Entscheidungen gefallen sind, die man in ihrer Tragweite schlecht überblicken kann und die einem nicht gerade willkommen sind. Haffner und sein Vater jedenfalls kommen zu einem naheliegenden Schluss: Diese Regierung habe nur eine äußerst schwache Basis und daher wenig Chancen, lange zu bestehen, weshalb alles in allem kein Grund zur Besorgnis vorläge.
   Dass man etwas liest und bespricht, ändert zunächst gar nichts am Lauf der Dinge: »das waren Zeitungsnachrichten«, schreibt Haffner. »Mit seinen Augen und Ohren sah und hörte man nicht viel anderes, als woran man in den letzten Jahren gewöhnt worden war. Braune Uniformen in den Straßen, Aufmärsche, Heilrufe – und im übrigen business as usual. Auf dem Kammergericht, dem höchsten preußischen Gericht, wo ich damals als Referendar arbeitete, änderte sich nichts im Justizbetrieb dadurch, dass der preußische Innenminister gleichzeitig tolle Erlasse herausgab. Die Verfassung mochte, laut Zeitungsnachrichten, zum Teufel gehen: Aber jeder einzelne Paragraph des Bürgerlichen Gesetzbuchs galt weiter und wurde so sorgfältig um- und umgedreht wie je zuvor. Wo lag die eigentliche Realität? Der Reichskanzler mochte täglich öffentlich wüste Schmähungen gegen die Juden ausstoßen – aber in unserem Senat saß nach wie vor ein jüdischer Kammergerichtsrat und machte seine überaus scharfsinnigen und gewissenhaften Urteile, und diese Urteile galten und setzten den vollen Staatsapparat zu ihrer Vollziehung in Aktion – mochte auch die höchste Spitze dieses Staatsapparats ihren Verfasser täglich als ›Parasiten‹, ›Untermenschen‹ oder ›Pest‹ bezeichnen. Wer war eigentlich der Blamierte dabei? Gegen wen richtete sich die Ironie dieses Zustandes?«[56]
   Man könnte auch formulieren, dass weite Bereiche des bestehenden Referenzrahmens weiterhin funktionierten, wie sich im Übrigen »das Weitergehen des Lebens« auch als Triumph über die Nazis interpretieren ließ: So viel können sie anscheinend doch nicht tun. Wie hätte man also auf die Idee kommen sollen, dass eigentlich eine ganz neue Interpretation der Realität nötig gewesen wäre, dass hier nicht einfach etwas geschah, was man nach den gewohnten Maßstäben deuten konnte? Und selbst wenn jemand genau dieses Gefühl gehabt hätte: Woher würde er die Instrumente genommen haben, mit denen er diese neue Wirklichkeit hätte dechiffrieren können?
   In der Sozialpsychologie ist das Phänomen des »systematischen Rückschaufehlers« seit langem gut beschrieben. Wenn das Ergebnis eines sozialen Prozesses feststeht, meint man immer, schon von Beginn an gewusst zu haben, worauf das Ganze hinauslaufen würde, und man findet nachträglich jede Menge Zeichen, die schon lange zuvor auf den Zusammenbruch oder das Desaster hingewiesen hatten. Deshalb erzählen zum Beispiel alle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in Interviews, ihr Vater oder Großvater habe am 30. Januar sofort gesagt: »Das bedeutet Krieg!«[57] Der Rückschaufehler hilft einem, sich auf der Seite der Hellsichtigen und Wissenden zu positionieren, während man als Teil eines historischen Transformationsprozesses in Wahrheit nie sieht, worauf er zusteuert. Den Wahn erkennt natürlich der nicht, der ihn teilt, heißt es bei Sigmund Freud, und allenfalls aus großer Distanz kann man eine Beobachterperspektive einnehmen, aus der man die Selbstmissverständnisse und Irrtümer der direkt einbezogenen Akteure erkennt. Und selbst wenn ein, zwei oder drei Ebenen des funktional differenzierten Gebildes einer Gesellschaft sich verändern, bleiben immer noch unendlich viele andere exakt so, wie sie zuvor auch waren. Brot gibt es immer noch beim Bäcker, die Straßenbahnen fahren, für das Studium muss man lernen und um die kranke Oma sich sorgen.
   Vergemeinschaftungsprozesse sind auch unter neuen politischen Vorzeichen widersprüchlich, und für die Nationalsozialisierung gilt das in besonderem Maße: Denn neben der ostentativen Betonung des Völkischen und der politischen Praxis der Ausgrenzung folgte die nationalsozialistische Gesellschaft den gleichen Praktiken wie andere moderne Industriegesellschaften – mit ihren technischen Imperativen und Faszinosa, mit Beschäftigungs- und Konjunkturprogrammen, mit einer Kulturindustrie, mit Sport, Freizeit und öffentlichem Leben. Hans Dieter Schäfer hat das in einer viel zu wenig beachteten Untersuchung schon 1981 als »gespaltenes Bewusstsein« bezeichnet und akribisch beschrieben, was alles auf der Benutzeroberfläche des »Dritten Reiches« ganz unnationalsozialistisch blieb: wozu die schwunghaft steigenden Absatzzahlen von Coca Cola ebenso zählen wie das Vorhandensein ausländischer Zeitungen an den Großstadtkiosken, wie die Hollywoodfilme im Kino oder der schuldenfinanzierte Wirtschaftsaufschwung, der es vielen Volksgenossinnen und Volksgenossen erlaubte, an den Annehmlichkeiten einer modernen Konsumgesellschaft teilzuhaben.[58]
   Die unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Entwicklung gesellschaftlicher Teilbereiche des »Dritten Reiches« stellt insofern gar nichts Besonderes dar, als wahrscheinlich alle modernen Gesellschaften widersprüchliche Vergemeinschaftungsformen entwickeln, weil die verschiedenen Funktionsbereiche (so ähnlich, wie es oben für die Rollen beschrieben wurde) unterschiedliche Bedingungen ihres Funktionierens haben: Eine Schule bleibt in ihren Funktionsbedingungen auch dann noch eine Schule, wenn der Lehrplan vorsieht, dass in Biologie auch Eugenik gelernt wird, und eine Fabrik funktioniert auch dann noch immer wie eine Fabrik, wenn sie Koppelschlösser für die Uniformen der SA produziert. Deshalb steht das Alltagsleben der Erkenntnis im Weg, dass etwas Neues, ganz und gar Unerwartetes geschieht: »Noch ging ich wie zuvor aufs Kammergericht, noch sprach man dort Recht (…), auch der jüdische Kammergerichtsrat meines Senats saß noch unbelästigt in seiner Toga hinter der Schranke […]. Noch rief ich meine Freundin Charlie an, und wir gingen ins Kino oder saßen in einer kleinen Weinstube und tranken Chianti oder tanzten irgendwo zusammen. Noch sah ich Freunde, noch diskutierte ich mit Bekannten, und Familiengeburtstage wurden gefeiert wie immer (…). Dennoch war es, seltsam genug, auch und gerade dies mechanisch und automatisch weiterlaufende tägliche Leben, was es verhindern half, dass irgendwo eine kraftvolle, lebendige Reaktion gegen das Ungeheuerliche stattfand.«[59]
   Die Trägheit der Infrastrukturen einer Gesellschaft, ihr gelebter Alltag, macht den einen, sehr gewichtigen Teil des gespaltenen Bewusstseins aus: Einen anderen bildet das, was sich verändert, und insbesondere das, was den Referenzrahmen modifiziert. Das ist zum einen das Handeln des Regimes, das mit Propaganda, Verordnungen, Gesetzen, Verhaftungen, Gewalt und Terror, aber auch mit Attraktions- und Identifikationsangeboten operiert, zum anderen eine sich in Reaktion darauf verändernde Wahrnehmung und Haltung aufseiten der nicht immer engagierten, gleichwohl teilhabenden Bevölkerung, die sich ihren Reim auf das macht, was geschieht. Die antijüdischen Maßnahmen wie die Boykotts der jüdischen Geschäfte von Ende März und Anfang April 1933 wurden, wie man weiß, in der Bevölkerung durchaus widersprüchlich wahrgenommen, so wie viele antijüdische Maßnahmen später auch. Genau das ist aber – wenngleich es auf den ersten Blick paradox erscheinen mag – ihr integrierendes Moment: Denn auch die nationalsozialistische Gesellschaft hat noch genügend soziale Räume und Teilöffentlichkeiten, in denen man unter seinesgleichen über das Für und Wider von Maßnahmen und Aktionen sprechen kann.[60]
   Man verkennt den sozialen Funktionsmodus einer modernen Diktatur wie des Nationalsozialismus, wenn man glaubt, er integriere seine Bevölkerung über Homogenisierung. Das Gegenteil ist der Fall: Er integriert über das Aufrechterhalten von Differenz, so dass auch noch diejenigen, die gegen das Regime, kritisch gegenüber der Judenpolitik, im Herzen sozialdemokratisch oder was auch immer sind, ihren sozialen Ort haben, an dem sie sich austauschen können und Gleichdenkende finden. Dieser Integrationsmodus findet sich bis hinein in die Einsatzgruppen und Reservepolizeibataillone, die keineswegs aus gleichgeschalteten, dumpfen Vollstreckern, sondern aus denkenden Menschen bestehen, die sich untereinander darüber verständigen, was sie tun und ob sie zu den Guten oder den Schlechten gehören.[61] Der soziale Integrationsmodus jeder Behörde, jedes Betriebs, jeder Universität besteht in Differenz, nicht in Homogenisierung – überall finden sich Subgruppen, die sich von den anderen abgrenzen. Das zerstört nicht den Zusammenhang des sozialen Aggregats, es begründet ihn.
   Auch wenn das NS-Regime die Pressefreiheit abschaffte, Zensur ausübte und in seiner massenmedial höchst modernen Propaganda eine systemkonforme öffentliche Sphäre schuf, die natürlich nicht spurlos an den Auffassungen der Einzelnen vorüberlief, wäre es ein Missverständnis, ginge man davon aus, dass damit der Meinungspluralismus und die Diskussion vollständig abgeschafft worden wären. »Aus mehr als zwei Jahrzehnten Forschung zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte der NS-Diktatur, zur ›Volksmeinung‹ jener Zeit wissen wir«, schreibt Peter Longerich, »dass die Bevölkerung des Deutschen Reiches zwischen 1933 und 1945 nicht im Zustand totalitärer Uniformität lebte, sondern dass es in einem erheblichen Umfang Unzufriedenheiten, abweichende Meinungen und divergierende Verhaltensweisen gab. Es war jedoch ein besonderes Charakteristikum der deutschen Gesellschaft unter dem NS-Regime, dass solche Bekundungen von Widerspruch vor allem im privaten, höchstens im halböffentlichen Bereich (also auf den Kreis von Freunden und Kollegen, den Stammtisch, die unmittelbare Nachbarschaft beschränkt) erfolgten beziehungsweise innerhalb noch bestehender Strukturen traditioneller sozialer Milieus, die sich gegenüber der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft behaupten konnten – also etwa innerhalb von Pfarrgemeinden, in dörflichen Nachbarschaften, in Zirkeln der konservativen Elite, in bürgerlichen Verkehrskreisen, in nicht zerstörten Reststrukturen des sozialistischen Milieus.«[62]

   Während vieles im Alltagsleben auch in der Diktatur gleich bleibt und gleichsam die Benutzeroberfläche des gesellschaftlichen Funktionierens bildet, verändert sich politisch und kulturell zugleich Gravierendes. Die tiefe Spaltung, die die nationalsozialistische Gesellschaft in den zwölf Jahren von 1933 bis 1945 in eine Mehrheit der Zugehörigen und eine Minderheit der Ausgeschlossenen teilte, verfolgt nicht nur ein rassentheoretisch und machtpolitisch begründetes Ziel, sondern ist zugleich Mittel einer besonderen Form der gesellschaftlichen Integration. In vielen neueren historischen Arbeiten ist die Geschichte des »Dritten Reiches« unter Gesichtspunkten der sozialen Differenzierung betrachtet worden: Saul Friedländer hat das Augenmerk in besonderem Maße auf die antijüdische Praxis, die Verfolgung und die Vernichtung gelegt,[63] Michael Wildt auf die besonders in der formativen Phase des »Dritten Reiches« ausgeübte Gewalt als Mittel der Vergemeinschaftung.[64] Peter Longerich hat herausgearbeitet, dass die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden keineswegs einen beiläufigen, eigentümlich sinnlosen Bestandteil nationalsozialistischer Politik bildete, sondern ihr Zentrum: Die »Entjudung« der deutschen Gesellschaft (und auch weiter Teile Europas) war »das Instrument, um nach und nach die einzelnen Lebensbereiche zu durchdringen«.[65] Genau darüber vollzieht sich eine Umformatierung moralischer Standards, eine deutliche Veränderung in dem, was man im Umgang mit Menschen für »normal« und »anormal«, für »gut« und »böse«, für angemessen und empörend hält. Die nationalsozialistische Gesellschaft wird nicht unmoralisch, nicht einmal die Massenmorde gehen, wie vielfältig angenommen, auf einen moralischen Verfall zurück. Vielmehr sind sie Ergebnis der erstaunlich schnellen und tiefgreifenden Etablierung einer »nationalsozialistischen Moral«, die Volk und Volksgemeinschaft als Bezugsgrößen moralischen Handelns definiert und andere Werte und Normen des Sozialen etabliert, als sie zum Beispiel in der demokratischen Nachkriegszeit in Geltung waren.[66] Zu diesem moralischen Kanon zählen nicht Gleichheits-, sondern Ungleichheitswerte, nicht der Wert des Individuums, sondern der des biologisch definierten »Volkes«, nicht universelle, sondern partikulare Solidarität. So wurde, um nur ein Beispiel nationalsozialistischer Moral zu nennen, erst im Nationalsozialismus der Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung strafbar, fand seinen Geltungsbereich aber nur innerhalb der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und war etwa auf unterlassene Hilfe gegenüber verfolgten Juden nicht anwendbar.[67] Solche partikulare Moral kennzeichnet das nationalsozialistische Projekt in toto – auch die erträumte europäische Ordnung, gar die Weltherrschaft unter dem Hakenkreuz wurde ja als eine radikal ungleiche Welt gedacht, in der Angehörigen unterschiedlicher Rassen auch eine unterschiedliche rechtliche Behandlung zuteil geworden wäre.
   Obwohl das »Dritte Reich« in vielerlei Hinsicht eine moderne Gesellschaft des 20. Jahrhunderts und die völkische Traditionspflege eher rückfällige Folklore als zentrales integrierendes Element war, bezog das nationalsozialistische Projekt seine politische und psychosoziale Durchschlagskraft aus der gesellschaftlichen Umsetzung der Behauptung, dass Menschen radikal und unüberbrückbar ungleich seien. Das war keine nationalsozialistische Erfindung, sondern wanderte im 19. Jahrhundert von der Biologie in die politische Theorie ein und wurde im 20. Jahrhundert an verschiedenen Stellen, etwa in der Sterilisationsgesetzgebung oder in Eugenik und Euthanasie, wirkungsmächtig.[68] Aber nur in Deutschland wird die Rassentheorie zum politischen Programm – neben dem Kommunismus übrigens zum einzigen, das wissenschaftlich begründet wird: »Nationalsozialismus ist nichts anderes als angewandte Biologie«, wie Rudolf Heß formulierte.[69]
   Die soziale Praxis des »Dritten Reiches« bestand denn auch von Anfang an darin: über einzelne Aktionen negativ die »Judenfrage« und positiv die »Volksgemeinschaft« zum Thema zu machen, und dieses Thema dann mit antijüdischen Maßnahmen, Verordnungen, Gesetzen, Beraubungen, Deportationen etc. permanent zum Gegenstand von Handeln zu machen. Saul Friedländer hat den Funktionsmodus der Formierung der nationalsozialistischen Gesellschaft treffend auf die Formel »Repression und Innovation« gebracht. Da zugleich aber vieles in der Gesellschaft ganz wie gewohnt blieb, muss man im Auge behalten, dass für die nichtjüdischen Deutschen Innovation und Repression nur einen Teil, und oft nicht einmal den wichtigsten ihrer Lebenswelt ausmachten. Die Gemengelage besteht mithin aus Kontinuität, Repression und Innovation.
   Insgesamt muss das nationalsozialistische Projekt als ein hochintegrativer gesellschaftlicher Prozess betrachtet werden, der Ende Januar 1933 begann und mit der endgültigen Niederlage im Mai 1945 zu Ende ging. Dabei spielt die sich in unterschiedlichen Intensitätsschüben vollziehende Ausgrenzung, Ausschließung und Beraubung der Nicht-Zugehörigen eine entscheidende Rolle, weil sie mit vielen sinnfälligen symbolischen und materiellen Aufwertungen der Gruppe der Zugehörigen einhergeht. Daraus schöpft das nationalsozialistische Projekt seine psychosoziale Attraktivität und Durchschlagskraft.
   Unmittelbar nach dem 30. Januar 1933 setzte eine ungeheuer beschleunigte Praxis der Ausgrenzung ein, von Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftlern und vor allem von Juden, und zwar ohne relevanten Widerstand der Mehrheitsbevölkerung – obwohl mancher über den »SA- und Nazipöbel« die Nase rümpfte oder die einsetzende Kaskade der antijüdischen Maßnahmen als unfein, ungehörig, übertrieben oder einfach als inhuman empfand. Das Bündel an Maßnahmen verzeichnet etwa das Verbot für Juden in Köln, die städtischen Sportanlagen zu benutzen (März 1933), den Ausschluss aller jüdischen Boxer aus dem deutschen Boxer-Verband und jüdischer Vornamen aus dem Buchstabierverzeichnis im Telefonverkehr (April 1933) oder die Untersagung für Juden, Jahrmarktstände zu mieten (Mai 1933).[70]
   Besonders bemerkenswert an diesen willkürlich herausgegriffenen Beispielen ist zum einen die Kreativität im Auffinden der unterschiedlichsten Aspekte des »Jüdischen«, wie bei der Buchstabierliste für den Telefonverkehr, zum anderen das freiwillige, oft vorauseilende Praktizieren antijüdischer Ausgrenzungsmaßnahmen durch Privatpersonen in Vereinsfunktionen oder durch Kommunalbeamte, die die entsprechenden Maßnahmen durchaus nicht hätten ergreifen müssen, sondern aus freien Stücken ergriffen haben. Das verweist nicht nur auf anti-soziale Bedürfnisse, die nun unter den neuen Verhältnissen freudig befriedigt werden, sondern auch darauf, dass solche Maßnahmen innerhalb der entsprechenden Vereine, Verbände und Kommunen bei Nicht-Betroffenen auf Zustimmung, jedenfalls nicht auf Protest oder gar auf Widerstand stoßen.
   Im sozialen Alltag des Nationalsozialismus sind solche Maßnahmen, die andere treffen, aber von Nicht-Betroffenen natürlich zur Kenntnis genommen werden, allgegenwärtig. Kaum ein Tag verging ohne eine neue Maßnahme. Unter den antijüdischen Gesetzen, die die normsetzende Spitze dieses Eisbergs ausgrenzender Praxis bilden, ist das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 hervorzuheben, das unter anderem die Versetzung aller »nicht-arischen« Beamten in den Ruhestand vorsah. Noch im selben Jahr wurden 1200 jüdische Professoren und Dozenten entlassen – keine einzige Fakultät protestierte dagegen. Am 22. April werden nichtarische Kassenärzte aus den kassenärztlichen Vereinigungen ausgeschlossen.[71] Am 14. Juli 1933 wird das »Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses« verabschiedet.
   All dies geht vor sich, ohne dass sich irgendwo Widerspruch artikulierte, gleichgültig ob es um die Repression Einzelner oder die Diskriminierung der jüdischen Deutschen insgesamt ging. »Als jüdische Kollegen entlassen wurden, äußerte kein deutscher Professor öffentlichen Protest; als die Zahl der jüdischen Studenten drastisch reduziert wurde, regte sich in keiner Universitätskommission und bei keinem Fakultätsmitglied Widerstand; als im ganzen Reich Bücher verbrannt wurden, brachte kein Intellektueller in Deutschland und auch niemand sonst im Lande offen irgendwelche Scham zum Ausdruck.«[72]
   Wie immer auch die Gesetze und Maßnahmen bei den einzelnen Volksgenossinnen und Volksgenossen »privat« ankamen – in dieser frühen Phase der Repression, die ja zumindest auch für die Nicht-Betroffenen einen erheblichen Wertewandel hinsichtlich zwischenmenschlicher Umgangsformen und Gerechtigkeitsvorstellungen bedeutete, artikulierte sich öffentlich keinerlei Unmut. Aber was heißt eigentlich Nicht-Betroffene? Wenn man den Vorgang der Ausgrenzung, Beraubung und Vernichtung als einen Handlungszusammenhang betrachtet, ist es logisch unmöglich, von Nicht-Betroffenen zu sprechen: Wenn eine Personengruppe auf solch schnelle, verdichtete, öffentliche und nicht-öffentliche Weise aus dem Universum der moralischen Verbindlichkeit ausgeschlossen wird, dann bedeutet das umgekehrt, dass sich der wahrgenommene und gefühlte Stellenwert der Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft erhöht.
   »Schicksal«, hat Raul Hilberg einmal lapidar formuliert, »ist eine Interaktion zwischen Tätern und Opfern.« Psychologisch ist es kein Wunder, dass die praktische Umsetzung der Theorie von der Herrenmenschenrasse äußerst zustimmungsfähig war. Vor dem Hintergrund dieser in Gesetze und Maßnahmen gegossenen Theorie konnte sich nämlich noch jeder sozial deklassierte ungelernte Arbeiter ideell jedem jüdischen Schriftsteller, Schauspieler oder Geschäftsmann überlegen fühlen, zumal wenn der ablaufende gesellschaftliche Prozess dann auch die faktische soziale und materielle Deklassierung der Juden durchsetzte. Die Aufwertung, die der einzelne Volksgenosse auf diese Weise erfährt, besteht auch im Gefühl einer relativ verringerten sozialen Gefährdung – einem ganz neuen Lebensgefühl in einer exklusiven Volksgemeinschaft, zu der man nach den wissenschaftlichen Gesetzen der Rassenauslese so unabänderlich gehörte, wie die anderen genauso unabänderlich niemals gehören konnten.
   Während es den einen zunehmend schlechter ging, fühlten sich die anderen immer besser. Das nationalsozialistische Projekt bot ja nicht nur eine glanzvoll ausgemalte Zukunft, sondern auch ganz handfeste Gegenwartsvorteile wie zum Beispiel Karrierechancen. Der Nationalsozialismus hatte eine extrem junge Führungselite, und nicht wenige gerade der jüngeren Volksgenossinnen und -genossen konnten große persönliche Hoffnungen mit dem Siegeszug der »arischen Rasse« verbinden.[73] Vor diesem Hintergrund ist die enorme Freisetzung von individueller und kollektiver Energie zu verstehen, die diese Gesellschaft kennzeichnete. »Die NSDAP stützte sich auf die Lehre von der Ungleichheit der Rassen und versprach den Deutschen im selben Atemzug mehr Chancengleichheit (…). Aus der Innenschau schien sich im Rassenkampf ein Ende des Klassenkampfes anzudeuten. So gesehen, propagierte die NSDAP eine der sozial- und nationalrevolutionären Utopien des vergangenen Jahrhunderts. Daraus bezog sie ihre verbrecherischen Energien. Hitler sprach vom ›Aufbau des sozialen Volksstaats‹, eines ›Sozialstaats‹, der vorbildlich sein werde und in dem ›alle (sozialen) Schranken immer mehr einzureißen‹ seien.«[74]
   Als reine Propaganda wäre die gesellschaftliche Transformation, die das »Dritte Reich« so rapide durchlief, nicht wirkmächtig gewesen. Das zentrale Charakteristikum des nationalsozialistischen Projekts besteht in der unmittelbaren Umsetzung seiner ideologischen Postulate in eine greif- und fühlbare Wirklichkeit. Damit veränderte sich die Welt tatsächlich; die Gefühle des Aufbruchs, des Lebens in einer »großen Zeit«, in einem, wie Götz Aly formuliert hat, »permanenten Ausnahmezustand« etablieren jenseits der puren Zeitungsnachrichten einen neuen Referenzrahmen. Interviews mit ehemaligen Volksgenossinnen und -genossen legen bis heute Zeugnis ab von der psychosozialen Attraktivität und emotionalen Bindungskraft dieses Ein- und Ausschließungsprozesses. Nicht umsonst besteht bis heute weitgehende Übereinstimmung unter den Zeitgenossen, dass das »Dritte Reich« mindestens bis Stalingrad als »schöne Zeit« zu beschreiben sei.[75] Die Ausgrenzung, Verfolgung und Beraubung der Anderen wurde kategorial nicht als solche erlebt, weil diese Anderen per definitionem eben schon gar nicht mehr dazugehörten und ihre antisoziale Behandlung den Binnenbereich der Moralität und Sozialität der Volksgemeinschaft gar nicht mehr berührte.
   Man kann zur Rekonstruktion des Wertewandels im nationalsozialistischen Deutschland, der sich als fortschreitende Normalisierung radikaler Ausgrenzung bezeichnen lässt, zeitgenössische Quellen heranziehen,[76] die auf der Mikroebene des sozialen Alltags nachzeichnen, wie in verblüffend kurzer Zeit Menschengruppen aus dem Universum der sozialen Verbindlichkeit ausgeschlossen werden – aus jenem Universum also, in dem Normen wie Gerechtigkeit, Mitleid, Nächstenliebe etc. noch in Kraft sind, aber nicht mehr für diejenigen gelten, die per definitionem aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sind.
   Die tiefe Spaltung der deutschen Gesellschaft lässt sich auch an Umfragedaten ablesen: So zeigt eine retrospektive Befragung mit 3000 Personen, die in den 1990er Jahren durchgeführt wurde, dass nahezu drei Viertel der vor 1928 geborenen Befragten niemanden kannten, der aus politischen Gründen mit der Staatsgewalt in Konflikt geraten war und deshalb verhaftet oder verhört worden war.[77] Noch mehr Befragte gaben an, sich selbst niemals bedroht gefühlt zu haben, und das, obwohl in derselben Befragung zu hohen Anteilen angegeben wird, dass man illegale Radiosender gehört oder Witze über Hitler und kritische Äußerungen über die Nazis gemacht habe.[78]
   Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser Studie liegt auch darin, dass sich im Nachhinein jeweils zwischen einem Drittel und mehr als der Hälfte der Befragten dazu bekennen, an den Nationalsozialismus geglaubt, Hitler bewundert und nationalsozialistische Ideale geteilt zu haben.[79] Ein ähnliches Bild zeichnet eine Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 1985. Die Befragten, die 1945 mindestens 15 Jahre alt gewesen sein mussten, bekennen hier zu 58 Prozent, an den Nationalsozialismus geglaubt zu haben, 50 Prozent sahen ihre Ideale in ihm verkörpert, 41 Prozent bewunderten den Führer.[80]
   Dabei zeigt sich auch, dass die Zustimmung zum NS-System mit dem Niveau des Bildungsabschlusses steigt – was dem gängigen Vorurteil zuwiderläuft, dass Bildung vor gegenmenschlichen Einstellungen schützt.[81] Mit steigender Bildung stieg auch die Zustimmung zu Hitlers Welt, und die Aspekte, die seiner Politik positiv zugeschrieben werden, sind auch in dieser Studie die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Kriminalität sowie der Bau der Autobahnen. Ein Viertel der Befragten betonen noch ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des »Dritten Reiches« das Gemeinschaftsgefühl, das damals herrschte.[82]
   Dieses freilich bezog sich auf die Mitglieder der Volksgemeinschaft, und deren Gemeinschaft wurde gerade dadurch gestiftet, dass nicht jeder zu ihr gehören konnte. Das verbreitete Gefühl, nicht bedroht zu sein und keinerlei Repression zu unterliegen, beruhte auf einem starken Gefühl der Zugehörigkeit, deren Spiegelbild die täglich demonstrierte Nicht-Zugehörigkeit von anderen Gruppen, insbesondere von Juden, war.
   Eine Möglichkeit, solche changierenden Phänomene wie Systemvertrauen, Skepsis oder Stimmung retrospektiv zu messen, besteht darin, Verhalten zu ermitteln – also etwa zu rekonstruieren, bis wann die Volksgenossen ihr Sparvermögen staatlichen Banken anvertrauten und ab wann es ihnen doch sicherer erschien, es zu privaten Geldinstituten zu tragen, oder herauszufinden versuchen, ab wann trauernde Familienangehörige mehrheitlich damit aufhörten, in Anzeigen mitzuteilen, der Sohn sei »für Führer, Volk und Vaterland« gefallen, und stattdessen nur noch schlicht das Vaterland oder gar kein Moment der Sinngebung mehr erwähnten. So hat Götz Aly etwa mittels einer »Adolf-Kurve« erhoben, wie sich die Namensvorlieben von 1932 bis 1945 wandelten, wie die Zahl der Kirchenaustritte schwankte, wie sich das Sparverhalten änderte und in welchem Ausmaß der feine Unterschied in Todesanzeigen markiert wurde. Mit den Ergebnissen solcher Untersuchungen lässt sich plausibel argumentieren, dass die Stimmung der Volksgenossinnen und -genossen zwischen 1937 und 1939 den Gipfel erreicht hatte und erst ab 1941 rapide zu sinken begann.[83] Man kann zum Systemvertrauen auch zählen, dass bis November 1940 300 000 Volksgenossen Sparbriefe für den KdF-Wagen, später Volkswagen, erwarben.[84]
   Die Gründe für diese Zustimmung zum und das Vertrauen in das System sind sozialpsychologisch nicht rätselhaft: Der wirtschaftliche Aufschwung in den Jahren ab 1934, das erste deutsche (und auch schon so genannte) »Wirtschaftswunder«, fand zwar nicht auf soliden volkswirtschaftlichen Fundamenten statt, sondern war weitgehend schulden- und raubfinanziert,[85] führte aber zu einer gefühlten Aufbruchs- und Siegerstimmung, die sich heute noch aus Zeitzeugeninterviews ablesen lässt. Dazu kamen die sozialen Innovationen, die tief in das Lebensgefühl reichten – 1938 nahm jeder dritte Arbeiter an einer Kraft-durch-Freude-Ferienreise teil, zu einer Zeit, als das Reisen, zumal ins Ausland, den Status eines Privilegs für Begüterte hatte. »Es ist lange übersehen worden«, so Hans Dieter Schäfer, »dass sich der soziale Aufstieg im Dritten Reich nicht nur symbolisch vollzog. Grunberger berichtete, dass die Gesamtaufstiegsmobilität während der sechs Friedensjahre des NS-Regimes doppelt so groß gewesen sei wie während der letzten sechs Jahre der Weimarer Republik; die staatlich-bürokratischen Organisationen und privatwirtschaftlichen Verbände hatten eine Million Menschen, die aus der Arbeiterschaft kamen, absorbiert.«[86] Die Massenarbeitslosigkeit wurde bis 1938 beseitigt, 1939 wurden 200 000 ausländische Arbeiter wegen akutem Arbeitskräftemangel angeworben.[87] Mit anderen Worten: Es ging den Zugehörigen fühlbar besser als vor dem Nationalsozialismus, und die faktische Umsetzung von sozialen Versprechungen wie der Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit führte gerade vor dem Hintergrund der wirtschaftlich negativen Erfahrung mit der Weimarer Republik zu einem tiefen Systemvertrauen.
   Diese Form der materiellen und psychozialen Integration bei gleichzeitiger Desintegration der Nicht-Zugehörigen sorgt für einen fundamentalen gesellschaftlichen Wertewandel. 1933 hätten es die allermeisten Bürgerinnen und Bürger für völlig undenkbar gehalten, dass nur wenige Jahre später unter ihrer tätigen Teilhabe die Juden nicht nur ihrer Rechte und Besitztümer beraubt, sondern zur Tötung abtransportiert würden. Welcher Wertewandel bis dahin stattgefunden hatte, wird klar, wenn man sich im Rahmen eines Gedankenexperiments vorstellt, die Deportationen hätten schon im Februar 1933, unmittelbar nach der sogenannten Machtergreifung, begonnen. Da wäre die Abweichung von den Normalitätserwartungen der Mehrheitsbevölkerung zu groß gewesen, als dass sie hätten reibungslos vonstatten gehen können – ganz abgesehen davon, dass eben die Folge Ausgrenzung – Entrechtung – Beraubung – Deportation (– Vernichtung) zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gedacht wurde, ja, vielleicht nicht einmal denkbar war. Nur acht Jahre später war diese Form des Umgangs mit Anderen Bestandteil dessen geworden, was man erwarten konnte und was deshalb kaum noch jemand als außergewöhnlich empfand. Man sieht, dass die Verschiebung sogar ganz grundlegender sozialer Referenzlinien nicht einmal eines generationellen Wechsels oder jahrzehntelanger Entwicklung bedarf; es genügen ein paar Jahre. Dieselben Bürgerinnen und Bürger, die 1933 so skeptisch wie Sebastian Haffner auf die »Machtergreifung« der Nazis reagiert hatten, sehen ab 1941 die Deportationszüge vom Bahnhof Grunewald in Berlin abfahren, nicht wenige von ihnen haben inzwischen »arisierte« Kücheneinrichtungen, Wohnzimmergarnituren oder Kunstwerke gekauft, einige führen Geschäfte oder wohnen in Häusern, die den jüdischen Besitzern genommen worden sind. Und finden das völlig normal.
   Das alles bedeutet aber zugleich, man muss sich von der Vorstellung freimachen, dass es bei Gesellschaftsverbrechen auf der einen Seite Täter gibt, die Verbrechen planen, vorbereiten und ausführen, und auf der anderen Seite Unbeteiligte oder Zuschauer, die in mehr oder weniger großem Umfang von diesen Taten »wissen«. Mit solchen Personenkategorien kann der Handlungszusammenhang, der schließlich in den Krieg, in das Massensterben und in die Vernichtung führte, nicht angemessen beschrieben werden. Es gibt nämlich in einem solchen Zusammenhang keine Zuschauer, es gibt auch keine Unbeteiligten. Es gibt nur Menschen, die gemeinsam, jeder auf seine Weise, der eine intensiver und engagierter, der andere skeptischer und gleichgültiger, eine gemeinsame soziale Wirklichkeit herstellen. Die bildet zugleich den Referenzrahmen des »Dritten Reiches«, also jenes mentale Orientierungssystem, mit dem die nichtjüdischen Deutschen jener Zeit deuten, was geschieht.
   Den wesentlichen Anteil daran hat eine veränderte Praxis. Wie schon gesagt, gab es an keiner Stelle öffentliche Proteste gegen die antijüdische Politik und kein Aufbegehren gegen das, was den Juden konkret widerfuhr. Daraus ist keine durchgängige Zustimmung zu den antijüdischen Repressionen abzuleiten, aber es ist die Passivität, die repressive Toleranz, das Auslagern von Kritik in das private Gespräch unter seinesgleichen, was die politisch initiierte Repression in alltägliche gesellschaftliche Praxis übersetzt. In der praktizierten Ein- und Ausgrenzung nationalsozialisiert sich die Gesellschaft, und man überschätzt die Ideologie und unterschätzt die praktische Teilhabe der Zugehörigen, wenn man den mentalen Strukturwandel der NS-Gesellschaft einseitig auf das propagandistische, legislative und exekutive Wirken des Regimes zurückführt: Es ist der Handlungszusammenhang aus politischer Initiative und privater Aneignung und Umsetzung, der das nationalsozialistische Projekt innerhalb so erstaunlich kurzer Zeit so zustimmungsfähig macht. Man könnte das eine partizipative Diktatur nennen, zu der die Mitglieder der Volksgemeinschaft gern auch dann ihren Teil beitragen, wenn sie gar keine »Nazis« sind.
   So wird ein Handlungszusammenhang sichtbar, in dem veränderte Normen nicht vertikal von oben nach unten durchgesetzt werden, sondern in dem auf praktische und sich kontinuierlich verschärfende Weise das Verhältnis zwischen den Menschen entsolidarisiert wird und sich eine neue soziale »Normalität« etabliert. In dieser Normalität mag es zwar ein Durchschnittsvolksgenosse noch 1941 für undenkbar halten, dass Juden umstandslos getötet werden, aber nichts Bemerkenswertes darin sehen, wenn Ortsschilder verkünden, dass der entsprechende Ort »judenfrei« sei, dass Parkbänke nicht von Juden benutzt werden dürfen, und auch nicht mehr darin, dass die jüdischen Bürger entrechtet und beraubt werden.
   Diese Skizze zur Formierung der partizipativen Ausgrenzungsgesellschaft mag genügen, um die bis 1941 kontinuierlich wachsende Systemzufriedenheit und -zustimmung zu erklären. Andere Gründe für diese Zustimmungsbereitschaft liegen in den außenpolitischen »Erfolgen« und im Hitler’schen »Wirtschaftswunder«, was – wenn auch in jeder Hinsicht auf halsbrecherische Weise realisiert – den Volksgenossinnen und -genossen das Gefühl gab, in einer Gesellschaft zu leben, die ihnen viel zu geben hatte. In diesen Referenzrahmen des »Dritten Reiches« ordnen die Soldaten, die in den Krieg ziehen, ihre Wahrnehmungen, Deutungen und Schlussfolgerungen, vor diesem Hintergrund interpretieren sie den Zweck des Krieges, kategorisieren sie ihre Gegner, deuten sie Niederlagen und Erfolge. Dass dieser Referenzrahmen durch die konkrete Erfahrung des Krieges dann mehr und mehr modifiziert wird, deutet zwar an, dass mit der Dauer des Krieges und des ausbleibenden Erfolgs sukzessive auch die Zuversicht in Bezug auf die »Realisierung des Utopischen« (Hans Mommsen) schwindet, setzt aber die grundlegenden Vorstellungen über die Ungleichheit von Menschen, das Recht des Blutes, die Überlegenheit der arischen Rasse etc. nicht automatisch außer Kraft. Noch weniger wird durch den Kriegsverlauf der Referenzrahmen dritter Ordnung, hier der militärische, fragwürdig. Davon wird im folgenden Kapitel die Rede sein.

Der Referenzrahmen des Krieges

Gesellschaft

   Die Umwandlung einer 100 000 Mann starken Reichswehr innerhalb von nur sechs Jahren in eine 2,6 Millionen Männer zählende Wehrmacht, die 1939 den Krieg gegen Polen begann, war nicht nur ein Akt der materiellen Aufrüstung. Sie wurde begleitet von der Verfestigung eines Referenzrahmens, in dem das Militärische in einer zeit- und nationaltypischen Signatur positiv konnotiert war. Staats- und Militärführung legten viel Wert darauf, genuin militärische Werte im Referenzrahmen der Deutschen zu verankern, um das Volk auch geistig kriegsbereit zu machen und eine geeinte, wehrwillige »Schicksalsgemeinschaft« zu formen. Sie zogen dabei an einem Strang, und es gelang ihnen, die deutsche Gesellschaft in erheblichem Maße zu militarisieren.[88] Die Wehrhaftmachung des deutschen Volkes wurde in den zahllosen Parteiorganisationen, allen voran HJ, SA und SS, im Reichsarbeitsdienst und mit der 1935 wieder eingeführten Wehrpflicht in einem bis dato unbekannten Ausmaß praktiziert. Zweifellos bejubelten die Deutschen den Krieg im September 1939 nicht wie 1914 – im Gegenteil. Wichtiger ist allerdings, dass sich im Verlauf des Krieges 17 Millionen Männer problemlos in die Wehrmacht integrierten und so erst die Fortführung des Kampfes bis 1945 möglich machten. Der Erfolg der wehrgeistigen Durchdringung der deutschen Gesellschaft lag somit nicht so sehr darin, dass alle Männer den Krieg befürworteten, sondern dass sich ein Rahmen ausgebildet hatte, der sie das Wertesystem des Militärs teilen oder doch zumindest nicht in Frage stellen ließ. Dies kann freilich nicht nur mit den massiven propagandistischen Bemühungen von NS- und Wehrmachtführung erklärt werden. Vielmehr hatte sich bereits in den Jahrzehnten zuvor eine Radikalisierung des Militärischen vollzogen, worauf die Nationalsozialisten aufbauen konnten.
   Letztlich haben vor allem die erfolgreichen Einigungskriege 1864–1871 die genuin militärischen Werte tief in der deutschen Gesellschaft verankert, und sie wurden auch von Personen geteilt, die dem Staat kritisch gegenüberstanden.[89] Norbert Elias führt die Entstehung einer militärisch geprägten Empfindens- und Verhaltenstradition darauf zurück, dass die Siege von 1866 und 1871 unter der Führung traditioneller aristokratischer Eliten errungen worden waren, was zu einer Abkehr von den Idealen des bürgerlichen Moralkanons und zur Orientierung am Ehrenkanon der traditionellen Oberschichten führte – mit der Folge einer normativen Herabsetzung humanistischer Ideale und Gleichheitsvorstellungen. »Ehrenfragen rangierten hoch, Moralfragen niedrig. Probleme der Humanität, der Identifizierung von Mensch zu Mensch waren aus dem Gesichtskreis verschwunden, und im Großen und Ganzen wurden diese früheren Ideale als Schwäche sozial niedrigstehender Schichten negativ bewertet.«[90] Elias spricht von einem »Gestaltwandel« im deutschen Bürgertum, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen habe, in dem Fragen der Ehre, der Ungleichheit von Menschen, der Satisfaktionsfähigkeit, der Nation und des Volkes zunehmend größere Bedeutung zukam als den Idealen der Aufklärung und des Humanismus. Dieser sich etablierende Ehrenkanon umfasste eine strikte »Hierarchisierung der menschlichen Beziehungen« ebenso wie eine »klare Ordnung des Befehlens und Gehorchens«, während der bürgerlich-mittelständische Kanon »explizit den Anspruch auf Geltung für alle Menschen zu erheben scheint und so implizit das Postulat der Gleichheit aller Menschen bekundet«.[91]
   Im neuen Rahmen einer streng hierarchisierten Gesellschaft entwickelte das aufstrebende Bürgertum bald einen radikaleren Militarismus, der – anders als jene auf die innenpolitische Vorherrschaft des Adels abzielenden Vorstellungen – ein möglichst großes Gewaltpotential nach außen entwickeln sollte, um deutsche Weltmachtansprüche durchzusetzen. Basierend auf Sozialdarwinismus, Rassismus und Nationalismus entwarf die bürgerliche Rechte – so wie in vielen anderen Ländern auch – die dezidiert antikonservative Vorstellung eines radikalen Volkskrieges über Sein oder Nichtsein.[92]
   In den letzten Friedensjahren vor 1914 konnten sich diese Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs nur teilweise durchsetzen, erst im Verlauf des Ersten Weltkrieges gelang ihnen der endgültige Durchbruch. Paradigmatisch steht dafür der Aufstieg Erich Ludendorffs[93] zur zentralen Figur der neuen industrialisierten Kriegführung der Massenheere. Die Ausbreitung von gesellschaftlichen Modellen der Gewalttätigkeit und der sozialen Ungleichheit wurde dadurch weiter befördert, ebenso wie Tapferkeit, Mut, Gehorsam, Pflichterfüllung eine noch höhere Wertigkeit erhielten. Das Ideal vom Heldentod, vom Soldaten, der seine Stellung bis zur letzten Patrone verteidigte, erlebte zumindest in Offizierskreisen eine neue Blüte.[94]
   All dies war kein singulär deutsches Phänomen, sondern eingebettet in eine gesamteuropäische Entwicklung. Der Rückgriff auf den Mythos vom Kampf Leonidas’ an den Thermopylen und den in den Napoleonischen Kriegen entstandenen Topos vom Kampf bis zur letzten Patrone war auch in Großbritannien oder Frankreich wirkungsmächtig.[95]
   In den Friedensjahren der Weimarer Republik propagierten weite Teile der Gesellschaft den nationalen Wehrgedanken und die Idee des wehrhaften Staates als Antwort auf den Versailler Vertrag und die Ohnmacht des Staates.[96] Die Schlussfolgerung aus der Niederlage von 1918 lag demnach auf der Hand: Volk und Staat mussten sich schon im Frieden auf den nächsten, diesmal nicht nur halbherzig geführten Totalen Krieg vorbereiten.[97] Und das bedeutete unter den Rahmenbedingungen der Weimarer Republik vor allem eine geistige Vorbereitung. Der männlichen Jugend sollten in der deutschen »Wehrmacht« – der Begriff tauchte bereits 1919 in der Reichsverfassung und im Wehrgesetz von 1921 auf – »Manneszucht und Mannestugenden« anerzogen werden. Damit lag man ganz in der Traditionslinie des von Ludendorff erdachten »vaterländischen Unterrichts« des Jahres 1917. Der Krieg sollte mental vorbereitet werden, indem Mut, Begeisterung und Aufopferungsfähigkeit gefördert wurden.[98] Die Literaten des »Soldatischen Nationalismus« wie Ernst Jünger, Edwin Dwinger oder Ernst von Salomon haben den metaphysisch-abstrakten Kriegskult hunderttausendfach in ihren Büchern unters Volks gebracht und wurden dabei unterstützt von einer Vielzahl von rechtsnationalen Organisationen wie dem »Stahlhelm«. Im Dezember 1918 gegründet, hatte er Mitte der 1920er Jahre 400 000 bis 500 000 Mitglieder, die allesamt ehemalige Frontkämpfer waren. Der Krieg und ein verklärender Frontkämpfermythos waren die zentralen Diskussionsthemen des Verbandes, ebenso wie der Kampf gegen jegliche »Weichheit« und »Feigheit«.[99]
   Der Wehrgedanke stützte sich allerdings nicht nur auf die rechten Parteien – allen voran die Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Er war hier nur besonders aggressiv und pointiert vertreten. Die positive Konnotation des Militärs und des Kampfes war in fast allen gesellschaftlichen Gruppen festzustellen, wenngleich auch mit je eigenen Akzenten. Während die Studentenschaft und der Protestantismus eine große Nähe zum Militarismus der rechten Parteien aufwiesen, war der Katholizismus hier deutlich zurückhaltender, wobei er dem wachsenden Militarismus in der Gesellschaft immer weniger entgegenzustellen vermochte. Der Linksliberalismus unterstützte einen defensiven Wehrgedanken im Sinne einer Vaterlandsverteidigung, während es innerhalb der SPD starke radikalpazifistische Strömungen gab. Aber auch in ihren Reihen gewannen am Ende der Weimarer Republik wehrhaft-nationale Gedanken an Raum. Dies gilt insbesondere für das »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«, den Kampfbund gegen rechts, der zwar Angriffskriege ablehnte, aber durch sein militantes Auftreten und die Ideen zum Aufbau einer Volksmiliz als Armeereserve dem Wehrgedanken nicht abgeneigt war.[100] Ebenso sprach die KPD von der Verbreitung des Gedankens der proletarischen Wehrhaftmachung;[101] ihr halbmilitärisch organisierter Rotfrontkämpferbund verfügte sogar über Waffen.
   Den Siegeszug erlebte der Wehrgedanke dann ab Ende der 1920er Jahre, als die Verkaufszahlen der Bücher des soldatischen Nationalismus rasant anstiegen[102] und nun Massenauflagen erreichten. Der spektakuläre Erfolg des Antikriegsromans »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque blieb ein Einzelfall, der von keinem anderen militärkritischen Buch auch nur annähernd erreicht werden konnte. Im Gegenteil, Remarques Roman und seine Verfilmung riefen heftige Reaktionen hervor, die deutlich machten, in welchem Ausmaß sich weite Teile der Gesellschaft einer militaristisch-verklärenden Sicht des Ersten Weltkrieges angeschlossen hatten. Dies war im Übrigen auch an dem zunehmend heroisierenden Totenkult abzulesen. In der Denkmalgestaltung wich die Visualisierung der Trauer um die Gefallenen des Ersten Weltkriegs Ende der 1920er Jahre der Mystifizierung des wehrhaften Frontsoldaten.[103] Die erfolgreichen Schlachten des Ersten Weltkrieges, aber auch die Siege in den Befreiungs- und Einigungskriegen waren im öffentlichen Raum nunmehr omnipräsent. Stimmen, die sich gegen eine Verklärung der militärischen Vergangenheit stellten sowie Soldaten oder Armee aus pazifistischen Überlegungen heraus negativ sahen, vermochten sich gegen die gesellschaftliche Mehrheit nicht durchzusetzen.
   Die Reichswehr profitierte von diesem Trend, denn die Forderungen aus ihren Reihen trafen nun auf ein breites gesellschaftliches Echo. Bereits 1924 hatte der Chef der Heeresabteilung im Truppenamt, Oberstleutnant Joachim von Stülpnagel, den Weg vorgegeben und die »moralische Vorbereitung von Volk und Heer auf den Krieg« gefordert. Weil die »Masse unseres Volkes« nicht vom »kategorischen Imperativ, für das Vaterland zu kämpfen und zu sterben«, durchdrungen sei, riet er unter anderem zur »nationalen und wehrhaften Erziehung unserer Jugend in Schule und Universität«, zur »Erzeugung von Haß gegen den äußeren Feind« sowie den staatlich geführten »Kampf gegen Internationale und Pazifismus, gegen alles Undeutsche«.[104] Nachdem der Kriegsminister Wilhelm Groener 1931 auch das Innenministerium übernahm, erhielt die Reichswehr auch Einfluss auf die Wehrhaftmachung der Jugend.[105]
   1933 war der Boden für eine umfassende Durchdringung der deutschen Gesellschaft mit dem Wehrgedanken somit längst bereitet. So kann es nicht verwundern, dass die rasante Aufrüstung nicht auf Widerstand stieß, zumal bei den »Blumenkriegen« ab 1936 – dem Einmarsch ins Rheinland, dem »Anschluss« Österreichs und der Besetzung des Sudetenlandes – kein Schuss abgegeben wurde und sich die Wehrmacht publikumswirksam als Garant der Beseitigung der Folgen von Versailles inszenierte.

Wehrmacht

   Am 25. Mai 1934 fixierten Reichspräsident Paul von Hindenburg und Kriegsminister Werner von Blomberg einen Pflichtenkatalog für die deutschen Soldaten. Demnach lagen die Wurzeln der Wehrmacht in einer ruhmreichen Vergangenheit, die Ehre des Soldaten im bedingungslosen Einsatz seiner Person für Volk und Vaterland bis zur Opferung seines Lebens. Die höchste Soldatentugend sei der kämpferische Mut. Der Katalog forderte Härte, Entschlossenheit und Gehorsam. Feigheit sei schimpflich, Zaudern unsoldatisch. Soldatisches Führertum beruhe auf Verantwortungsfreude, überlegtem Können und unermüdlicher Fürsorge, Führer und Truppe müssten eine unerschütterliche Kampfgemeinschaft von Kameraden bilden. Der Soldat solle dem Volk in freudig erfüllter Pflicht ein Vorbild an männlicher Kraft geben.[106]
   Dieser Forderungskatalog zeigt, dass sich die Wehrmacht zwar in die deutsche militärische Tradition stellte, aber zugleich auch neue Akzente setzen wollte. Der »bedingungslose Einsatz«, die »Opferung des Lebens«, die Betonung der »Härte« zeigen, wie sehr nun der Kampf als zentrales Element des Soldatentums herausgestellt wurde. In Anknüpfung an den Frontkämpfermythos des Ersten Weltkrieges galt die Bewährung im Kampf als höchstes Gut des Soldaten, alles andere war dem untergeordnet.[107] Diese Fixierung war keine leere Worthülse, sondern im Sprachgebrauch des militärischen Schriftverkehrs omnipräsent. Der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walter von Brauchitsch, betonte im Dezember 1938, es gelte, den Offizier als Kämpfer heranzuziehen, als »überzeugten Tatmenschen mit großer Gläubigkeit, frische, stahlharte Persönlichkeiten, willensstark, widerstandsfähig«.[108] Göring forderte 1936 von angehenden Luftwaffenoffizieren »Gehorsam, Heldenmut, Opfersinn und Kameradschaft«.[109]
   Im Zweiten Weltkrieg hat sich dieser Anforderungskatalog nicht wesentlich verändert. So charakterisiert der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Erich Raeder, im November 1941 den idealen deutschen Menschen als einen »Kämpfer im Geist und mit den Waffen, hart, genügsam, sorgfältig geschult, mit eigener Überzeugung und kraftvollem Willen, der für Deutschland arbeite und kämpfe bis zum letzten Hauch seiner Kraft«[110].
   Freilich ist das von der obersten Führung bedruckte Papier noch kein Beleg dafür, dass die Soldaten deren militärisches Wertesystem in ihren Referenzrahmen übernahmen. Wichtige Hinweise, dass dem so war, liefern die Personalakten. Jeder Offizier musste von seinen Vorgesetzten regelmäßig ausführlich beurteilt werden, wobei die Persönlichkeit, die Bewährung vor dem Feind, die dienstlichen Leistungen und die geistigen sowie körperlichen Anlagen zu bewerten waren. Ein Blick in diese nur selten ausgewertete, schier uferlose Quelle macht deutlich, wie sehr sich zumindest im Referenzrahmen des Offizierskorps die von der höchsten Führung gewünschte Formung eingestellt hatte. Demnach stellte man sich eine Persönlichkeit von »hoher kriegerischer Qualität«[111] so vor: Energisch und »willensstark«[112] sollte man sein, »tapfer und hart gegen sich selbst«[113]; »körperlich gewandt, zäh und ausdauernd«[114]. Tapferkeit, Schwung, Härte, Tatkraft, Entschlussfähigkeit sollten vorhanden sein, um eine gute Leistung bescheinigt zu bekommen und sich für eine Beförderung zu empfehlen. »Schwungvolle Persönlichkeiten«[115] und eine »straffe soldatische Haltung«[116] wurden lobend hervorgehoben. Wichtig war auch, als »krisenfest« zu gelten.[117] »Kennt keine Schwierigkeiten«, hieß es etwa über den späteren Generalleutnant Erwin Menny. Auch General Heinrich Eberbach ist von seinen Vorgesetzten im Verlauf seiner Karriere stets außergewöhnlich positiv beurteilt worden. Er sei ein »schneidiger, überlegter, schwersten Lagen gerecht werdender Panzerführer«. »Einer unserer besten«, hieß es. Als besonders positive Charaktermerkmale wurden festgehalten: »Tapfer, treu, fest.«[118] Auch Generalmajor Johannes Bruhn ist mehrfach sehr positiv bewertet worden: »Eine charakterlich und soldatisch besonders wertvolle Führerpersönlichkeit, die auch in den schwersten Lagen nie den Glauben verliert. Persönlich hervorragend tapfer, sechsmal verwundet.«[119] Wir werden diese Personen in den folgenden Kapiteln wieder antreffen. In der Luftwaffe sahen die Beurteilungen genauso aus wie beim Heer. Rüdiger von Heyking bewertete man als »starke, frische Persönlichkeit, Kommandeurstyp. Hält die Zügel seiner Division vom ersten Tage an fest in der Hand«.[120]
   Die Attribute eines negativen Soldatenbildes waren Weichheit, »Schwunglosigkeit«[121], fehlende »Spannkraft«[122], »mangelnde Willenshärte und Krisenfestigkeit«[123]. Über Generalmajor Albin Nake, Kommandeur der 158. Reservedivision, hieß es 1944: »Ein Kommandeur ostmärkischer Prägung, der nicht über die Härte u. Entschlußkraft verfügt, um die Div. in schwierigsten Lagen zu führen.«[124] Otto Elfeldt wurde kritisiert, weil er »seinen Kommandeuren ein zu grosses selbständiges Urteil« zubilligte[125] . Über Generalmajor Alexander von Pfuhlstein urteilte sein Vorgesetzter: »Pfuhlstein ist Pessimist. Wahrscheinlich bedingt durch seinen körperlichen Zustand. Er vermag nicht hart bis zur letzten Konsequenz zu sein. Es fehlt ihm das gläubige Vertrauen zur nat.soz. Idee. Aus diesem Grunde neigt er dazu, offensichtliches Versagen seiner Verbände zu entschuldigen.«[126] Diese Kritik führte zur sofortigen Ablösung Pfuhlsteins als Divisionskommandeur.
   Und auch Oberst Helmuth Rohrbach wurde im November 1941 als Regimentskommandeur abgelöst, weil »ein angeborener Pessimismus ihm jeweils die Schwierigkeiten als so gross erscheinen [liess], dass ihm der nötige Schwung fehlte, sie tatkräftig zu überwinden«.[127] Gegen Oberst Walther Korfes, Kommandeur des Grenadierregiments 726, wurde sogar eine Untersuchung eingeleitet, ob er am 9. Juni 1944 ehrenvoll in britische Gefangenschaft geraten war, weil er stets als »Skeptiker und Kritiker aus Prinzip« eingeschätzt worden war.[128]
   Die Beurteilungen in den Personalakten der Wehrmachtoffiziere legen indes den Schluss nahe, dass die ideologisch konnotierte Veränderung des militärischen Wertesystems durch den Nationalsozialismus in ihrer Wirkung begrenzt war. Interessanterweise taucht nämlich sowohl der Begriff des »Opfers« als auch jener des »Fanatismus« zumindest in den Heerespersonalakten – die von der Marine wurden größtenteils vernichtet – nicht auf. Nur bei der Beurteilung von SS-Offizieren konnte er bislang nachgewiesen werden. So heißt es über den SS-Obersturmbannführer Kurt Meyer am 29. April 1943, dass seine »ungeheuren Erfolge […] einzig und allein seinem fanatischen Kampfgeist und seiner umsichtigen Führung zu verdanken« seien.[129] Opfertum und Fanatismus sind zweifellos Indikatoren eines zunehmend ideologisch durchsetzten Wertesystems. Der von der NS-Propaganda vielbeschworene »politische Soldat« war eben nicht nur ein mutiger und tapferer, sondern vor allem ein fanatischer und opferbereiter Kämpfer. Bei jenen Offizieren, die überzeugte Nationalsozialisten waren, finden sich diese Schlagwörter denn auch wieder. Einer der Prominentesten ist Großadmiral Karl Dönitz. Als er am 30. Januar 1943 den Oberbefehl über die Kriegsmarine übernahm, stellte er klar, dass er mit »rücksichtsloser Entschlossenheit, fanatischster Hingabe, härtestem Siegeswillen«[130] zu führen gedenke. Und genau diese Hingabe forderte er in unzähligen Befehlen auch von seinen Soldaten. Damit stand er freilich nicht allein, der »Fanatismus« wurde in der zweiten Hälfte des Krieges zum allgegenwärtigen Topos im offiziellen Schriftverkehr der obersten Führung.
   Und dennoch ist es frappierend, festzustellen, dass dem im Herbst 1942 eingeführten Beurteilungskriterium »Nationalsozialistische Haltung« in den Personalakten der Offiziere offenbar kein großer Wert beigemessen wurde. In Teilen des Heeres scheint es geradezu Common Sense gewesen zu sein, diese politische Kategorie nicht zum entscheidenden Bewertungskriterium zu machen. Dementsprechend fand die Einschätzung »Nationalsozialist« oder »steht auf dem Boden des Nationalsozialismus« geradezu inflationär Verwendung, weshalb sich der Leiter des Personalamtes, Generalleutnant Rudolf Schmundt, im Juni 1943 darüber beklagte, die Begriffe würden so schematisch gehandhabt, dass »eine Wertung daraufhin kaum noch erfolgen kann«.[131] Bei einem Blick in die Akten fällt auf, dass auch Offizieren, die nachweislich dem NS-System ablehnend gegenüberstanden, eine nationalsozialistische Haltung attestiert wurde.[132] Sichere Rückschlüsse auf die politische Haltung erlauben allenfalls stärkere Formulierungen wie »fest fundierter Nationalsozialist, der sein Soldatentum danach ausgerichtet hat« (Ludwig Heilmann) oder »durch und durch Soldat wie Nationalsozialist, vermittelt durch Beispiel und Wort nationalsozialistisches Gedankengut in hervorzuhebender Weise« (Gotthard Frantz).[133]
   Die politische Haltung gewann in der Praxis nie jene Bedeutung, die Hitler sich für die Schaffung eines »neuen« nationalsozialistischen Soldaten gewünscht hatte. Gebetsmühlenartig wurde die NS-Ausrichtung der Truppe, die Verschmelzung von politischen und militärischen Werten immer wieder eingefordert, desto intensiver, je näher das Kriegsende rückte. Diese Vorstellung blieb beileibe nicht auf die politische Führung beschränkt. So schrieb im Mai 1943 Oberst Rudolf Hübner, Kommandeur des Grenadierregiments 529: »Idealziel ist der stolze bluts- und ehrbewußte, harte, entschlossene, in allen militärischen Disziplinen bestens ausgebildete Sturmsoldat, der in echter germanischer Treue zu seinem Führer und Obersten Befehlshaber aufsieht, der in der Welt Adolf Hitlers lebt und aus tief empfundenem, germanischem Opfersinn für das germanisch-deutsche Volk den Sinn seines Daseins und letzten Ansporn entnimmt.«[134]
   In der NS-Propaganda ist das Bild des heldenhaften nationalsozialistischen Kämpfers naturgemäß stark herausgestellt worden. »So wächst der hier eingesetzte deutsche Soldat über sich selbst hinaus und kämpft so, wie es der Führer befahl: mit fanatischem Einsatz bis zum letzten Mann«,[135] schrieb etwa die Deutsche Allgemeine Zeitung am 16. Januar 1942. Und zehn Monate später hieß es: »Der Mann der Front ist nicht nur der Soldat, der sich durch seine männlichen Tugenden immer wieder hervortut, er ist mit Herz und Verstand der politische Kämpfer im neuen Europa.«[136] Und je länger der Krieg dauerte, desto mehr wurde das Politische beschworen: »Wie nie in einer deutschen soldatischen Generation zuvor ist im deutschen Soldaten von heute das Soldatische mit dem Politischen verschmolzen«.[137]
   Der offizielle Wehrmachtbericht jedoch hatte demgegenüber einen anderen Duktus. Noch 1944 wurden die Leistungen der Soldaten mit Attributen wie in den Richtlinien von 1934 beschrieben. Es war die Rede von »besonderer Tapferkeit«, »Standhaftigkeit«, »vorbildlicher Härte«, »kühnem Draufgängertum«, »unerschütterlichem Kampfesmut«, »schneidigen Angriffen«, »schärfsten Nahkämpfen«, »zähem Aushalten oft in fast aussichtslosen Lagen«.[138] Und obwohl Hitler etwa in seinen Weisungen für die Kriegführung immer wieder vom »fanatischen Willen zu siegen«, vom »heiligen Haß« dem Feind gegenüber und vom »erbarmungslosen Kampf« sprach,[139] findet sich davon im Wehrmachtbericht nahezu nichts. Hier deutet sich eine Grenze der dezidiert nationalsozialistischen Überformung des militärischen Referenzrahmens an.
   Die Ausrichtung auf klassische Tugenden des militärischen Kanons wurde auch in der Ordenskultur deutlich, in der einerseits an alte Traditionslinien angeknüpft und zugleich durch die Heraushebung besonderer Tapferkeit neue Wege beschritten wurden.
   In Abgrenzung zum Kaiserreich sollten Offizier und Soldat während des »Dritten Reiches« zu einer Kampfgemeinschaft verschmelzen. Das wurde dadurch unterstrichen, dass alle Soldaten unabhängig von ihrem Rang dieselben Orden und Ehrenzeichen erwerben konnten. Im Ersten Weltkrieg war etwa der höchste preußische Orden, der »Pour le Mérite«, ausschließlich für Offiziere vorgesehen und wurde in der Praxis vor allem höheren Truppenführern verliehen. Unter den 533 ausgezeichneten Heeresoffizieren waren daher nur elf Kompaniechefs sowie zwei Zug- und Stoßtruppführer, darunter der junge Leutnant Ernst Jünger.[140] Mit der Stiftung des Eisernen Kreuzes stellte sich Hitler am 1. September 1939 bewusst in die Tradition des wichtigsten preußischen Tapferkeitsordens, der zum ersten Mal 1813 und dann wieder 1870 und 1914 gestiftet worden war. Die Eisernen Kreuze des Ersten Weltkrieges durften nach wie vor an der Dienstuniform getragen werden – das prominenteste Beispiel war Hitler selber, der sein EKI stolz trug –, und mit der Wiederholungsspange zum EK war für jedermann sichtbar, dass ihr Träger diesen Orden in beiden Weltkriegen verliehen bekommen hatte. Das Eiserne Kreuz war nun erstmals ein Orden des Reiches und nicht mehr nur Preußens. Es wurde in mehreren Stufen verliehen (2. Klasse, 1. Klasse, Ritterkreuz, Großkreuz[141] ), wobei man sich mit dem Ritterkreuz vom Vorgänger des Ersten Weltkrieges abhob und bewusst ein Äquivalent zum kaiserlichen »Pour le Mérite« schaffen wollte, dessen Tradition nicht wieder aufgenommen wurde. Ein Ritterkreuz war in der Ordenskunde an sich nichts Neues, allerdings hatte es ein Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes bislang noch nicht gegeben.
   Das Ritterkreuz und drei der im Verlauf des Krieges eingeführten höheren Ordensstufen (Eichenlaub, Schwerter, Brillanten) sollten für hervorragende Verdienste in der Truppenführung, vor allem aber für besondere kampfentscheidende Tapferkeitstaten verliehen werden. Dabei wurde Wert gelegt auf »den eigenen, selbständigen Entschluss, hervorragende persönliche Tapferkeit und ausschlaggebende Erfolge für die Kampfführung im Großen«.[142] Ein Blick auf die Verleihungspraxis zeigt, dass die Betonung der Tapferkeit kein leeres Gerede war. Von den 4505 an Heeresangehörige verliehenen Ritterkreuzen gingen 210 an Mannschaften, 880 an Unteroffiziere, 1862 an Subalternoffiziere, 1553 an Stabsoffiziere inklusive Generäle.[143] Zug-, Kompanie- und Bataillonsführer machten, ganz anders als beim Pour le Mérite des Ersten Weltkrieges, somit die größte Gruppe der Ordensträger aus; die Zahl der Verleihungen an Mannschaften betrug immerhin fünf Prozent. 2124 Orden gingen alleine an Infanteristen der verschiedenen Dienstgrade, nur 82 an Offiziere, die in höheren Führungsfunktionen tätig waren. In dieses System passten auch die Stiftungsbestimmungen für die vierte und höchste Stufe des Ritterkreuzes, das Goldene Eichenlaub. Es sollte nur zwölf Mal an bewährte Einzelkämpfer verliehen werden. Tatsächlich erfolgte die einzige Verleihung an den Stukapiloten Hans-Ulrich Rudel.
   So sehr das NS-Regime und auch Teile der Wehrmachtführung in ihrem offiziellen Schriftverkehr von Fanatismus und Opferwille sprachen, so wenig entsprach die Verleihungspraxis militärischer Orden diesem Ideal. Anders als etwa der höchste britische Tapferkeitsorden, das »Victoria Cross«[144] , wurde das Ritterkreuz nur in etwa sieben Prozent der Fälle posthum vergeben.[145] Die Ausgezeichneten waren mithin nicht diejenigen, die fanatisiert ihr Leben opferten oder sich selbstmörderisch vor einen feindlichen Panzer warfen. Ausgezeichnet wurden vielmehr Kämpfer oder Truppenführer, die klar definierte Erfolge vorzuweisen hatten. Es war somit eher ein besonderes Leistungsabzeichen als eine nationalsozialistisch konnotierte Aufforderung, sich um jeden Preis zu opfern. Dabei ist zu bedenken, dass sich Hitler nur in die Vergabe der höchsten Orden einmischte; in der Praxis waren der Divisionskommandeur bzw. bei der Luftwaffe der Geschwaderkommodore die entscheidenden Instanzen für die Ordensvergabe. Verleihungen, in denen dezidiert der politische Geist eines Soldaten gewürdigt werden sollte, blieben also die große Ausnahme.
   Neben dem Eisernen Kreuz und seinen verschiedenen Stufen wurden von Hitler und der Führung der Teilstreitkräfte bald weitere Tapferkeitsauszeichnungen geschaffen – so das Deutsche Kreuz in Gold, das im September 1941 gestiftet wurde, um eine Auszeichnung zur Verfügung zu haben, die zwischen dem Ritterkreuz und dem EKI angesiedelt war. Zudem gab es die Möglichkeit, Soldaten, die außergewöhnliche Taten vollbracht hatten, namentlich im Wehrmachtbericht zu nennen. Daraus erwuchs dann der Gedanke, ein besonderes Ehrenblatt des Heeres, eine Ehrentafel der Kriegsmarine und ein Ehrenblatt der Luftwaffe zu schaffen, wo Soldaten mit hervorstechenden Tapferkeitstaten genannt wurden.
   Das ausgefeilte System von Tapferkeitsauszeichnungen wurde ergänzt durch eine Vielzahl von Kampfabzeichen, die es in dieser Form nur in Deutschland gab. Die Marine hatte für ihre U-Boote, Schnellboote, Zerstörer, Großkampfschiffe, Hilfskreuzer, Blockadebrecher, Minensucher, Kleinkampfverbände und die Marineartillerie eigene Abzeichen, die jeweils in verschiedenen Stufen verliehen wurden. Gleiches galt für die Luftwaffe, die außerdem besondere Frontflugspangen schuf, um kenntlich zu machen, wie viele Feindflüge ein Crewmitglied durchgeführt hatte. Das Heer stiftete ein Infanterie-Sturmabzeichen, ein allgemeines Sturmabzeichen, ein Panzerkampfabzeichen, ein Flakabzeichen und ein Panzervernichtungsabzeichen für »Einzelkämpfer«. Am prestigeträchtigsten war zweifellos die im November 1942 gestiftete Nahkampfspange, die »als sichtbares Zeichen der Anerkennung des mit der blanken Waffe Mann gegen Mann kämpfenden Soldaten« verliehen wurde. Nach 50 nachgewiesenen Nahkampftagen, an denen man »das Weiße im Auge des Feindes« gesehen hatte, wurde die Goldene Nahkampfspange verliehen, die als höchste infanteristische Auszeichnung galt. Die Chance, so lange am Leben zu bleiben, bis man diese Spange erhielt, war freilich gering. Insgesamt sind denn auch nur 619 Verleihungen nachgewiesen.[146] Die ersten erfolgten im Spätsommer 1944 und wurden von der Propaganda besonders herausgestellt.
   Zu all den Orden und Abzeichen kamen noch Ärmelbänder (»Afrika«, »Kreta«, »Metz 1944«, »Kurland«) sowie spezielle am Oberarm zu tragende Schilder hinzu (Narvik-, Cholm-, Demjansk-, Krim-, Kubanschild), die für die Teilnahme an besonders prestigeträchtigen Schlachten verliehen wurden. Die Stiftung eines »Stalingradschildes« war vorgesehen, ist jedoch aus naheliegenden Gründen aufgegeben worden.
   Die Auszeichnungspolitik belohnte vor allem Frontsoldaten. Christoph Rass hat ermittelt, dass etwa bei der 253. Infanterie-Division 96,3 Prozent aller Eisernen Kreuze an Kampfeinheiten vergeben wurden.[147] Den Soldaten aus den rückwärtigen Diensten stand somit nur das weit weniger prestigeträchtige Kriegsverdienstkreuz in Aussicht. Das erzeugte ein erhebliches Statusgefälle, da Männer mit wenig Feindkontakt kaum die Möglichkeit hatten, eine Auszeichnung zu erhalten, während ihre Kameraden an vorderster Linie – so sie am Leben blieben – eine Vielzahl von Orden und Ehrenzeichen erwerben konnten.
   Wenngleich etwa das EKII massenhaft verliehen wurde – es werden etwa 2,3 Millionen Auszeichnungen geschätzt –, bedeutet diese Zahl doch, dass mehr als 85 Prozent der Wehrmachtangehörigen diesen niedrigsten Tapferkeitsorden nicht erhielten. Ihre Uniform blieb schmucklos, während die militärische Biographie bewährter Frontkämpfer durch das differenzierte Auszeichnungssystem auf einen Blick für alle zu erkennen war. Sie genossen das höchste Prestige, was zu dem durchaus gewollten sozialen Druck führte, dass die eigentliche Bewährung ausschließlich an der Front erfolgen konnte. Dies führte vielfach dazu, dass sich Soldaten insbesondere auf Heimaturlaub unerlaubt Orden anlegten, um bei der Familie und Freunden Eindruck zu schinden oder nicht als Versager dazustehen,[148] aber auch praktisch spielten diese Auszeichnungen zweifellos eine wichtige Rolle, weil sie gerade die gefährlichsten Einsätze am meisten belohnten.
Oberleutnant d. R. Alfons Bialetzki, Ende 1944. Er trägt auf der linken Uniformhälfte das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse, das Fallschirmschützenabzeichen, das Verwundetenabzeichen in Gold, das Infanteriesturmabzeichen in Silber, die Goldene Nahkampfspange; auf der rechten Uniformhälfte das Deutsche Kreuz in Gold und als Halsorden das Ritterkreuz. Am rechten Oberarm trägt er zwei Panzervernichtungsabzeichen für Einzelkämpfer; ebenfalls nicht im Bild das Ärmelband Kreta. (Florian Berger: Ritterkreuzträger mit Nahkampfspange in Gold, Wien 2004)
   Die Wehrmacht war sehr darum bemüht, das hohe Prestige ihrer Auszeichnungen durch eine strenge Vergabepraxis zu erhalten. So wurden Regeln eingeführt, die eine leistungsgerechte Vergabe sicherstellen sollten. Insbesondere bei den in großer Zahl vergebenen Eisernen Kreuzen 1. und 2. Klasse war ein Missbrauch kaum auszuschließen. Durch seine große Transparenz war das Ordenssystem aber weit mehr akzeptiert als im Ersten Weltkrieg. Eine Besonderheit der Wehrmacht war zudem, dass man versuchte, die Männer möglichst rasch nach der Tat auszuzeichnen. So verlieh Dönitz Ritterkreuze auch mal per Funkspruch, wenn ein U-Boot-Kommandant eine besondere Erfolgsmeldung abgegeben hatte. Beim Heer dauerte es meist etwas länger von der Meldung einer außergewöhnlichen Tat bis zur Verleihung. Als es das Infanterie-Regiment 186 am 6. September 1942 schaffte, in der hart umkämpften Stadt Noworossik bis zum Schwarzen Meer durchzustoßen, erhielten die beiden verantwortlichen Truppenoffiziere, Oberleutnant Eugen Selhorst und Oberleutnant Werner Ziegler, bereits wenige Wochen später hohe Auszeichnungen. Letzterer wurde sogar ins Führerhauptquartier ins ukrainische Winniza geflogen, um aus der Hand Hitlers das Eichenlaub entgegenzunehmen.[149] In der Propaganda sind Träger hoher Tapferkeitsauszeichnungen immer wieder besonders herausgestellt worden. Einige wenige von ihnen machte Goebbels gar zu regelrechten Medienstars im Dienste der nationalsozialistischen Heldenverehrung – man denke an Günther Prien oder Adolf Galland.[150]
   Interessanterweise begnügte man sich in der Formgestaltung der Orden meist mit einem eher dezent eingearbeiteten Hakenkreuz. Lediglich das Deutsche Kreuz in Gold fiel hier aus dem Rahmen, weshalb konservativere Charaktere »von der aufdringlichen nationalsozialistischen Emblematik« des Ordens »wenig angetan waren«.[151]
   Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Symbolpolitik der Ordensverleihungen für soziale Anerkennung sorgte und damit auch militärische Werte tief im Referenzrahmen der Soldaten verankerte. Wie noch zu zeigen sein wird, waren die so geschaffenen normativen Leitbilder für die meisten Männer zumindest deutungs-, sehr oft aber auch handlungsrelevant. Die ideologische Überhöhung scheint jedoch eher auf Widerstand gestoßen zu sein. Damit deutet sich ein Befund an, den bereits Ralph Winkle für den Ersten Weltkrieg festgestellt hat. Der Stolz auf eine Auszeichnung war wohl nur bei einer Minderheit mit der Übernahme der damit einhergehenden, sehr weitreichenden Verhaltenserwartungen der politischen Führung verbunden.[152]
   Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Kultur der kategorialen Ungleichheit und der am Härte- und Tapferkeitskanon orientierten militärischen Kultur der Wehrmacht lässt sich in etwa umreißen, wie der Referenzrahmen eines Wehrmachtsoldaten aussah, als er in den Krieg zog. Bemerkenswerterweise bleiben die zentralen Wertorientierungen über den Krieg hinweg stabil, während etwa die Bewertungen der Führung oder des nationalsozialistischen Systems sich im Kriegsverlauf deutlich verändern konnten. Und besonders der militärische Referenzrahmen besteht auch jenseits individueller Differenzen, seien sie politischer, »philosophischer« oder charakterlicher Art: In ihrer Hochbewertung der skizzierten militärischen Werte und Ideale unterschieden sich erklärte Nationalsozialisten nicht von dezidierten Anti-Nazis, weshalb sich beide im Krieg auch nicht unterschiedlich verhielten. Differenzen zeigen sich, darauf werden wir noch zu sprechen kommen, vor allem zwischen Kämpfern der Wehrmacht und der Waffen-SS.

KÄMPFEN, TÖTEN UND STERBEN

Abschießen

   »Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt einem ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.«[153]
Oberleutnant der Luftwaffe, 17. 7. 1940
   Man sagt, der Krieg brutalisiere, und die Soldaten würden durch die Gewalterfahrung und die Konfrontation mit zerstörten Körpern, getöteten Kameraden oder, wie im Vernichtungskrieg, massenhaft getöteten Männern, Frauen und Kindern, verrohen. Auch die Wehrmacht und die SS waren besorgt darum, dass die beständige Konfrontation mit extremer Gewalt, sei es die beobachtete oder die selbst begangene, zur Schädigung der »Manneszucht« führe und damit zu einer Regel- und Zügellosigkeit des Gewaltgebrauchs, der nicht im Sinne der Effizienz war, die man für den Kampf wie für die Massentötungen gleichermaßen brauchte.[154] Auch in der historischen und sozialpsychologischen Gewaltforschung spielt der Brutalisierungsaspekt eine bedeutsame Rolle[155]  – hier geht man ebenfalls davon aus, dass die Erfahrung extremer Gewalt zu einer erheblichen Veränderung in der Einschätzung und im Maß des eigenen Gewaltgebrauchs führe. Die autobiographische Literatur bestätigt ebenso wie das Genre des Kriegsromans denselben Befund, den man so zusammenfassen könnte: Soldaten werden brutal, wenn sie über einen bestimmten Zeitraum immenser Brutalität ausgesetzt sind.
   Wie das obige Zitat eines Oberleutnants der Luftwaffe andeutet, könnte diese Vorstellung irreführend sein. Erstens nämlich sieht sie von vornherein davon ab, dass der Gebrauch von Gewalt eine attraktive Erfahrung, zum Beispiel eben »prickelnd« sein kann, und zweitens, dass es möglicherweise nicht mehr als eine ungeprüfte Hypothese ist, wenn man davon ausgeht, man müsse für den Gebrauch extremer Gewalt erst zugerichtet werden. Vielleicht genügen dafür nur eine Waffe oder ein Flugzeug, Adrenalin und das Gefühl von Macht über Dinge, über die man sonst keine Macht hat. Und ein sozialer Rahmen, in dem das Töten erlaubt, ja sogar erwünscht ist.
   Es könnte sein, dass die Hypothese der sukzessiven Gewöhnung an Gewalt mehr mit den Darstellungsstrategien der schreibenden Zeitzeugen und den Alltagsvorstellungen der wissenschaftlichen Autoren zu tun hat, als dass er der Wirklichkeit des Krieges entspricht. In unserem Material findet sich nämlich eine Fülle von Beispielen, die nahelegen, dass die Soldaten von vornherein extrem gewalttätig sind – auch das einleitende Zitat stammt ja aus einer Zeit, als der Krieg noch jung war. Zu diesem Zeitpunkt war er weder total noch ein Vernichtungskrieg, und der Oberleutnant kannte ihn nur von oben, aus der Luft. Den Topos von der Brutalisierung verwenden die Soldaten nicht selten selbst, wenn sie von Gewaltereignissen erzählen, allerdings beschränkt sich der Zeitraum der Sozialisierung zur extremen Gewalt in diesen Erzählungen oft auf wenige Tage.
   Nehmen wir das folgende Beispiel vom 30. April 1940 aus einem Gespräch zwischen Leutnant Meyer,[1] einem Piloten der Luftwaffe, und Pohl*, einem Aufklärer im gleichen Rang.
   POHL: Am zweiten Tage des Polenkrieges musste ich auf einen Bahnhof von Posen Bomben werfen. Acht von den 16 Bomben fielen in die Stadt, mitten in die Häuser hinein. Da hatte ich keine Freude daran. Am dritten Tage war es mir gleichgültig und am vierten Tage hatte ich meine Lust daran. Es war unser Vorfrühstücksvergnügen, einzelne Soldaten mit Maschinengewehren durch die Felder zu jagen und sie dort mit ein paar Kugeln im Kreuz liegen zu lassen.
   MEYER: Aber immer gegen Soldaten …?
   POHL: Auch Leute. Wir haben in den Straßen die Kolonnen angegriffen. Ich saß in der Kette. Die Führermaschine warf auf die Straße, die beiden Kettenhunde auf die Gräben, weil da immer solche Gräben gezogen sind. Die Maschine wackelt, hintereinander, und jetzt ging es in der Linkskurve los, mit allen MGs und was du da machen konntest. Da haben wir Pferde herumfliegen sehen.
   MEYER: Pfui Teufel, das mit den Pferden … nee!
   POHL: Die Pferde taten mir leid, die Menschen gar nicht. Aber die Pferde taten mir leid bis zum letzten Tag.[156]
   Leutnant Pohl erzählt von den ersten Tagen des Polenfeldzugs und davon, dass seine Gewöhnungsphase an die Gewalt, die er nun auszuüben begann, gerade mal drei Tage dauerte. Schon am vierten Tag überwog die Lust, was er auch gleich mit seinem Bericht vom »Vorfrühstücksvergnügen« zu illustrieren beginnt. Sein Gesprächspartner, offenbar etwas konsterniert, hofft, dass Pohl wenigstens nur gegen feindliche Soldaten vorgegangen sei, aber diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Auch »Leute« – also Zivilisten – habe Pohl erschossen, und das Einzige, woran er sich nicht recht habe gewöhnen können, sei gewesen, wenn Pferde getroffen wurden. Das kann Meyer nachvollziehen. Pohl erzählt dann weiter, nun nicht von der Jagd auf einzelne Menschen, sondern von der Bombardierung einer Stadt:
   POHL: Da habe ich mich so geärgert, wo wir abgeschossen wurden – bevor der zweite Motor auch noch heiß wurde, da hatte ich auf einmal unter mir eine polnische Stadt. Da habe ich noch die Bomben drüber geworfen. Da wollte ich alle 32 Bomben auf die Stadt abwerfen. Sie gingen nicht mehr, doch vier Bomben fielen in die Stadt. Das war alles zerschossen da unten. Damals war ich in so einer Wut, man stelle sich vor, was das heißt, 32 Bomben auf eine offene Stadt zu werfen. Es wäre mir damals gar nicht darauf angekommen. Da hätte ich bestimmt von 32 Bomben 100 Menschenleben auf dem Gewissen gehabt.
   MEYER: War ein lustiger Verkehr dort unten?
   POHL: Voll. Auf einen Ring wollte ich Notwürfe machen, weil dort alles voll war. Es wäre mir gar nicht drauf angekommen. In 20 Meter Abstand wollte ich werfen. 600 Meter wollte ich bedecken. Es wäre eine Freude gewesen, wenn es geglückt wäre.[157]
   Offenbar ging es Pohl darum, vor seinem Absturz noch möglichst großen Schaden anzurichten, wobei er durchgängig betont, dass es ihm darauf ankam, möglichst viele Menschen zu töten. Den Ring fliegt er an, »weil dort alles voll war«. Es ärgert ihn deutlich, dass er nicht den gewünschten Erfolg hatte. Die nächste Zwischenfrage von Meyer ist sachlich:
»So sieht der Kampfflieger durch die Bugkanzel eine polnische Stadt«, Propagandaaufnahme aus einer He111, September 1939 (Foto: Roman Stempka; BA 183-S52911)
   MEYER: Wie reagieren die Menschen darauf, wenn sie so vom Flugzeug beschossen werden?
   POHL: Sie werden verrückt. Die meisten lagen immer mit den Händen so und gaben das deutsche Zeichen. Rattattatat: Bums, da lagen sie! An sich bestialisch. [Schnitt] Richtig so auf die Fresse, die kriegten die Schüsse alle ins Kreuz und liefen wie wahnsinnig, so Zickzack, in irgendwelche Richtung. So drei Schuss Brandmunition, wenn sie die ins Kreuz hatten, Hände hoch, bums, da lagen sie auf dem Gesicht. Dann habe ich weiter geschossen.
   MEYER: Was ist, wenn man sich gleich hinlegt? Was ist dann?
   POHL: Da wird man auch getroffen. Wir haben angegriffen aus zehn Meter, und wenn sie dann liefen, die Idioten, da hatte ich doch dauernd ein schönes Ziel. Brauch doch nur mein Maschinengewehr zu halten. Manchmal bestimmt, ich war überzeugt, dass der eine 22 Schüsse abgekriegt hat. Und dann, auf einmal, da habe ich 50 Soldaten aufgescheucht, und sagte: ›Feuer, Kinder, Feuer!‹ Und dann immer so hin und her mit dem Maschinengewehr. Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, bevor wir abgeschossen wurden, einen Menschen von Hand aus zu erschießen.
   Das Gespräch ist davon geprägt, dass der eine der beiden ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis hat, während der andere zunächst einzuordnen versucht, mit wem und was er es hier zu tun hat. Meyer, von dem wir nicht wissen, wie oft er schon mit Pohl gesprochen hat und inwiefern er ihn näher kennt, scheint nun ob des von seinem Zellengenossen geäußerten Bedürfnisses, auch mal direkt einen Menschen zu erschießen, einigermaßen erschüttert. Er kommentiert:
   MEYER: Man verroht doch furchtbar bei solchen Unternehmungen.
   POHL: Ich sagte ja, am ersten Tage ist es mir furchtbar vorgekommen. Da habe ich gesagt: Scheiße, Befehl ist Befehl. Am zweiten und dritten Tage habe ich gesagt: Das ist ja scheißegal, und am vierten Tag, da hab ich meine Freude daran gehabt. Aber, wie gesagt, die Pferde, die schrieen. Ich glaubte, nicht das Flugzeug zu hören, so schrien sie. Da lag so ein Pferd mit den Hinterbeinen abgerissen.[158]
   Es erfolgt ein Schnitt; die Aufzeichnung geht dort weiter, wo Pohl von den Vorzügen eines mit Maschinengewehr ausgestatteten Flugzeugs erzählt. Da dieses mobil ist, müsse man nicht warten, bis ein potentielles Opfer in Reichweite kommt, sondern kann gezielt jagen:
   POHL: So ein Flugzeug mit MGs ist eigentlich ganz gut. Denn wenn ein MG irgendwo aufgestellt wird, dann müssen sie warten, bis die Menschen kommen.
   MEYER: Wehrten sie sich nicht vom Boden? Schossen sie nicht mit MGs?
   POHL: Einen haben sie abgeschossen. Mit Gewehren. Eine ganze Kompanie hat auf Befehl geschossen. Das war diese ›Do17‹. Die ist gelandet. Die Deutschen haben die Soldaten mit MGs in Schach gehalten und die Maschine angezündet. Ich hatte manchmal 128 Bomben, mit Zehnern. Die haben wir mitten in das Volk hineingeworfen. Und die Soldaten. Und Brandbomben dazu.[159]
   Meyers Rückfragen und Kommentare sind eher technischer Art, doch zweimal zeigt er sich direkt erschüttert: bei der Passage mit den Pferden und als Pohl mitteilt, er hätte auch gern mal jemanden »von Hand aus« erschossen. Pohl jedenfalls benötigte, wenn man seinen Schilderungen glauben kann, keinerlei Gewöhnung an die Gewalt; die kann er, so scheint es, spontan, nahezu ohne Anlaufzeit abrufen. Dabei ist bemerkenswert, dass er es nicht bei der Schilderung einer Gewaltausübung belässt, an die er sich gewöhnt habe, sondern dass er durchgängig betont, er habe zu wenig anrichten können und hätte gern mehr Opfer gehabt.
   Das Gespräch findet im Sommer 1940 statt, die geschilderten Ereignisse im September 1939, unmittelbar nach Kriegsbeginn. Selbst wenn man annehmen würde, dass Pohl nun, vor diesem Gespräch mit Leutnant Meyer, mehrere Monate Kampferfahrung gesammelt habe, was seine Erzählung über die ersten Kriegstage gewissermaßen nachträglich brutalisiert habe, befände man sich immer noch diesseits der extremen Gewaltschübe, wie sie durch den »Barbarossa«-Feldzug hervorgerufen wurden. Gewiss sind auch beim Überfall auf Polen Massenverbrechen verübt worden[160]  – Morde an der Zivilbevölkerung und Erschießungen von Juden. Aber Pohl ist Flieger, er jagt und tötet Menschen von oben, und man hat nicht den Eindruck, als treibe ihn ein ideologisches Motiv, wenn er schildert, wie er Städte bombardiert und Menschen abschießt. Seine Opfer haben weder Attribute noch werden sie gezielt ausgewählt. Wen er erwischt, ist ihm gleichgültig, dass er erwischt, darauf kommt es ihm an. Das macht ihm einfach Freude, und die braucht kein Motiv. Seine Haltung scheint nicht auf einen größeren Sinn oder Zweck gebaut, sondern eher auf die Verbesserung der Ergebnisse im Rahmen seiner Möglichkeiten. Dieses sinnenthobene Töten ist vermutlich, woran es erinnert: eine Jagd, eine sportliche Handlung, die ihren Sinn daraus bezieht, besser zu sein, noch mehr zu erwischen. Deshalb macht es Pohl auch so wütend, dass er abgeschossen wird, mitten in der Jagd. Das versaut ihm das Ergebnis.

Autotelische Gewalt

   In dieser frühen Kriegsphase praktiziert Pohl eine Form von Gewalt, die an Brutalität kaum zu übertreffen ist, ohne seinerseits durch vorangegangene Ereignisse brutalisiert worden zu sein. Worauf man Pohls Motive im Einzelnen auch immer zurückführen mag, die Ansatzlosigkeit seiner Menschenjagden jedenfalls repräsentiert jenen Typ von Gewalt, den Jan Philipp Reemtsma »autotelisch« nennt: eine Gewalt, die um ihrer selbst willen ausgeübt wird und keinen Zweck verfolgt. Reemtsma differenziert drei Typen von körperbezogener Gewalt, die er »lozierend«, »raptiv« und »autotelisch« nennt.[161] Die ersten beiden Formen – Menschen zu beseitigen, weil sie Hindernisse darstellen oder weil man haben möchte, was sie haben – machen unserem Verständnis keine Schwierigkeiten. Instrumentelle Gründe leuchten immer ein, auch wenn man sie moralisch nicht teilen mag. Disparat zu unserem Verständnis steht freilich die autotelische Gewalt, die um des Tötens willen tötet. Sie ist der radikale Widerspruch zu jenem Selbstbild, das moderne Gesellschaften und ihre Mitglieder von sich ausgebildet haben; nämlich des Vertrauens in die Stabilität von Institutionen und Regelwerken und vor allem in die Monopolisierung von Gewalt. »Vertrauen in der Moderne«, schreibt Reemtsma, »ist ohne staatliches Gewaltmonopol nicht denkbar« – was unmittelbar einleuchtet, wenn man sich nur einen einzigen Tag vorstellt, in dem die Garantien auf die eigene Unversehrtheit außer Kraft gesetzt sind, die ein moderner Rechtsstaat jederzeit bietet.
   Das ist es, worauf die scheinbare Gewaltferne moderner Menschen zurückgeht: Man rechnet nicht mit der Gewalt, und wenn sie geschieht, sucht man immer wieder erneut nach Erklärungen; auch dann, wenn es im instrumentellen Sinn keine gibt. Wer dagegen nicht davon ausgeht, dass seine körperliche Unversehrtheit garantiert ist, rechnet ständig mit Gewalt und ist nicht bestürzt, wenn sie geschieht. Deshalb ist die Balance von Vertrauen und Gewalt chronisch prekär – und alles, was nach »sinnloser«, »ungerechtfertigter«, »roher« Gewalt aussieht, muss umgehend als »Verirrung«, »Bruch«, »Barbarei«, also als das Gegenteil der Moderne bestimmt werden. Dass von daher die Schwierigkeiten der soziologischen und historischen Gewaltforschung wie ihr nicht selten unwissenschaftlicher Moralismus rühren, leuchtet ohne weiteres ein.[162]
   Historisch gewinnt Gewalt erst in der Moderne die Gestalt des Antizivilisatorischen, das zurückzudrängen und im Ernstfall zu bekämpfen ist. Gewalt an sich ist also zu verdammen, als instrumentelle freilich unvermeidlich, bedarf dann aber jeweils der Rechtfertigung oder, wenn sie andernorts geschieht, der Erklärung. Gewaltgebrauch zur Lösung von Problemen ist normal, Gewaltgebrauch um seiner selbst willen pathologisch. Insofern wird Gewalt als Abirrung vom Pfad der Moderne, ja, als ihr Gegenteil konstruiert. Aber natürlich ist sie, wie etwa die neuen Kriege zeigen[163] keineswegs verschwunden. Das Vertrauen in das zivilisatorische Niveau der Moderne lässt sich paradoxerweise jedoch nur dann aufrechterhalten, wenn Gewalt nicht zu ihrem Normalbestand, zu den Routinen ihres Funktionierens gerechnet wird. Deshalb verstehen wir uns als gewaltfern und geben uns ostentativ verstört, wenn Gewalt gebraucht wird. Und suchen nach Gründen.
   Aber autotelische Gewalt, wie Leutnant Pohl sie ausübt, bedarf keiner Begründung, sie ist sich selbst Grund genug. In einem Universum der Zweckrationalität und der allgegenwärtigen Begründungspflicht und -fähigkeit von sozialen Handlungen steht sie seltsam erratisch da, als etwas, das anders ist als alles andere im Bereich des Sozialen. Aber: Bedarf es der Begründung, dass Menschen zum Beispiel sexuelle Bedürfnisse haben? Sucht man nach Erklärungen dafür, dass sie essen, trinken, atmen möchten? In all diesen Kernbereichen der anthropologischen Existenz steht oft in Frage, auf welche Weise Menschen ihre Bedürfnisse zu befriedigen suchen und auch, welche Formen diese Bedürfnisse annehmen, nie aber, dass sie essen, trinken, atmen und Sex haben wollen. Die Suche nach Erklärungen richtet sich daher auf den Modus, nicht auf das grundlegende Motiv. Vielleicht ist es hilfreich, im Fall der Gewalt auch so zu verfahren. Gewalt, hat Heinrich Popitz gesagt, ist immer eine Option sozialen Handelns, und phylogenetisch ist das auch gar nicht anders denkbar: Schließlich überlebte auch die menschliche Gattung nicht durch ihre Friedfertigkeit, sondern durch die Gewalt, die sie bei der Jagd oder gegenüber Nahrungskonkurrenten jeder Art ausübte.
   Auch wenn die westlichen Gesellschaften mit der staatlichen Gewaltmonopolisierung die bislang wahrscheinlich größte zivilisatorische Innovation der Menschheitsentwicklung eingeführt haben, die ein bis dato ganz unbekanntes Maß an persönlicher Sicherheit und Freiheit erlaubt, heißt das nicht, dass die Gewalt als soziale Möglichkeit verschwunden wäre: Indem sie auf den Staat übergegangen ist, hat sie zwar ihre Form gewandelt, sie ist aber nicht verschwunden, sondern jederzeit in direkte Gewalt rückverwandelbar. Zudem reguliert die Monopolisierung der Gewalt zwar den zentralen Bereich der Gesellschaft, nämlich alle öffentlichen Angelegenheiten, was aber keineswegs heißt, dass die Gewalt damit auch aus anderen gesellschaftlichen Teilbereichen verschwunden wäre.
   Im häuslichen Bereich gibt es nach wie vor Gewalt gegen Partnerinnen und Partner, gegen Kinder und Haustiere, in abgeschotteten sozialen Räumen wie in Kirchen oder Internaten ebenfalls. In öffentlichen Räumen wie Stadien, Diskotheken, Kneipen, in U-Bahnen oder auf der Straße finden Schlägereien und Überfälle, auch Vergewaltigungen statt. Daneben gibt es reguläre Formen öffentlichen Gewaltgebrauchs jenseits des staatlichen Gewaltmonopols, etwa im Kampf- und Boxsport und in den Inszenierungen von Sado-Maso-Clubs. Jede Fahrt auf einer deutschen Autobahn belehrt einen über die chronische Gewalt-, gelegentlich sogar Tötungsbereitschaft ganz normaler Menschen. Aus dem Fernsehen, dem Kino und aus Computerspielen ist Gewalt gar nicht wegzudenken; vielleicht steigt mit der Gewaltferne der Alltagswirklichkeit sogar das Bedürfnis nach symbolisch oder stellvertretend ausgeübter Gewalt. Und schließlich ist man zwischenstaatlich immer noch weit entfernt von einem Gewaltmonopol; nach wie vor führen Staaten Krieg, und gerade gewaltabstinente Gesellschaften wie die deutsche haben große Schwierigkeiten, das mit ihrem Selbstbild in Übereinstimmung zu bringen.
   Gewalt ist, mit anderen Worten, auch aus Gesellschaften keineswegs verschwunden, die sich für gewaltfern halten. Sie existiert jederzeit als Faktum und als Möglichkeit, und als solche spielt sie auch in vielen Phantasien eine gewichtige Rolle. Auch in diesem Sinn ist sie »da«, obwohl sie physisch abwesend zu sein scheint. Wenn man nun sieben Jahrzehnte zurückblendet, auf den Zeitpunkt des Gesprächs zwischen Pohl und Meyer, und sich anschaut, wie viel näher die Gewalt den Menschen damals war, wird klar, dass die Ausübung und das Erleiden von Gewalt für viele Menschen eine tägliche Erfahrung war. In den wilhelminischen Erziehungsnormen nahmen Gewalt und Härte prominente Positionen ein, körperliche Strafen erschienen nicht nur als erlaubt, sondern geradezu als Voraussetzung einer gelingenden Menschenbildung.[164] Die Reformschulbewegung des frühen 20. Jahrhunderts ist nicht mehr als ein Reflex darauf; in den Volksschulen, Realgymnasien, Internaten, Kadettenanstalten wurde genauso geprügelt wie bei der Landarbeit oder in der Lehrzeit.
   Auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene war Gewalt alltäglicher als heute. Nicht nur, dass die Weimarer Republik in viel höherem Maße durch politisch motivierte Gewalt in Gestalt von Saalschlachten, Straßenkämpfen und politischen Morden geprägt war als die Gegenwart, auch die gewöhnlichen sozialen Verkehrsformen – zwischen Polizist und Delinquent, zwischen Mann und Frau, Schüler und Lehrer, Eltern und Kindern etc. – waren mit körperlicher Gewalt imprägniert. Mit der Machtübernahme durch das nationalsozialistische Regime wurde das staatliche Gewaltmonopol faktisch weiter ausgehöhlt, und es etablierten sich neben der staatlichen Exekutive parastaatliche Organisationen wie die SA, die – zeitweise als preußische Hilfspolizei legitimiert – bis Sommer 1934 massiv Gewalt ausübte und von den staatlichen Organen dafür nicht belangt wurde. Über Gewalt als Mittel der Vergemeinschaftung und kategorialen Differenzierung der Gesellschaft war oben schon die Rede (vgl. S. 54), und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Gewalt, wie sie Juden und anderen Verfolgten angetan wurde, noch einmal zur Erhöhung des Gewaltniveaus in der NS-Gesellschaft und im Alltagsbewusstsein ihrer Mitglieder beitrug. Etwa so, wie der Pilot Unteroffizier Hagen erzählt:
   HAGEN: Ich habe den ganzen Mist durchgemacht mit den Juden in 36 – diese armen Juden! (Gelächter). Die Fensterscheiben kaputt geschlagen, die Leute raus, schnell Kleider an und weg. Da haben wir kurzen Prozess gemacht. Mit [?] Knüppeln habe ich die über die Schädel gehauen, das hat mir Spaß gemacht. Damals war ich eben bei der SA. Da sind wir nachts die Straßen entlanggegangen und haben sie herausgeholt. Das ging rapid. Zack auf die Bahn gesetzt und ab. Aus dem Dorf waren sie aber zack weg. Da haben sie im Steinbruch arbeiten müssen, aber sie wollten lieber erschossen werden als arbeiten. Mensch, hat’s da geknallt! Schon 1932 standen wir vor den Fenstern und schrien ›Deutschland erwache‹![165]
   Der Gebrauch von Gewalt war 1940 erheblich normaler, erwartbarer, legitimer und alltäglicher als in der Gegenwart. Wenn man dann noch Teil einer Organisation ist, deren Zweck die Ausübung von Gewalt ist, wird vielleicht klarer, weshalb viele, keineswegs alle, Soldaten keine Einübung in den Gewaltgebrauch benötigten. Gewalt gehörte zu ihrem Referenzrahmen, das Töten zu ihrer Pflicht – warum sollten sie also etwas darin sehen, was ihrem Selbstbild, Wesen und Vorstellungsvermögen fremd gewesen wäre? Zumal dann, wenn sich der Gewaltgebrauch, wie im Fall der Luftwaffe, noch mit faszinierenden Werkzeugen wie Jagdflugzeugen, Sturzkampfbombern, also »high tech«, realisieren und sich in einer besonders attraktiven Mischung aus Könnerschaft, technischer Überlegenheit und »Thrill« in die Erfahrung integrieren ließ.
   Der zunächst überraschend scheinende Befund übrigens, dass nicht jeder Soldat eine Phase der »Brutalisierung« benötigte, um brutal zu sein, wird durch eine Reihe von Daten unterstrichen, die zeigen, dass viele deutsche Soldaten unmittelbar nach dem Überfall auf Polen Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ausübten, Frauen vergewaltigten, Juden drangsalierten und Geschäfte und Privathäuser plünderten – was die Heeresleitung durchaus bedenklich stimmte und zu vielfältigen Gegenmaßnahmen veranlasste, die allerdings nur begrenzt erfolgreich waren.[166] So drohte Generaloberst Walther von Brauchitsch am 25. Oktober 1939, also nicht einmal zwei Monate nach Kriegsbeginn, »all denjenigen Offizieren, die in Zukunft weiterhin die Gesetze missachten und sich persönlich bereichern würden, die Entlassung an: ›Leistungen und Erfolge des polnischen Feldzuges dürfen nicht darüber hinwegsehen lassen, dass einem Teil unserer Offiziere die feste innere Haltung fehlt. Eine bedenkliche Anzahl von Fällen, wie unrechtsmäßige Betreibung, unerlaubte Beschlagnahme, persönliche Bereicherung, Unterschlagung und Diebstahl, Misshandlung oder Bedrohung von Untergebenen teils in Erregung teils in sinnloser Trunkenheit, Ungehorsam mit schwersten Folgen für die unterstellte Truppe, Notzuchtverbrechen an einer verheirateten Frau usw. geben ein Bild von Landsknechtmanieren, die nicht scharf genug verurteilt werden können. Diese Offiziere sind, ob fahrlässig oder bewusst handelnd, Schädlinge, die nicht in unsere Reihen gehören.‹ Dennoch sah sich von Brauchitsch noch bis zum Jahresende 1939 genötigt, weitere Befehle zur Erhaltung der ›Manneszucht‹ zu verabschieden.«[167]
   Nun gilt auch in der Armee, was in der sozialen Wirklichkeit überhaupt gilt: Die Menschen sind unterschiedlich, und was der eine, Pohl, mit großer Freude und sich steigernder Lust macht, mag für den anderen, Meyer, befremdlich, wenn nicht gar abstoßend sein. Da sie aber beide aus demselben institutionellen Zusammenhang, der Luftwaffe, kommen und sich in derselben Situation, der Gefangenschaft, befinden, überlagern die sozialen Gemeinsamkeiten die individuellen Differenzen ohne weiteres. Und selbst wenn Meyer seinen Kameraden Pohl für ein Schwein gehalten hat, wird das, was dieser erzählt hat, wiederum probates Material für spätere Gespräche in anderem Zusammenhang gewesen sein: »Ich saß mal mit einem zusammen in der Gefangenschaft, der erzählte doch tatsächlich, wie toll er es fand, Jagd auf Menschen zu machen …«

Abenteuergeschichten

   Die Begriffe »Tod« und »töten« kommen in den Gesprächen der Soldaten kaum vor. Das mag zunächst verwundern, hält man doch das Töten für die zentrale Arbeit des Soldaten im Krieg und die Produktion von Toten für eines seiner Resultate. Aber gerade weil das so ist, bilden Tod und Töten keine Gesprächsthemen. So wenig sich Bauarbeiter in der Pause über Steine und Mörtel unterhalten, so wenig sprechen Soldaten vom Töten.
   Das Töten im Kampf ist den Gesprächspartnern zum einen so geläufig, dass es keinen Erzählanlass liefert. Außerdem ist das Kämpfen, wenn es nicht gerade um zurechenbare Einzelaktionen wie bei Jagdfliegern geht,[168] ein heteronomes Geschehen – es hängt nicht so viel vom Zutun des einzelnen Soldaten ab, entscheidend sind die Stärke der Gruppe, die Ausrüstung, die Situation, der Gegner etc. Der einzelne Soldat hat wenig Einfluss darauf, ob und wen er tötet oder ob er selber stirbt. Geschichten darüber zu erzählen ist von geringem Unterhaltungswert und würde vor allem voraussetzen, dass die Männer über Gefühle wie Angst oder Verzweiflung sprechen müssten, auch darüber, wie sie sich in die Hose machen, sich übergeben und ähnliche Dinge tun, die kommunikativ – zumal in dieser Männergemeinschaft – tabu sind. Zudem erfüllen Berichte über das, was alle kennen und erlebt haben (oder vorgeben, zu kennen und erlebt zu haben) nicht die Kriterien dafür, was eine gute, also erzählenswerte Geschichte ist. Auch im zivilen Alltag erzählt man nicht von den Routineverrichtungen des Arbeitstages oder vom Frühstücksei, das man morgens gegessen hat. Ein zentrales Kriterium für eine »gute Geschichte«, eine, die erzählens- und zuhörenswert ist, ist die Ungewöhnlichkeit des Berichteten, das Herausgehobene, sei es besonders ärgerlich oder erfreulich, witzig, grausam oder heroisch.[169] Über die Normalität und Alltäglichkeit des Lebens wird sehr selten erzählt, warum auch? Was zur Normalität der soldatischen Lebenswelt im Krieg gehört – dass dort gestorben, getötet und verletzt wird –, gehört zu den selbstverständlichen Hintergrundvoraussetzungen, über die nicht weiter gesprochen wird.
   Aber das Gewöhnliche ist nur der eine Teil des Nicht-Erzählten. Den anderen bilden die Gefühle der Soldaten, insbesondere dann, wenn es um Angst und Bedrohung geht, um Unsicherheit, Verzweiflung oder einfach nur um Sorge um das eigene Leben. Solche Dinge kommen in den Abhörprotokollen kaum vor, und wir wissen aus der einschlägigen Literatur, dass solche Themen bei Soldaten kommunikativ abgeblendet bleiben.[170] Sie sprechen nicht gern vom Tod. Sie sind zu nah an ihm dran. Und wie man über die allfällige Möglichkeit, selbst getötet oder verletzt zu werden, nur äußerst selten redet, so kommt auch das Sterben als Vorgang in den Gesprächen nicht vor: Hier werden Menschen »umgelegt«, »abgeschossen«, »abgemacht«, sie »saufen ab« oder sind »alle weg«. Klar: Würde man sich den eigenen Tod vorstellen, würde man zugleich auch imaginieren, wie man zu Tode käme – und das Sterben, das einige der Soldaten schon oft, andere wenigstens manchmal direkt vor Augen hatten, rückte einem ziemlich nahe. So kreisen die Gespräche um den Tod und das Töten nur scheinbar paradox um alle Arten von Gewalt, ohne je vom Tod und vom Töten ausdrücklich zu sprechen. Die Soldaten drücken die Ergebnisse ihres Tuns in Zahlen von Toten und Tonnagen von versenkten Schiffen aus, aber was und wer das ist, die sie vom Leben in den Tod befördern, das kommt so wenig vor wie das Sterben.
   Tatsächlich kommen Schilderungen wie die von Leutnant Pohl häufiger im Material vor, meist nicht so ausführlich, aber mit derselben Offenheit und Selbstverständlichkeit. Die Soldaten haben offenbar nicht die Erwartung, auf Irritationen, Missfallen oder gar Protest zu stoßen, wenn sie ihre Geschichten vom Abschießen erzählen. Nun muss man berücksichtigen, dass die, die sich hier in den Abhörlagern unterhalten, aus demselben Erfahrungsraum heraus, im selben Referenzrahmen kommunizieren: Sie alle gehören zur deutschen Armee, sie alle führen denselben Krieg aus demselben Grund – da braucht man sich nicht gegenseitig das zu erklären, was die Leser der Protokolle siebzig Jahre später rätselhaft finden. Tatsächlich haben die Gespräche denselben Charakter wie Unterhaltungen auf Partys oder bei zufälligen Zusammentreffen von Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Man versucht, sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, fragt nach, steuert selbst etwas bei, übertreibt und demonstriert damit, dass man zur selben Gruppe, zur selben Erfahrungsgemeinschaft zählt. Hier, in den Gesprächen zwischen den Soldaten, sind lediglich die Inhalte anders, die Gesprächsstruktur selbst nicht. Die Geschichten der Luftwaffensoldaten sind hauptsächlich Geschichten von der Jagd – was nicht weiter verwunderlich ist. Denn viele sind tatsächlich Jagdflieger oder Bomberpiloten und haben die Aufgabe, gezielt Zerstörungen anzurichten: gegnerische Flugzeuge abzuschießen, Ziele am Boden zu zerstören, und ab 1942 dann auch ganz gezielt Terror zu verbreiten. Es sind Abenteuergeschichten, die die Männer erzählen, bei denen es vor allem auf die Darstellung der eigenen Flugkünste und Zerstörungserfolge ankommt. Typische Beschreibungen sehen etwa so aus:
   FISCHER: Ich habe einen Boston letzthin abgeschossen, da habe ich erst den Heckschützen erledigt, er hatte auch drei MGs oben drin, Mensch, sie ist doch prima, wie die schießt, siehst du den Feuerstrahl aus seinen MGs herauskommen.
   Ich hatte 190, die hatten noch zwei MGs drin gehabt. Ganz kurz auf den MG-Knopf gedrückt.
   Legte er sich um – fertig, aus, kein Schuss kam mehr heraus, die Spritzen standen in die Luft. Da habe ich ganz kurz den rechten Motor angekrattert, er fing an zu brennen, und dann bin ich mit meinen Kanonen hinübergegangen zum linken Motor. Dann ist sehr wahrscheinlich der Flugzeugführer dabei mitgetroffen – ich habe nämlich dauernd auf den Knopf draufgedrückt –, und dann steht sie so runter, brannte. Da waren 25 Spitfire hinter mir her, die mich verfolgt haben. Bin ich fort bis nach Arras reingeflogen.
   KOCHON: Wo bist du gelandet?
   FISCHER: Wieder auf meinem Platz. Die mussten ja nachher wieder umdrehen, die konnten ja nicht so weit auffliegen wegen dem Sprit. Bin ich nachher wieder nach Saint-Omer. Eine Bristol Blenheim habe ich ähnlich erledigt. Erst habe ich hinten in das Seitenleitwerk hereingeschossen. Und der Heckschütze schoss immer so rechts und links vorbei. Einmal bin ich rechts rausgeschert, fing an zu schießen, dann schoss er auf mich wie so ein Irrsinniger. Bin ich wieder nach links heraus, und als ich links herausscherte, drückte ich auf den Knopf drauf, da platzte seine Kuppel weg, weil ich auf den Kanonenknopf gedrückt habe. Sie ist weggeplatzt, und er lag drin und war schon tot. Habe ich hinten in das Seitenleitwerk hereingehalten, da flog hinten der Schwanz weg, solche Stückchen von der Flosse, und die Mühle kippte ab.[171]
   Strukturell vergleichbare Geschichten könnte man auch von Motorradfahrern oder Extremsportlern hören – und tatsächlich haben die Erwähnungen von Toten in den Geschichten lediglich den Charakter von Beschreibungsmerkmalen. Opfer haben nie Attribute in diesen Geschichten, sie treten in den Beschreibungen der Flieger exakt so auf, wie man es erst ein halbes Jahrhundert später in der Ästhetik von Computerspielen und besonders von »Ego-Shootern« zu reproduzieren begann. Dieser Vergleich ist insofern kein Anachronismus, als es sowohl beim realen wie beim fiktiven Abschießen weniger um ein definiertes Ergebnis geht als um den Vorgang selbst. Der steht und fällt mit der Geschicklichkeit und dem Reaktionsvermögen der Flieger bzw. Spieler, die Resultate sind »counts«, nämlich gezählte Abschüsse ganz unterschiedlicher Art. Man muss sehen, dass dieser Wettbewerbs- und Sportcharakter, gekoppelt mit einer typisch männlichen Technikfaszination, Teil des Referenzrahmens ist; das Opfer als Individuum oder als Teil eines Kollektivs ist dabei überhaupt nicht wichtig. Es ist den Erzählern, so kann man jedenfalls aus dem völligen Fehlen von Merkmalen und Beurteilungen schließen, total gleichgültig, wen sie treffen, Hauptsache ist, dass sie treffen – und darüber gute Geschichten erzählen können.
   BIEBER*: Was greift ihr denn so bei Tag ungefähr an? Was für Ziele sind das?
   KÜSTER*: Das kommt darauf an. Es gibt ja zwei Sorten von Flügen. Es gibt da erstmal diese Zerstörflüge, da werden wehrwirtschaftliche Betriebe usw. angegriffen.
   BIEBER: Immer mit einer Mühle aber nur?
   KÜSTER: Ja. Und dann gibt es noch die Störflüge, da ist es scheißegal, ob du ein Fischerdorf zusammenschmeißt oder eine kleine Stadt oder irgendwas Ähnliches. Da kriegst du irgendwie ein Ziel zugewiesen: ›Die und die Stadt angegriffen.‹ Und wenn du sie nicht erwischst, schmeißt du irgendwo anders rein.
   BIEBER: Und hast du das Gefühl, dass diese Zerstörflüge und Störflüge Wesentliches ausmachen?
   KÜSTER: Die Zerstörflüge ja. Wir haben ja einen nach Norwich gemacht, das hat Spaß gemacht.
   BIEBER: Also direkt eine Stadt kaputt gehauen?
   KÜSTER: Ja. Da sollten wir an und für sich ein gewisses Werk angreifen, aber …
   BIEBER: Es war genau bezeichnet, was für Werke – ?
   KÜSTER: Ja, ja, das wird genau bezeichnet.
   BIEBER: Was liegt denn in Norwich?
   KÜSTER: Norwich ist eine Flugzeugteilefabrik.
   BIEBER: Ach, die solltet ihr angreifen?
   KÜSTER: Ja, ja. Und sind wir auch rübergeflogen und es fing auf einmal an zu regnen. Kannst du knapp 200 Meter weit sehen. Auf einmal waren wir über Norwich, Hauptbahnhof, da war es schon zu spät. Wir hätten etwas früher nach links ausfliegen müssen. So hätten wir eine ziemliche Steilkurve reißen müssen, fast eine 80-Grad-Kurve bis 95 Grad. Das hätte keinen Zweck, dann wissen die schon Bescheid. So sind wir geradeaus geflogen, und das Erste, was wir schon gesehen haben, das war so eine komische Fabrikhalle; habe ich die Bomben ausgelöst. Die erste Bombe sauste in die Halle rein, und die anderen in die Fabrik rein. Morgens um 8 Uhr oder halb neun war es.
   BIEBER: Warum habt ihr den Bahnhof nicht beworfen?
   KÜSTER: Wir haben den Bahnhof zu spät gesehen. Wir kamen von Osten, und der Bahnhof liegt direkt am Anfang der Stadt. […] Dann haben wir hineingeschossen in die Stadt, du, auf alles was herumrannte, auf Kühe und Pferde, scheiße, auf Straßenbahn haben wir geschossen, alles, das macht Spaß. Keine Flak, nichts da.
   BIEBER: Wie ist das – wird euch so ein Ziel am Tag vorher mitgeteilt?
   KÜSTER: An und für sich wird es gar nicht vorher mitgeteilt. Da hat jeder solche Sachen ausgearbeitet, so Störziele oder irgend so was, jeder nach Interesse irgendetwas auszuarbeiten, was dem sympathisch ist. Das überlässt man der Besatzung. Und wenn es heißt, in dem und dem Gebiet ist das Wetter günstig, dann wird jede Besatzung gefragt: ›Haben Sie irgendein besonderes Ziel?‹[172]
   Man beachte: Unteroffizier Bieber, der Zuhörer, ist ein für den britischen Nachrichtendienst arbeitender deutscher Spitzel, der sich hier ausschließlich aus der Perspektive des Spezialisten für die Details der Angriffe interessiert, die der Obergefreite Küster, ein Bomberbordschütze, ihm im Januar 1943 schildert. Vieles, was aus der Sicht von Zivilisten nachfragewürdig wäre, wird hier gar nicht verhandelt. Warum wird der Bahnhof nicht angegriffen? Wann wird das Ziel mitgeteilt – das sind die Fragen, die die Dialoge der Flieger vorantreiben. Auf diese Weise ergeben sich für die Gesprächspartner kurzweilige Insiderstorys, die sich meist um drei Aspekte drehen: eine Aktion, ihre Durchführung und den Spaß, den man dabei gehabt hat. Warum die Angriffe geflogen wurden, wie sie rechtlich oder moralisch zu begründen wären – so etwas spielt in den Gesprächen keine Rolle. Auch der sich drastisch wandelnde strategisch-operative Rahmen des Luftkrieges wird von den Piloten nicht diskutiert. Es gibt aus der Sicht der Luftwaffensoldaten offenbar keinen Unterschied zwischen einem Angriff auf ein im engeren Sinne militärisches Ziel, einem Terrorangriff auf die Zivilbevölkerung oder einem Bombenangriff auf Partisanen.
   WINKLER: Wir hatten da unten mit Partisanen zu tun, also das ahnst du nicht. … die Torpedoflieger plötzlich auf Bomben umgeschult, mit der [Ju] ›88‹ im Sturz. Wunderbar. Ist aber nicht als Feindflug gewertet worden.
   WUNSCH: Auch nicht als Frontflug?
   WINKLER: Nein, das war doch bloß ein Jux. Zehn-Kilo-Splitterbomben, immer hinein, was hinein geht. Der Einsatz 15 Minuten, und den ganzen Tag – von früh bis abends – laufend gestartet, Sturz – sssst – raus mit dem Salat; zurück, geladen, gestartet, Sturz, raus mit Salat. Das hat Spaß gemacht. –
   WUNSCH: Keine Abwehr?
   WINKLER: Sag das nicht, die Burschen haben Flak-Geschütze. […] Der Kommandeur hat 50-Kilo-Bomben gehabt. Also der Kommandeur startet als Erster, schaut sich die Sache ganz kurz an: ›Aha, da steht ein Haus mit ein paar Kraftwagen‹. Er ist selbst Flugzeugführer, sssst, 80 Grad im Sturz die alte ›88‹, kurz das Knöpfchen gedrückt, Steilkurve und nach Hause. Den nächsten Tag Gefangene durch die SS eingebracht und durch eine Kosaken-Einheit, wir hatten da eine Kosaken-Einheit, und Fallschirmjäger haben sie auch abgesetzt da oben … alles schwarz voll Partisanen … jede Nacht geknallt mit Maschinenpistolen. Da haben sie Gefangene gemacht und was denkst du, was der Kommandeur getroffen hatte? Einen gesamten Stab mit lauter hohen Offizieren, einschließlich einem englischen General, der gerade ein paar Tage vorher abgesetzt worden war.[173]
   Man sieht hier deutlich, dass das Gewaltgeschehen sportlich aufgefasst wird. Winkler spricht vom »Jux« – das Werfen von Splitterbomben auf »Partisanen« im Vercors im Juli 1944 macht ihm Spaß. Nach den schwierigen und sehr verlustreichen Einsätzen gegen alliierte Schiffe im Mittelmeer waren solche Flüge für ihn offenbar eine willkommene Abwechslung. Und endlich konnte er wieder von Erfolgen sprechen, von einer Jagd und von dem, was auf der Strecke bleibt. Daher ist der Stab von Briten, den der Kommandeur eher zufällig tötet, besonders erwähnenswert. Gespräche dieser Art verlaufen in einer Atmosphäre großen Einverständnisses – so auch das folgende aus dem April 1941:
   PETRI*: Haben Sie Tagesangriffe über England gemacht?
   ANGERMÜLLER*: Ja, über London, in 30 Meter Höhe, einen Sonntag. Es war ziemlich stürmisch und die Ballons waren eingezogen.[174] Ich war der Einzige. Meine Bomben auf einen Bahnhof geschmissen – drei Mal den Bahnhof angeflogen. Dann über ganz England weg und eine Maschine in Brand geschossen, in Felton. Und die Baracken in Aldershot auch beschossen mit MG-Feuer. Es stand in der Zeitung nachher: ›Deutscher Raider schießt in die Straße rein‹. Meine Mannschaft freute es natürlich, und sie schoss überall.
   PETRI: Auf die Zivilbevölkerung?
   ANGERMÜLLER: Nur militärische Ziele!!! (Gelächter)[175]
   Angermüller erzählt mit sichtlichem Stolz von seinem Angriff auf London, der einen besonderen Stellenwert dadurch bekommt, dass er – obwohl ohne Staffel angreifend – nicht nur bombardiert, sondern auch zusätzlich mit seinem MG im Tiefflug feuert. Das ist so außergewöhnlich, dass es hinterher in einer britischen Zeitung zu lesen stand; jedenfalls erzählt Angermüller es so, um seine eindrucksvolle Geschichte zu unterstreichen. Die Frage seines Kameraden, ob er bei dieser Aktion auch auf Zivilisten geschossen habe, beantwortet Angermüller ironisch – Anlass für einverständliches Gelächter.

Ästhetik des Zerstörens

   Überhaupt ist die Sicht- und Prüfbarkeit ihrer Abschüsse den Soldaten ein höchst wichtiges und oft besprochenes Thema. Mit großer Akribie zählen sie ihre eigenen Abschüsse, die ihres Geschwaders und die von Konkurrenten auf. Das ist kein Wunder, werden doch Auszeichnungen und Beförderungen nach der Zahl der Abschüsse vergeben. Aber nicht nur darin verkörpert sich der Erfolg – das EKI oder das Ritterkreuz bekommt man ja erst später, nach vielen geglückten Landungen auf dem eigenen Flugplatz und der geprüften Addition der Abschüsse. Die Flieger verfügen – im Unterschied besonders zu den Soldaten des Heeres – über unmittelbare Erfolgserlebnisse: An den trudelnden, brennenden oder explodierenden Maschinen ihrer Gegner oder an den »hochgehenden« und brennenden Häusern, Zügen oder Brücken am Boden sehen sie direkt, ob und was sie mit welchem Erfolg getroffen haben. Das Töten aus der Luft hat zwei Aspekte, die es besonders geeignet machen, als ästhetisches Erlebnis wahrgenommen und empfunden zu werden: erstens eben die Sichtbarkeit, und zweitens die Wahrnehmung des Angerichteten aus relativ sicherer Distanz.
   SIEBERT*: Es ist doch ein Mordsgefühl – so als Flieger – Deutschland, seine Basis liegt so ganz weit ab – und er greift dann hier an.
   MERTINS*: Eine Stuka hat eine Riesensache gemacht. Die hat ein englisches Kriegsschiff versenkt. Die ist so rüber geflogen und hat eine 250-Kilo-Bombe in den Schornstein reingeschmissen und hat die Munitionskammer getroffen. Die hat das Schiff vernichtet. Man hat es ja auch in Polen gesehen. Man schmeißt da seine Bombe ab und weiß jedes Mal, was man getroffen hat.[176]
   Bei der Ästhetik des Zerstörens spielt jede Verbesserung der Zielgenauigkeit beim Bombenwerfen eine ebenso große Rolle wie die unmittelbare Sichtbarkeit von Erfolgen. So erzählt ein Oberleutnant im September 1940:[177]
   Das ist, wie wenn man eine 250-Kilo-Bombe an die Bordwand wirft. Das gibt schon ein heftiges Loch. Bei einem Dampfer, das war so in der Dämmerung, das konnten wir selbst sehen. Da ging es mittschiffs herein, mit großer Rauchsäule ist die versenkt. Es war etwas frischer Wind da, so dass man was sehen konnte.
   Ein weiteres Beispiel; es berichtet ein Major:[178]
   Ich habe die Tanks von Thames Haven angesteckt, das war zwischen 15 und 16 Uhr. Zwölf habe ich persönlich gezählt. […] Als ich zuerst auf dieses Ziel ging, habe ich mir überlegt, ob ich das Ziel nicht ändern sollte, ich hatte nämlich bei Port Victoria zwei Tankschiffe gesehen, die wurden gerade entladen am Kai, und da waren ja auch ziemlich viele Öltanks dort. Für das Unternehmen bekam ich eine besondere Anerkennung, das wäre die schönste Leistung gewesen. Während des ganzen Englandeinsatzes. Das macht Spaß, wenn man gleich den Erfolg sieht; das ist nicht so wie ein Paradeflug über London.[179]
   Diese Sichtbarkeit, eine Ästhetik der eigenen Zerstörungskompetenz, ist neben den ausgiebigen Unterhaltungen über technische Fragen (vgl. S. 231) vielleicht das wichtigste Thema für die Luftwaffensoldaten überhaupt. In möglichst vielen Details und mit großer Lebendigkeit werden die Angriffe und Abschüsse dargestellt:
   FISCHER: Wir waren mit der [FW]›190‹ in der Themsemündung, und auf alle Kähne, die uns vor die Flinte kamen, haben wir geschossen. Von einem war so ein Mast, Schuss in den Mast hinein, gesprengt, zack, weg war er. So ein kleiner Pott. Als wir mit Bomben geflogen sind, haben wir Fabriken angegriffen; einmal flog ich vorne weg, die zweite Rotte kam hinterher – das war bei Hastings unten, war so eine riesengroße Fabrik, so an der Eisenbahnlinie dran, fast am Strand. Der andere flog auf die Stadt zu und schmiss seine Bomben in die Stadt hinein. Ich sage: Fabrik, Mensch, ich denke, die raucht so schön! Klack, die Bomben rein, in die Luft gegangen.
   In Folkestone haben wir einmal den Bahnhof angegriffen, gerade ein großer Personenzug am Ausfahren, zack, die Bombe in den Zug hinein. Junge, Junge! (Gelächter). Bahnhof von Deal, Mensch, da war daneben ein riesengroßer Schuppen, hineingeschmissen, so eine Flamme, so was habe ich noch nicht gesehen, so eine Explosion. Da war sehr wahrscheinlich brennbares Zeug drinnen. Solche Brocken flogen vor uns, also höher, als wir selbst flogen, durch die Luft.[180]
   Das ist der Krieg von oben betrachtet, aus dem Blickwinkel der Bomberbesatzungen und besonders der Jäger. Es ist eine andere Perspektive auf den Krieg als jene von unten, wo die Zerstörung angerichtet und wo gelaufen, geflohen, gestorben wird. Aber auch die Verluste der Flieger waren hoch – allein vom 1. August 1940 bis 31. März 1941 fielen über 1700[181]  –, aber gerade das trägt zum sportiven Charakter der Einsätze und zum ästhetischen Erleben der Zerstörung bei: Risiko gehört essentiell dazu, und wenn man überhaupt Chancen hat, zu überleben, dann durch besondere Geschicklichkeit und Beherrschung der Maschine.
   In Hythe unten ist ein Flugplatz, ist auch an der Küste dran, aber wird nicht mit Flugzeugen belegt. Sonntag früh um 10 Uhr sagte der Oberleutnant zu mir: ›Komm her, wir machen einmal so ein Sonderunternehmen.‹ Wir uns hinüber gemacht, jeder zwei 250er [250kg-Bomben] drunter, losgegangen. Drüben war etwas Nebel, ach Scheiße; sind weitergeflogen, kommen wir heraus, war der Flugplatz da, plötzlich schien die Sonne so wunderbar und in den Kasernenanlagen saßen die Landser alle draußen auf den Balkonen, wir hin, dschoom! drauf Du, zack, die Kasernen flogen in die Luft, die Landser wirbelten da durch die Gegend. (Gelächter) Und anschließend war eine große Baracke da – na, ich denke: hinein; ein großes Haus war noch extra davor, alles setzte da durch die Gegend, die Hühner flatterten herum, die Baracke brannte, mein lieber Mann, da habe ich vielleicht gelacht.[182]
   In einem anderen Gespräch wird noch ein weiteres Element der Ästhetik der Sichtbarkeit und der Zerstörung genannt: das automatische Filmen der Kampfaktionen. Man kennt die Dokumentation der Zerstörung eines Zieles aus der Optik des Schützen seit dem zweiten Irakkrieg, in dem der Angriff auf einen Bunker gewissermaßen »live« durch die Optik der einschlagenden Rakete in den Nachrichtensendungen gezeigt wurde. Aber schon im Zweiten Weltkrieg wurde das »Einswerden von Kamera und Waffe« (Gerhard Paul) vorgeprägt – zunächst waren in den Tragflächen der Jagdflugzeuge Kameras eingebaut, später koppelte man Schmalfilmkameras mit der Bordwaffe, so dass der Pilot seine Abschüsse gleich dokumentiert und die Presse spektakuläre Fotos zum Abdrucken hatte. In den Wochenschauen wurden Abschussbilder aus der Perspektive der Piloten und Schützen gezeigt, wobei sich besonders die Angriffsbilder aus der Optik der Sturzkampfbomber großer Beliebtheit beim Publikum erfreuten.[183]
   KOCHON: Jetzt in den Kampfflugzeugen unter der Kanone ist doch ein automatischer Filmapparat und jedes Mal, wenn ein Schuss herausgeht, dreht der Filmapparat nach jedem Schuss ein Bild.
   FISCHER: Ich hatte aber eine normale Filmkamera extra eingebaut.
   KOCHON: Wenn du drückst, filmt der Apparat, dann weißt du, ob du getroffen hast oder nicht.
   FISCHER: Haben wir auch drin bei uns jetzt in den Flächen, wo früher noch Kanonen gewesen sind, da haben wir bei uns drei Filmapparate drin. Ich habe mal zwei Sekunden lang auf die Knöpfe gedrückt, da spritzte die Spitfire auseinander. Hatte ich eine rechte Fläche voller Öl von der Spitfire. Mensch![184]

Spaß

   »Ich sage dir, ich habe vielleicht schon Leute umgelegt in England. Ich hieß in unserer Staffel ›der Berufssadist‹. Ich habe alles umgelegt – Autobus auf der Straße, Zivilzug in Folkestone. Wir hatten Befehl, unten in die Städte hineinzuschmeißen. Jeden Radfahrer habe ich beschossen.«
Unteroffizier Fischer, Pilot einer Me109, 20. 5. 1942
   Der Spaß bei erfolgreichen Angriffen spielt, wie bereits gezeigt, in den Gesprächen der Luftwaffensoldaten eine wichtige Rolle. Nicht nur, dass man sich gegenseitig versichern kann, wie virtuos man mit dem Flugzeug, der »Mühle«, umgehen kann und wie überlegen man den Gegnern oder den anderen gegenüber ist, die man abschießt – der »Spaß« hat auch kommunikativ großes Gewicht. Denn er gehört zu dem, was eine Geschichte zu einer guten Geschichte macht: Spannend muss sie sein, sinnhaft in ihrem internen Aufbau, nachvollziehbar und pointiert, so dass das gemeinsame Lachen wiederum bestätigt, dass man an derselben Welt teilhat – eine Welt, in der Abschießen und Spaßhaben zusammengehören. Opfer im emphatischen Sinn kommen in diesen Spaßgeschichten nicht vor: Sie treten nur als Ziele auf, gleichgültig, ob es sich um Schiffe, Flugzeuge, Häuser, Radfahrer, Festbesucher, Bahn- oder Schiffsreisende oder Frauen mit Kinderwagen handelt. Die folgenden Geschichten über den Luftkrieg gegen England aus den Jahren 1940 bis 1944 bedürfen keines Kommentars:
   ESCHNER*: Unser Kommodore, der hat uns öfters mal als Ausgleichssport einen Tagesangriff besorgt – auf Schiffe und so etwas. Er meinte, uns damit einen besonderen Gefallen zu tun. […] Wir starteten also – ich als Erster und habe auch einen Pott gefunden –, der hatte sich vor einem kleinen Hafen da bei Lowestoft in der Gegend – da lagen 2 Pötte, und da lag nur ein kleiner Bewacher dabei. Da kam ich an, wir hatten Wolkenhöhe 500–600 m. Auf 10 km Entfernung sah ich schon Schiffe. Ich wollte einen Gleitflug machen, war schon im Gleitwinkel drin, habe angegriffen; der Pott hat auch einen abgekriegt; die fingen jetzt an zu schießen. Gleich Vollgas herein und weg. Das hat Mordsspaß gemacht.[185]
   BUDDE: Zwei Störangriffe habe ich geflogen, also Häuser beschossen. […] Was uns in die Quere kam, so Villen auf einem Berg, waren die schönsten Ziele. Wenn man so von unten anflog, dann wupps, so ringehalten, dann rasselten die Fenster und oben das Dach ging hoch. Aber nur mit [FW]190 habe ich das gemacht, zwei Mal, in Dörfer hinein. Da war mal Ashford. Auf dem Marktplatz, da wurde eine Versammlung gehalten, Haufen Leute, Reden gehalten, die sind vielleicht gespritzt! Das macht Spaß![186]
   BAEUMER: Dann haben wir etwas sehr Schönes, auf dem Rückflug haben wir mit der [Heinkel] ›111‹ etwas sehr Schönes gemacht. Da haben wir vorne eine Zwei-Zentimeter-Kanone einbauen lassen. Dann sind wir im Tiefflug über die Straßen, und wenn uns Autos entgegenkamen, haben wir den Scheinwerfer angemacht, die dachten, es käme ein Auto ihnen entgegen. Dann haben wir mit der Kanone reingehalten. Damit hatten wir viele Erfolge. Das war sehr schön, das machte riesigen Spaß. Auch Eisenbahnzüge und so Zeug.[187]
   HARRER*: Da lobe ich mir unsere Minen, wenn sie losgehen, die rasieren alles weg, die rasieren da 80 Häuser weg. Ich habe Kameraden gehabt, die im Notwurf also ihre Minen, die sie ins Wasser schmeißen sollten, mal so in eine kleine Stadt reingeschmissen haben, die sehen dann, wie so die Häuser in die Höhe gehoben werden und in der Luft auseinanderfallen. Die Minen haben nur eine ganz dünne Wand, Leichtmetallwand. Und haben außerdem einen bedeutend besseren Sprengstoff als unsere ganzen Bomben. […] Wenn so ein Ding in so einen Block reinhaut, der verschwindet einfach, fällt eben auseinander. Die Sache hat mir einen Mordsspaß gemacht.[188]
   V. GREIM: Wir haben einmal einen Tiefangriff bei Eastbourne gemacht. Da kommen wir an und sahen ein großes Schloss, da war anscheinend ein Ball oder was, auf alle Fälle viele Damen in Kostümen, und eine Kapelle. Wir waren zu zweit, wir haben Weitaufklärung gemacht. […] Haben wir da kehrtgemacht, sind darauf zu. Das erste Mal sind wir vorbeigeflogen, dann haben wir noch einen Angriff gemacht und haben reingehalten, mein lieber Freund, das hat Spaß gemacht![189]

Jagd

   Eine Jagd besteht aus dem Suchen, dem Verfolgen, dem Erlegen und dem Ausweiden von Wild. Dabei gibt es viele Formen der Jagd – am häufigsten die Einzeljagd, bei der ein Jäger zusammen mit seinem Hund Beute jagt, und die Treibjagd, in der Helfer das Wild vor die Flinten der Jäger treiben. Die Jagd hat sportliche Aspekte – man muss geschickt und wachsam sein, klüger als das Wild, sich verstecken, in einem unbeobachteten Moment zuschlagen, gut schießen können. Dazu gehört aber auch eine ganz eigene Art von Regeln. Man jagt nur zu bestimmten Zeiten, schießt nur auf Einzeltiere usw. Alle diese Elemente vereinen die Anforderungen an einen Jagdflieger auf sich, deshalb heißen sie so, und deshalb verstehen die Flieger ihre Arbeit im Kontext des Jagens. So galt es als unstatthaft, abgesprungene feindliche Piloten an ihrem Fallschirm zu beschießen, obwohl sie doch immer noch Feinde waren.[190] Und Adolf Galland soll es als General der Jagdflieger einmal als »unwaidmännisch« bezeichnet haben, Bomben auf amerikanische Bomberpulks zu werfen. Vom Jagen rührt der »Spaß«, über den sie immer wieder sprechen. So sportlich wie die Flieger betrachten nur noch die U-Boot-Fahrer die Kampfhandlungen. Die verwendete Metaphorik, hier von Leutnant zur See Wolf-Dietrich Danckworth, dem einzigen Überlebenden von U224, spricht für sich:
   DANCKWORTH: Das macht doch Spaß auch heute noch. Es kam mir immer so vor, wenn wir am Geleitzug waren, wie ein Wolf in eine Herde Schafe, die strengst bewacht wird durch ein paar Hunde. Die Hunde sind die Korvetten und die Schafe sind die Schiffe, und wir wie Wölfe immer rum, bis wir eine Durchschlucht gefunden haben, reingestoßen, abgeschossen und wieder raus. Das Schönste, was es gibt, ist Einzeljagd.[191]
   Bei der Jagd ist es ganz gleichgültig, ob es um militärische Ziele geht, die man abschießen kann, oder um zivile. Ernst Jünger schildert begeistert in seinem Tagebuch, wie es ihm nach zweieinhalb Jahren Krieg endlich gelingt, mit einem »trefflichen Schuss« seinen ersten Engländer zu »erlegen«[192] . Wie schon gesagt, zählt hier weniger, wen man warum zur Strecke bringt, als dass man überhaupt zu Ergebnissen kommt, möglichst natürlich zu spektakulären. Auch hierin dokumentiert sich die sportliche Auffassung vom Abschießen. Genau deshalb ist der Erfolg auch umso größer, je prominenter oder wichtiger die Abgeschossenen sind. Und desto interessanter sind die dazugehörigen Geschichten:
   DOCK: Ich hatte doch meistens immer zwei Bilder von demselben Objekt gemacht; eins hat immer die Führung behalten. Das beste Bild habe ich gemacht von einer Whitley, erster Abschuss in der Staffel. Mensch, den haben wir gefeiert, den ersten Abschuss! Bis zum anderen Morgen um halb sechs, du, um sieben hatten wir Einsatz! Alle blau wie die Kanonen in die Maschinen gestiegen! Whitley waren die erste, die wir abgeschossen haben, unsere Staffel, dann kamen lauter viermotorige, Liberator, Halifax, Stirling, Sunderland. Dann kamen Lockheed Hudson und die da. Vier Verkehrsmaschinen haben wir abgeschossen.
   HEIL: Waren die bewaffnet?
   DOCK: Nee.
   HEIL: Warum habt ihr die abgeschossen?
   DOCK: Was uns vor die Flinte kam, wurde abgeschossen. Einmal haben wir abgeschossen – da waren allerhand hohe Tiere drin; waren 17 Mann drin; vier Besatzungsmitglieder und 14 Passagiere, kamen von Lissabon. Da war ein englischer berühmter Filmschauspieler mit drin, Leslie Howard. Der englische Rundfunk hat es nämlich abends durchgegeben. Das waren zackige Flieger, du, die Verkehrsflieger – mein lieber Mann! Der hat sie auf den Kopf gestellt mit den 14 Passagieren. Mensch! Die müssen ja alle an der Decke gehangen haben! (Lacht) Der flog so 3200 Meter hoch. So ein blöder Hund! Anstatt, dass er nun gerade weiterfliegt, wie er uns sieht, fängt er an zu kurbeln. Da hatten wir ihn dann auch, Mensch. Da haben wir ihm ja auch den Laden vollgerotzt, Du! Oh Gott, oh Gott! Durch Drücken wollte er uns entwischen. Da ist er dann Kurven geflogen, Mensch. Dann saß der eine hinter, dann saß der andere dahinter. Da haben wir dann ganz ruhig und sachlich aufs Knöpfchen gedrückt. (Lacht)
   HEIL: Ist er runtergekommen?
   DOCK: Na, klar, Mensch.
   HEIL: Und die anderen ausgestiegen?
   DOCK: Nee. Die sind alle tot gewesen.[193]
Leslie Howard (1893–1943), aufgenommen 1933. Filmschauspieler (»Ashley Wilkes« in Vom Winde verweht, 1939). Er war am 1. Juni 1943 im KLM Flug 777 von Lissabon nach Bristol unterwegs, als die Maschine in der Biskaya von Ju88 Zerstörern der V./KG 40 abgeschossen wurde. (Fotograf: unbekannt; Ullstein Bilderdienst)
   Besonders in der Geschichte vom Abschuss der Verkehrsmaschine vom Typ Douglas DC3, in der unter anderem der Schauspieler Leslie Howard zu Tode kam, kommt das Sportliche im Referenzrahmen des Krieges zum Ausdruck. Der 21-jährige Obergefreite Heinz Dock spricht sogar von einer »Flinte«, als wäre er tatsächlich auf der Pirsch; seine Opfer sind »hohe Tiere«. Dock hat durchaus Achtung für den Piloten der Verkehrsmaschine, der durch spektakuläre Ausweichmanöver versucht, dem Abschuss zu entrinnen. Gegen seine Jäger hat er aber keine Chance. Dock und seine Kameraden drückten, wie er süffisant sagt, »ganz ruhig und sachlich aufs Knöpfchen«, die Verkehrsmaschine stürzt ab.[194]
   Die Erzählungen verdeutlichen einmal mehr, dass für etliche Soldaten die Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen keine Rolle spielte. Es ging um das Versenken, Abschießen und Zerstören – wen es traf, war nicht wichtig. In seltenen Fällen wird sogar ausdrücklich hervorgehoben, dass es gerade nicht um militärische Ziele ging. Oberleutnant Hans Hartigs vom Jagdgeschwader 26 berichtet im Januar 1945:
   HARTIGS: Ich bin persönlich nach Süd-England geflogen. Wir sind stündlich mit einem Schwarm geflogen in 1943 und haben den Befehl gehabt, auf alles zu schießen, nur auf nichts Militärisches. Wir haben Frauen und Kinder mit Kinderwagen umgelegt.[195]
   Ein besonders drastisches Beispiel, was das bewusste Angreifen und Abschießen nicht-militärischer Ziele bedeutete, liefert das Gespräch zwischen dem Bomberpiloten Wille* und dem U-Bootgefreiten Solm*:
   SOLM: Wir haben einen Kindertransport geknackt.
   WILLE: Ihr oder Prien?
   SOLM: Wir haben es getan.
   WILLE: Sind die alle abgesoffen?
   SOLM: Ja, alle sind tot.
   WILLE: Wie groß war der?
   SOLM: 6000 Tonnen.
   WILLE: Wie wusstet ihr das?
   SOLM: Durch Funk. Der BdU[196] gab uns durch: ›Da und da ist ein Geleitzug, so und so viele Schiffe mit Proviant, so und so viele Schiffe mit dem und dem, ein Kindertransport und das und das; Kindertransport ist so groß, und das andere ist so groß‹. Worauf greifen wir ihn an? Dann kommt eine Frage: ›Haben Sie den Geleitzug angegriffen‹? Haben wir ›Ja‹ gegeben.
   WILLE: Wieso wusstest du, dass dieses Schiff von 50 die Kinder an Bord hatte?
   SOLM: Weil wir ein großes Buch haben. In diesem Buch stehen sämtliche Schiffe der englischen und kanadischen Schifffahrtslinien darin. Da gucken wir nach.
   WILLE: Der hat den Namen des Schiffes nicht.
   SOLM: Das haben wir.
   WILLE: Da stehen die Namen der Schiffe?
   SOLM: Hat alles mit Namen darin.
   [Schnitt]
   SOLM: Kindertransport … was uns großes Vergnügen bereitet hat.[197]
   Solm bezieht sich hier wahrscheinlich auf die Versenkung des britischen Passagierschiffes »City of Benares« am 18. September 1940, bei der 77 britische Kinder getötet wurden. Dass seine Darstellung sich mit den historischen Vorgängen nur teilweise in Einklang bringen lässt und er die Geschichte ausschmückt – so war es dem BdU nicht bekannt, dass sich Kinder auf der »Benares« befanden –, ist in diesem Zusammenhang freilich nicht relevant. Entscheidend ist, dass Solm offenbar davon ausgeht, mit der Geschichte vom »Knacken« eines Kindertransports Eindruck machen zu können.

Versenken

   Die Geschichten, die Marine- und Heeressoldaten erzählen, unterscheiden sich ansonsten stark von denen der Flieger. Das Moment der Jagd tritt hier zurück; rein technisch haben die Männer auch kaum Gelegenheit zu Einzelaktionen, können sich nicht wie die Jagdflieger mit der perfekten Beherrschung von Maschinen brüsten und sind insgesamt mehr den heteronomen Verhältnissen innerhalb der Besatzung ausgeliefert. Wenn man etwa den Begriff »Spaß« in den Erzählungen der Marine- und Heeressoldaten sucht, wird man kaum fündig.
   Auch die Soldaten der Landstreitkräfte erzählen erstaunlich selten über Situationen des Tötens in Gefechten. Franz Kneipp, SS-Untersturmführer der Division »Hitlerjugend«, ist einer der wenigen, der von den Kämpfen in der Normandie kurz vor seiner Gefangennahme am 9. Juli 1944 berichtet:
   KNEIPP: Der eine Funker von mir sprang bei mir in den Graben, da auf einmal kriegte er einen Schuss. Dann kam ein Kradmelder, der sprang auch bei mir rein, und der kriegte auch einen Schuss. Beide habe ich verbunden. Dann kam aus dem Busch ein Amerikaner raus, der trug zwei Munitionskästen in der Hand, ich habe genau gezielt und da, krach, war er weg. Dann habe ich auf Fenster geschossen. Ich wusste nicht genau, aus welchem Fenster geschossen wurde. Ich nahm mein Glas und da sah ich einen. Ich nahm das MG und zielte auf das Fenster, da klatsch war es vorbei.[198]
   Am häufigsten wird über das Töten erzählt, wenn es um Partisanen oder »Terroristen« geht – wir behandeln dies ausführlicher im folgenden Abschnitt zu den Kriegsverbrechen (vgl. S. 115). Auch in den Gesprächen der Marinesoldaten ist vom Töten kaum die Rede. Worüber sie hingegen ausführlich und akribisch berichten, sind die Tonnagen der versenkten Schiffe, wobei übrigens für die Additionen keine Rolle spielt, welche Art von Schiffen versenkt wurden, Passagierdampfer, Handelsschiffe oder Fischerboote. Diese werden »umgelegt«, »abgeschossen«, »geknackt« und »versenkt«. Nur in ganz seltenen Fällen werden dabei auch die Opfer erwähnt. Ein Schnellbootfahrer berichtet etwa über ein Erlebnis in der Ostsee:
   Wir haben einmal ein russisches S-Boot versenkt, so ein kleines Flakboot, mit zehn Mann Besatzung, ganz kleine Dinger, die fahren mit Benzin. Haben wir eines in Brand geschossen. Sind sie ausgestiegen. Hat unser Kapitän gesagt: ›Pass auf, die paar Mann, die können wir an Bord nehmen.‹ Wir sind hingefahren, zu den Kumpels, da waren Weiber dabei, russische. Fangen die Ersten an, aus dem Wasser raus zu schießen mit der Pistole. Die wollten es einfach nicht, die waren so blöde. Sagt unser Alter: ›Wir wollten jetzt denen was Anständiges tun. Die wollens nicht haben, machen wir sie eben kaputt, die Kameraden.‹ Haben wir … hineingewichst, waren sie … weg.[199]
   Wäre die Rettungsaktion ohne Vorkommnisse verlaufen, hätte man davon gewiss nicht erzählt. Nur durch die Besonderheit, dass sich die russischen »Weiber« offenbar nicht retten lassen wollten und man sie daraufhin tötete, wird die Geschichte erzählenswert. Besonderen Eindruck hat offenbar auch die Schlacht um die Konvois HX 229 und SC 143 gemacht, die im März 1943 auf dem Weg von Kanada nach Großbritannien von 43 deutschen U-Booten angriffen wurden und binnen weniger Tage 21 Schiffe verloren.
   Leute, die diesen Hexenkessel mitgemacht haben, sagen, es fährt wohl kein Mann wieder, der diese Schießerei überstanden hat, kein Mann von den Engländern fährt wieder. Das ist eine derartige Hölle gewesen von Feuer, von Flammen, von Krachen und Detonieren, und Toten und Schreie, also da fährt kein Mensch mehr von den ganzen Schiffsbesatzungen. Das ist auch ein erhebliches Plus für uns, ein moralisches Plus. Wenn der andere derartig moralisch deprimiert wird, dass er eben keine Lust mehr hat zum Fahren.[200]
   Berichte über Mitleid mit den Schiffbrüchigen oder über erfolgreiche Rettungsaktionen sind in den Abhörprotokollen ebenfalls nur sehr selten überliefert. Obgleich etwa die U-Boote in Ausnahmefällen Schiffbrüchige aufnahmen oder versorgten, wurde untereinander darüber offenbar nur wenig gesprochen. Eine Ausnahme ist Oberbootsmaat Hermann Fox von U110:
   FOX: 200 Meilen von der englischen Küste haben wir nachts ein Schiff torpediert, das kam aus Südamerika, wir konnten die Leute nicht retten. Wir fanden drei in einem Boot und gaben ihnen Essen und Zigaretten, die armen Schlucker![201]
   In den allermeisten Geschichten geht es jedoch nur um die versenkten Bruttoregistertonnen. Die Opfer treten dabei allenfalls in Form von großen und abstrakten Mengen Gestorbener oder Sterbender auf. Kapitänleutnant Heinz Scheringer erzählt zwei seiner Kameraden von der letzten Feindfahrt mit U26:
   SCHERINGER: Das hätte sich gelohnt; das waren noch mal 20 000 [Tonnen] gewesen, dass wären schon 40 000 gewesen; ja, wir hätten noch was geholt. Das war herrlich, wie wir da angegriffen haben. Der ganze Geleitzug; jeder suchte sich einen raus: ›Den nehmen wir, nein, wollen wir den lieber nehmen, der ist noch größer.‹ Und dann einigten wir uns auf den Tanker zuerst. Dann nachher gleich auf den da links. […]offiziere an Bord, die waren Steuermannmaate, da holten wir uns Paul* nochmal rauf und sagten: ›Welchen würden Sie denn nehmen?‹ (Gelächter)[202]
   Geschichten über das Versenken gegnerischer Schiffe sind bei der Marine allgegenwärtig und nicht nur bei U-Boot-Fahrern anzutreffen. Da die Seekriegsleitung einen Tonnagekrieg gegen Großbritannien verkündet hatte, in dem es darauf ankam, mehr Schiffe zu versenken, als auf den Werften der Alliierten gebaut werden konnten, war die Vernichtung von Schiffsraum das Maß aller Dinge.[203] Auch für die Besatzungen von Hilfskreuzern war die Tonnage das direkte Maß für den Erfolg, wie der Dialog von zwei Besatzungsmitgliedern der »Pinguin« und der »Atlantis« zeigt:
   KOPP*: Schlagen kann uns keiner mehr. Es ist jetzt aus! Wir holten 16 herunter da.
   HAHNER*: Wie?
   KOPP: Also der Tonnage nach nicht mehr zu schlagen. Die hat 129 000 oder so was. 136 000 haben wir, da kommen noch ein paar andere dazu.
   HAHNER: Den größten ägyptischen Passagierdampfer und dann noch zwei englische Dampfer, die nach Afrika fuhren mit Flugzeugen und Munition und allem, haben wir gehabt.[204]
   Man findet solche Überbietungsgeschichten nicht selten in den Abhörprotokollen, einerseits ein typisches Element von Alltagsgesprächen, in dem sich die Erzähler mit der besten Geschichte und der angeblich größten Leistung zu übertrumpfen suchen. Zugleich wird aber deutlich, dass es um das Versenken an sich geht, ganz gleich, was man versenkt. Auch Erzähler, die schon kurz nach dem Beginn des Krieges in Gefangenschaft gekommen sind, denken in diesem klassischen Paradigma des Seekrieges.
   BARTZ*: Soll man nicht erst versuchen, die Zerstörer aus dem Convoi herauszuknallen und dann erst die Schiffe?
   HUTTEL[205] : Nein, immer erst Tonnagen, denn das ist Englands Verderb. Der Kommandant muss sich immer erst, wenn man zurückkommt, beim BdU melden. Wir versenken jeden ohne vorherige Warnung, aber das dürfen sie nicht wissen.[206]
   Dieses Zitat stammt vom 10. Februar 1940, der Krieg hat gerade erst begonnen. Seit dem 6. Januar war den U-Booten von der Seekriegsleitung die warnungslose Versenkung auch von neutralen Handelsschiffen in der Nordsee gestattet[207] , um den Handelsverkehr der skandinavischen Staaten mit Großbritannien zu stören. Allerdings sollten die U-Boote möglichst unauffällig vorgehen, um einen großen internationalen Protest zu vermeiden. Von den sechs Schiffen, die U55 auf seiner ersten Feindfahrt im Januar 1940 versenkte, waren auch ein schwedisches und zwei norwegische. Den U-Boot-Männern war es freilich gleichgültig, wen sie versenkten. Sie freuten sich, wie die Abhörprotokolle zeigen, vor allem über die neuen Möglichkeiten, mehr Schiffe zu versenken. Dazu gehörte auch, dass man sich über das Schicksal der feindlichen Schiffscrews keine allzu großen Gedanken machte. Eine Rettung war nur in Ausnahmefällen möglich und wurde auch nur selten angestrebt. Im selben Gespräch heißt es dazu:
   BARTZ*: Was machen Sie mit der Besatzung der versenkten Schiffe?
   HUTTEL: Die Besatzungen lassen wir immer absaufen. Was soll man denn auch sonst machen?[208]
   Die Versenkungen ohne jegliche Vorwarnungen reduzierten die Überlebenschancen der Besatzungen erheblich. Auf den 5150 Handelsschiffen, die die Alliierten im Zweiten Weltkrieg vor allem durch deutsche U-Boote verloren, fanden über 30 000 Seeleute den Tod.[209]
   Strukturell ähneln solche Geschichten vom Versenken den Geschichten vom Abschießen, wie sie die Luftwaffensoldaten erzählen. Allerdings gibt es dabei nicht so viele Details zu erzählen, und auch individuelle Aktionen oder Leistungen spielen hier naturgemäß keine Rolle, weil die U-Boot-Besatzungen immer als ein rund 50 Mann starkes Team agierten.
   Auch bei der Marine bedarf es keiner Sozialisierung zum Töten. Dass die Crews feindlicher Handelsschiffe im Seekrieg starben, hat niemand in Frage gestellt, es hatte sich spätestens 1917 als allgemeinhin akzeptierte Praxis in den großen Seemächten durchgesetzt. Die Möglichkeit, sich durch individuelle Geschicklichkeit, durch Mut oder Tapferkeit oder durch besonders virtuose Beherrschung einer Maschine zu retten, gibt es für den Einzelnen im Seekrieg nur sehr bedingt. Wenn man getroffen wird, geht man unter, wenn man die anderen trifft, gehen die unter. Angesichts dessen verwundert die ostentative Abgeklärtheit, die weitgehende Emotionslosigkeit der Erzählungen vom Versenken und Ertrinken nicht. Allzu nah möchten die Männer den Tod nicht an sich heranlassen. Außerdem geht es hier um das Abfeuern von Torpedos aus vergleichsweise großer Distanz; die Resultate sahen insbesondere die U-Boot-Leute, anders als die Flieger, meist gar nicht. Bei einem Überwasserangriff waren lediglich vier Mann auf dem Turm, bei einem Unterwasserangriff sah nur der Kommandant durch das Sehrohr das Ziel. Der Rest der Besatzung hörte allenfalls die Sinkgeräusche des getroffenen Schiffes. Auch von daher ist Empathie nicht zu erwarten.

Kriegsverbrechen – Töten als Besatzer

   Seit der Antike hat sich das Verständnis, was ein Kriegsverbrechen ist, immer wieder erheblich gewandelt. Ein Maßstab, was im Hinblick auf die Gewaltausübung als »normaler« Krieg gelten könnte, ist daher auch kaum zu konstruieren. Angesichts der unüberschaubaren Zahl von Menschen, die im Lauf der Geschichte zum Opfer unbeschränkter Kriegsgewalt wurden, könnte sich allerdings die Frage stellen, ob die Befolgung von gewaltbegrenzenden Regeln im Krieg nicht überhaupt die Ausnahme und Regellosigkeit der Normalzustand gewesen sei. Dem ist entgegenzuhalten, dass kein gesellschaftliches Verhalten und damit auch kein historisch nachweisbarer Krieg ohne Regeln war, auch nicht der Zweite Weltkrieg. Ihr Referenzrahmen gab den Soldaten eine recht klare Vorstellung davon, welche Art der Gewaltausübung legitim war und welche nicht – was nicht heißt, dass man die Grenzen der legitimen nicht auch überschreiten konnte.
   Gleichwohl ist unverkennbar, dass während des Zweiten Weltkrieges die Entgrenzung der Gewalt qualitativ und quantitativ ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte. Hier kam man dem »Totalen Krieg« – einem allenfalls theoretisch zu beschreibenden Zustand – am nächsten.[210] Die Erfahrung des Ersten Weltkrieges hatte in der militärinternen Diskussion der Zwischenkriegszeit bewirkt, dass eine Radikalisierung des Krieges von vielen als notwendig bzw. als unvermeidlich angesehen wurde. Der nächste Krieg würde ein »totaler« werden – darin waren sich viele Experten einig.[211] Die Unterscheidung von Kombattanten und Nicht-Kombattanten schien im Überlebenskampf der Nationen, ausgetragen von Massenheeren und möglichst vollständig mobilisierten Gesellschaften, nicht mehr zeitgemäß zu sein. So gelang es in der Zwischenkriegszeit trotz mancher Anläufe nicht, der Brutalisierung des Krieges regulativ Einhalt zu gebieten.[212] Die wirkungsmächtigen großen Ideologien, die generelle Ablehnung liberaler Ideen, die Weiterentwicklung neuer Waffen wie des strategischen Bombers, die immer weiter ausufernden Mobilisierungsplanungen ließen alle Bemühungen zu einer Einhegung der Gewalt Makulatur werden. Hinzu kamen die vielfältigen Gewalterfahrungen in den Jahren 1918 bis 1939 (Russischer Bürgerkrieg 1918–1920, Niederschlagung der Aufstände in Deutschland 1918–1923; Spanischer Bürgerkrieg 1936–1939; Krieg zwischen Japan und China seit 1937), die dem Versuch, der Gewalt im Krieg einhegende Regeln zu geben, diametral entgegenliefen. So konnte auch der Abschluss der zweiten Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen (1929) dieser Entwicklung nicht entscheidend entgegenwirken.
   Das erschreckende Ausmaß an regelloser Gewalt während des Zweiten Weltkrieges ist vielfach beschrieben und mit dem Zusammenwirken situativer und intentionaler Faktoren erklärt worden. Insbesondere die Ideologisierung soll – wie schon in den Religions- und Kolonialkriegen – dazu geführt haben, dass Gegner nicht als gleichwertig anerkannt und umstandslos getötet wurden. Während die Perspektive der politischen und militärischen Führung aufgrund der Aktenlage gut dokumentiert ist, stellt sich aber nach wie vor die Frage, welche Haltung der einzelne Soldat zu diesen Fragen einnahm. Was war für ihn ein Kriegsverbrechen, und welche Kriegsregeln waren in seinem Referenzrahmen verankert?
   In den Erzählungen der Soldaten spielt der Begriff »Kriegsverbrechen« keine Rolle, ebensowenig wie die Haager Landkriegsordnung oder die Genfer Konvention. Entscheidender Referenzpunkt war für die Soldaten allein der Kriegsbrauch – also das, was man im Krieg zu tun pflegt: Alle Kriegsparteien führten kurz nach Kriegsausbruch einen uneingeschränkten U-Boot-Krieg, dem zehntausende Handelsschiffer zum Opfer fielen. Allerdings waren sie nicht die Feinde, die es zu bekämpfen galt. Man half ihnen nicht, weil man sich dadurch selbst in Gefahr brachte oder einem ihr Schicksal gleichgültig war. Es war jedoch anerkannte Regel, Schiffbrüchige nicht gezielt zu töten – und es sind nur wenige Fälle bekannt geworden, wo diese Regel gebrochen wurde. Im Luftkrieg war bis April 1942 deutscherseits der gezielte »Terrorangriff« auf dezidiert zivile Ziele untersagt. Doch bereits zuvor hatte sich, wie wir schon gesehen haben, für die Bomberbesatzungen der Unterschied zwischen militärischen und zivilen »Targets« längst aufgehoben. Alles war zum Ziel geworden – auch wenn dies noch nicht der offiziellen Handlungsanweisung des Luftwaffenführungsstabes entsprach. Man sieht hier, wie die Anwendung der Gewalt selbst die Regeln modifiziert und die Grenzen des Zulässigen sukzessive erweitert. Aber der Krieg wird nicht anomisch: Während zehntausende britische Zivilisten im deutschen Bombenhagel umkamen, hunderte britischer Piloten im MG-Hagel zerfetzt wurden, war es wie gesagt tabu, einen abgesprungenen Piloten am Fallschirm zu »erledigen«. Eine aus ihrem abgeschossenen Panzer ausbootende Besatzung wurde hingegen meist getötet. Zu Luft und zu Lande herrschten unterschiedliche Regeln, die – trotz Verstößen – erstaunlich beständig waren. Da Kriegsrecht und Kriegsbrauch immer in einem Wechselverhältnis miteinander standen, waren die völkerrechtlich verbindlichen Regeln gewiss nicht wirkungslos, weil sie zumindest einen gewissen Referenzpunkt bildeten.
   Am wenigsten galt dies freilich für die Landkriegführung. Wenn Gefangene gemacht, besetzte Gebiete gesichert, Partisanen bekämpft werden, regieren partikulare Rationalitäten – etwa die Bedürfnisse der Truppen nach eigener Sicherheit oder das Befriedigen von materiellen oder sexuellen Bedürfnissen. Auch individuelle Gewaltausübung wird unter diesen Bedingungen möglich und wahrscheinlicher, genauso wie Vergewaltigungen oder individuell motivierte Tötungen. Mit anderen Worten: Der Krieg an sich öffnet einen sozialen Raum, der auf ganz andere Weise gewaltoffen ist als der Frieden; Gewalt wird hier erwartbarer, akzeptabler, normaler als unter Bedingungen des Friedens. Und wie die Bedingungen für den Einsatz instrumenteller Gewalt – also die Eroberung von Räumen, die Beraubung der Besiegten, die Vergewaltigung von Frauen etc. – sich mit der Dynamik des Kriegsgeschehens selbst verändern, so auch die Bedingungen für den Einsatz autotelischer, also selbstgenügsamer, »sinnloser« Gewalt. Die Übergänge zwischen den Gewalttypen sind gewiss fließend, so wie die Grenze zwischen völkerrechtlich legitimer und verbrecherischer Gewalt im Kampfgeschehen äußerst dünn ist. Das, was die Männer in den Abhörprotokollen erzählen, ist in vielen Aspekten gewiss nicht typisch für die Ausübung von Kriegsverbrechen durch die Wehrmacht, sondern typisch für Kriegsverbrechen überhaupt.
   Tötungen, Verletzungen, Vergewaltigungen von Menschen, die als Zivilisten nicht das Geringste mit den Kampfhandlungen zu tun haben, gehören genauso zur Praxis des Krieges wie die Ermordung von Kriegsgefangenen, die völkerrechtswidrige Bombardierung ziviler Ziele oder die gezielte Terrorisierung von Bevölkerungen. Nicht nur die Wehrmacht hat Kriegsgefangene erschossen, das haben zum Beispiel vor allem sowjetische Einheiten, aber auch die US-amerikanischen Truppen ebenso gemacht, und nicht nur im Zweiten Weltkrieg. So teilte General Bruce Palmer, stellvertretender Befehlshaber der US-amerikanischen Truppen in Vietnam, in einem Akt unabsichtlicher Offenheit mit: »Amerikaner haben tatsächlich Verbrechen im Lauf des Vietnam-Krieges begangen, aber zahlenmäßig in keiner anderen Größenordnung als in den Kriegen zuvor.«[213] Damit ist ausgesprochen, was die Verbote von rechtswidrigen Handlungen an sich auszeichnet: Niemand geht davon aus, dass sie nicht gebrochen werden. Aber das Maß, was an Rechtsverletzung als tolerabel und akzeptabel gilt, variiert sowohl historisch als auch individuell. Und im Rahmen von Kampfhandlungen in einem totalen Krieg legen die Männer immer wieder sehr weit aus, welche Grenzüberschreitungen legitim sind und welche nicht. Was freilich im Unterschied zu dieser allgemeinen Praxis im Zweiten Weltkrieg ausschließlich im nationalsozialistischen Vernichtungskrieg vorkommt, ist zum einen die genozidale Vernichtung von Personengruppen, die gar nichts mit dem Kriegsgeschehen zu tun haben, und die ebenfalls genozidale Behandlung der russischen Kriegsgefangenen. In diesen beiden Aspekten kommen ideologische, namentlich rassistische Mentalitäten zum Ausdruck, die die Gelegenheitsstruktur Krieg in die bislang radikalste Praxis von Zerstörung und Vernichtung übersetzten, die die Moderne gesehen hat.
   In den Abhörprotokollen finden sich darüber eine ganze Menge Erzählungen, freilich nicht so viele, wie die auf die nationalsozialistischen Verbrechen fokussierende deutsche Historiographie des Dritten Reiches vermuten lassen würde. Der Grund dafür ist einfach: Das, was nachträglich – und zwar erst nach einigen Jahrzehnten an vergangenheitspolitischen Konflikten – als die Signatur des Zweiten Weltkriegs betrachtet wurde, war in den Augen der Soldaten keineswegs etwas Besonderes. Die allermeisten wussten zwar von den Verbrechen, nicht wenige waren an ihnen auch beteiligt, aber sie nahmen in ihrem Referenzrahmen keinen besonderen Raum ein. Wichtiger waren ihnen das eigene Überleben, der nächste Heimaturlaub, was man »organisieren« und wo man Spaß haben konnte und eben nicht so sehr das, was anderen geschah, zumal jenen, die als rassisch »niedrigstehender« definiert waren. Das eigene Schicksal stand stets im Mittelpunkt der Wahrnehmung, das Schicksal feindlicher Soldaten oder der besetzten Bevölkerung war allenfalls in Einzelfällen bedeutsam oder interessant. Und alles, was das eigene Leben bedrohte, was einem den Spaß verdarb, Probleme bereitete, konnte zum Ziel ungezügelter Gewalt werden. So war es ein Allgemeinplatz, dass man Partisanen »umlegte«, da sie aus dem Hinterhalt deutsche Soldaten töteten. Rache war eine sehr wirkungsmächtige Rechtfertigung. Diese Haltung war im Übrigen völlig unabhängig von der politischen Einstellung. So meinte der überaus NS-kritische Panzergeneral Ritter von Thoma gegenüber dem britischen Lageroffizier Lord Aberfeldy: »Wenn immer in der Franzosenzeitung mit Stolz drinnen steht die Monatsbilanz, soundsoviele hundert Züge gesprengt, soundsoviele Fabriken abgebrannt, 480 Offiziere und 1020 Mannschaften erschossen. Ja, verdammt nochmal – haben die anderen dann nicht das Recht, dass sie, wenn sie die Leute fassen, dass sie sie über den Haufen schießen? Das ist doch eine Selbstverständlichkeit, aber das rechnen die alles als Kriegsverbrechen. Das ist eine große Scheinheiligkeit.«[214]
   Neben der Tötung von Gefangenen war die Partisanenbekämpfung der Rahmen, in dem deutsche Soldaten die meisten Kriegsverbrechen begingen. Die Auslegung des Völkerrechts durch deutsche Militärjuristen und die Wahrnehmung der Soldaten bildeten hier eine unheilvolle Gemengelage. Das kodifizierte Völkerrecht gab den Handelnden keine eindeutigen Verhaltensregeln für den Guerillakrieg vor. Die Haager Landkriegsordnung (HLKO) von 1907 wies hinsichtlich der Rechte und Pflichten einer Besatzungsmacht etliche Widersprüchlichkeiten und offene Fragen auf. Hierbei bereitete der rechtliche Status von Freischärlern noch vergleichsweise wenige Probleme. Unter der Voraussetzung, dass diese eine Reihe bestimmter Bedingungen erfüllten (rudimentäre Uniformierung, offenes Tragen der Waffen, klare Befehlsstrukturen, Respektierung der Gesetze des Krieges) sollte es ihnen gestattet sein, der regulären Armee ihrer Heimat im Abwehrkampf beizustehen. Von einer Fortsetzung dieses Kampfes über den Zeitpunkt hinaus, an dem die Kampfhandlungen durch formelle Kapitulation und/oder vollständige Besetzung des Territoriums eines Staates als beendet angesehen werden konnten, war in der HLKO jedoch nirgends die Rede. So fehlte also die Grundvoraussetzung, um die Fortführung des Widerstandes von Freischärlern – und sei es auch uniformierten – völkerrechtlich abzusichern.[215]
   Noch weit problematischer und widersprüchlicher stellte sich die Regelung von Vergeltungsaktionen durch die HLKO dar. So erlaubte Artikel 50 die Verhängung von Massenrepressalien gegen die Zivilbevölkerung nur bei nachgewiesener Verbindung zwischen Tätern und Unterstützerumfeld, eine Regelung, die in erheblichem Maße auslegungsbedürftig war. In der Rechtsdiskussion der Zwischenkriegszeit kam kein länderübergreifender Konsens in dieser Frage zustande, aber mit Ausnahme der französischen Rechtsschule wurde die Geiselnahme als weitgehend legitim anerkannt. Bei der Geiseltötung schieden sich die Geister insofern, als fast nur deutsche Militärjuristen unzweideutig auf dieser Maßnahme beharrten und diese Haltung mit dem Fortbestehen des »Kampfgebietes« zu rechtfertigen suchten. Bei den Kriegsverbrecherprozessen der Nachkriegszeit manifestierte sich dieser Dissens noch ein letztes Mal, als die Richter des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher Geiseltötungen als prinzipiell illegal, ihre Kollegen in den Nachfolgeprozessen diese jedoch als durch die geltende Rechtslage gedeckt ansahen. In den beiden letzteren Fällen wurden die Urteile gegen die Angeklagten lediglich mit den deutschen Exzessen bei dieser Praxis (Erschießungsquoten von bis zu 1:100) begründet.[216]
   Bereits in der Reichswehr hatte sich die Meinung durchgesetzt, dass dem Auftreten von Partisanen mit größtmöglicher Härte zu begegnen sei, um die Entstehung eines Flächenbrandes, wie es hieß, im Keim zu ersticken. Obwohl sich diese Methode als wenig wirkungsvoll erwies, mündete die Aufstandsbekämpfung in eine – regional unterschiedlich ausgeprägte – Gewaltspirale ungeahnten Ausmaßes. Die Tötung von Geiseln und unbeteiligten Zivilisten, das Niederbrennen von Dörfern gehörte bald zum allgemein praktizierten Kriegsbrauch, der sich in seinem Charakter im Übrigen nicht von der Aufstandsbekämpfung während der Napoleonischen Kriege oder des Ersten Weltkrieges unterschied. Neu war freilich die Dimension. Die rigorose deutsche Besatzungspolitik war denn auch ein Grund dafür, dass während des Zweiten Weltkrieges eine exorbitant hohe Zahl an zivilen Opfern zu beklagen war – mehr als 60 Prozent. Die Unterscheidung von militärischen Kombattanten als legitimem Ziel von Kampfhandlungen und zivilen, rechtlich geschützten Nicht-Kombattanten hatte sich weitgehend aufgelöst.
   Die Abhörprotokolle zeigen geradezu idealtypisch auf, wie Wehrmachtsoldaten den Partisanenkrieg wahrgenommen haben. Sie belegen, dass Führung und Truppe hier ähnlich dachten. So wurde hartes »Durchgreifen« etwa mit der psychologischen Wirkung legitimiert:
   GERICKE: In Russland, im vorigen Jahr, ist eine kleine deutsche Abteilung in ein Dorf geschickt worden, mit irgendeinem Auftrag. Das Dorf war im Gebiet, das von Deutschen besetzt war. Die gesamte Abteilung ist in dem Dorf überfallen und getötet worden. Daraufhin kam die Strafexpedition. In dem Dorf waren fünfzig Männer. Davon sind neunundvierzig erschossen worden und der fünfzigste ist losgehetzt worden in die ganze Umgebung, um zu verkünden, was der Bevölkerung geschieht, wenn ein deutscher Soldat angegriffen wird.[217]
   Angriffe auf die eigene Truppe wurden mit brutaler Gewalt beantwortet, wussten auch Franz Kneipp und Eberhard Kehrle zu berichten. Sie konnten daran nichts Verwerfliches finden und waren der Ansicht, dass insbesondere die Partisanen einen grausamen Tod verdient hätten:
   KNEIPP: Da war was los, da hat der Oberst Hoppe
   KEHRLE: Hoppe, das ist doch ein bekannter Mann, der ist doch Ritterkreuzträger?[218]
   KNEIPP: Ja, der hat Schlüsselburg genommen. Der hat noch Befehle gegeben, ›Wie ihr uns, so wir euch‹, hat er gesagt, sie sollten sagen, wer Deutsche aufgehängt (?) habe, nur einen Anhaltspunkt geben, dann ist alles gut. Keine Sau hat auch nur gesagt, noch nicht einmal, dass sie nichts wussten. Hieß es: ›Alle Männer, links raus‹, dann wurden sie in den Wald getrieben, dann hast du gehört, brr, brr.
   KEHRLE: Im Kaukasus, bei der 1. GD, wenn da einer von uns umgelegt worden ist, da hat gar kein Leutnant Befehl geben brauchen, Pistolen raus, Frauen, Kinder, alles was sie gesehen haben, rein …
   KNEIPP: Bei uns hat mal eine Partisanengruppe einen Verwundeten-Geleitzug überfallen und alles umgebracht, halbe Stunde später wurden die geschnappt, bei Nowgorod, die wurden in eine Sandgrube gebracht, und von allen Seiten gings dann rein mit MGs und Pistolen.
   KEHRLE: Die gehören langsam umgebracht, die gehören doch nicht erschossen. Da waren die Kosaken prima zur Partisanenbekämpfung, ich hab das gesehen im Südabschnitt.[219]
   Interessanterweise waren Kehrle und Kneipp in ihrer Auffassung vom Militär vollkommen unterschiedlicher Meinung. Für Kehrle war das stupide Leben im Militär »Blödsinn« und »Scheißdreck«, für Kneipp war es hingegen »Erziehung«[220] . Trotz dieser Habitusunterschiede zwischen einem Funker und einem SS-Infanteristen waren sie sich über die Methoden der Partisanenbekämpfung völlig einig.
   Das Gesetz des Krieges etabliert in der Praxis oft andere Normen als das völkerrechtlich verbindliche Gesetz. Vor diesem Hintergrund sprechen die Männer über Kriegsverbrechen unaufgeregt und nur selten empört; allenfalls das Verhalten der örtlichen Bevölkerung gibt Anlass für Verwunderung. In jedem Fall aber hält man das Vorgehen gegen jede Form von Nicht-Kooperation in den besetzten Gebieten für notwendig – und dies schon im Oktober 1940, wie das folgende Gespräch zeigt:
   URBICH*: Aber da sieht man, wie die Gestapo jede Kleinigkeit auffängt. Vor allen Dingen, wie sie jetzt in Polen arbeiten.
   HARRER*: In Norwegen ja auch. In Norwegen haben sie viel Arbeit gehabt jetzt.
   STEINHAUSER*: So?
   HARRER: Ja. Ich hab mir das erzählen lassen …
   URBICH: Eine Menge norwegischer Offiziere umgelegt …
   HARRER: Ich bin überzeugt, wenn wir hier in England erst wirklich mal besetzt haben, dass wir da nicht so spazieren gehen können wie in Frankreich.
   STEINHAUSER: Das glaube ich nicht – das sind die ersten Versuche. Wenn aber jeder zehnte Mann einer Stadt umgelegt wird daraufhin, dann hört es schon wieder auf. Das ist ja gar kein Problem; Adolf wird da zu Mitteln greifen, die von vorneherein jede Heckenschützentätigkeit unterbinden werden. Wissen Sie denn, wie in der Pollakei gearbeitet wird? Es braucht da nur ein Schuss fallen – dann hat’s aber gebumst! Dann wird Folgendes gemacht: In dieser Stadt oder Stadtviertel, wo Schüsse gefallen sind, werden sämtliche Männer rausgeholt. Für jeden Schuss, der in der nächsten Nacht, überhaupt in der nächsten Zeit fällt, fällt ein Mann.
   HARRER: Prima![221]
   Es fällt auf, dass in den Gesprächen keine Erwägungen angestellt werden, ob diese Formen extremer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung gerechtfertigt und angemessen sind. In den Augen der Männer stellt sich diese Frage nicht; für sie sind die Notwendigkeiten des »Arbeitens«, »Durchgreifens« und der »Vergeltung« ganz klar. Daher stellt sich immer nur die Frage nach der Durchführung, nie nach dem Grund. Entsprechend sind die Verbrechenserzählungen genauso Teil der Alltagskommunikationen wie die Geschichten über das Abschießen oder das Absaufen, die wir schon kennen. Sie stellen an sich nichts Besonderes dar; allein ungewöhnliche Aktionen oder Verhaltensweisen einzelner Personen liefern interessante Geschichten. So etwa die Massenhinrichtungen nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich:
   KAMMBERGER: In Polen haben sie den Soldaten freigegeben, damit sie den Hinrichtungen, die öffentlich waren, beiwohnen konnten. 25 bis 50 sind täglich hingerichtet worden nach der Heydrich-Sache. Die sind auf einem Schemel gestanden, mussten den Kopf durch die Schlinge legen und der Nächste hinter ihm musste den Schemel wegstoßen mit den Worten: ›Brüderchen, du brauchst doch nicht den Schemel.‹[222]
   Hier liegt der Attraktionswert der Geschichte nicht in den Tötungen an sich, sondern in ihrer Inszenierung. Die Soldaten bekommen frei zum Zuschauen, und die Hinrichtungen erfolgen mit eigens entwickelten Demütigungsritualen. Erzählenswert sind aber nicht nur besonders herausgehobene Gewalttaten wie diese, sondern auch das Handeln einzelner Personen, die sich bei Verbrechen besonders hervortun. In diesem Sinn erzählt der Obergefreite Müller:
   MÜLLER: In einem Dorf in Russland waren Partisanen. Da ist es klar, man muss das Dorf dem Erdboden gleichmachen, ohne Rücksicht auf Verluste. Da hatten wir einen, […] Brosicke, ein Berliner; jeden, den er im Dorf sah, führte er hinters Haus und hat ihm einen Genickschuss gegeben. Dabei war der Kerl damals zwanzig Jahre oder neunzehneinhalb. Es hieß, jeder zehnte Mann ist zu erschießen in dem Dorf. ›Ach, was heisst hier jeder zehnte Mann? Das ist doch ganz klar‹, sagen die Kumpels, ›das ganze Dorf muss ausgerottet werden.‹ Da haben wir Bierflaschen mit Benzin gefüllt auf den Tisch gestellt und beim Rausgehen so ganz lässig Handgranaten dahintergeworfen. Da brannte gleich alles lichterloh – Strohdächer. Man hat Frauen und Kinder, alles niedergeschossen; die wenigsten davon waren Partisanen. Ich habe bei so was nie geschossen, wenn ich nicht ganz genau gewusst habe, dass das überhaupt Partisanen waren. Aber es gab viele Kumpels, denen macht das ungeheuren Spaß.[223]
   Der Obergefreite Müller distanziert sich am Ende deutlich von dieser Art Kriegsverbrechen – er habe »bei so was nie geschossen« –, berichtet aber in der ersten Person Plural detailliert, wie sie Häuser niederbrannten. An solchen Geschichten sieht man, was die Männer als Verbrechen ansehen und was nicht, und wie fließend die Grenze dazwischen ist. Das Erschießen von Frauen und Kindern gilt Müller als Verbrechen, jedenfalls solange unklar ist, ob es sich dabei tatsächlich um Partisanen handelt, das Niederbrennen von Dörfern hingegen nicht (»Da ist es klar, man muss das Dorf dem Erdboden gleichmachen, ohne Rücksicht auf Verluste«[224] ).
   Auffällig an Müllers Erzählung ist außerdem, dass er mit dem Berliner Brosicke eine Referenzfigur in seine Geschichte einbaut, von der er sich selbst positiv absetzen kann: Das Verhalten Brosickes ist eindeutig verbrecherisch, genauso wie das der »vielen Kumpels«, die »ungeheuren Spaß« beim Morden hatten – Müllers Verhalten demgegenüber nicht. Auch wenn Soldaten Wert darauf legen, juristisch korrekt zu handeln, sollte ein wichtiger Gesichtspunkt nicht aus dem Blick geraten: Mit Hilfe solcher Differenzierungen findet jeder der Beteiligten seinen Ort im Gesamtzusammenhang des Verbrecherischen, ohne sich selbst moralisch zurechnen zu müssen, dass er an etwas Unrechtem teilgehabt habe. Wie man auch anhand der in sich differenzierten Gruppen der Täter bei Massenerschießungen und sogenannten Judenaktionen zeigen kann, ist es aber gerade die individuelle Auslegung der Anforderungen, die gewährleistet, dass die Tötung im Ganzen funktioniert.[225] Individuelle Haltungen und Entscheidungen werden in einer solchen Situation also nicht nivelliert, wie Überlegungen zum »Gruppendruck« und zum sozialen Einfluss nahelegen; es ist gerade die Binnendifferenzierung der Gruppe, die sie als Ganze handlungsfähig macht. Was geschieht, könnte man, in Anlehnung an Herbert Jäger, als individuelles Handeln in kollektiven Ausnahmezuständen bezeichnen.[226]
   Der Obergefreite Diekmann erzählt detailliert darüber, wie er »Terroristen« in Frankreich bekämpft hat:
   DIEKMANN: Terroristen habe ich eine Menge auf meinem Gewissen, Tommies nicht so viele; nur einen Panzerkommandanten, das war ein Leutnant oder was, den habe ich aus dem Panzer rausgeschossen, als er den Deckel aufmachen wollte und dreck-neugierig gucken wollte. Sonst könnte ich mich nicht erinnern, natürlich so im Kampf, das weiß ich ja nicht, was ich nicht gesehen habe. Aber mit den Terroristen, da war ich wie ein Wilder. Wenn ich einen gesehen habe und irgendwie verdächtig – habe ich gleich draufgehauen. Als ich gesehen habe, wie ein Kamerad neben mir verblutet ist, den sie erschossen haben, so meuchlerisch, da habe ich mir geschworen: ›Nun wartet!‹ In Thilay, auf dem Rückmarsch, ich marschiere mit denen lustig durch die Straßen, wir denken uns nichts, kommt ein Zivilist an, zieht die Hand aus der Tasche Pistole, Knall, futsch, mein Kumpel fällt um.
   HAASE: Habt ihr den gekriegt?
   DIEKMANN: Ach wo! Bis wir überhaupt begriffen haben, dass es in Belgien so weit ist, wo nicht mal der Tommy da war, da war er schon halb verblutet; da habe ich ihm nur die Augen zudrücken können. Er hat nur noch gesagt: ›Franz, räche mich!‹ Da kam hinter uns die Kompanie und hatte LKWs requiriert. Mein MG drauf – MG42 hatte ich – vorne drauf, ganz oben, und in die Fenster. Ich habe erst bekannt gegeben: ›Sämtliche Fenster zu, alles hat zu verschwinden von der Straße!‹ Ach was, denen haben wir gar nicht so lange Zeit gelassen. Der Spieß hat gesagt: ›Warte noch, schieß noch nicht, die sind noch nicht so weit!‹ Aber der Spieß hat es noch nicht mal ganz rausgebracht, da hatte ich schon auf den Abzug gedrückt. Da ratterte es schon, sämtliche Fenster abgestrichen, und was sich so eben auf der Straße gezeigt hat. Immer über die Straßen, immer peng, weißt du, immer genau in die sämtlichen Seitenstraßen habe ich hineingeschossen, alles was sich gezeigt hat. Mein Lieber, da ist verschiedentlich einer unschuldig umgefallen, das war mir ganz scheißegal. Diese gemeinen Hunde, Junge, Junge! – Ein alter Kerl, verheiratet, ich weiß nicht, vier oder fünf Kinder zu Hause, den legen sie so meuchlerisch um; da kannst du nicht mehr Rücksicht nehmen, das ist unmöglich. Wir hätten ja sämtliche Häuser angesteckt, wenn da noch ein Schuss gefallen wäre. Wir haben mit dem MG zwischen dreißig belgische Weiber gehauen. Die wollten das deutsche Verpflegungslager stürmen. Wurden sie aber fix herausgejagt.
   HAASE: Da sind die abgehauen, was?
   DIEKMANN: Nein, umgefallen sind sie alle.[227]
   Fast könnte man Diekmann nach dieser Erzählung für einen der »vielen Kumpels« halten, von denen Müller berichtet hatte, dass sie »ungeheuren Spaß« am Morden hätten, aber die Personen handeln und erzählen ganz unabhängig voneinander. Bemerkenswert an Diekmanns Erzählung ist, dass er ein persönliches Motiv für seine Mordaktionen erwähnt – die Erschießung eines »Kumpels«, dem er diese Tat zu rächen versprochen hat. Aber es fehlt jeder Transfer: Empathisch erwähnt Dieckmann die »vier oder fünf Kinder« seines erschossenen Kumpels, stellt aber keinerlei Überlegung über seine Opfer an, die völlig wahllos getötet werden. Wir wissen nicht, von welcher Anti-Partisanenoperation Diekmann hier berichtet. Freilich zeigt sich hier der übliche Verlauf, dass nach einem Einzelvorfall Soldaten »wie die Wilden« ausrasteten und wahllos Menschen umbrachten. Allerdings bedarf es oft solcher Motive und Gründe auch nicht, wenn die Männer vom Morden erzählen – der gemeinsame Erfahrungsraum der Männer macht Begründungen unnötig. Deshalb kann der erschossene Kumpel auch einfach nur ein narratives Element sein, das Diekmanns Mordgeschichte schlüssiger und interessanter macht (vgl. S. 405).
   Im Sommer 1944 eskalierte auch in Frankreich und in Belgien die Gewalt. Im Verlauf von nur drei Monaten von Juni bis September 1944 erreichte das Ausmaß der Verbrechen hier eine neue Dimension. So verwundert es nicht, dass aus dieser Zeit etliche Berichte von zügelloser Gewalt überliefert sind.
   BÜSING: Wir hatten einen Oberleutnant Landig(?), da wurde mal ein Oberjäger von uns erschossen von den Franzosen. Au, hat der Alte geflucht!
   JANSEN*: Das war jetzt hier im Einsatz?
   BÜSING: Jetzt vor kurzer Zeit war es. Da kommen wir an … der Oberjäger war erschossen worden von Partisanen. Der Alte hat nichts gesagt, nur die Backenknochen gingen hin und her. Auf einmal hieß es: ›Alles fertig machen!‹ Da ging es auf einmal los, durch das ganze Dorf. Sagt der Alte: ›Wenn ihr Burschen einen leben lasst, mache ich [euch] auch kalt.‹ Wir in das Dorf rein. Da war alles im Schlaf, im Morgengrauen. Wir haben geklopft – nichts. Mit den Kolben rums die Türe eingehauen. Da waren die Weiber, die kurzen Hemdchen an, Nachthemden oder Pyjamas hatten sie an. ›Raus, raus‹ Mitten in den Straßen aufgestellt.
   JANSEN: Wo war denn das?
   BÜSING: Bei Lisieux-Bayeux, da oben.
   JANSEN: Das war aber dann gleich am Anfang der Invasion?
   BÜSING: Ja, sicher. Da haben wir alles umgelegt, alles hingemacht da; Männer, Frauen und Kinder aus dem Bett rausgeholt. Da kannte der kein Pardon.[228]
   Büsings Gesprächspartner ist sehr wahrscheinlich ein deutscher Gefangener gewesen, der als Spitzel für den britischen Nachrichtendienst arbeitete. Der Fallschirmjägerobergefreite Büsing schöpft keinen Verdacht und geht auf alle Nachfragen ein. Sein Erleben erscheint ihm so selbstverständlich, dass er gar nicht auf die Idee kommt, etwas zu verheimlichen. Für ihn handelt seine Geschichte also, so brutal sie ist, in einem Raum des Erwartbaren – auch bei vergleichbaren Gelegenheiten sind die Zuhörer nicht erstaunt oder gar erschüttert. Erstaunlich und grausam wirken sie anscheinend nur aus der Distanz, die man als heutige Leserin oder heutiger Leser zu Geschichten dieser Art hat. Dass nichts die Männer bei dieser Art von Gewaltgeschichten aus der Fassung bringt, spricht die deutlichste Sprache über den Alltag der Gewalt, in dem sie lebten. Kein Verbrechen ist ihnen fremd. Selbst über das Töten von Frauen und Kindern wird regungslos gesprochen. Erneut kommt hier ein Fallschirmjäger zu Wort:
   ENZIEL: Der Oberjäger Müller aus Berlin, das war ein Scharfschütze, der hat die Frauen, die mit Blumensträußen auf die Tommies zugingen, erschossen. Der hat aber genau … wo was erwischt haben, angelegt, und ganz kaltblütig die Zivilisten erschossen.
   HEUER*: Habt ihr Frauen auch erschossen?
   ENZIEL: Nur aus der Ferne. Die wussten nicht, wo der Schuss herkam.[229]
   Man weiß nicht, wo der Unterschied zwischen der berichteten »kaltblütigen« Handlung des Scharfschützen Müller und dem eigenen Erschießen von Frauen aus der Ferne liegt, den Enziel offenbar für wichtig hält. Heuer, wiederum ein Spitzel der Briten, versucht hier möglichst viel über mögliche Kriegsverbrechen zu erfahren und fragt routiniert nach: »Habt Ihr Frauen auch erschossen?«
   Auch der Obergefreite Sommer spricht, wie Enziel und wie Müller, über eine Referenzperson, nämlich seinen Oberleutnant:
   SOMMER: Auch in Italien, in jedem Ort, wo wir hinkamen, sagte der immer: ›Erst mal ein paar umlegen!‹ Ich kann ja nun auch italienisch, hatte nun immer die besonderen Aufgaben. Da sagte er: ›Also, zwanzig Mann umlegen, dass wir erst mal Ruhe haben hier, dass die nicht auf dumme Gedanken kommen!‹ (Gelächter) Dann machten wir einen kleinen Anschlag, da hieß es: ›Geringste Bockigkeit – kommen noch fünfzig dazu.‹
   BENDER: Nach welchem Gesichtspunkt hat er die ausgesucht? Die hat er so wahllos rausgegriffen?
   SOMMER: Ja, ja. Einfach so zwanzig Mann: ›Kommen Sie mal her.‹ Alle auf den Markt rauf, und dann kam einer mit drei MGs – rrr – rum – lagen sie alle da. So ging es dann los. Dann sagt er: ›Prima! Schweine!‹ Er hat eine Wut auf den Italiener gehabt, das glaubst du gar nicht. Im Quartier, wo der Bataillonsstab wohnte, da waren immer so ein paar hübsche Mädchen. Da hat er den Zivilisten nichts gemacht. Wo er wohnte, da hat er grundsätzlich nichts gemacht.[230]
   Das gemeinsame Lachen über die Aktionen lässt erkennen, dass die beiden Soldaten nichts grundsätzlich verwerflich an Sommers Bericht finden. Die Reaktion von Bender kann übrigens nicht verwundern. Er gehörte zum Marine-Einsatzkommando 40, einer Spezialeinheit von Kampfschwimmern, in der es einen besonderen Härtekult gab.
   Dass der Oberleutnant dort, wo er einquartiert war, keine Verbrechen anordnete, ist ein interessantes Detail – offensichtlich wollte er nicht das Risiko eingehen, sexuelle Gelegenheiten auslassen zu müssen. Sommer erzählt weiter, nun aus Frankreich:
   SOMMER: Da sagte der Oberleutnant: ›So, jetzt holst du mir alle Zivilisten zusammen!‹ Also, es war nur eine Panzerspähaufklärung gewesen. ›In Kürze werden die Amerikaner sowieso hier erscheinen‹, sagte er, ›da haben wir sowieso Rabbatz. Also ich organisiere jetzt hier die Sache. Hier hast du zwei Gruppen; mit den zwei Gruppen muss alles hier herangeholt werden, was an Zivilisten da ist.‹ Stell dir mal vor, so eine Stadt mindestens von 5000 bis 10 000 Einwohnern ranholen! Das war ja die Strecke auf der Hauptstraße nach Verdun. Da kommt nun das ganze Volk – haben sie sie getrieben aus den Kellern. Aber Partisanen, Terroristen haben sie keine gehabt. Sagt der Alte zu mir: ›Also, Männer umlegen! Klar – alle Männer, egal was!‹ Da waren über 300 Männer nur allein. Vier Stück habe ich durchsucht, da habe ich gesagt: ›Alle Hände hoch, und jeder, der die Hände jetzt runter nimmt, wird erschossen.‹ Bei zweien – es waren junge Burschen, so 17 bis 18 Jahre – habe ich so Munition gefunden, also Päckchen Munition usw. Ich sage: ›Von wo habt ihr das?‹ – ›Als Souvenir.‹ – ›Gleich drei Pakete jeder?‹, sage ich. Na, dann habe ich sie rausgestellt – teng, teng, teng – drei Schuss – da waren sie umgefallen. Da stutzten die anderen. Ich sage: ›Sie haben gesehen, dass wir nicht ungerecht gehandelt haben. Sie haben Munition – was haben Sie als Zivilisten mit drei Paketen Munition zu tun?‹ Immer so, dass ich gedeckt war. Haben sie alles vollkommen zugegeben. Vielleicht noch … haben gesagt: ›Du Schwein!‹ und so, aber ich habe gesagt: ›Bitte schön, das ist der Grund, warum die Leute jetzt erschossen werden. Wir müssen uns schützen. Denn, wenn ich die Leute jetzt laufen lasse mit der Munition, und die wissen, wo noch mehr Munition liegt, dann schießen sie vielleicht mich selber über den Haufen. Ehe die mich über den Haufen schießen, erschieße ich sie, und die anderen sind durchsucht. Es ist gut, dass Sie keine Munition haben, Sie können jetzt mit Ihren Frauen, Richtung da runter, drei Kilometer gehen.‹ Da waren sie zufrieden, fuhren ab. Ich habe mich nie nach was gerissen. Ich habe jeden Scheißdreck mitgemacht, aber nicht: ›Ich will mit!‹ Das habe ich nie gemacht.
   Sommers Einheit, das Panzergrenadierregiment 29, hatte sich bereits in Italien zahlreiche Verbrechen zuschulden kommen lassen.[231] Die Geschichte aus Frankreich bezieht sich auf Verbrechen im Raum von Robert Espagne in der Region Lothringen, wo die Einheit am 29. August 1944 insgesamt 86 Franzosen ermordete.[232]
   Sommer nimmt in zwei Hinsichten eine distanzierte Position ein zu dem, was er erzählt: Zum einen sucht er im Unterschied zu seinem Oberleutnant nach einer Legitimation für die Erschießung von Zivilisten und findet sie etwa in der Munition, die seine Opfer bei sich tragen. Diese Legitimation richtet sich nach außen, an die Umstehenden, gleichermaßen wie nach innen – offenbar braucht Sommer eine Begründung für das, was er tut, eine Rückversicherung, dass es sich dabei nicht einfach um Mord handelt. Und zweitens betont er, nicht aus freien Stücken so gehandelt zu haben – mitgemacht habe er zwar jeden »Scheißdreck«, darum gerissen aber habe er sich nicht. Auch hier findet sich implizit jene Differenzierung der Männer untereinander, die schon an Müllers Erzählung deutlich wurde: Es gibt auch unter denen, die Verbrechen begehen, willige und weniger willige Vollstrecker, und zu den willigen möchten die meisten doch lieber nicht zählen.
   Eine legalistische Begründung für die Art der Ausführung des Verbrechens findet sich auch bei Feldwebel Gromoll:
   GROMOLL: In Frankreich haben wir mal vier Terroristen gefangen. Die kommen erst in ein Verhörlager und werden gefragt, wo sie die Waffen herhaben usw., und dann ganz legal werden sie erschossen. Da kam eine Frau, die sagte, seit zehn Tagen halten sich in einem Haus wahrscheinlich Terroristen versteckt. Wir sofort einen Trupp fertiggemacht, hingewetzt – richtig, waren vier Mann drin. Die waren da drin beim Kartenspielen und so. Jetzt haben wir die festgenommen, weil es vermutlich Terroristen sind. Du kannst die nicht so ohne weiteres beim Kartenspiel erschießen. Da haben sie da nach Waffen gesucht, und ich glaube, die Waffen, die waren so irgendwie im Kanal. Da haben sie die reingeschmissen.[233]
   Gromolls Geschichte lässt sich nicht genau rekonstruieren, aber sie deutet zumindest an, dass es selbst dann, wenn keine Waffen gefunden werden, Möglichkeiten gibt, aus Kartenspielern Terroristen zu machen: Sie können ihre Waffen ja auch in den Kanal geworfen haben. Legalistische Strategien dieser Art zeigen, dass es den Männern offenbar wichtig ist, bei ihren Tötungen auf eine formale Struktur zurückgreifen zu können, einen Rahmen, der die Taten legitimiert, auch wenn sie faktisch völlig willkürlich sind. In Vietnam hieß die analoge Regel: »Wenn er tot und Vietnamese ist, dann ist er ein Vietcong.« Ganz ähnlich erzählt der bereits erwähnte Obergefreite Diekmann über Erschießungen in Frankreich kurz nach der Invasion der Alliierten:
   BRUNDE: Warum haben dann die Terroristen eure Stellung angegriffen?
   DIEKMANN: Die wollten unsere [Radar-]Geräte stören. Das war doch deren Auftrag. Wir haben auch einige Terroristen lebendig erfasst. Die haben wir gleich kaltgemacht. Das war ja auf Befehl. Ich habe mal einen französischen Major eigenhändig erschossen.
   BRUNDE: Woher wusstest du, dass er Major war?
   DIEKMANN: Er hatte Papiere. Nachts ist geschossen worden. Da kam der mit einem Fahrrad angefahren. Nach dem Dorf runter schossen sie immer noch von uns aus mit MGs in die Häuser. Das ganze Dorf war ja verseucht.
   BRUNDE: Da hast du den angehalten?
   DIEKMANN: Wir waren mit zwei Mann, es war noch ein Kapo dabei. Er – herunter vom Fahrrad, gleich die Taschen nachgesucht, Munition, das besagt schon genug. Sonst hätte ich ihm ja nichts tun dürfen, du kannst nicht einfach so einen übern Haufen knallen. Der Kapo hat ihn noch gefragt, ob er Terrorist ist, er hat nichts gesagt; ob er einen Wunsch hat – nichts. Hinten durch den Kopf geschossen. Der hat nichts von seinem Tod gemerkt.
   Wir haben auch mal eine Spionin bei uns auf der Stellung erschossen. Die war ungefähr 27 Jahre. Die hatte früher bei uns in der Küche gearbeitet.
   BRUNDE: War die aus dem Dorf da?
   DIEKMANN: Nicht direkt aus dem Dorf, aber sie hat im Dorf gewohnt zuletzt. Die Infanterie hat sie vormittags gebracht, und nachmittags haben sie sie an den Bunker gestellt und erschossen. Sie hat zugegeben, dass sie im englischen Geheimdienst steht.
   BRUNDE: Wer hat den Befehl gegeben, [??]?
   DIEKMANN: Ja. Das konnte er als Kommandant. Ich habe selbst nicht mitgeschossen, ich habe nur bei der Erschießung zugesehen. Wir haben mal dreißig Terroristen geschnappt, da waren Frauen und Kinder dabei, die haben wir in einen Keller gesteckt … an die Wand gestellt und abgeknallt.[234]
   Auch hier, bei der Erschießung des französischen Majors, bedarf es der legalistischen Begründung: Es findet sich wieder einmal Munition, womit klar scheint, dass der französische Major ein Terrorist ist. Bemerkenswert an Diekmanns weiterer Erzählung ist noch, dass er auch Kinder ohne weiteres zur Gruppe der Terroristen zählt, die dann umstandslos »an die Wand gestellt und abgeknallt« werden. Auch das Phantasma, wer alles zu den Gegnern gerechnet wird, ist nichts Spezifisches für deutsche Kriegsverbrechen. Aus Vietnam etwa sind vergleichbare Aussagen von Soldaten dokumentiert, die selbst Babys für Vietcong hielten, die jederzeit angreifen könnten. Das ist nicht verrückt, sondern die Verschiebung eines Referenzrahmens, in dem für die Definition, wer Feind ist, die Gruppenzugehörigkeit wichtiger ist als alle anderen Merkmale, wie zum Beispiel das Lebensalter.[235] Laut Joanna Bourke, die sich mit der Wahrnehmung des Tötens durch Soldaten am Beispiel verschiedener Kriege beschäftigt hat, kann man aus solchen verschobenen Referenzrahmen nicht ablesen, dass die Männer persönliche Freude am Töten hatten, sondern dass das kaltblütige Töten von Menschen, die kategorial als Feinde definiert sind, zum praktischen Normengefüge des Krieges gehört. Paradoxerweise werden solche Fälle aber, wenn sie juristisch verfolgt werden, als Ausnahmen betrachtet, was zu der irrigen Vorstellung beiträgt, im Großen und Ganzen ginge es im Krieg völkerrechtlich korrekt zu, nur einzelne Akteure fielen gelegentlich aus der Rolle. Autotelische Gewalt, so die damit verknüpfte Vorstellung, sei kein systematischer Aspekt des Krieges, sondern nur eine unerwünschte Ausnahme. Aber wenn die Räume der Gewalt einmal geöffnet sind – so zeigen unsere Gespräche –, kann jegliches Verhalten der anderen hinreichend Anlass zum Schießen geben.

Verbrechen an Kriegsgefangenen

   »Was machen wir bloß mit den ganzen Mann? Die müssen wir jetzt erschießen, die halten sich nicht lang.«[236]
   Die Misshandlung und Ermordung von Gefangenen ist ein geradezu klassisches Feld von extremer Gewalt in den militärischen Konflikten seit der Antike. Mit den Massenheeren der Moderne erreichte das Phänomen der Kriegsgefangenschaft indes eine vollkommen neue Dimension. Im Ersten Weltkrieg gerieten sechs bis acht Millionen Männer in Gefangenschaft.[237] Im Zweiten Weltkrieg waren es schon 30 Millionen. Die Verpflegung und Unterbringung von Millionen von Gefangenen war immer wieder unzureichend. Bereits im Ersten Weltkrieg starben 472 000 Soldaten der Mittelmächte in russischer Gefangenschaft.[238] Der Zweite Weltkrieg steigerte auch diese Zahlen noch einmal erheblich. So war das größte Verbrechen der Wehrmacht der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen. Von den rund 5,3 bis 5,7 Millionen Rotarmisten in deutschem Gewahrsam sind 2,5 bis 3,3 Millionen, die Schätzungen schwanken, umgekommen (45 bis 57 Prozent). Sie starben in Lagern, für die die Wehrmacht verantwortlich war: 845 000 noch im Militärverwaltungsgebiet in der Nähe der Front, 1,2 Millionen in Lagern der weiter hinten liegenden Zivilverwaltungsgebiete, 500 000 im sogenannten Generalgouvernement und 360 000 bis 400 000 in Lagern im Deutschen Reich.[239] Die Ursache für die exorbitanten Opferzahlen war einerseits das Kalkül der Heeresleitung, die Gefangenen ihrem Schicksal zu überlassen und keine Vorsorge für deren Ernährung zu treffen. Andererseits wurde den eigenen Soldaten bei jeder Gelegenheit vermittelt, dass sie »gegen eine feindliche Rasse und einen Kulturträger minderer Art« zu kämpfen hatten, und man bemühte sich, ein »gesundes Gefühl des Hasses« bei den eigenen Soldaten hervorzurufen, damit diese im Kampf »keine Gefühlsduselei und Gnade« zeigten.[240]

Front

   Als die Kämpfe in der Sowjetunion am 22. Juni 1941 begannen, zeigte sich sehr bald, dass die Aufforderungen zur Härte nicht folgenlos blieben. Vom ersten Tag an führte die Wehrmacht den Kampf mit großer Brutalität. In manchen Gebieten wurde »das Bild von ungezählten, am Vormarschweg liegenden [sowjetischen] Soldatenleichen […], die ohne Waffen, und mit erhobenen Händen eindeutig durch Kopfschüsse aus nächster Nähe erledigt worden sind«[241] zu einem Massenphänomen. Ein entscheidender Faktor für diese extreme Gewalt war, dass sich das in den Merkblättern gezeichnete Bild der grausamen Kampfweise der Roten Armee sehr bald zu bestätigen schien: Vom ersten Kriegstag an führten auch die sowjetischen Streitkräfte einen Kampf, der sich jenseits von Völkerrecht und westeuropäischem Kriegsbrauch bewegte. Die Geschichten darüber steigerten die faktische Gewalt ins Phantastische: »Ich habe in Russland selbst gesehen«, berichtet Leutnant Leichtfuss: »sechs deutsche Soldaten mit der Zunge an einen Tisch genagelt. Zehn deutsche Soldaten im Schlachthaus von Winniza am Fleischhaken aufgehängt. Zwölf oder fünfzehn deutsche Soldaten, die man in einem kleinen Nest, in [Tetiev] in einen Brunnen hineingeschmissen hatte, und dort von oben solange mit Ziegelsteinen beaast hat, bis sie also –.«
   Sein Gesprächspartner unterbricht: »Diese Soldaten, die auf dem Fleischhaken aufgehängt waren, waren die tot?« Daraufhin Schmidt: »Ja. Auch die mit der Zunge festgenagelt waren, waren auch tot. Diese Sachen hat man natürlich zum Anlass genommen, um das Zehnfache und Zwanzigfache und Hundertfache, nicht auf diese rohe und viehische Art und Weise, zu vergelten, sondern das wurde einfach folgendermaßen gemacht: Wenn da so ein kleiner Trupp gefangen genommen war, also zehn bis fünfzehn, dann war es dem Landser oder dem Unteroffizier auch zu schwierig, die nun irgendwie 100 oder 120 Kilometer nach rückwärts zu transportieren. Dann wurden die irgendwie in einem Raum eingesperrt. Dann flogen durchs Fenster drei bis vier Handgranaten.«[242]
   Die Meldungen über die Misshandlung deutscher Gefangener, aber auch die Verstümmelung Verwundeter und die Liquidierung sich ergebender deutscher Soldaten rissen im gesamten Russlandkrieg nicht ab. Die Berichte hierüber sind zu zahlreich und zu gut dokumentiert, als dass sie nur auf Phantasie beruhen können. Heute wird geschätzt, dass 90 bis 95 Prozent der deutschen Kriegsgefangenen, die 1941 in die Hand der Roten Armee fielen, die Gefangenschaft nicht überlebten und meist direkt an der Front umgebracht wurden.[243] Die Nachrichten über sowjetische Verbrechen an deutschen Verwundeten und Gefangenen verstärkten die in den Verbänden des Ostheeres ohnehin schon vorhandene Bereitschaft zu rücksichtslosem Vorgehen.
   Anfang Juli 1941 schrieb General Gotthart Heinrici an seine Familie: »Teilweise wurde überhaupt kein Pardon mehr gegeben. Der Russe benahm sich viehisch gegen unsere Verwundeten. Nun schlugen u. schossen unsere Leute alles tot, was in brauner Uniform umherlief. So steigern sich beide Parteien gegenseitig empor, mit der Folge, daß Hekatomben von Menschenopfern gebracht werden.«[244] Ähnliche Belege finden sich zahlreich auch in den Dienstakten der Wehrmachteinheiten. So ist im Kriegstagebuch der 61. Infanteriedivision dokumentiert, dass man am 7. Oktober 1941 die Leichen von drei getöteten Wehrmachtsoldaten entdeckte, worauf der Divisionskommandeur am nächsten Tag kurzerhand befahl, 93 russische Gefangene zu erschießen. In vielen Fällen dürften solche Vorfälle gar nicht dokumentiert worden sein, weil die Soldaten, wie Leutnant Schmidt, die Dinge auf der untersten Ebene selber »regelten«.
   Die Ermordung ungezählter Rotarmisten in der vordersten Linie hatte viel mit Rache und »Vergeltung« zu tun. Hinzu kam, dass die eigentlichen Kämpfe einen völlig anderen Charakter hatten als in Polen, Frankreich oder Jugoslawien. Die Rote Armee leistete unerwartet harten Widerstand, und viele sowjetische Soldaten wehrten sich lieber bis in den Tod, anstatt sich gefangen zu geben. Erbittert geführte Nahkämpfe führten immer wieder zu schweren Verlusten und zur Eskalation der Gewalt. Unteroffizier Faller antwortet auf die Frage:
   SCHMIDT*: Was habt ihr mit den Burschen gemacht?
   FALLER: Die haben wir umgelegt. Die meisten sind ja in diesem Kampf draufgegangen. Die haben sich auch nicht ergeben. Wir haben oft Kerle gehabt, die wir gefangen nehmen wollten – dass die sich, wenn es vollkommen aussichtslos war, eine Handgranate abgezogen haben und sie sich so vor den Bauch gehalten. Wir haben absichtlich nicht geschossen, weil wir sie lebend haben wollten. Die Frauen haben wie wild gekämpft.
   SCHMIDT: Was habt ihr denn mit den Frauen gemacht?
   FALLER: Die haben wir auch erschossen.[245]
   Fallers Erzählungen belegen einmal mehr, dass die weiblichen Angehörigen der Roten Armee besonders gefährdet waren, weil kämpfende Frauen im Referenzrahmen der deutschen Soldaten nicht vorkamen. Als »Flintenweiber« denunziert, wurde ihnen oft der Kombattantenstatus abgesprochen, und damit wurden sie »Partisaninnen« gleichgestellt. Deshalb wurden sie noch häufiger als die männlichen Rotarmisten Opfer von Exzesstaten.[246]
   Neben der Entschlossenheit vieler Rotarmisten, bis in den Tod zu kämpfen, verbitterte die deutschen Soldaten die Kampfweise der Roten Armee. So simulierten sie etwa Verwundungen oder stellten sich tot, um den Kampf aus dem Hinterhalt wieder aufzunehmen. Das war für die deutschen Soldaten ein massiver Bruch des Kriegsbrauchs. Diese List war in der Haager Landkriegsordnung zwar nicht ausdrücklich verboten worden, sie stellte aber einen Verstoß gegen die ungeschriebenen Regeln des offenen Kampfes dar. Solche Tricks waren in den Merkblättern der Heeresführung im Vorfeld des Russlandfeldzuges vorausgesagt worden und wurden nun von den deutschen Truppen mit großer Brutalität geahndet. So meldete ein Regiment der 299. Infanteriedivision bereits Ende Juni 1941: »Gefangene werden von der über die heimtückische Kampfweise des Gegners erbitterten Truppe nicht mehr gemacht.« Auch Feuerüberfälle aus dem Hinterhalt, das Herannahenlassen des Gegners und die schlagartige Feuereröffnung auf kurze Entfernungen, das Passierenlassen der gegnerischen Angriffsspitzen zum anschließenden Angriff in ihren Rücken, wurden auf diese Weise gedeutet und den Rotarmisten zur Last gelegt, obgleich es sich hierbei um normale – für die Deutschen indes noch ungewohnte – Kampfweisen handelte. Soldat Hölscher hörte von einem Freund über solche Dinge: »›Das war unheimlich‹, sagt er, ›wie die Russen kämpfen. Bis auf drei Meter lassen die uns heran, dann mähen sie uns weg. Kannst du dir vorstellen‹, sagt er, ›die lassen uns herankommen bis auf die nächste Entfernung. Wenn wir die kappen‹, sagt er, ›die machen wir gleich kalt, die hauen wir mit dem Gewehrkolben übern Kopf.‹ Die haben sich in Feldern vergraben – musste jedes Stück durchgekämpft werden. […] In Bäumen oben gesessen und haben von oben runtergeschossen; er sagt, die Hunde wären ja so fanatisch, das glaubt ja kein Mensch. Es geht doch unheimlich in Russland zu«.[247]
   In der Optik der Soldaten war ihr eigenes Verhalten gegenüber den Rotarmisten kein Verbrechen, obwohl die völkerrechtliche Lage eindeutig war. Deren Verhalten schien ein hinreichender Grund, die Gefangenen zu erschießen, und sie kamen offenbar gar nicht auf die Idee, dass man auch anders hätte verfahren können.
   In den ersten Wochen des Russlandkrieges etablierte sich ein neuer Kriegsbrauch jenseits aller völkerrechtlicher Regeln. Die Gewaltausübung war nichts Statisches, sondern war – je nach den strukturellen, personellen und situativen Rahmenbedingungen – ständig im Fluss. So flaute die extreme Gewalt im Spätsommer und im Herbst 1941 ab. Aber als sich das Ostheer im Winter 1941/42 unter teilweise chaotischen Zuständen zurückziehen musste, kam es dann wieder häufig vor, dass Kriegsgefangene reihenweise erschossen wurden, da man sie nicht abtransportieren konnte.[248] Bis Kriegsende gab es immer wieder sich abwechselnde Phasen von Eskalation und Deeskalation.
   So finden sich in den Abhörprotokollen auch einige Stellen, wo die Männer erzählen, dass sie sich Verbrechen an Kriegsgefangenen verweigert hätten. So berichtet der SS-Untersturmführer Walter Schreiber über eine solche Verweigerung und über seine Erschütterung angesichts der Ermordung eines Kriegsgefangenen:
   SCHREIBER: Wir haben einmal einen Gefangenen gemacht, das war die Frage, sollen wir ihn umlegen oder laufen lassen. Wir haben ihn dann fortgeschickt und wollten ihn von hinten erschießen. 45 Jahre war er. Er macht ein Kreuz, macht dann so ›ra ra‹ (imitiert ein gemurmeltes Gebet), als ob er es gewusst hätte. Ich habe nicht schießen können. Ich habe mir vorgestellt, Mann – Familie, Kinder womöglich. Dann habe ich in der Schreibstube gesagt: ›Mach ich nicht.‹ Ich bin weggegangen, ich habe den nicht mehr ansehen können.
   BUNGE: Dann hast du ihn doch umgelegt?
   SCHREIBER: Ja, er wurde umgelegt, aber nicht von mir. Ich war wahnsinnig erschüttert dann, das hat mir drei schlaflose Nächte bereitet.[249]
   Man beachte, dass Leutnant zur See Bunge einen anderen Fortgang der Geschichte erwartet und mit aller Selbstverständlichkeit davon ausgeht, dass Schreiber den Gefangenen »umgelegt« habe. Ungewöhnlich ist in diesem Typ von Gespräch nicht, wenn in den Geschichten Gefangene getötet werden, sondern wenn das nicht geschieht. Obergefreiter Grüchtel erzählt eine vergleichbare Geschichte:
   GRÜCHTEL: Als ich in Riga war, da habe ich einmal ein paar russische Gefangene gebraucht zum Saubermachen, da bin ich gegangen und habe mir ein paar geholt – fünf. Da habe ich den Landser gefragt, was ich mit denen machen soll, wenn ich sie nicht mehr brauche; da sagte der: ›Knall sie über den Haufen und lass sie liegen.‹ Na, das habe ich aber nicht gemacht, ich habe sie dort wieder abgeliefert, wo ich sie geholt hatte. Das kann man doch nicht.[250]
   Geschichten dieser Art, über deren Wahrheitsgehalt wir keine Informationen haben, kommen in unserem Material sehr selten vor. Das ist kein Beleg dafür, dass humanes Verhalten in Bezug auf die Behandlung von Kriegsgefangenen oder der Bevölkerung in den besetzten Gebieten allgemein nicht häufiger vorgekommen wäre. Es dokumentiert lediglich, dass das, was man aus der heutigen Sicht als »humanes« oder »menschliches« Verhalten bewerten würde, kommunikativ so gut wie keine Rolle spielt. Geschichten, die ein nach heutigen Maßstäben gegenmenschliches Verhalten beschreiben – oft aus der Perspektive der ersten Person –, kommen weitaus häufiger vor als solche, die nach gegenwärtigen Normen als »gut« gelten würden. Das kann darauf hindeuten, dass man sich damit in den Gesprächen auch nicht beliebt gemacht hätte: Wo das Töten allgemeine Praxis und soziales Gebot ist, ist prosoziales Verhalten gegenüber Juden, russischen Kriegsgefangenen und anderen als minderwertig apostrophierten Gruppen ein Normverstoß. Selbst in der Nachkriegszeit hat es viele Jahre gedauert, bis solche Geschichten normativ höher bewertet wurden als solche, wie sie die Soldaten in den Abhörprotokollen normalerweise berichten. Erst dann wurden andere Nuancen in die Geschichten eingeschrieben. Insofern mögen die fehlenden Geschichten über Mitleid und Empathie oder einfach über einen korrekten Umgang mit Gefangenen zeitgenössisch despektierlich sein und deshalb nicht erzählt werden. Vielleicht kommt so etwas aber auch gar nicht häufiger vor, weil der Referenzrahmen, in den »die Anderen« und ihre Verhaltensweisen eingeordnet werden, Empathie gar nicht vorsieht. Der Umstand, dass Geschichten von der unbestraften Unmenschlichkeit so gut wie nie kritisch kommentiert werden, lässt den Schluss zu, dass sie es waren, die die Normalität des Krieges beschrieben, und eben nicht die gegenteiligen.

Lager

   Die meisten Rotarmisten haben die ersten Tage ihrer Gefangenschaft überlebt. Bereits auf dem Weg in die Lager begann jedoch ein Martyrium.
Sowjetische Kriegsgefangene auf dem Weg in ein Gefangenenlager, Juli 1942, Südabschnitt der Ostfront. (Fotograf: Friedrich Gehrmann, BA 183-B 27 116)
   GRAF: Die Infanterie erzählte, wenn sie die Russen zurückbeförderten, haben die Gefangenen nichts zu fressen gekriegt, 3 bis 4 Tage, sind die umgekippt. Da ist der Posten immer hin, hat ihm noch eine auf den Schädel gegeben, war er tot. Sind die anderen drauf und haben ihn zerlegt und haben ihn dann gefressen, wie er war.[251]
   Der Kannibalismus war ein Phänomen, das immer herausgestrichen wurde: »Die Russen haben oft, wenn einer verreckte, ihn gefressen, halbwarm. Das ist ohne Witz«,[252] berichtet auch Oberleutnant Klein.
   Oberst Georg Neuffer und Oberstleutnant Hans Reimann waren 1941 Augenzeuge der Gefangenentransporte:
   NEUFFER: Der Rücktransport der Russen von Vyasma[253] usw. war ja grauenhaft!
   REIMANN: Also grauenhaft, also wirklich – ich habe den Transport erlebt von Korosten bis kurz vor Lemberg. Wie die Tiere wurden sie aus den Waggons herausgehauen und mit Stockschlägen, damit sie in Reih und Glied bleiben, zur Tränke geführt. Auf den Bahnhöfen, da waren solche Tröge, und da haben sie sich wie die Tiere draufgestürzt und Wasser gesoffen, dann bekamen sie nur eine Kleinigkeit zu essen. Dann wurden sie wieder hereingetrieben in die Waggons, und zwar waren sechzig bis siebzig Mann in einem Viehwagen! Auf jedem Halt haben sie zehn Tote herausgezogen, weil die Leute aus Sauerstoffmangel erstickten. Ich habe das gehört, ich fuhr in dem Eisenbahnwaggon der Lagerwache mit und fragte den Feldwebel, der ein Student, ein Mann mit einer Brille, ein Intellektueller war: ›Wie lange machen Sie das schon?‹ ›Na, ich mache das vier Wochen also, aber ich halte das nicht mehr lange aus, ich muss jetzt weg, ich kann das nicht mehr aushalten!‹ Auf den Stationen schauten die Russen aus diesen schmalen Luken heraus und brüllten wie die Tiere auf Russisch zu diesen russischen Einwohnern, die da standen: ›Brot! Gott wird euch segnen‹ usw. und schmissen ihre alten Hemden und ihre letzten Strümpfe und Schuhe heraus, und da kamen Kinder und brachten ihnen Kürbisse zu fressen. Die Kürbisse wurden hereingeworfen, und dann hörte man in dem Wagen nur noch ein Gepolter und ein tierisches Gebrüll, da haben sie sich gegenseitig wahrscheinlich erschlagen. Ich war fertig, ich habe mich in eine Ecke gesetzt und mir den Mantel über den Kopf gezogen. Ich fragte den Wachfeldwebel: ›Ja, habt ihr denn nichts zu fressen?‹ Er sagte zur mir: ›Herr Oberstleutnant, wo sollen wir was haben? Es ist ja nichts vorbereitet!‹
   NEUFFER: Nein, nein tatsächlich, also das sind unvorstellbare Gräuel. Allein der Gefangenenzug nach der Doppelschlacht Vyasma-Brjansk, da sind die Gefangenen also zu Fuß zurückgeführt worden, bis über Smolensk hinaus. Ich habe diese Strecke oft gefahren – die Straßengräben waren voll von erschossenen Russen. Mit den Autos reingefahren, also es war grauenhaft![254]
   Das Massensterben der russischen Gefangenen setzte aufgrund der völlig unzureichenden Verpflegung bereits im Spätsommer 1941 ein und erreichte im Winter seinen Höhepunkt, um erst im Frühjahr 1942 vorübergehend abzuflauen. Bis dahin waren rund zwei Millionen gefangene Rotarmisten tot. Eine gewisse Wende der Kriegsgefangenenpolitik setzte erst im Herbst 1941 ein, als die deutsche Kriegswirtschaft zunehmend unter Arbeitskräftemangel litt. Man erkannte nun den instrumentellen Wert der Menschen, die man eigentlich hatte verhungern lassen wollen. Doch zu einer grundlegenden Änderung der Politik konnte sich die Wehrmachtführung nicht entschließen, auch wenn es Einzelne gegeben hat, die um das Leben der Gefangenen kämpften und – erfolglos – gegen die katastrophale Behandlung protestierten.[255]
   Die schrecklichen Zustände in den Gefangenlagern tauchen in den Abhörprotokollen häufiger auf als die Exekutionen an der Front. Das Massensterben Zehntausender war offenbar selbst für die Ostkrieger ein besonders Ereignis:
   FREITAG: 50 000 russische Gefangene sind in die Zitadelle in Dęblin (?) reingekommen. Das war also restlos voll – also die konnten gerade so stehen, die konnten sich kaum hinsetzen, so voll war das. Als wir nach Templin im November kamen, da hatten sie noch 8000 da, die anderen waren schon alle eingeschippt. Und da war gerade der Flecktyphus ausgebrochen. Da sagte der Posten: ›Jetzt haben wir Flecktyphus, es dauert vielleicht noch 14 Tage, dann sind die russischen Gefangenen alle, und die Polaken auch. Die Polaken – die Juden‹. Sowie sie gemerkt haben, jemand hatte Flecktyphus, dann haben sie gleich die ganze Ecke ausgeräumt.[256]
   Die Dimension des Millionensterbens ist etlichen deutschen Soldaten recht genau bekannt gewesen. So meinte Luftwaffenfeldwebel Freitag im Juni 1942: »Wir hatten bis Weihnachten 3,5 Millionen Gefangene gemacht. Und von den Gefangenen, wenn da noch eine Million den Winter überstanden hat, dann ist das viel.«[257] Und Oberleutnant Verbeek vom Artillerieregiment 272 empörte sich gegenüber einem Kameraden:
   VERBECK: Wissen Sie, wie viele russische Gefangene im Winter ’41/’42 in Deutschland kaputtgegangen sind? Zwei Millionen, regelrecht krepiert, kriegen nichts zu fressen, Eingeweide von Tieren haben sie denen aus dem Schlachthof ins Lager gefahren zum Auffressen.[258]
   Das Liquidieren russischer Gefangener, das »Niedermachen« der Soldaten im Kampf und Massenerschießungen zur Vergeltung wurden durch die rassistischen Überlegenheitsvorstellungen begünstigt, die im Ostheer vorherrschten. Zweifellos hat die Haltung, dass die Russen ein »minderwertiges Volk«[259] seien, ja »Tiere«[260] , dass »der Russe ein ganz anderer Mensch, ein Asiate«[261] sei, die Gewaltbereitschaft gefördert. Insbesondere die Geschichten über das Massensterben in den Lagern sind allerdings nicht völlig frei von Empathie; manchmal schwingt ein Unterton mit, dass die beschriebene Behandlung ungerecht und grausam war. Dabei spielte auch eine Rolle, dass das Propagandabild vom jüdisch-bolschewistisch verhetzten Rotarmisten einer facettenreicheren Betrachtung gewichen war und die militärischen Leistungen der russischen Soldaten nicht selten mit Hochachtung gesehen wurden. Das Leben im Lande veränderte aber auch die Sichtweise auf die russische Kultur und die Lebensweise der Zivilbevölkerung in einem rauen Klima, die zunehmend differenzierter und teilweise auch positiv wahrgenommen wurde. Zudem kämpften bald etwa eine Million Russen als Hilfswillige in den Reihen der Wehrmacht – ein Umstand, der das Bild »des« Russen nachhaltig verändern musste.[262]
   Die Empathie ergibt sich aber auch aus der Situation der Sprecher, die sich selbst in Kriegsgefangenschaft befinden, aber erheblich besser behandelt werden. Vor diesem Hintergrund ist der Kontrast zwischen dem Umgang der Deutschen mit den russischen Kriegsgefangenen und dem der Alliierten mit den deutschen Kriegsgefangenen maximal.
   Allerdings gab es in den britischen Abhörlagern Soldaten, denen die Behandlung der russischen Kriegsgefangenen noch zu human gewesen war. So stellt Generalleutnant Maximilian Siry am 6. Mai 1945 fest:
   SIRY: Man darf ja das nicht laut sagen, aber wir waren ja viel zu weich. Wir sind ja jetzt in der Flasche mit den ganzen Grausamkeiten. Hätten wir aber die Grausamkeiten hundertprozentig durchgeführt – die Leute restlos verschwinden lassen, dann würde kein Mensch was sagen. Nur diese halben Maßnahmen, das ist immer das Falsche.
   Im Osten habe ich mal beim Korps vorgeschlagen – da war doch die Sache so, dass Tausende von Gefangenen zurückkamen, und kein Mensch hat die bewacht, weil ja keine Leute da waren. In Frankreich ist das ganz gut gegangen, denn der Franzose ist derartig degeneriert, dass, wenn man dem Mann gesagt hat: ›Dort hinten meldest du dich an der Gefangenensammelstelle‹, dann ist dieser dumme Affe tatsächlich dahin gegangen. Aber in Russland war ja zwischen der Panzerspitze und dem nachkommenden geschlossenen Ding 50 bis 80 Kilometer Zwischenraum, also vielleicht zwei bis drei Tagesmärsche. Da ist kein Russe hinter, sondern jeder Russe ist hintergetippelt, und dann ist er rechts und links in die Wälder, und da konnte er ohne weiteres leben. Da habe ich gesagt: ›Das geht nicht so, wir müssen den Leuten ein Bein einfach abschlagen, ein Bein brechen oder den rechten Unterarm brechen, damit die in den nächsten vier Wochen nicht kampffähig sind und damit die aufgesammelt werden können.‹ Das hat ein Geschrei gekostet, wie ich gesagt habe, den Leuten muss man einfach mit dem Knüppel das Bein abschlagen. Ich habe damals das natürlich auch nicht voll erkannt, aber heute bekenne ich mich dazu. Wir haben es ja gesehen, wir können keinen Krieg führen, weil wir nicht hart genug sind, nicht barbarisch genug. Der Russe ist das ja ohne weiteres.[263]
Generalleutnant Maximilian Siry (BA 146–1980–079–67)

Vernichtung

   »Der Führer hat im Ausland viel verdorben durch seine Behandlung der Judenfrage. Das ist auch eine Taktlosigkeit. Du wirst sehen, wenn die Geschichte geschrieben wird, wird man dem Führer auch Vorwürfe machen, trotzdem er so viel geleistet hat.«[264]
   »Ja, das ist aber unvermeidlich. Ein einzelner Mann macht Fehler.«
   Eine der großen geschichtspolitischen Debatten der Bundesrepublik wurde durch die Ausstellung »Verbrechen der Wehrmacht« des Hamburger Instituts für Sozialforschung ausgelöst. Von 1995 bis 1999 wurde diese Dokumentation von Kriegsverbrechen und der Verstrickung der Wehrmacht in die Judenvernichtung in zahlreichen Städten gezeigt, oft zur Empörung vor allem älterer Besucher, die selbst Soldaten gewesen waren. Seit diesem Zeitpunkt, heißt es, sei der Mythos von der sauberen Wehrmacht endgültig dahin. Bemerkenswert an den Auseinandersetzungen um die Ausstellung war aber, dass viele Kriegsteilnehmer jede Verstrickung der Wehrmacht in den Holocaust vehement bestritten. Wie unsere Abhörprotokolle zeigen, hatte das weder etwas mit »Verdrängung« noch mit »Verleugnung« zu tun: Viele Verbrechen, die heute zu Vernichtungskrieg und Holocaust gerechnet werden, wurden zeitgenössisch ganz anders eingeordnet – als Partisanenbekämpfung etwa. Insofern hat man es hier mit der Unterschiedlichkeit zweier Referenzrahmen – des zeitgenössischen und des gegenwärtigen – zu tun.
   Aber noch etwas ist an den Abhörprotokollen höchst bemerkenswert: Sie belegen nämlich, dass viele Soldaten über den Prozess der Judenvernichtung en détail Bescheid wussten; zum Teil erzählen sie sogar Aspekte, die die Forschung bis heute noch gar nicht entdeckt hat. Sie stellen aber keine Verbindung zwischen diesen Wissensbeständen und ihrem eigenen Handeln her, obwohl den meisten Soldaten bereits während des Zweiten Weltkrieges bewusst war, dass Einheiten der Wehrmacht eine Vielzahl von Kriegsverbrechen begangen hatten und auch an den systematischen Erschießungen von Juden in den besetzten Gebieten vielfältig beteiligt waren – als Ausführende, als Zuschauer, als Mittäter, als Hilfskräfte, als Kommentatoren. Sehr selten auch als Störfaktoren, etwa in Gestalt einzelner Offiziere, die sich beschwerten, Opfer retteten oder, wie in einer besonders spektakulären Aktion, die SS mit Waffengewalt an der Ermordung einer Gruppe von Juden hinderten.[265] Dies freilich sind solitäre Ausnahmehandlungen gewesen; Wolfram Wette taxiert die Gesamtzahl der Fälle von »Rettungswiderstand« unter den 17 Millionen Wehrmachtangehörigen auf etwa 100 Fälle.[266]
   Keine der großen Erschießungsaktionen wie in Babi Jar, wo an zwei Tagen mehr als 30 000 Menschen erschossen wurden, fand ohne Beteiligung der Wehrmacht statt. Und das Wissen über das, was seit der Jahresmitte 1941 in Russland geschah und in Polen schon Vorläufer hatte, war noch einmal mehr verbreitet, über den Kreis der unmittelbaren Täter und Beobachter hinaus. Gerüchtekommunikation ist besonders dann ein schnelles und interessantes Medium, wenn das Berichtete ungeheuerlich, seine Geheimhaltung erwünscht und der Informationsraum beschränkt ist. In den Abhörprotokollen kommen Gespräche über die Massenverbrechen an den Juden nur selten vor, nur in 0,2 Prozent aller Fälle. Doch die absolute Zahl ist hier weniger relevant, da im Referenzrahmen der Soldaten Verbrechen ohnehin keine große Rolle spielten. Gleichwohl wird in den Gesprächen deutlich, dass praktisch alle wussten oder zumindest ahnten, dass die Juden umgebracht wurden. Überraschend für den heutigen Leser ist vor allem, wie über diese Verbrechen gesprochen wird.
   FELBERT: Haben Sie auch mal Orte erlebt, in denen die Juden entfernt wurden?
   KITTEL: Ja.
   FELBERT: Ist das ganz systematisch durchgeführt worden?
   KITTEL: Ja.
   FELBERT: Frauen, Kinder, alles?
   KITTEL: Alles. Entsetzlich.
   FELBERT: Werden die dann auf Züge geladen?
   KITTEL: Ja, wenn die nur in Züge geladen wären. Ich habe Sachen erlebt! Ich habe dann einen Mann hingeschickt und habe gesagt: ›Ich befehle jetzt, dass da Schluss gemacht wird. Ich kann es nicht mehr mit anhören überhaupt.‹ Also z.B. in Lettland, bei Dünaburg, da sind also Massenerschießungen von Juden gewesen.[267] Das waren SS oder SD. Der SD war mit ungefähr fünfzehn Mann da, und da waren, sagen wir mal, sechzig Letten da, die ja bekanntlich als die rohesten Menschen der Welt gelten. Da liege ich in der Früh am Sonntag im Bett, und da höre ich immer zwei Salven und dann noch hinterher so Kleingewehrfeuer. Ich stehe auf und gehe raus, da sage ich: ›Was ist das für eine Schießerei hier?‹ Der Ordonnanz sagt zur mir: ›Herr Oberst, da müssen Sie hingehen, da werden Sie was sehen.‹ Ich bin da bloß in die Nähe gegangen, das hat mir genügt. Aus Dünaburg wurden dreihundert Mann rausgetrieben, die gruben eine Grube aus, Männer und Frauen gruben ein Massengrab und marschierten dann heim. Am nächsten Tag kamen sie wieder, Männer, Frauen und Kinder, abgezählt, die wurden splitternackt ausgezogen, dann haben die Henker erst mal die ganzen Kleider auf einen Haufen gelegt. Dann mussten sich zwanzig Frauen an den Grubenrand hinstellen, nackend, wurden abgeschossen und fielen hinunter.
   FELBERT: Wie wurde das gemacht?
   KITTEL: Mit dem Gesicht zur Grube, und da traten zwanzig Letten dahinter an und schossen einmal mit dem Gewehr denen einfach in den Hinterkopf rein. Da hatten sie an den Gruben so eine Stufe, dass die jetzt niedriger standen. Die traten oben an den Rand und schossen denen einfach so durch den Kopf, und dann fielen die vorne runter, in die Grube hinein. Danach zwanzig Männer, die wurden dann genauso mit der Salve umgeknallt. Da hat einer kommandiert, da fielen die zwanzig Leute wie die Scheiben in die Grube. Dann kam das Schrecklichste, da bin ich weggegangen, da habe ich gesagt: ›Ich greife ein.‹[268]
   Generalleutnant Heinrich Kittel, ehemaliger Kommandant von Metz, erzählt dies am 28. Dezember 1944. 1941 war er in seiner Eigenschaft als Oberst in der Führerreserve der Heeresgruppe Nord in Dünaburg, wo zwischen Juli und November etwa 14 000 Juden erschossen wurden. Seine eigene Rolle bei diesen Erschießungen ist historisch nicht aufklärbar; er selbst schildert die Situation aus der Perspektive des empörten Beobachters. Kittels Einflussmöglichkeiten als hoher Offizier waren in der geschilderten Situation beträchtlich; anders als einfache Soldaten musste er hier, wie sich dann am Ende der Erzählpassage zeigt, nicht bloß in der Rolle des passiven Zuschauers bleiben, sondern konnte etwas tun. Das Erzählen aus der Beobachterperspektive kommt in den Abhörprotokollen sehr häufig vor, jede aktive Beteiligung am Geschehen bleibt aber in der Regel im Dunkeln. Auf diese Weise positionieren sich die Erzähler gewissermaßen in der unverfänglichen Rolle des Berichterstatters – eine Erzählweise, die bis heute in vielen Zeitzeugeninterviews anzutreffen ist. Auch die Ausführlichkeit, in der Kittel hier berichtet, ist nicht außergewöhnlich – Erschießungsaktionen bieten viel Stoff für Gespräche und viel Anlass für Erwägungen und Fragen nach Schuld und Verantwortung.
   Zwei Dinge sind allerdings für heutige Leser verblüffend: Erstens wird sehr selten so intensiv nachgefragt, wie Felbert es hier macht. Oft hat man vielmehr den Eindruck, dass das Berichtete zwar im Detail immer noch Überraschungen für die Zuhörer und Gesprächspartner bereithält, aber der Vernichtungsprozess im Ganzen für niemanden etwas Unerwartetes darstellt. Auch Felbert fragt ja nach »den Waggons«, also einem Detail, das ihm offenbar bereits geläufig ist. Tatsächlich finden sich kaum Passagen, in denen die Zuhörer völlig überrascht sind, und noch weniger, in denen das Erzählte für unglaubwürdig gehalten und zurückgewiesen wird. Die Judenvernichtung, so lässt sich bündig zusammenfassen, ist Bestandteil der Wissenswelt der Soldaten, und zwar in weit höherem Maße, als es die jüngeren Untersuchungen[269] zum Thema erwarten lassen. Zweifellos haben nicht alle alles gewusst, aber in den Abhörprotokollen kommen sämtliche Details der Vernichtung vor, bis hin zu den Tötungen durch Kohlenmonoxid in Lastwagen und den späteren Ausgrabungen und Verbrennungen der Leichen im Rahmen der »Aktion 1005« (vgl. S. 206). Darüber hinaus werden eine Menge Gerüchte über die Vernichtung erzählt, weshalb man auch vor diesem Hintergrund davon ausgehen kann, dass fast jeder wusste, dass die Juden umgebracht wurden.
   Zweitens haben die erzählten Geschichten oft – aus heutiger Sicht – überraschende Wendungen. Während man nämlich als Zuhörer aus dem 21. Jahrhundert jetzt sehr gespannt darauf wartet, zu hören, in welcher Weise Kittel versucht hat, das Morden zu unterbinden, ist die Pointe seiner Geschichte eine ganz andere:
   KITTEL: Habe mich ins Auto gesetzt und bin zu diesem SD-Mensch rein und habe gesagt: ›Ich verbiete ein für alle Male, dass da draußen diese Erschießungen sind, wo man zuschauen kann. Wenn ihr die Leute im Wald erschießt oder irgendwo, wo es niemand sieht, das ist eure Sache. Aber das verbiete ich einfach, dass da noch ein Tag geschossen wird. Wir beziehen das Trinkwasser aus Tiefbrunnen, wir kriegen lauter Leichenwasser dort.‹ Das war der Kurort Meschems[270] , in dem ich lag, der liegt nördlich von Dünaburg.[271]
   Kittels Bedenken gegen das, was da vor sich geht, sind – trotz der eingestreuten Qualifizierungen: »Entsetzlich!«, »Das Schrecklichste« – vor allem technischer Art: Erschießen könne man schon, aber nicht dort, wo es geschieht. Kittel stört die Sichtbarkeit ebenso wie die mögliche Seuchengefahr, da sich die Täter offenbar zuvor keine Gedanken über die Trinkwasserversorgung gemacht haben. Felbert allerdings ist nicht daran, sondern am Fortgang der Geschichte interessiert:
   FELBERT: Was haben sie mit den Kindern gemacht?
   KITTEL (sehr erregt): Kinder, dreijährige Kinder, so oben am Schopf genommen, so hochgehalten und mit der Pistole abgeschossen, und dann haben sie sie hineingeworfen. Das habe ich selbst gesehen. Da konnte man zusehen, da standen die Leute auf 300 Meter Entfernung, da hatte der SD abgesperrt. Da standen die Letten da und die deutschen Landser und guckten zu.
   FELBERT: Was sind das nun für SD-Leute eigentlich?
   KITTEL: Ekelhaft! Ich bin der Ansicht, dass die alle selbst erschossen werden.
   FELBERT: Wovon waren die denn, von welcher Formation?
   KITTEL: Das waren Deutsche, die haben die Uniform vom SD an, dazu den schwarzen Streifen, wo Sonder-Dienst drauf steht.
   FELBERT: Die Henker waren alles Letten?
   KITTEL: Das waren alles Letten.
   FELBERT: Aber das Kommando wird gegeben von einem Deutschen?
   KITTEL: Ja. Die Deutschen haben die große Zeremonie gemacht, und die kleine Zeremonie haben die Letten gemacht. Die Letten haben die ganzen Kleider durchsucht. Der SD-Mann war einsichtig, der hat gesagt: ›Jawohl, das wird verlegt.‹ Das waren alles Juden, die wurden also von Landgemeinden hereingeführt. Letten mit der Armbinde – da wurden die Juden hereingeführt, die wurden dann ausgeplündert, war eine maßlose Erbitterung gegen die Juden in Dünaburg, also hat sich da einfach die Volkswut entladen.[272]
   Kittel erzählt nun, immer den Nachfragen von Felbert folgend, seine Geschichte weiter, die wiederum überraschende Wendungen bereithält. Den Umstand, dass die Tötungen offenbar von Letten durchgeführt werden, während die Deutschen anscheinend das Kommando haben, führt er auf die »Volkswut« zurück, die sich in Dünaburg entladen habe. Dies ist eines der unzähligen Beispiele, die demonstrieren, dass offensichtliche Widersprüche oder auch Widersinnigkeiten für den Verlauf von Gesprächen nicht die Bedeutung haben, die man ihnen gewöhnlich beimisst.[273] Kittel spricht ja von organisierten Tötungen, die der SD veranlasst hat, was mit der im selben Atemzug genannten Entladung der »Volkswut« nichts zu tun haben kann. Aber Widersprüche in Gesprächen kommen in Alltagsgesprächen permanent vor und stören die Sprecher erstaunlich selten. Das hat seinen Grund darin, dass Gespräche nicht nur dafür da sind, Informationen weiterzugeben: Kommunikationen haben stets zwei Funktionen – neben dem berichteten Inhalt geht es immer jeweils um die sozialen Beziehungen der Sprecher untereinander. Klassisch kommunikationstheoretisch würde man sagen: Erzählungen haben neben dem Inhaltsaspekt immer auch einen Beziehungsaspekt. Der ist in der Situation des Erzählens oft weitaus wichtiger als die historische oder logische Stimmigkeit des Berichteten. Häufig verzichten Zuhörer auf Nachfragen und Klärungen, weil sie den Gesprächsfluss nicht stören oder den Erzähler irritieren möchten, oft entgeht ihnen aber auch angesichts der Faszinationselemente der jeweiligen Geschichte, dass das eine oder andere nicht stimmen kann. Felbert ist allerdings ein sehr aufmerksamer Zuhörer:
   FELBERT: Gegen die Juden?[274]
   Nun antwortet bemerkenswerterweise ein anderer Gesprächsteilnehmer, vielleicht, weil ihm der Widerspruch in Kittels Erzählung aufgefallen ist. Er klärt den Sachverhalt zugunsten Kittels Betrachtungsweise auf, und bittet ihn dann, weiterzuerzählen:
   SCHAEFER: Ja, weil die damals 60 000 Esten usw. verschleppt hatten, die Russen. Aber das ist natürlich künstlich geschürt worden. Sagen Sie, welchen Eindruck machten denn diese Leute? Haben Sie mal so einen gesehen, wenn man die so sah vor der Erschießung? Weinten die also?
   KITTEL: Ach, es war furchtbar. Ich habe gerade mal Transporte gesehen, habe aber nicht geahnt, dass das so Leute sind, die da zur Hinrichtung geführt werden.
   SCHAEFER: Ahnen die Leute, was ihnen bevorsteht?
   KITTEL: Die wissen genau, die sind apathisch. Ich habe keine feinen Nerven, aber solche Dinge, da dreht es mir ja auch den Magen um; ich sagte immer: ›Da hört man auf, Mensch zu sein, das gehört nicht mehr zur Kriegführung.‹ Also ich habe mal den Chefchemiker von IG Farben für organische Chemie bei mir gehabt als Adjutant, und der war auch, weil sie nichts Besseres für ihn zu tun hatten, ausgehoben und mal rausgeschickt worden. Jetzt ist der wieder zu Hause, und der kam auch durch Zufall dorthin. Der Mann war wochenlang nicht zu gebrauchen. Der saß immer in der Ecke und hat geheult. Der hat gesagt: ›Wenn man sich vorstellt, dass es überall so ist!‹ Das war ein bedeutender Chemiker und Musiker mit feinstem Nervensystem.
   Jetzt ist es an Felbert, dem Gespräch eine Wendung zu geben:
   FELBERT: Hier liegt der Grund, weshalb Finnland abgefallen ist, Rumänien abgefallen ist, weshalb überall alles uns hasst – nicht wegen dieses Einzelfalls, aber der Masse der Fälle.
   KITTEL: Wenn man alle Juden der Welt gleichzeitig umbringen würde, dann würde kein Ankläger mehr auftreten.[275]
   Kittel, der sich schon im Verlauf seiner Erzählung als Pragmatiker gezeigt hat, den nicht die Judenvernichtung an sich stört, sondern die unzulänglichen Modi ihrer Durchführung, hat nicht ganz erfasst, dass Felbert auf die moralische Dimension hinaus will, und zwar nicht die des »Einzelfalls«, sondern der »Masse der Fälle«:
   FELBERT (sehr erregt, schreiend): Das ist doch ganz klar, das ist doch eine solche Schweinerei, das braucht doch gar kein Jude anzuklagen – wir müssen das anklagen, wir müssen die Leute anklagen, die das gemacht haben.
   KITTEL: Dann muss man eben sagen, der Staatsapparat ist falsch konstruiert worden.
   FELBERT (schreiend): Ist er auch, aber klar ist der falsch, da ist gar kein Zweifel. Das ist doch unglaublich, so was.
   BRUHN: Wir sind die Werkzeuge –[276]
   Felbert nimmt hier ausdrücklich eine Gegenposition zu Kittel ein. Empört spricht er von der »Schweinerei« und der Notwendigkeit, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. In diesen Kreis rechnet er freilich die Anwesenden nicht ein. Seine Empörung, wie sich im nächsten Satz zeigt, ist aber nicht nur ethisch motiviert, sondern auch höchst praktischer Art:
   FELBERT: Uns wird das nämlich zugeschoben, nachher, als ob wir das gewesen wären.
   Bruhn sekundiert:
   BRUHN: Wenn Sie heute als deutscher General auftreten, dann glauben die Leute, der weiß alles, der weiß auch das, und wenn wir dann sagen: ›Wir hatten damit nichts zu tun‹, dann glauben die Leute uns nicht. Der ganze Hass und die ganze Abneigung liegt einzig und allein an diesen Morden, und da muss ich ja auch sagen – wenn man überhaupt an eine göttliche Gerechtigkeit glaubt, da hat man eigentlich verdient, dass wenn man selbst fünf Kinder hat wie ich, dass davon eines oder zwei auf diese Weise umgelegt werden, damit das wieder gerächt wird. Wenn man so das Blut vergießt, dann hat man nicht verdient, dass man den Sieg erringt, sondern dann hat man das verdient, was jetzt eingetreten ist.
   FELBERT: Ich weiß nicht, auf wessen Veranlassung das ist – wenn das von Himmler ausgeht, dann ist der der größte Verbrecher. Sie sind nämlich der erste General, aus dessen Mund ich das gehört habe. Ich habe immer noch geglaubt, diese Schriften, das wäre alles gelogen.
   KITTEL: Über zu viele Dinge schweige ich, die sind zu entsetzlich.[277]
   Der »Staatsapparat« habe es leider zugelassen, dass auch sie, die Wehrmachtgeneräle, zu »Werkzeugen« der Verbrechen werden konnten, an denen aber deutlich andere Personengruppen, insbesondere der SD schuldig sind. Bruhn und Felbert befürchten gleichermaßen, dass sie in Mithaftung genommen würden für Dinge, mit denen sie nichts zu tun hatten.[278] Die skurrile Einlassung von Generalmajor Johannes Bruhn, man müsse von den eigenen Kindern ein oder zwei der Rache der Opfer zur Verfügung stellen, zeigt, wie sehr der normative Referenzrahmen, in dem die Sprecher argumentieren, von heutigen Standards abweicht. Felbert schließt sich der Suche nach den identifizierbaren Schuldigen an; Kittel beendet diese Diskussion mit etwas, das sehr nach einer Freud’schen Fehlleistung klingt: »Über zu viele Dinge schweige ich«[279].
   Es folgt dann eine längere Passage zu den antijüdischen Maßnahmen, die der Vernichtung vorausgegangen sind. Dann beginnt sich Felbert wieder für Details der Erschießungen zu interessieren, und zwar mit einer eher bizarren Frage:
   FELBERT: Was wurde aus den jungen hübschen Mädchen? Wurden die zu einem Harem zusammengestellt?
   KITTEL: Ich habe mich nicht darum gekümmert. Ich habe nur gefunden, sie sind dann schon vernünftiger geworden. In Krakau haben sie wenigstens Konzentrationslager für die Juden gehabt. Jedenfalls, von dem Moment an, wo ich eine Befestigungsanlage gewählt habe und ich das Konzentrationslager gebaut habe, dann kam es ganz vernünftig. Haben schwer arbeiten müssen. Die Weibersache, das ist ein ganz düsteres Kapitel.
   FELBERT: Wenn da Leute umgebracht werden, weil man ihre Teppiche und Möbel braucht, da kann ich mir auch vorstellen, wenn da eine hübsche Tochter ist, die arisch aussieht, dass die einfach beiseite geschafft wird als Servierfräulein.[280]
   Heinrich Kittel, der 1944 Verteidigungskommandant Krakaus war, spielt auf das Lager Płaszów an, das eine gewisse mediale Berühmtheit erlangt hat, weil es unter der Leitung von Amon Göth stand – jenem Kommandanten, der gelegentlich von der Veranda seiner Dienstvilla aus Häftlinge im Lager erschoss, aber auch zu jenen Deals mit Oskar Schindler bereit war, die es dem erlaubten, eine erhebliche Anzahl von Juden zu retten.[281] Kittel zeigt sich hier, in Krakau, zufriedener mit dem antijüdischen Vorgehen, da die technische Seite der Verfolgung effizienter gelöst wird als in Dünaburg: »wenigstens Konzentrationslager.« Felbert hingegen hängt noch der »Weibersache« nach, auf seine folgende, ebenso lüsterne wie bizarre Bemerkung geht die Gruppe aber nicht mehr ein. Man spricht dann über die Verantwortlichen, aus Kittels Sicht den SD, der folgendermaßen aufgebaut worden sei:
   KITTEL: Der Sicherheitsdienst ist seinerzeit, wie der Himmler seinen Staat im Staat aufmachte, so entstanden: Man hat 50 Prozent der Kriminellen genommen, die politisch nicht belastet waren, und hat zu denen 50 Prozent der Verbrecher getan. Daraus ist der SD entstanden (Gelächter). Da ist einer im Kriminalamt Berlin […]. Der sagte mir nach ’33: ›Wir sind ja jetzt ausgesiebt. Die politisch belasteten Beamten der Staatspolizei sind ausgeschieden, die sind pensioniert oder in Plätzen untergebracht, wo sie nicht mehr schaden können. Den guten Stand von Kriminellen, den jeder Staat braucht, der ist nun untermischt mit Leuten, die aus der Unterwelt von Berlin stammen, die sich aber rechtzeitig bei der Bewegung bemerkbar gemacht haben. Die sind nun da mit eingesetzt.‹ Der sagte glatt: ›Wir sind 50 Prozent anständige Leute und 50 Prozent Verbrecher.‹
   SCHAEFER: Ich meine, wenn solche Zustände in einem modernen Staat gestattet sind, dann kann man nur sagen, höchste Eisenbahn, dass dieses Sauvolk verschwindet.
   KITTEL: Wir Idioten haben ja diesen Sachen alle zugesehen.[282]
   Damit hat die Gruppe die Schuldigen identifiziert und ihrer Herkunft nach auch zugeordnet: Das semikriminelle Milieu, aus dem der SD sich rekrutiert habe, sei die Ursache für die nun zutage getretenen Probleme. Ob die in der Judenverfolgung selbst oder lediglich in ihrer zu ineffizienten Abwicklung gesehen werden, das bleibt offen. Bemerkenswert erscheint weiterhin, wie schnell die Gruppe vom ostentativen Entsetzen über den Bericht Kittels entspannt zu anderen Themen schwenkt und gleich auch wieder einen ganz fröhlichen Eindruck macht. Mit dem »Sauvolk«, von dem Schaefer spricht, ist jedenfalls der SD gemeint, die Schuld der Wehrmacht ist allenfalls, wie Kittel ergänzt, das Versäumnis, dem Treiben zugesehen und nicht eingegriffen zu haben. Dieses Gesprächsbeispiel ist interessant, weil es die Struktur vieler Gespräche über die Vernichtung geradezu modellhaft repräsentiert: Einer der Sprecher ist in diesen Kommunikationen jeweils der Wissende, der oder die Zuhörer die interessierten Nachfrager, die aber allesamt Vorwissen zur Sache haben. Das Geschehen selbst wird dann oft, keinesfalls immer, negativ kommentiert, wobei die Gründe für die negative Betrachtung, wie im Fall dieser Gruppe, höchst überraschend ausfallen können. Schließlich begibt sich die Gruppe meist auf die Seite der passiven Zuschauer, die zu wenig bemerkt haben, dass sich solche Dinge abspielen.
   Interessant an diesem Gespräch ist übrigens auch, dass es im Rahmen einer anderen Kommunikation wieder auftaucht. Generalmajor Bruhn erzählt ein paar Wochen später in anderem Zusammenhang, was Kittel berichtet hat:
   BRUHN: Dann haben die ihre Gräber geschaufelt, und dann haben sie die Kinder an den Haaren hochgehoben und einfach so abgeknipst. Die SS hat das gemacht. Die Soldaten haben dabeigestanden, und außerdem die russische Zivilbevölkerung hat 200 Meter entfernt gestanden und hat sich das alles angesehen, wie sie die da umgebracht haben. Wie scheußlich das Ganze gewesen ist, das begründet er auch darin, dass ein ausgesprochener SS-Mann, der bei ihm in seinem Stabe tätig war, dann später einen Nervenzusammenbruch bekommen hat und von dem Tag ab nur gesagt hat, das könnte er nicht mehr mitmachen, das wäre unmöglich, ein Arzt. Er käme davon nicht los. Er hat das damals erstmalig erlebt, dass das wirklich gemacht wurde. Wie Schaefer und ich das hörten, da lief es uns kalt über, und da haben wir Kittel gesagt: ›Was haben Sie denn daraufhin gemacht? Sie lagen doch nun im Bett und haben auch das nun gehört, und das war doch nur einige hundert Meter weg von Ihrem Haus. Nun mussten Sie doch Ihrem Kommandierenden General melden. Da musste doch nun irgendetwas geschehen?‹ Da sagte er, das wäre allgemein bekannt gewesen, das wäre ja üblich gewesen. Dann hat er sogar auch Bemerkungen eingeflochten wie: ›Das wäre ja weiter auch nicht schlimm‹, ›denen hätte man ja alles zu verdanken‹, so dass ich damals beinahe angenommen habe, dass ihm persönlich das noch gar nicht mal so viel ausgemacht hat.[283]
   Gespräche solcher Art haben häufig den Charakter des Kindergeburtstagsspiels »Stille Post«, der in vielen klassischen und auch neueren Studien aus der Erinnerungs- und Erzählforschung belegt ist.[284] Die Geschichten verändern sich, wenn sie weitererzählt werden, Details werden dazuerfunden, handelnde Personen ausgetauscht, Orte verlegt – so, wie es den Bedürfnissen des Weitererzählers entspricht. Diese Modifikationen und Umerfindungen von gehörten Geschichten erfolgen nur selten bewusst – es liegt in der Natur des Zuhörens und Weitergebens, dass sich das Erzählte nach dem jeweiligen Standpunkt und der jeweiligen Gegenwart des Weitererzählers verändern. Deshalb geben Erzählungen prinzipiell nie ein Geschehen abbildend wieder, sondern immer gestaltet. Aber man kann an ihnen ablesen, welche Aspekte den Erzählern und Zuhörern wichtig sind, welche Wissensbestände und welche historischen Fakten oder Unsinnigkeiten in den Geschichten enthalten sind, und schließlich kann man anhand strukturähnlicher Geschichten ermessen, wie sehr und auf welche Weise Geschehnisse wie die Judenverfolgung und -vernichtung Teil des kommunikativen Arsenals der Soldaten gewesen sind. Diese Geschichte belegt, wie empört Bruhn über die Kaltschnäuzigkeit Kittels gewesen ist, der die Mordaktion offenbar guthieß.
   In welchem Ausmaß die Judenvernichtung generell die Aufmerksamkeit der Soldaten fand, ist sehr schwer zu sagen. Da man davon ausgehen kann, dass die alliierten Abhöroffiziere daran interessiert waren, etwas über die Vernichtungsaktionen zu erfahren, werden Kommunikationen darüber sicher überproportional häufig aufgezeichnet worden sein. Gemessen daran machen dann die etwa 0,2 Prozent Erzählungen, die sich um die Vernichtungsaktionen drehen, im Gesamtmaterial überraschend wenig aus – und dies, obwohl das Spektrum der Erzählungen den vollen Umfang der Judenverfolgung, Ghettoisierung, Erschießung und Massentötung mit Gas umfasst. Man darf die Schockwelle, die von den Bildern aus Bergen-Belsen oder aus Buchenwald unmittelbar nach Kriegsende ausging und die bis heute nachwirkt, nicht mit der teilnehmenden Kenntnis der Wehrmachtangehörigen von der Vernichtung verwechseln. Ihr Bild setzte sich aus eigener Anschauung, passiver Kenntnisnahme und aus Gerüchten zusammen. Das Vernichtungsprojekt stand nicht im Zentrum ihrer Aufgaben, obwohl sie manchmal damit zu tun bekamen, logistisch, kollegial, amtshelfend oder aus freien Stücken. Die »Judenaktionen«, hauptsächlich organisiert durch die Einsatzgruppen, Reserve-Polizeibataillone und örtlichen Hilfstruppen, fanden in den besetzten Gebieten hinter der vorrückenden Front statt. Die kämpfenden Truppen hatten demgemäß weniger mit diesen Massenvernichtungsaktionen zu tun.
   Unabhängig davon, ob die Soldaten die Massenmorde richtig, seltsam oder falsch fanden: Sie bildeten keinen zentralen Teil ihrer Welt. Jedenfalls hatte die Vernichtung für die Soldaten keinesfalls die Zentralität in Wahrnehmung und Bewusstsein, wie sie ihr seit etwa dreißig Jahren zunächst in der deutschen, dann auch in der europäischen Erinnerungskultur zugeschrieben wird. Das Wissen, dass die Morde stattfanden, war verbreitet und ließ sich kaum vermeiden – aber was hatte das mit der Kriegsarbeit zu tun, die man selber zu verrichten hatte? Auch unter harmloseren Umständen laufen in Lebenswelten viele Geschehnisse parallel ab, ohne dass man von allen aufmerksam Kenntnis nimmt – das ist eine Eigenschaft komplexer Wirklichkeiten, in denen es jede Menge »Parallelgesellschaften« gibt. Dass die Judenvernichtung nicht das mentale Zentrum der Soldaten und vielleicht nicht einmal das der SS bildete, erschließt sich auch aus einer scheinbar so nebensächlichen Tatsache wie der, dass die Zeit, die Heinrich Himmler in seiner berüchtigten »Posener Rede« auf die Judenvernichtung verwendete, im Bereich einiger Minuten lag. Die gesamte Rede dauerte aber sage und schreibe drei Stunden. Solche Aspekte werden in der Fixierung auf die spektakulären Zitate (»Viele von euch werden wissen, wie es ist, wenn 50 Leichen beisammenliegen …«) übersehen.
   Wir gehen nach Sichtung unseres Materials davon aus, dass das Wissen sowohl um die Tatsache als auch um die Art und Weise der Judenvernichtung unter den Soldaten verbreitet war, sie dieses Wissen aber nicht sonderlich interessierte. Im Vergleich etwa zu den endlosen Diskussionen über Waffen- und Bombentechnik, über Auszeichnungen, versenkte Schiffe und abgeschossene Flugzeuge bleiben die Schilderungen aus dem Kontext des Vernichtungsprozesses insgesamt schmal. Dass er geschieht, so könnte man zusammenfassen, ist den Männern klar und in ihren Referenzrahmen integriert, in ihrer Ökonomie der Aufmerksamkeit bleibt er aber ziemlich randständig.
   Dabei sind die wenigen Berichte meist sehr detailliert und zum Teil erheblich präziser als das, was später unter größter Anstrengung der Staatsanwaltschaften in langwierigen Ermittlungen zu rekonstruieren versucht wurde. Die Abhörprotokolle haben neben der Offenheit der Berichte vor allem das Merkmal der Zeitnähe – vieles, von dem berichtet wird, ist noch nicht lange her, und vor allem: Es ist nicht durch die vielfältigen Filter der Nachkriegslesarten gegangen. Auf diese Weise spricht das Material eine viel deutlichere Sprache als die von Exkulpationsbedürfnissen und von Abwehr imprägnierten Ermittlungsakten und eine noch einmal deutlichere als die Memoirenliteratur. Tatsächlich wird alles bestätigt, was bislang aus akribischen historischen Recherchen, juristischen Ermittlungen und Überlebendenaussagen über die Massenvernichtung rekonstruiert wurde. Nur, dass hier die Täter sprechen, oder zumindest jene, die die Taten beobachtet haben und zur Tätergesellschaft gehörten.
   BRUNS: Also an jeder Grube sechs Maschinenpistolenschützen – die Gruben waren 24 Meter lang und ungefähr 3 Meter breit, mussten sich hinlegen wie die Sardinen in einer Büchse, Köpfe nach der Mitte. Oben sechs Maschinenpistolenschützen, die dann den Genickschuss beibrachten. Wie ich kam, war sie schon voll, da mussten die Lebenden also dann sich drauflegen, und dann kriegten sie den Schuss; damit nicht so viel Platz verlorenging, mussten sie sich schön schichten. Vorher wurden sie aber ausgeplündert an der einen Station – hier war der Waldrand, hier drin waren die drei Gruben an dem Sonntag, und hier war noch eine anderthalb Kilometer lange Schlange, und die rückte schrittchenweise – es war ein Anstehen auf den Tod. Wenn sie hier nun näher kamen, dann sahen sie, was drin vor sich ging. Ungefähr hier unten mussten sie ihre Schmucksachen und ihre Koffer abgeben. Das Gute kam in den Koffer und das andere auf einen Haufen. Das war zur Bekleidung von unserem notleidenden Volk – und dann, ein Stückchen weiter, mussten sie sich ausziehen und 500 Meter vor dem Wald vollkommen ausziehen, durften nur Hemd und Schlüpfer anbehalten. Das waren alles nur Frauen und kleine Kinder, so Zweijährige. Dann diese zynischen Bemerkungen! Wenn ich noch gesehen hätte, dass diese Maschinenpistolenschützen, die wegen Überanstrengung alle Stunden abgelöst wurden, es widerwillig gemacht hätten! Nein, dreckige Bemerkungen: ›Da kommt ja so eine jüdische Schönheit.‹ Das sehe ich noch vor meinem geistigen Auge. Ein hübsches Frauenzimmer in so einem feuerroten Hemd. Und von wegen Rassenreinheit: In Riga haben sie sie zuerst rumgevögelt und dann totgeschossen, dass sie nicht mehr reden konnten.[285]
   In dieser Schilderung von Generalmajor Walter Bruns kommen einige Details vor, die frappieren: Die Länge der Schlange der auf den Tod Wartenden taxiert er auf eineinhalb Kilometer, eine ungeheure Zahl von Menschen, die hier zu ihrer Ermordung aufgereiht werden. Dann ist bemerkenswert, dass Bruns erwähnt, dass die Schützen »wegen Überanstrengung alle Stunden abgelöst wurden«, ein deutlicher Hinweis auf den seriellen, geradezu akkordhaften Charakter der Tötungen, der sich auch im Verfahren der Schichtung der Opfer spiegelt.[286] Und schließlich der Verweis auf die sexuellen Gelegenheiten, die mit den »Judenaktionen« verbunden waren (vgl. S. 217).
   Bruns spricht hier von einer Massentötung, die hoch organisiert und arbeitsteilig abläuft; die Täter haben bereits – von der Entkleidung der Opfer bis zu den Arbeitszeiten der Schützen – ein funktionales Arrangement gefunden, das die Erschießungen geregelt, nicht wild, ablaufen lässt. Das war zu Beginn der Massentötungen anders; die Form, die Bruns beschreibt, war das Ergebnis einer recht schnellen Professionalisierung des Tötens. Die Aktionen selbst folgten hier schon einem standardisierten Schema, das der Historiker Jürgen Matthäus so zusammenfasst: »Zuerst wurden die Juden in Razzien festgenommen und in Gruppen unterschiedlicher Größe zu einem mehr oder minder entlegenen Erschießungsplatz gebracht, wo die zuerst Angekommenen ein Massengrab ausheben mussten. Danach mussten sie sich ausziehen und in einer Reihe vor dem Massengrab aufstellen, so dass sie durch die Wucht der Schüsse in die Grube fielen. Die Nachfolgenden zwang man, sich auf die bereits Ermordeten zu legen, bevor man sie ihrerseits erschoss. Was die Täter als ›geordnetes‹ Exekutionsverfahren darstellten, war in Wahrheit ein Blutbad. In der Nähe von Städten entstand dabei trotz gegenteiliger Befehle ein Phänomen, das man als ›Exekutionstourismus‹ bezeichnen könnte. Deutsche jedweder Couleur besuchten während oder außerhalb ihres Dienstes die Erschießungsstätten, um zuzusehen oder zu fotografieren.«[287]
   In dieser knappen Beschreibung sind die wesentlichen Elemente benannt, die uns auf den folgenden Seiten beschäftigen werden: der Ablauf als solcher, der im Verlauf der »Judenaktionen« beständig Modifizierungen erfährt, die Probleme und Schwierigkeiten, die bei der Durchführung auftreten, auf Bewältigung drängen und permanente Korrekturen und Optimierungen nach sich ziehen, und das Verhalten der Beteiligten, sprich der Offiziere, der Schützen, der Opfer, der Zuschauer, wobei Letztere das Ganze offenbar als durchaus unterhaltsame Veranstaltung auffassten.[288] Wie gesagt: Diese Form von Massentötung ist das Ergebnis einer Reihe zunächst vergleichsweise unprofessioneller Versuche, möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit zu erschießen. Die Berichte einzelner Kommandos wurden an die Höheren SS- und Polizeiführer weitergegeben, die sich dann bei ihren regelmäßigen Treffen wechselseitig über die effizientesten Verfahren austauschen konnten.[289] Auf diese Weise wurden Innovationen – wie das Entkleiden der Opfer, das keineswegs von Anfang an praktiziert wurde, oder die Wahl besonders geeigneter Waffen – der Tötungsarbeit schnell weitergegeben und der Ablauf der Massentötungen standardisiert.
   Die Erzählungen der Soldaten – übrigens nicht nur vom Heer, sondern auch von Luftwaffe und Marine – drehen sich um die sogenannten Judenaktionen, wie sie ab der Mitte des Jahres 1941 in den besetzten Gebieten hinter der vorrückenden Front durchgeführt werden: die systematischen Erschießungen von jüdischen Männern, Frauen und Kindern, denen etwa 900 000 Menschen zum Opfer fielen.[290]
   GRAF: Auf dem Flugplatz in Poropoditz(?), erzählt die Infanterie, haben sie 15 000 Juden erschossen. Die haben sie alle auf einen Haufen zusammengetrieben, mit MG dazwischengeschossen, alle zusammengeschossen. Ungefähr hundert haben sie leben lassen. Also, zuerst haben sie alle zusammen ein Loch schaufeln müssen, so eine Grube, dann haben sie hundert leben lassen, die anderen zusammengeschossen. Dann haben die hundert alle da in das Loch reintun und zugraben müssen, bis auf so einen Spalt; dann haben sie die hundert erschossen und die auch dazu und zugemacht.[291]
   KRATZ: In Nikolajew hab ich mal zugesehen: Großer Lastwagenzug, mindestens so dreißig Wagen kommen da an. Was steht da drauf? Alles nackte Menschen: Weiber, Kinder, Frauen und Männer, alles zusammen in einem Wagen. Wir laufen hin, wo die hinfahren – Soldaten: ›Kommen Sie doch mal her.‹ Da habe ich mal zugeguckt. Großes Loch. Vorher hatten sie sie einfach so an den Rand gestellt. Kippten sie von selbst. Da haben sie zu viel arbeiten müssen, rauswerfen müssen, weil da nicht genug reingehen, wenn die so durcheinanderfallen. Da haben die Leute runter gehen müssen. Einer hat oben stehen müssen, der andere ging rein. Unten hingelegt, der Nächste drauf, nachher war das bloß nur eine schwammelige Masse. Dann einen auf den anderen gepackt, wie die Heringe. Das ist nicht vergessen. Ich möchte kein SS-Mann sein. Nicht nur die russischen Kommissare haben Genickschüsse verteilt. Andere auch. Das rächt sich.[292]
   Unteroffizier Kratz, ein Bordmechaniker eines Do217-Bombers, der mit seiner Einheit, dem Kampfgeschwader 100, 1942 im Süden Russlands eingesetzt war, beschreibt hier die technischen Optimierungen, die die Massenmordaktionen durchlaufen haben. Sachlich führt er aus, dass die zunächst praktizierte Form der Massenerschießung sich nicht als probat erweist, weil man nicht genug Opfer in den Gruben unterbringen kann.