Der Club Dumas

Der Club Dumas

   Auch die Leidenschaft nach Büchern birgt Gefahren. Zwei bibliophile Kostbarkeiten werden Lucas Corso zum Verhängnis: ein kostbarer okkulter Band, dessen Drucker vor Jahrhunderten auf dem Scheiterhaufen endete, und das Kapitel eines Originalmanuskriptes von Alexandre Dumas. Sind beide wirklich echt? Diese Frage stürzt den cleveren Bücherjäger Corso in einem Strudel von Intrigen, Verbrechen und Abenteuer. Dabei ist er eigentlich genau der richtige für die Aufgabe -recherchiert er doch im Auftrag von Antiquaren, Buchhändlern und Sammlern nach prachtvollen Erstausgaben, skurrilen Sonderauflagen und wertvollen Wiegendrucken. Doch manche Bücherschätze entzünden offensichtlich Leidenschaften, die geradewegs in den Wahnsinn führen können!
   Tod und Teufel kommen ins Spiel, werden zu Figuren auf einem imaginären Schachbrett. Verfolgungsjagden, echte und falsche Liebschaften, Reisen durch halb Europa, mysteriöse Gestalten wie aus einem Agatha-Christ-Krimi oder ConanDoyle-Roman bestimmen die packende Geschichte des »Club Dumas«. Arturo Perez-Reverte macht seine Leser mit vergessenen Dokumenten, rätselhaften Holzschnitten und literarischen Perlen bekannt - und beteiligt sie an der Aufdeckung eines dunklen Geheimnisses, das seinesgleichen sucht in der Bücherwelt.

   Autor
   Noch vor kurzem war Arturo Perez-Reverte (Jahrgang 1951) ein Geheimtip für Leser und Leserinnen auf der Suche nach literarischen Leckerbissen: Heute gilt der ehemalige Reporter für Presse, Funk und Fernsehen als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Europas. Nicht allein die Leserschaft in Spanien hat Perez-Reverte mit seinen spannenden und wissensreichen Romanen im Sturm erobert. Mittlerweile sind seine Bücher in elf Sprachen übersetzt und in achtzehn Ländern erschienen.

   Die spanische Originalausgabe erschien 1993 unter dem Titel »El Club Dumas«
   verfilmt unter dem Titel »Die 9 Pforten« mit Johnny Depp


   FÜR CALA, DIE MICH INS FELD GESCHICKT HAT

   Das Blitzlicht warf den Schatten des Toten an die Wand. Der Erhängte baumelte an der Wohnzimmerlampe, und während der Fotograf knipsend um ihn herumging, wechselte sein Schatten von den Gemälden auf die Vitrinen, die Bücherregale und schließlich auf die zurückgezogenen Vorhänge der großen Fenster. Draußen regnete es.
   Der Untersuchungsrichter war jung. Sein struppiges Haar war noch naß vom Regen, ebenso der Trenchcoat, der ihm von den Schultern hing, während er dem Assistenten, der auf einem Sofa saß und seine Reiseschreibmaschine vor sich auf einem Stuhl plaziert hatte, den Untersuchungsbericht diktierte. Nur das Klappern der Tasten war im Zimmer zu hören, dazu die monotone Stimme des Richters und die leisen Kommentare der Polizisten, die auch noch im Zimmer herumliefen.
   »... trägt einen Schlafanzug und darüber einen Morgenrock, mit dessen Gürtel der Tod durch Erhängen herbeigeführt wurde. Die Hände der Leiche sind vor dem Bauch mit einer Krawatte zusammengebunden. Der linke Fuß steckt noch in einem Pantoffel, der rechte ist bloß ...«
   Der Richter faßte den Toten am Schuh, worauf sich der Leichnam an dem straff gespannten Seidengürtel, der von seinem Hals zur Verankerung der Lampe an der Decke führte, leicht zu drehen begann, zuerst von links nach rechts, dann in der entgegengesetzten Richtung, immer langsamer werdend, bis er sich wieder in seiner ursprünglichen Position befand, wie eine Kompaßnadel, die kurz schwankt und sich dann wieder nach Norden ausrichtet. Beim Zurücktreten mußte der Richter einen Schritt zur Seite tun, um einem Polizisten auszuweichen, der unter der Leiche nach Fingerabdrücken suchte. Auf dem Boden lagen eine zerbrochene Blumenvase und ein aufgeschlagenes Buch mit roten Unterstreichungen. Bei dem Buch handelte es sich um ein altes Exemplar des Grafen von Bragelonne, eine billige, leinengebundene Ausgabe. Der Richter warf, über die Schulter des Beamten gebeugt, einen Blick auf die markierte Textstelle.
   »Sie haben mich verkauft«, murmelte er. »Man erfährt alles!«
   »Ja, am Ende erfährt man alles«, erwiderte Porthos, der rein gar nichts erfahren hatte.
   Er veranlaßte seinen Assistenten, eine Notiz zu machen, befahl, das Buch der Bestandsaufnahme beizulegen, und ging dann zu einem großen Mann, der am Rahmen eines geöffneten Fensters lehnte und rauchte.
   »Was halten Sie von der Geschichte?«
   Der große Mann trug eine Lederjacke mit Polizeimarke.
   Bevor er antwortete, zog er ein letztes Mal an dem Zigarettenstummel, den er in den Fingern hielt, und warf ihn dann zum Fenster hinaus.
   »Wenn es weiß ist und in Flaschen gefüllt werden kann, handelt es sich für gewöhnlich um Milch«, erwiderte er schließlich, aber so kryptisch seine Antwort auch war, sie entlockte dem Richter ein Lächeln. Er sah auf die Straße hinaus, wo es unablässig goß. Irgend jemand öffnete eine Tür und löste einen Windstoß aus, der Regentropfen hereinwehte.
   »Schließen Sie die Tür«, befahl der Untersuchungsrichter, ohne sich umzudrehen. Dann wandte er sich wieder an den Polizisten: »Es gibt Morde, die als Selbstmorde getarnt werden.«
   »Und umgekehrt«, entgegnete der andere gelassen.
   »Was halten Sie von den Händen und der Krawatte?«
   »Manchmal haben sie Angst, es im letzten Moment noch zu bereuen . Andernfalls wären ihm die Hände im Rücken gefesselt worden.«
   »Das ändert nichts an der Sache. Der Gürtel ist dünn, aber sehr fest«, wandte der Richter ein. »Nachdem er einmal den Boden unter den Füßen verloren hatte, wäre ihm selbst mit freien Händen nicht die geringste Chance geblieben.«
   »Alles ist möglich. Warten wir ab, was bei der Autopsie herauskommt.«
   Der Richter warf einen Blick auf den Leichnam. Der Beamte, der nach Fingerabdrücken gesucht hatte, stand vom Boden auf, das Buch in den Händen.
   »Seltsam, das mit dieser Seite ... Ich lese zwar wenig«, sagte er, »aber dieser Porthos war doch einer von den . Wie hießen sie noch gleich? Athos, Porthos, Aramis und d’Artagnan«, zählte er mit dem Daumen an den Fingern einer Hand ab und verharrte dann nachdenklich. »Schon komisch. Ich habe mich immer gefragt, warum man sie die drei Musketiere nennt, wenn es in Wirklichkeit doch vier waren.«

I. Le vin d’Anjou

   Der Leser sollte sich darauf gefaßt machen,
   den schauerlichsten Szenen beizuwohnen.
   E. Sue, Die Geheimnisse von Paris

   Ich heiße Boris Balkan und habe vor längerer Zeit einmal die Kartause von Parma übersetzt. Davon abgesehen verfasse ich Kritiken und Rezensionen für Zeitschriften und Zeitungsbeilagen in halb Europa, veranstalte Seminare über zeitgenössische Autoren an verschiedenen Sommeruniversitäten und habe ein paar Bücher über den Unterhaltungsroman des 19. Jahrhunderts herausgegeben. Nichts Aufsehenerregendes also, vor allem für die heutige Zeit, wo Selbstmorde als Morde getarnt werden, der Arzt von Roger Ackroyd Romane schreibt und viel zuviel Leute es sich nicht verkneifen können, Bekenntnisse von zweihundert Seiten darüber zu veröffentlichen, was sie erleben, wenn sie sich im Spiegel sehen. Aber bleiben wir bei unserer Geschichte.
   Ich habe Lucas Corso kennengelernt, als er mich eines Tages, das Manuskript von Le vin d’Anjou unterm Arm, besuchen kam. Corso war ein »Söldner der Bibliophilie«, ein Bücherjäger auf fremde Rechnung. Dazu gehörten schmutzige Finger ebenso wie Redegewandtheit, ein gutes Reaktionsvermögen, Ausdauer und viel Glück. Und natürlich ein hervorragendes Gedächtnis, um sich daran erinnern zu können, in welchem staubigen Winkel dieses oder jenes Trödelladens das Exemplar schlummert, für das ein Vermögen bezahlt wird. Sein Kundenkreis war klein und erlesen: ungefähr zwanzig Antiquare in Mailand, Paris, London, Barcelona oder Lausanne, die nur nach Katalog verkaufen, grundsätzlich auf Nummer Sicher gehen und nie mehr als fünfzig Titel auf einmal anbieten. Hochadel des Wiegendrucks, für den Pergament statt Velin oder drei Zentimeter mehr Blattrand Tausende von Dollars bedeuten können. Diese Gutenberg-Schakale, Piranhas der Antiquariatsmessen, Blutegel der Auktionen, schrecken nicht davor zurück, ihre Mutter für eine Erstausgabe zu verschachern, empfangen aber ihre Kunden in Salons mit Ledersofas und Blick auf den Duomo oder den Bodensee und machen sich nie die Hände schmutzig, geschweige denn, daß sie ihr Gewissen mit irgend etwas belasten. Dafür müssen Typen wie Corso herhalten.
   Corso also nahm die Segeltuchtasche ab, die er über der Schulter hängen hatte, und legte sie neben seine ungeputzten Mokassins auf den Boden. Dann betrachtete er das gerahmte Porträt des Romanciers Rafael Sabatini, das neben dem Füllfederhalter, mit dem ich Artikel und Druckfahnen korrigiere, auf meinem Schreibtisch steht, und dies fiel mir angenehm auf, denn meine Besucher schenken ihm für gewöhnlich kaum Beachtung; sie halten ihn für einen Verwandten. Ich wartete auf Corsos Reaktion und sah, daß er ein zurückhaltendes Lächeln aufsetzte, während er Platz nahm: die jugendlich wirkende Grimasse eines cleveren Kaninchens, wie es in jedem Zeichentrickfilm augenblicklich das bedingungslose Wohlwollendes Publikums erwirbt. Später erlebte ich, daß er auch in der Lage war, wie der böse Trickfilm-Wolf zu grinsen, und daß er, je nachdem, was die Situation erforderte, das eine oder andere Gesicht aufsetzen konnte. Aber da war schon viel Zeit vergangen. Damals wirkte er jedenfalls so überzeugend, daß es mich reizte, ihn auf die Probe zu stellen.
   »Er kam mit der Gabe des Lachens zur Welt ...«, zitierte ich und deutete auf das Porträt, »und mit dem Eindruck, die Welt sei verrückt.«
   Ich sah, wie Corso leicht den Kopf neigte - eine langsame, bestätigende Bewegung -, und empfand eine komplizenhafte Sympathie für ihn, die mir trotz allem, was später noch passieren sollte, geblieben ist. Er hatte aus einem irgendwo verborgenen Päckchen eine filterlose Zigarette herausgezogen, die zerknittert war wie sein Mantel und seine Kordhose, drehte sie zwischen den Fingern einer Hand und sah mich dabei durch seine Brillengläser hindurch an, deren verbogenes Metallgestell ihm schief auf der Nase hing. Sein Haar war an einigen Stellen ergraut und fiel ihm ungekämmt in die Stirn. Die andere Hand behielt er, als umklammere sie eine versteckte Pistole, in einer seiner Manteltaschen: ausgebeulte Behältnisse, in denen er Bücher, Kataloge, Notizen und - wie ich ebenfalls später erfuhr - einen Flachmann mit Bols Gin herumtrug.
   »Und das war sein einziges Erbe«, vervollständigte er mühelos das Zitat, bevor er sich in den Sessel zurücklehnte und erneut lächelte. »Obwohl mir, um ehrlich zu sein, Captain Blood besser gefällt.«
   Ich hob meinen Füllfederhalter in die Luft, um ihn streng zurechtzuweisen.
   »Das stimmt so nicht. Scaramouche verhält sich zu Sabatini wie Die drei Musketiere zu Dumas.« Ich richtete eine kleine Geste der Reverenz an das Porträt. »Er kam mit der Gabe des Lachens zur Welt . In der ganzen Geschichte des Abenteuerromans gibt es keine zwei Anfangszeilen, die diesen vergleichbar wären.«
   »Vielleicht haben Sie recht«, gab er nach scheinbarem Nachdenken zu, und dann legte er diesen Aktenordner mit dem Manuskript auf den Tisch. Jede einzelne Seite steckte in einer Plastikhülle. »Was für ein Zufall, daß Sie Dumas erwähnt haben.«
   Er schob mir den Ordner zu, wobei er ihn umdrehte, damit ich lesen konnte, was da abgeheftet war. Alle Blätter waren in Französisch und ausschließlich auf einer Seite beschrieben. Sie bestanden aus zweierlei Arten von Papier: Das eine war weiß und über die Jahre vergilbt, das andere blaßblau, fein kariert und ebenfalls unter dem Einfluß der Zeit gealtert. Jeder Farbe entsprach eine eigene Handschrift, obwohl die auf dem blauen Papier, die in schwarzer Tinte ausgeführt war, auch auf den weißen Blättern vorkam, und zwar in Form von nachträglich zur Originalfassung hinzugefügten Anmerkungen. Die Schriftzüge waren kleiner und spitzer. Es handelte sich um insgesamt fünfzehn Blätter, von denen elf blau waren.
   »Kurios.« Ich hob meinen Blick und richtete ihn auf Corso.
   Er beobachtete mich ruhig und ließ seine Augen zwischen mir und dem Ordner hin- und herwandern. »Wie sind Sie dazu gekommen?«
   Der Bücherjäger kratzte sich an einer Augenbraue und überlegte offensichtlich, ob ihn die Information, um die er mich bitten wollte, zu einer Antwort zwang. Schließlich zog er noch eine andere Grimasse, diesmal die eines unschuldigen Häschens. Corso war ein Profi.
   »Durch puren Zufall. Über den Kunden eines Kunden.«
   »Verstehe.«
   Er legte bedächtig eine kurze Pause ein. Bedächtigkeit bedeutet nicht nur Vorsicht und Diskretion, sondern auch Schlauheit. Und das wußten wir beide.
   »Klar«, fügte er hinzu, »daß ich Ihnen Namen nenne, wenn Sie das möchten.«
   Ich erwiderte ihm, das sei nicht nötig, was ihn zu beruhigen schien. Er rückte mit einem Finger seine Brille zurecht und fragte mich dann, waslch von dem Material hielte, das ich da in der Hand hatte. Ohne ihm gleich eine Antwort zu geben, blätterte ich in dem Manuskript, bis die erste Seite vor mir lag. Die Überschrift war in Großbuchstaben: LE VIN D’ANJOU.
   Ich las laut die ersten Zeilen: »Après de nouvelles presque désespérées du roi, le bruit de sa convalescence commençait à se répandre dans le camp ...«
   Ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Corso forderte mich mit einem beifälligen Nicken auf, mein Urteil auszusprechen.
   »Kein Zweifel«, sagte ich, »das stammt von Alexandre Dumas, dem Älteren. Le vin d’Anjou, Der Wein von Anjou oder Der Anjouwein, wie es in verschiedenen Übersetzungen heißt: Kapitel zwei- oder dreiundvierzig der Drei Musketiere, wenn ich mich recht entsinne.«
   »Zweiundvierzig«, bestätigte Corso. »Kapitel zweiundvierzig.«
   »Ist das hier das Original? Dumas’ persönliches Manuskript?«
   »Ehrlich gesagt bin ich hier, um das von Ihnen zu erfahren.«
   Ich zuckte leicht mit der Schulter, um eine Verantwortung von mir zu weisen, die mir übertrieben schien.
   »Warum von mir?«
   Im Grunde wollte ich mit dieser törichten Frage nur Zeit gewinnen. Corso muß es nach falscher Bescheidenheit geklungen haben, denn er unterdrückte eine mißmutige Geste.
   »Sie sind doch Experte«, entgegnete er etwas frostig. »Und abgesehen davon, daß Sie der einflußreichste Literaturkritiker des Landes sind, kennen Sie sich bestens mit dem Unterhaltungsroman des 19. Jahrhunderts aus.«
   »Sie vergessen Stendhal.«
   »Nein, den vergesse ich nicht. Ich habe Ihre Übersetzung der Kartause von Parma gelesen.«
   »Sieh mal an. Sie schmeicheln mir.«
   »Mitnichten. Ich ziehe die von Consuelo Berges vor.«
   Wir lächelten beide. Er gefiel mir nach wie vor, und ich begann langsam, seinen Charakter zu durchschauen.
   »Kennen Sie meine Bücher?« wagte ich zu fragen.
   »Ein paar davon. Lupin, Raffles, Rocambole, Holmes zum
   Beispiel. Auch Ihre Arbeiten über Valle-Inclan, Baroja und Galdos. Oder Dumas - Die Spur eines Giganten. Und Ihren Essay über den Grafen von Monte Christo.«
   »Was? Das haben Sie alles gelesen?«
   »Nein. Daß ich mit Büchern arbeite, soll nicht heißen, daß ich sie auch lese.«
   Er log. Oder zumindest übertrieb er den negativen Aspekt der Sache. Dieser Mensch gehörte zum gründlichen Schlag. Bevor er gekommen war, hatte er mit Sicherheit alles gelesen, was er nur von mir auftreiben konnte. Corso war einer jener besessenen Leser, die vom zartesten Kindesalter an Bücher aller Art verschlingen, vorausgesetzt - und das war allerdings unwahrscheinlich -, daß Corsos Kindheit zu irgendeinem Zeitpunkt das Attribut »zart« verdient hätte.
   »Verstehe«, erwiderte ich, um irgend etwas zu sagen.
   Er runzelte einen Moment lang die Stirn, als überlege er, ob er etwas vergessen habe, nahm dann seine Brille ab, hauchte auf die Gläser und begann sie mit einem völlig zerknitterten Tuch zu putzen, das er aus den unergründlichen Taschen seines Mantels zutage gefördert hatte. Dieses viel zu große Kleidungsstück, die nagetierähnlichen Schneidezähne und seine ruhige Art verliehen ihm einen Anschein von Harmlosigkeit, aber in Wirklichkeit war Corso ein knallharter Typ. Sein scharf geschnittenes, eckiges Gesicht und seine aufmerksamen Augen konnten jederzeit eine Naivität vortäuschen, die dem gefährlich wurde, der sich auf sie einließ. Er war eine jener hilflos wirkenden Gestalten, denen die Männer Zigaretten schenken und die Kellner ein Gläschen spendieren, während die Frauen sie am liebsten auf der Stelle adoptieren würden. Wenn man ihnen dann auf die Schliche kommt, ist es meistens zu spät, sie sind längst über alle Berge und lachen sich ins Fäustchen.
   »Kehren wir zu Dumas zurück«, schlug er vor, während er mit seiner Brille auf das Manuskript deutete. »Jemand, der in der Lage ist, fünfhundert Seiten über ihn zu schreiben, sollte beim Anblick seiner Originalhandschriften ein Gefühl der Vertrautheit empfinden ... Meinen Sie nicht?«
   Ich legte eine Hand auf die mit Plastikhüllen geschützten Seiten, pathetisch wie ein Priester eine Altardecke berührt.
   »Ich fürchte, ich muß Sie enttäuschen. Ich empfinde gar nichts.«
   Wir brachen beide in Gelächter aus. Corso hatte ein eigentümliches, beinahe etwas verkniffenes Lachen: wie jemand, der nicht sicher ist, ob er und sein Visavis über dasselbe lachen. Ein heimtückisches und distanziertes Lachen, in dem eine Spur von Unverschämtheit anklang, eines jener Lachen, die noch lange in der Luft schwingen, bevor sie endgültig verklingen. Selbst wenn sein Eigentümer längst gegangen ist.
   »Gehen wir der Reihe nach vor«, bat ich. »Gehört das Manuskript Ihnen?«
   »Nein, das habe ich Ihnen schon gesagt. Ein Kunde hat es vor kurzem erstanden und wundert sich, daß bisher noch niemand etwas von der vollständigen Originalversion dieses Kapitels aus den Drei Musketieren gehört hat. Er möchte eine fachliche Expertise, und daran arbeite ich.«
   »Es überrascht mich, daß Sie sich mit so etwas abgeben.« Tatsächlich hatte auch ich schon früher von Corso reden hören. »Schließlich gilt Dumas heutzutage .«
   Ich ließ meinen Satz offen und setzte ein bitteres Lächeln auf, das der Situation angemessen war und Solidarität ausdrücken sollte, aber Corso ging nicht auf mein Angebot ein und blieb in der Defensive.
   »Der Kunde ist ein Freund von mir«, stellte er nüchtern fest. »Es geht um einen persönlichen Gefallen.«
   »Verstehe, aber ich weiß nicht, ob ich Ihnen weiterhelfen kann. Ich habe wohl ein paar Originale gesehen, und das hier könnte durchaus echt sein; aber für ein Gutachten wäre ein guter Graphologe vonnöten ... Ich kenne da einen ausgezeichneten in Paris: Achille Replinger. Er hat in Saint-Germain-des-Prés ein Antiquariat, das auf Originalhandschriften und historische Urkunden spezialisiert ist. Ein Experte für französische Autoren des 19. Jahrhunderts, ein sehr netter Mensch und guter Freund von mir.« Ich deutete auf einen der Bilderrahmen an der Wand. »Den Brief von Balzac dort hat er mir vor einem Jahr verkauft. Für teures Geld, nebenbei bemerkt.«
   Ich zog mein Notizbuch heraus, um die Adresse abzuschreiben, und fügte ein Begleitkärtchen für Corso hinzu. Er verstaute beides in einer abgegriffenen Brieftasche voller Zettel und Notizen, bevor er aus seiner Manteltasche Block und Bleistift hervorkramte. Der Bleistift hatte einen Radiergummi am Ende, der angeknabbert war wie bei einem Schüler.
   »Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«
   »Aber sicher.«
   »Existiert überhaupt von irgendeinem Kapitel der Drei Musketiere ein vollständiges, handschriftliches Manuskript?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Nein. Dieses Werk ist zuerst als Fortsetzungsroman im Feuilletonteil von Le Siècle abgedruckt worden, und zwar von März bis Juli 1844. Nachdem der Text gesetzt war, wanderte die Originalhandschrift in den Papierkorb. Trotzdem sind einige Fragmente erhalten geblieben, Sie finden sie im Anhang der Garnier-Ausgabe von 1968.«
   »Vier Monate ist wenig.« Corso kaute nachdenklich an seinem Bleistift. »Dumas hat schnell geschrieben.«
   »Das haben damals alle. Stendhal hat seine Kartause in sieben Wochen zu Papier gebracht. Aber abgesehen davon ließ Dumas sich von Mitarbeitern helfen: Neger, wie man sie im Fachjargon nennt. Im Fall der Drei Musketiere war das Auguste Maquet. Sie haben zusammen an Zwanzig jähre nachher gearbeitet, also dem Folgeroman, und am Grafen von Brage-lonne, der die Trilogie abschließt. Aber auch am Grafen von Monte Christo und an noch ein paar Romanen. Die haben Sie doch bestimmt gelesen, oder?«
   »Klar, wie alle Welt.«
   »Wie alle Welt früher einmal, wollten Sie wohl sagen.« Ich blätterte andächtig in dem Manuskript. »Die Zeiten, in denen ein Schriftzug von Dumas die Auflagen vervielfacht und die Verleger bereichert hat, liegen weit zurück. Fast alle seine Werke sind so erschienen, als Zeitungsromane, mit dem berühmten Fortsetzung folgt< am Fuß der Seite, und die Leserschaft konnte kaum das nächste Kapitel erwarten .
   Aber das wissen Sie bestimmt schon alles.«
   »Macht nichts. Sprechen Sie ruhig weiter.«
   »Was soll ich Ihnen noch erzählen? Das Erfolgsrezept des klassischen Fortsetzungsromans ist simpel: Der Held, die Heldin sind mit Tugenden oder Eigenschaften ausgestattet, die den Leser dazu verleiten, sich mit ihnen zu identifizieren. Ähnliches passiert heute mit den Fernsehserien. Aber stellen Sie sich vor, was für einen Effekt diese Romane damals gehabt haben mußten, als es weder Radio noch Fernsehen gab, zumal auf ein Bürgertum, das nach Abwechslung und Unterhaltung lechzte und keinen großen Wert auf formale Qualität oder guten Geschmack legte . Genau das hat der geniale Dumas ausgenützt und wie ein kluger Alchimist in seinem Labor ein Produkt zusammengebraut: ein paar Tropfen hiervon, ein bißchen davon und sein Talent. Das Ergebnis: eine Droge, die Süchtige schuf.« Ich klopfte mir stolz auf die Brust. »Und noch immer schafft.«
   Corso machte sich Notizen. Reizbar, rücksichtslos und tödlich wie eine Schwarze Mamba, sollte einer seiner Bekannten ihn später einmal beschreiben. Er hatte eine seltsame Art, sich anderen gegenüber zu äußern, durch seine verbogene Brille zu sehen und mit seinem langsamen Nicken eine gewisse Skepsis zum Ausdruck zu bringen, die wohlwollend und durchaus nachvollziehbar wirkte - wie bei einer Nutte, die sich nachsichtig ein Sonett über Cupido anhört. Als wolle er einem Gelegenheit geben, sich zu berichtigen, bevor man sich endgültig festlegte. Ein paar Sekunden, dann hielt er inne und hob den Kopf.
   »Aber Sie beschäftigen sich nicht nur mit dem Unterhaltungsroman. Als Kritiker sind Sie vor allem für andere Arbeiten bekannt .« Er zögerte und schien nach dem passenden Wort zu suchen. »Für seriösere. Dumas hat sein Werk ja selbst als leichte Literatur bezeichnet. Das klingt nach Geringschätzung des Publikums, finden Sie nicht?«
   Diese Finte war typisch für meinen Gesprächspartner; sie war eine seiner Unterschriften, wie der Kreuzbube, den Ro cambole am Tatort hinterläßt. Er näherte sich den Dingen auf Umwegen, scheinbar unbeteiligt, aber dabei verursachte er mit kleinen Seitenhieben Unbehagen. Ist sein Gegenüber erst einmal gereizt, dann spricht es, führt Argumente und Rechtfertigungen an und liefert damit zusätzliche Informationen. Aber ich war nicht von gestern und durchschaute Corsos Taktik. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen fühlte ich mich unwohl.
   »Verfallen Sie nicht in Gemeinplätze«, erwiderte ich etwas ärgerlich. »Der Feuilletonroman hat viel Schund hervorgebracht, aber darüber war Dumas erhaben. In der Literatur ist die Zeit wie die große Sintflut, wo der Herr nur die Seinen kennt. Ich wette mit Ihnen, daß Sie mir keine Romanfiguren nennen können, die so kerngesund wie d’Artagnan und seine Kameraden bis heute überlebt haben, abgesehen vielleicht von Conan Doyles Sherlock Holmes ... Der Zyklus der Drei Musketiere ist zweifellos ein Mantel-und-Degen-Stück trivialer Natur, Sie finden dort sämtliche Untugenden seines Genres. Aber es ist auch ein glänzender Unterhaltungsroman, der über das gewöhnliche Niveau seiner Gattung hinausgeht. Eine
   Geschichte von Freundschaften und Abenteuern, die heute noch populär ist, obwohl die Geschmäcker sich geändert haben und spannende Erzählungen völlig zu Unrecht in Verruf geraten sind. Es scheint, als müßten wir uns seit Joyce mit Molly Bloom abfinden und auf Nausikaa am Strand verzichten ... Haben Sie nie mein Büchlein Freitag oder der Steuerkompaß gelesen? Wenn es um Odysseus geht, dann ziehe ich den des Homer vor.«
   Damit hatte ich das Niveau unserer Unterhaltung etwas angehoben, und nun war ich neugierig auf Corsos Reaktion. Er setzte ein schiefes Lächeln auf, ohne durchblicken zu lassen, was er dachte, aber ich erinnerte mich an den Ausdruck seiner Augen, als ich aus Scaramouche zitiert hatte, und spürte, daß ich auf dem richtigen Weg war.
   »Ich weiß, worauf Sie anspielen«, sagte er schließlich. »Ihre Ansichten sind bekannt und umstritten, Senor Balkan.«
   »Meine Ansichten sind bekannt, weil ich dafür gesorgt habe, daß sie es werden. Und was die vermeintliche Publikumsverachtung Dumas’ betrifft, von der Sie soeben gesprochen haben, so wissen Sie vielleicht nicht, daß der Verfasser der Drei Musketiere während der Revolutionen von 1830 und 1848 in den Straßen kämpfte und Garibaldi Waffen beschafft hat, die er aus der eigenen Tasche bezahlte. Vergessen Sie nicht, daß Dumas’ Vater ein bekannter republikanischer General war. Dieser Mann strotzte vor Liebe zum Volk und zur Freiheit.«
   »Obwohl er es mit der Wirklichkeitstreue nicht besonders genau nahm.«
   »Das ist das Geringste. Wissen Sie, was er einmal geantwortet hat, als ihm vorgeworfen wurde, die Geschichte zu vergewaltigen? Sicher, ich vergewaltige sie. Aber ich mache ihr hübsche Bälger.«
   Ich legte meinen Füllfederhalter aus der Hand, stand auf, öffnete einen der Bücherschränke, die ringsum die Wände meines Büros bedecken, und zog ein Buch mit dunklem Ledereinband heraus.
   »Wie alle großen Fabulierer«, fügte ich hinzu, »erschuf Dumas Geschichten. Die Gräfin Dash, die ihn gut kannte, berichtet in ihren Memoiren, daß es ihm genügte, eine erfundene Anekdote zu erzählen, und schon war aus dieser Lüge eine glaubwürdige Geschichte geworden. Denken Sie nur an den Kardinal Richelieu. Er war der bedeutendste Mann seiner Zeit, aber seit er von Dumas >umgedeutet< worden ist, haben wir ein verzerrtes, unheimliches Bild von ihm: Er steht da wie ein niederträchtiger Schurke .«
   Ich drehte mich, das Buch in der Hand, zu Corso um.
   »Kennen Sie das? Das hat Gatien de Courtilz de Sandras geschrieben, ein Musketier, der Ende des 17. Jahrhunderts lebte. Es sind die Memoiren d’Artagnans und zwar des echten:
   Charles de Batz-Castelmore, Graf von Artagnan. Ein Gascogner, der 1615 geboren wurde und in der Tat Musketier war; obwohl er nicht zur Zeit Richelieus gelebt hat, sondern zur Zeit Mazarins. Er starb 1673 während der Belagerung von Maastricht, als er - genau wie sein fiktiver Namensvetter - kurz davor stand, den Marschallstab zu erhalten. Wie Sie sehen, haben die Vergewaltigungen Alexandre Dumas’ wirklich prächtige Bälger hervorgebracht. Den unbekannten Gascogner aus Fleisch und Blut, dessen Name in der Geschichte untergetaucht war, hat der geniale Romancier in einen legendären Giganten verwandelt.«
   Corso war sitzen geblieben und hörte mir zu. Ich reichte ihm das Buch, und er begann es behutsam durchzublättern. Langsam schlug er eine Seite nach der andern auf, indem er die Blätter immer nur am Rand anfaßte und dann sacht mit den Fingerkuppen darüberstrich. Ab und zu verweilte er bei einem Namen oder bei einem Kapitel. Die Augen hinter seinen Brillengläsern prüften rasch und sicher. Irgendwann hielt er inne, um den Titel und die dazugehörigen Daten auf seinem Block zu vermerken: Mémoires de M. d’Artagnan, G. de Courtilz, 1704, P. Rouge, 4 Bände, im Duodezformat, 4. Auflage. Dann schloß er das Buch, um mir einen langen Blick zuzuwerfen.
   »Sie sagen es: Er war ein Schwindler.«
   »Ja«, gab ich zu, während ich mich wieder setzte. »Aber genial. Wo andere sich darauf beschränkt hätten, plump abzuschreiben, hat er eine Romanwelt geschaffen, die heute noch begeistert. Der Mensch stiehlt nicht, er erobert, pflegte er zu sagen. Er macht aus jeder Provinz, die er einnimmt, einen festen Bestandteil seines Reiches: Er zwingt ihr seine Gesetze auf, er bevölkert sie mit Sujets und Gestalten und breitet seinen Geist über ihr aus. Was sonst ist literarisches Schaffen? Für Dumas stellte die französische Geschichte eine Goldgrube dar. Sein Trick war fabelhaft: den Rahmen respektieren - das Gemälde verändern, ungeniert die Schatztruhe plündern, die gefüllt und offen vor ihm stand ... Dumas verwandelt Hauptfiguren in Nebenfiguren, ruhmlose Komparsen in Protagonisten, und füllt ganze Seiten mit Ereignissen, die in der wirklichen Chronik gerade zwei Zeilen ihn Anspruch nehmen. Der Freundschaftsbund zwischen d’Artagnan und seinen Kameraden hat in Wahrheit nie existiert, schon deshalb nicht, weil sie sich untereinander gar nicht kannten. Es hat auch keinen Grafen de la Fère gegeben, oder besser gesagt, es gab viele, wenn auch keinen mit dem Namen Athos. Aber Athos existierte, er hieß Armande de Sillègue, Herr von Athos, und starb während eines Duells an einem Degenstich, bevor d’Artagnan den Musketieren des Königs beigetreten war. Aramis war Chevalier Henri de Aramitz und ab 1640 Mitglied der Musketiere, die von seinem Onkel befehligt wurden. Er zog sich nach Abschluß seiner Laufbahn mit Frau und vier Kindern auf sein Landgut zurück. Was Porthos betrifft .«
   »Erzählen Sie mir nicht, es habe auch einen Porthos gegeben.«
   »Doch, den hat es gegeben. Er hieß Isaac de Portau und muß Aramis oder Aramitz gekannt haben, denn er ist drei Jahre nach ihm, also 1643, Musketier geworden. Die Chronik berichtet, daß er sehr jung starb ... Wenn nicht an einer Krankheit, dann im Krieg oder wie Athos in einem Duell.«
   Corso trommelte mit den Fingern auf den Memoiren von d’Artagnan und wackelte ein wenig mit dem Kopf. Er lächelte.
   »Jetzt sagen Sie mir sicher gleich, es habe auch eine Milady existiert.«
   »Genau. Aber die hieß nicht Anne de Breuil und war auch keine Milady de Winter. Mit einer Lilie war sie nicht gebrandmarkt, obwohl sie wirklich eine Agentin Richelieus war. Statt dessen hieß sie Gräfin von Carlisle und hat dem Herzog von Buckingham während eines Hofballs tatsächlich zwei Diamantnadeln gestohlen ... Machen Sie nicht so ein Gesicht! Das berichtet La Rochefoucauld in seinen Memoiren. Und La Rochefoucauld war ein ernst zu nehmender Mann!«
   Corso sah mich starr an. Dabei war er keiner von denen, die sich leicht über etwas wundern, und schon gar nicht, wenn es um Bücher geht. Aber er zeigte sich beeindruckt. Später, als ich ihn besser kannte, habe ich mich gefragt, ob seine Verwunderung echt war oder nur vorgetäuscht. Heute, da alles vorbei ist, glaube ich, sicher zu sein: Ich war eine Informationsquelle mehr, und Corso ließ mir die Zügel schießen.
   »Das ist alles sehr interessant«, sagte er.
   »Replinger wird Ihnen noch viel mehr erzählen können, wenn Sie nach Paris gehen.« Ich betrachtete die Handschrift auf dem Tisch. »Ob das die Ausgaben für eine Reise lohnt, weiß ich allerdings nicht. Wieviel könnte dieses Kapitel auf dem Markt wert sein?«
   Er kaute erneut an seinem Bleistift und verzog skeptisch das Gesicht.
   »Nicht sehr viel. Aber darum geht es mir hier auch gar nicht.«
   Ich lächelte traurig und verständnisvoll. Zu dem wenigen, was ich besitze, gehört ein Quijote von Ibarra und ein Volkswagen. Selbstverständlich hat mich das Auto mehr gekostet als das Buch.
   »Ich weiß, was Sie meinen«, sagte ich freundschaftlich.
   Corso machte eine Geste, die Resignation bedeuten konnte, und entblößte etwas seine Nagerzähne.
   »Bis den Japanern van Gogh und Picasso zum Hals raushängen«, meinte er, »und sie alles in seltene Bücher investieren.«
   Ich warf mich empört in meinen Bürosessel zurück.
   »Gott steh uns bei, wenn es so weit kommen sollte.«
   »Bestimmt schlimm für Sie«, er warf mir durch seine verbogene Brille hindurch einen ironischen Blick zu. »Ich gedenke jetzt schon, mich gesundzustoßen, Senor Balkan.«
   Er verstaute den Block in seinem Mantel, während er sich erhob und seine Segeltuchtasche umhängte. Einen Moment lang irritierte mich auch jetzt sein Aussehen, so harmlos mit dieser Metallbrille, die ihm ständig von der Nase rutschte. Später erfuhr ich dann, daß er alleine lebte, zwischen eigenen und von Kunden bestellten Büchern, und daß er nicht nur ein bezahlter Jäger war, sondern auch Experte für Planspiele der napoleonischen Kriege, ohne weiteres in der Lage, auf einem Spielbrett aus dem Gedächtnis die Schlachtordnung vor Waterloo exakt nachzustellen: eine etwas seltsame Geschichte, die ich erst viel später einmal ganz in Erfahrung brachte. Ich muß zugeben, daß Corso, so wie ich ihn geschildert habe, nicht sehr sympathisch wirkt. Da ich mich bei meiner Erzählung aber strikt an die Tatsachen halten möchte, so sei hinzugefügt, daß seinem ungeschickten Auftreten, dem er - ohne daß ich Ihnen sagen könnte wie - je nach Bedarf etwas Aggressives oder Hilfloses, Naives oder Zynisches geben konnte, genau das anhaftete, was die Frauen als interessant und die Männer als sympathisch bezeichnen. Ein positiver Eindruck, der sich verflüchtigt, sobald wir auf die Hosentasche klopfen und feststellen, daß man uns soeben den Geldbeutel gestohlen hat.
   Corso packte das Manuskript wieder ein, und ich begleitete ihn zur Wohnungstür. Im Flur, wo die Porträts von Stendhal, Joseph Conrad und Valle-Inclan finster auf die scheußliche Lithographie hinausblicken, die auf Beschluß der Hausbewohner und gegen meine Stimme vor ein paar Monaten im Treppenhaus aufgehängt worden war, blieb er stehen, um mir die Hand zu schütteln.
   Erst in diesem Moment fand ich den Mut, mit meiner Frage herauszurücken: »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich gerne wüßte, wo Sie das Manuskript herhaben. Sie haben mich neugierig gemacht.«
   Er zögerte, bevor er etwas erwiderte. Zweifellos wägte er das Pro und Kontra einer Antwort ab. Aber ich hatte ihn freundlich empfangen, und er stand in meiner Schuld. Außerdem mußte er womöglich noch einmal auf mich zurückkommen, so daß ihm keine andere Wahl blieb.
   »Vielleicht kennen Sie ihn«, erwiderte er schließlich. »Mein Kunde hat es einem gewissen Taillefer abgekauft.«
   Ich erlaubte mir, ein überraschtes Gesicht zu machen, freilich ohne zu übertreiben.
   »Enrique Taillefer? Der Verleger?«
   Sein Blick schweifte durch die Diele, schließlich bewegte er einmal den Kopf, von oben nach unten. »Genau der.«
   Wir schwiegen beide. Corso zuckte die Schultern, und ich wußte sehr gut, warum. Der Grund dafür stand im Nachrichtenteil sämtlicher Tageszeitungen: Enrique Taillefer war seit einer Woche tot. Man hatte ihn erhängt im Wohnzimmer seines Appartements gefunden: den Gürtel seines seidenen Morgenmantels um den Hals, die Füße im Leeren baumelnd, über einem aufgeschlagenen Buch und den Scherben einer Blumenvase.
   Einige Zeit später, als alles vorbei war, erklärte sich Corso bereit, mir den Rest der Geschichte zu erzählen. So kann ich jetzt ziemlich genau gewisse Einzelheiten rekonstruieren, obwohl ich sie nicht persönlich erlebt habe: die Verkettung von Umständen, die zu dem bitteren Ende führten, und die Auflösung des Rätsels um den Club Dumas. Dank der Hinweise des Bücherjägers kann ich in dieser Geschichte den Doktor Watson spielen und Ihnen erzählen, daß die folgende Szene eine Stunde nach unserer Begegnung stattfand, und zwar in Makarovas Bar.
   Flavio La Ponte schüttelte sich das Wasser vom Mantel, stützte neben Corso die Ellbogen auf den Tresen und bestellte sich ein Glas Bier, während er langsam wieder Atem schöpfte. Dann sah er grimmig und zufrieden auf die Straße hinaus, als habe er sie unter dem Feuer von Heckenschützen überquert. Es schüttete sintflutartig.
   »Die Firma >Armengol und Söhne, Buchantiquariat und Bibliographische Kuriositäten will dich verklagen«, sagte er. Bierschaum lag auf seinem lockigen, blonden Bart. »Ich habe gerade mit dem Anwalt telefoniert.«
   »Warum?« fragte Corso.
   »Du sollst eine arme alte Frau betrogen und außerdem noch ihre Bibliothek geplündert haben. Sie schwören, die sei ihnen versprochen gewesen.«
   »Dann hätten sie eben früher aufstehen müssen als ich.«
   »Das habe ich auch gesagt, aber sie schäumen vor Wut. Als sie den Posten abholen wollten, fehlten bereits der Persiles von Cervantes und der berühmte Fuero Real de Castilla, das Großbuch der rechtlichen Satzungen des Königreichs Kastilien. Außerdem hast du den Rest auf einen Preis geschätzt, der weit über dem wahren Wert liegt. Jetzt weigert sich die Besit-zerin zu verkaufen. Sie verlangt das Doppelte von dem, was sie ihr bieten.« Er trank einen Schluck Bier, während er vergnügt und komplizenhaft mit einem Auge zwinkerte. »Eine Bibliothek mit Beschlag belegen, sagt man zu diesem hübschen Manöver.«
   »Ich weiß, wie man das nennt.« Corso entblößte seinen Eckzahn in hämischem Grinsen. »Und Armengol und Söhne wissen das auch.«
   »So gemein hättest du nicht sein dürfen«, stellte La Ponte objektiv fest. »Aber am meisten schmerzt sie der Fuero Real. Sie empfinden es als Schlag unter die Gürtellinie, daß du ihn einfach mitgenommen hast.«
   »Hätte ich ihn etwa dort lassen sollen? Eine lateinische Glosse von Diaz de Montalvo, ohne Druckermarke, aber mit Sicherheit von Alonso del Puerto in Sevilla herausgegeben, möglicherweise 1482.« Er rückte sich mit dem Zeigefinger die Brille zurecht, um seinen Freund anzusehen. »Wie findest du das?«
   »Ich finde es toll. Aber die Armengols sind nervös.«
   »Dann sollen sie Kamillentee trinken.«
   Es war Mittag, und die Leute nahmen ihren Aperitif zu sich. Am Tresen war kaum Platz, und sie drängten sich Schulter an Schulter, inmitten von Zigarettenrauch und Stimmenlärm, darauf bedacht, mit ihren Ellbogen die Schaumpfützen auf der Theke zu vermeiden.
   »Angeblich solle es sich bei dem Persiles um eine Erstausgabe handeln«, fügte La Ponte hinzu. »Einband von Traut-Bauzonnet.«
   Corso schüttelte verneinend den Kopf.
   »Von Hardy. In Saffianleder.«
   »Noch besser. Jedenfalls habe ich geschworen, daß ich nichts mit der Sache zu tun habe. Du weißt ja, daß ich gegen Prozesse allergisch bin.« »Gegen deine dreißig Prozent aber nicht.«
   Der andere hob würdevoll die Hand.
   »Moment mal. Hier bringst du was durcheinander, Corso. Das eine ist die edle Freundschaft, die uns verbindet. Etwas ganz anderes das Brot, das ich für meine Kinder verdiene.«
   »Du hast doch gar keine Kinder!«
   La Ponte grinste.
   »Laß mir noch ein bißchen Zeit. Ich bin ja noch jung.«
   La Ponte sah sympathisch aus, etwas klein, eitel und sehr gepflegt. Er strich sich mit der Hand das Haar über seine beginnende Scheitelglatze und überprüfte das Ergebnis im Spiegel hinter der Bar. Dann suchte er seine Umgebung mit professionellem Blick nach einer weiblichen Präsenz ab. Auf solche Dinge legte er Wert, ebenso darauf, beim Sprechen kurze Sätze zu bilden. Sein Vater, ein hochgebildeter Buchhändler, hatte ihm das Schreiben beigebracht, indem er La Ponte Texte von Azorin diktierte. Nur wenige erinnerten sich noch an Azorin, aber La Ponte fuhr fort, wie er zu konstruieren. Mit vielen Punkten und ohne Absätze. Das gab ihm eine gewisse Redesicherheit, wenn er im Hinterzimmer seines Buchladens in der Calle Mayor, dort, wo er die Klassiker der Erotik aufbewahrte, Kundinnen verführen wollte.
   »Abgesehen davon«, nahm er den Faden wieder auf, »habe ich mit Armengol und Söhnen noch ein paar delikate Geschäfte ausstehen. Und zwar ziemlich rentabel.«
   »Mit mir auch«, bemerkte Corso über sein Bier hinweg. »Du bist der einzige arme Buchhändler, mit dem ich zusammenarbeite. Und diese Exemplare wirst du verkaufen.«
   »Also gut«, lenkte La Ponte gelassen ein. »Du kennst mich ja: praktisch, pragmatisch, verworfen.«
   »Eben.«
   »Stell dir mich in einem Western vor. Für einen Freund würde ich höchstens einen Streifschuß riskieren.«
   »Allerhöchstens«, nickte Corso.
   »Aber ist ja auch egal.« Er sah sich zerstreut um. »Ich habe schon einen Käufer für den Persiles. «
   »Dann zahl mir noch ein Glas. Und setz es auf die Rechnung!«
   Sie waren alte Freunde. Sie mochten beide Bier mit viel Schaum und Bols Gin in dunklen Tonflaschen; vor allem jedoch antiquarische Bücher und die altmodischen Versteigerungen in der Altstadt von Madrid. Kennengelernt hatten sie sich vor vielen Jahren, als Corso im Auftrag eines Kunden Buchhandlungen durchstöberte, die auf spanische Autoren spezialisiert waren. Er suchte damals eine sagenumwobene Celestina, die einem Zitat zufolge noch älter war als die bekannte Ausgabe aus dem Jahr 1499. La Ponte hatte dieses Buch noch nie besessen, ja nicht einmal davon gehört. Dafür besaß er aber eine Ausgabe des Lexikons der bibliographischen Raritäten und Erfindungen von Julio Ollero, in dem es erwähnt wurde. Beim Plaudern über Bücher entdeckten sie eine gewisse Seelenverwandtschaft, die besiegelt worden war, nachdem La Ponte seinen Laden verriegelt hatte. Beide gingen in Makarovas Bar, um zu leeren, was es dort zu leeren gab, während sie Sammelbildchen von Melville austauschten und Flavio La Ponte von seiner Kindheit erzählte, die er praktisch an Bord der Pequod verbracht hatte, von kleinen Abstechern mit Azorin einmal abgesehen. »Nenn mich Ishmael«, sagte er, nachdem er den Pegel der dritten Bols-Flasche auf Null gedrückt hatte. Und Corso nannte ihn Ishmael, und nicht nur das, ihm zu Ehren zitierte er auch noch aus dem Gedächtnis die Episode, in der beschrieben wird, wie Ahab seine Harpunenspitze schmiedet:
   So wurden denn drei Einschnitte gemacht und das Eisen des
   Weißen Wals im Blut der Heiden abgelöscht.
   Das wurde gebührlich begossen, so gebührlich, daß La Ponte sogar aufhörte, die Mädchen anzugaffen, um Corso ewige Freundschaft zu schwören. Im Grunde war er - trotz seines militanten Zynismus und trotz seiner Geschäftemacherei - ein naiver Mensch, und daher merkte er nicht, daß sein neuer Freund mit der verbogenen Brille damals ein subtiles Flankenmanöver in die Wege geleitet hatte. Beim Überfliegen von La Pontes Regalen waren ihm ein paar Titel aufgefallen, über die er später einmal zu verhandeln gedachte. Trotzdem stand eindeutig fest, daß La Ponte mit seinem lockigen, blonden Bärtchen, den sanften Augen des Vortoppmanns Billy Budd und mit den Träumereien eines frustrierten Walfängers Corsos Sympathie geweckt hatte. La Ponte war sogar in der Lage, sämtliche Besatzungsmitglieder der Pequod aufzuzählen -»Ahab, Stubb, Starbuck, Flask, Perth, Parsi, Quiqueg, Taschti-go, Dagu ...« - sowie die Namen aller in Moby Dick vorkommenden Schiffe - »Goney, Town-Ho, Jéroboam, Jungfrau, Bouton de Rose, Soltero, Del eite, Raquel ...« Und außerdem wußte er genau, was der graue Amber war, und bestand somit die schwierigste aller Prüfungen. Sie sprachen über Bücher und Wale, und so wurde schließlich in jener Nacht die Bruderschaft der Harpuniers von Nantucket gegründet, mit Flavio La Ponte als Generalsekretär, Lucas Corso als Schatzmeister und mit beiden zugleich als einzigen Mitgliedern unter der toleranten Patenschaft Makarovas, die sich weigerte, die letzte Runde zu kassieren, um mit ihnen eine Extraflasche Gin zu teilen.
   »Ich fahre nach Paris«, sagte Corso, während er im Spiegel eine dicke Frau beobachtete, die alle fünfzehn Sekunden eine Münze in den Schlitz des Spielautomaten steckte, als ob das Gedudel des Apparats und die vorbeisausenden Bildchen mit ihren Farben, Früchten und Glocken sie bis zum Jüngsten Tag dort festhalten würden, hypnotisiert und reglos. Nur ihre Hand drückte auf die Knöpfe des Kastens. »Um mich mit deinem Vin d’Anjou zu beschäftigen.«
   Er sah, wie sein Freund die Nase rümpfte und ihn aus den Augenwinkeln heraus betrachtete. Paris, das bedeutete Sonderausgaben und Komplikationen. La Ponte war ein bescheidener Buchhändler und geizig.
   »Du weißt, daß ich mir das nicht erlauben kann.«
   Corso leerte langsam sein Glas.
   »Doch, das kannst du.« Er zog ein paar Münzen aus der Tasche, um die Runde zu bezahlen. »Ich habe dort nämlich noch ein anderes Geschäft zu erledigen.«
   »Ein anderes Geschäft«, wiederholte La Ponte und sah ihn interessiert an. Makarova stellte zwei weitere Gläser Bier auf den Tresen. Sie war groß, blond, um die Vierzig, mit kurzem Haar und Ring in einem Ohr - ein Andenken an die Zeit, in der sie an Bord eines russischen Fischkutters herumgeschippert war. Sie trug eine enge Hose und ein Hemd, dessen Ärmel bis zu den Oberarmen aufgekrempelt waren, und ihr kräftig ausgebildeter Bizeps war nicht das einzig Maskuline an ihr. Sie hatte ständig eine qualmende Zigarette im Mundwinkel hängen. Mit ihren baltischen Gesichtszügen und ihren burschikosen Bewegungen erinnerte sie an einen Schlossergehilfen aus irgendeiner Leningrader Kugellagerfabrik.
   »Ich habe das Buch gelesen«, sagte sie zu Corso. Beim Sprechen brach die Asche ihrer Zigarette ab und fiel auf ihr feuchtes Hemd. »Diese Nutte Bovary. Arme Idiotin«, stellte sie mit stark gerolltem »r« fest.
   »Freut mich, daß du den Kern der Sache erfaßt hast.«
   Makarova wischte mit einem Lappen über den Tresen. Am andern Ende der Theke ließ Zizi die Kasse klingeln und sah herüber. Zizi war das Gegenteil von Makarova: viel jünger, klein und sehr eifersüchtig. Manchmal gingen sie, kurz vor der Sperrstunde, im Vollrausch aufeinander los und prügelten sich vor den Augen der letzten Stammgäste. Einmal war Zizi nach so einem Krach mit blauem Auge davongerannt. Makarovas Tränen waren, blub-blub, in die Biergläser gefallen, bis Zizi nach drei Tagen wieder zurückkam. In dieser Nacht schlossen sie früher, und man sah sie Arm in Arm weggehen und sich unter den Häuserportalen küssen. Wie zwei junge Verliebte.
   »Er geht nach Paris.« La Ponte deutete mit dem Kopf auf Corso. »Um sich ein paar Asse aus dem Ärmel zu ziehen.«
   Makarova räumte die leeren Gläser ab, während sie Corso durch den Rauch seiner Zigarette hindurch ansah.
   »Der hat immer irgendwo was am Kochen«, sagte sie guttural und gelassen. Danach stellte sie die Gläser ins Spülbecken und wandte sich - ihre quadratischen Schultern wiegend - einem anderen Kunden zu. Corso war das einzige Exemplar von Mann, das ihrer Verachtung fürs andere Geschlecht entging, und das pflegte sie ausdrücklich zu betonen, wenn sie ihm ein Glas spendierte. Selbst Zizi betrachtete ihn mit einer gewissen Neutralität. Als Makarova einmal festgenommen worden war, weil sie auf einer Demonstration von Schwulen und Lesben einen Polizisten zusammengeschlagen hatte, verbrachte Zizi die ganze Nacht auf einer Bank im Kommissariat. Corso leistete ihr mit belegten Brötchen und einer Flasche Gin Gesellschaft, nachdem er seine Kontakte zur Polizei hatte spielen lassen, um die Wogen ein wenig zu glätten.
   All das machte La Ponte absurderweise eifersüchtig.
   »Warum Paris?« fragte er, wenn auch geistesabwesend.
   Sein linker Ellbogen war soeben in etwas herrlich Weichem versunken. Er schien hocherfreut, als er sah, daß sich eine junge Blondine mit riesigem Busen neben ihn an den Tresen gestellt hatte.
   Corso nahm einen Schluck Bier.
   »Ich fahre auch nach Sintra, nach Portugal.« Er beobachtete immer noch die Dicke an dem Spielautomaten. Sie hatte ihr ganzes Kleingeld in der Maschine gelassen und reichte Zizi soeben einen Schein, um ihn sich wechseln zu lassen.
   »Wegen einer Sache für Varo Borja.«
   Er hörte, wie sein Freund durch die Zähne pfiff: Varo Borja, der bedeutendste Antiquar des Landes. Sein Katalog war dünn, aber erlesen, und außerdem galt er als bibliophiler Sammler, der keine Ausgaben scheute. Le Ponte verlangte beeindruckt nach mehr Bier und Informationen. Er war nun aufmerksam wie ein Raubvogel, so war es jedesmal, wenn er das Wort »Buch« hörte. Mochte er auch feige und geizig sein, Neid gehörte nicht zu seinen Eigenschaften, außer was schöne Frauen betraf, die seinen Jagdtrieb weckten. Beruflich empfand er ehrlichen Respekt vor der Arbeit und Kundschaft seines Freundes, abgesehen davon, daß er ihm bei geringem eigenem Risiko zu guten Geschäften verhalf, was ihn natürlich freute.
   »Hast du schon mal was von den Neun Pforten gehört?«
   Der Buchhändler kramte gerade umständlich in seinen Taschen, um Corso auch diese Runde bezahlen zu lassen. Drauf und dran, sich zu seiner opulenten Nachbarin umzudrehen und sie eingehender zu studieren, schien er mit einem Schlag alles vergessen zu haben und sperrte den Mund auf.
   »Erzähl mir nicht, daß Varo Borja dieses Buch will ...«
   Corso legte sein letztes Kleingeld auf die Theke. Makarova brachte noch zwei Gläser.
   »Er besitzt es bereits seit längerer Zeit. Und er hat ein Vermögen dafür bezahlt.«
   »Mit Sicherheit. Angeblich gibt es nur noch drei oder vier Exemplare davon.«
   »Drei«, präzisierte Corso. Eines befand sich in Sintra, in der Sammlung Fargas, ein anderes in der Stiftung Ungern in Paris, und das dritte hatte Varo Borja erworben, als die Terral-Coy-Bibliothek in Madrid versteigert worden war. La Ponte kraulte sich interessiert den lockigen Bart. Von Fargas, dem portugiesischen Bibliophilen, hatte er natürlich schon gehört. Und was diese Baronin Ungern betraf, so war das doch die verrückte Alte, die mit ihren Büchern über Okkultismus und Dämonologie zur Millionärin geworden war. Ihr letzter Renner, Die nackte Isis, hatte die Verkaufszahlen der KaufhausBuchabteilungen in die Höhe schnellen lassen.
   »Ich begreife nur nicht«, schloß La Ponte, »was du damit zu tun hast.«
   »Kennst du die Geschichte dieses Buches?«
   »Ziemlich oberflächlich«, gab der andere zu. Corso tauchte einen Finger in den Schaum seines Biers und begann auf der Marmortheke herumzumalen.
   »Mitte des 17. Jahrhunderts. Schauplatz: Venedig. Hauptdarsteller ein Buchdrucker namens Aristide Torchia, der auf die Idee verfällt, das sogenannte Buch der neun Pforten ins Reich der Schatten herauszugeben, eine Art Anleitung zur Beschwörung des Teufels ... Die Zeiten sind schlecht für solche Schriften: Torchia wird schon bald der Inquisition ausgeliefert. Anklagepunkte: Teufelskünste und damit zusammenhängende Verbrechen. Erschwerend kam hinzu, daß er angeblich auch neun Abbildungen aus dem berühmten Delomelanicon reproduziert hat, also aus dem Klassiker der Schwarzen Magie, und der ist - so will es die Überlieferung - von Luzifer in Person verfaßt worden.«
   Auf der andern Seite des Schanktischs rückte Makarova näher und hörte aufmerksam zu, während sie sich die Hände an ihrem Hemd abtrocknete. La Ponte, der gerade sein Glas zum Mund führte, hielt inne: »Was ist mit der Auflage passiert?«
   »Das kannst du dir denken: Sie haben einen prächtigen Scheiterhaufen daraus gemacht.« Corso schnitt eine Grimasse. Er schien es ernsthaft zu bedauern, das nicht miterlebt zu haben. »Angeblich hörten die Leute aus den Flammen den Teufel schreien.«
   Makarova stemmte ihre Ellbogen in die Schaumkrakeleien neben den Zapfhähnen und gab ein skeptisches Brummen von sich. Ihr blondes, nordisches und viriles Selbstverständnis war unvereinbar mit südländischem Aberglauben und Gemunkel. La Ponte, für diese Dinge anfälliger, tauchte die Nase in sein Bier.
   »Wen man mit Sicherheit schreien hörte, das war vermutlich der Buchdrucker.«
   »Das glaube ich auch.«
   La Ponte erschauerte allein bei dem Gedanken.
   »Foltern«, fuhr Corso fort, »war für die Inquisitoren bekanntlich berufliche Ehrensache, wenn es um die Schwarzen Künste ging, und so hat der Buchdrucker schließlich zwischen seinen Schreien gestanden, daß es noch ein Buch gab, ein einziges. Irgendwo versteckt. Danach hat er den Mund geschlossen und nicht wieder aufgemacht, bis sie ihn bei lebendigem Leib verbrannten. Und auch dann hat er nur >Au< gesagt.«
   Makarova setzte ein verächtliches Lächeln auf, das dem Andenken des Buchdruckers Torchia galt, vielleicht aber auch seinen Folterknechten, die es nicht geschafft hatten, ihm das letzte Geheimnis zu entreißen. La Ponte runzelte die Stirn.
   »Du sagst, daß nur ein Buch übriggeblieben ist«, wandte er ein. »Vorher hast du aber von drei bekannten Exemplaren gesprochen.«
   Corso hatte seine Brille abgenommen und hielt die Gläser gegen das Licht, um zu sehen, ob sie schmutzig waren.
   »Genau da liegt der Hase im Pfeffer«, meinte er. »Die Bücher sind im Verlauf von Kriegen, nach Diebstählen und Bränden auf- und untergetaucht. Heute weiß man nicht mehr, welches das echte ist.«
   »Vielleicht sind alle gefälscht«, warf Makarova ein, die einen gesunden Menschenverstand besaß.
   »Vielleicht. Und diesen Zweifel muß ich klären. Ich soll herausfinden, ob Varo Borja das Original besitzt oder ob sie ihn reingelegt haben. Deswegen fahre ich nach Sintra und Paris.« Er setzte seine Brille wieder auf und sah La Ponte an. »Nebenbei will ich mich auch mit deinem Dumas-Manuskript befassen.«
   Der Buchhändler nickte nachdenklich, während er im Spiegel hinter dem Tresen immer noch das Mädchen mit dem großen Busen fixierte.
   »Ist es da nicht übertrieben, daß du deine Zeit mit den Drei Musketieren vergeudest?«
   »Übertrieben?« Makarova ließ ihre Neutralität fallen und zeigte sich ernsthaft beleidigt. »Das ist der beste Roman, den ich je gelesen habe!«
   Sie schlug zur Betonung mit der flachen Hand auf die Theke und massierte sich dann drohend die Muskeln ihrer nackten Unterarme. >Das hätte Boris Balkan gerne gehörte dachte Corso. Auf Makarovas persönlicher Bestsellerliste, an der er selbst als Literaturberater mitwirkte, teilte sich Dumas’ Roman den ersten Rang mit Krieg und Frieden, Richard Adams’ Watership down oder Carol von Patricia Highsmith. Das nur als Beispiel.
   »Du kannst dich beruhigen«, sagte er zu La Ponte. »Die Reisespesen setze ich Varo Borja auf die Rechnung ... Obwohl ich eigentlich glaube, daß dein Vin d’Anjou echt ist. Warum hätte jemand so etwas fälschen sollen?«
   »Es gibt Leute für alles«, stellte Makarova in ihrer unendlichen Weisheit fest.
   La Ponte teilte Corsos Meinung, in diesem Fall wäre eine Manipulation unsinnig gewesen. Außerdem hatte ihm der verstorbene Taillefer die Echtheit des Manuskripts garantiert, eigenhändig von Alexandre Dumas verfaßt. Und auf Taillefer war Verlaß.
   »Ich habe ihm laufend alte Zeitungsromane angeschleppt; er hat sie alle gekauft.« La Ponte trank einen Schluck und ließ über den Rand seines Glases hinweg ein Kichern vernehmen. »Eine gute Gelegenheit, mir die Beine seiner Frau anzugucken. Tolle Blondine. Spektakulär. Jedenfalls sehe ich eines Tages, wie er eine Schublade öffnet und den Vin d’Anjou auf den Tisch legt. >Das gehört Ihnen<, sagt er, völlig unerwartet, >wenn Sie ein Gutachten besorgen und das Manuskript dann zum Verkauf anbieten, aber es muß schnell gehen.<«
   In einiger Entfernung bemühte sich ein Gast schon eine ganze Weile darum, bei der Makarova einen alkoholfreien Bitter zu bestellen, aber sie rührte sich nicht vorn Fleck, blieb am Tresen stehen, die brennende Zigarette im Mund, die Augen des Rauches wegen zusammengekniffen, und hörte gespannt zu.
   »Ist das alles?« fragte Corso.
   La Ponte machte eine vage Geste. »Mehr oder weniger. Ich habe versucht, ihn davon abzubringen, weil ich ja wußte, wie er an solchen Sachen hängt. Er gehörte zu den Typen, die für eine Rarität ihre Seele verkaufen würden, aber er war nicht umzustimmen. >Wenn Sie es nicht machen, dann macht es ein anderen, hat er gesagt. Damit traf er mich natürlich an meiner empfindlichsten Stelle. Geschäftlich, meine ich.«
   »Die Erläuterung war überflüssig«, präzisierte Corso. »Andere empfindliche Stellen kenne ich nicht an dir.«
   La Ponte suchte in den bleigrauen Augen Makarovas nach etwas menschlicher Wärme, aber dort herrschte ungefähr dieselbe Wärme wie um drei Uhr morgens in einem norwegischen Fjord.
   »Wie schön ist es doch, geliebt zu werden«, sagte er schließlich, verdrossen und bissig.
   Der Typ, der einen Bitter bestellen wollte, schien wirklich Durst zu haben, denn er versuchte es immer noch. Makarova schielte zu ihm hinüber, ohne ihre Haltung zu ändern, und riet ihm, eine andere Bar zu suchen, bevor er sich hier ein blaues Auge holte. Nach kurzem Nachdenken schien er den Kern ihrer Botschaft erfaßt zu haben und zog ab.
   »Enrique Taillefer war ein seltsamer Mensch.« La Ponte strich sich zum wiederholten Mal das Haar über seine beginnende Scheitelglatze, ohne die üppige Blondine im Spiegel auch nur eine Sekunde aus den Augen zu verlieren. »Er wollte unbedingt, daß ich den Verkauf des Manuskripts an die große Glocke hänge.« Dann senkte er die Stimme, um die Blondine nicht unnötig neugierig zu machen. »>Da wird jemand eine schöne Überraschung erleben<, hat er in sehr geheimnisvollem Ton zu mir gesagt. Und dabei hat er mit dem Auge gezwinkert, wie jemand, der einen tollen Streich plant. Vier Tage später war er tot.«
   »Tot«, wieder holte Makarova guttural. Sie schien dieses Wort richtig auszukosten.
   »Selbstmord«, erklärte Corso, aber Makarova zuckte mit den Achseln, als wäre zwischen Mord und Selbstmord kein großer Unterschied. Schließlich gab es ein fragwürdiges Manuskript und einen sicheren Toten, und das genügte für eine Intrige. La Ponte zog bei dem Wort Selbstmord auch ein finsteres Gesicht.
   »Angeblich.«
   »Du wirkst nicht sehr überzeugt.«
   »Ich bin auch nicht überzeugt. Diese Geschichte kommt mir sehr merkwürdig vor.« Er runzelte erneut die Stirn und vergaß den Spiegel. »Da ist etwas faul dran.«
   »Hat Taillefer dir nie erzählt, wie er zu dem Manuskript gekommen ist?«
   »Anfangs habe ich ihn nicht danach gefragt. Und hinterher war es zu spät.«
   »Hast du mit der Witwe gesprochen?«
   Bei dieser Frage hellte sich die Miene des Buchhändlers auf. Jetzt grinste er von einem Ohr zum andern.
   »Das überlasse ich dir«, sagte er im Ton eines Zauberkünstlers, der einen beinahe vergessenen, fabelhaften Trick aus dem Zylinder zieht. »So kassierst du in Naturalien. Ich kann dir nicht einmal den zehnten Teil dessen bieten, was du Borja für sein Buch mit den neun Tricks abknöpfst.«
   »Dasselbe werde ich mit dir machen, wenn du einmal einen Audubon gefunden hast und zum Millionär geworden bist. Im Augenblick beschränke ich mich lediglich darauf, dir mein Honorar zu stunden.«
   La Ponte zeigte sich wieder gekränkt. >Für einen Zyniker seiner Größenordnung ist er ziemlich sensibel<, dachte Corso, >dabei sind wir erst beim Aperitif.< »Ich denke, das machst du aus Freundschaft«, protestierte der Buchhändler. »Du weißt schon, was ich meine: unser Club, die Harpuniere von Nantuk-ket ..Da bläst er und so.«
   »Freundschaft . « Corso sah sich um, als warte er darauf, daß ihm irgend jemand dieses Wort erklärte. »Die Kneipen und Friedhöfe sind voll von unzertrennlichen Freunden.«
   »Auf welcher Seite steht du eigentlich, Mistkerl?«
   »Auf seiner Seite«, seufzte Makarova. »Corso steht immer auf seiner eigenen Seite.«
   La Ponte stellte bedauernd fest, daß das großbusige Mädchen am Arm eines eleganten Angebers das Lokal verließ. Corso beobachtete immer noch die Dicke an dem Spielautomaten. Als auch ihre letzte Münze geschluckt war, blieb sie mit hängenden Armen vor der Maschine stehen, ratlos und leer. Ein großer, dunkelhaariger Mann löste sie an den Hebeln und Knöpfen ab. Er hatte einen dichten schwarzen Schnurrbart und eine Narbe im Gesicht. Sein Aussehen weckte in Corso eine vertraute Erinnerung, flüchtig, verschwommen, ohne Gestalt anzunehmen. Zur Verzweiflung der dicken Frau spuckte der Apparat jetzt mit großem Getöse einen Schwall von Münzen aus.
   Makarova lud Corso zu einem letzten Bier ein, und La Ponte mußte seines diesmal selbst bezahlen.

II. Die Hand des Toten

   Milady lächelte, und d’Artagnan fühlte, daß er für dieses
   Lächeln blindlings in sein Verderben rennen würde.
   A. Dumas, Die drei Musketiere

   Es gibt natürlich Witwen, die untröstlich sind, aber es gibt auch Witwen, die ein erwachsener Mann mit dem größten Vergnügen trösten würde. Liana Taillefer gehörte zweifelsohne zur zweiten Kategorie. Sie war groß, blond, hellhäutig und sehr träge in ihren Bewegungen: die Art von Frau, die eine Zigarette herauszieht und eine Ewigkeit verstreichen läßt, bevor sie den ersten Rauch ausbläst. Und die gelassene Selbstsicherheit, mit der sie ihrem männlichen Gegenüber dabei in die Augen sah, erwuchs ihr aus einer gewissen Ähnlichkeit mit Kim Novak, aus ihren - beinahe übertrieben - großzügigen Körpermaßen sowie aus einem Bankkonto, über das sie als Universalerbin des verstorbenen Verlegers Taillefer verfügte und für das die Bezeichnung »solvent« nur eine schüchterne Untertreibung war. Kaum zu glauben, was für eine Unmenge Geld sich mit der Herausgabe von Kochbüchern verdienen läßt. Die tausend besten Dessert-Rezepte aus der Mancha, zum Beispiel. Oder der Klassiker: Geheimnisse am Grill, fünfzehnte Auflage, bereits wieder vergriffen.
   Ihre Wohnung befand sich in einem alten Palacio des Marqués de los Alumbres, der in Luxusappartements umgewandelt worden war. Was die Innenausstattung betraf, so mußte der Geschmack der Eigentümer vor allem von viel Geld und wenig Zeit beeinflußt worden sein. Nur so ließ sich erklären, daß in derselben Vitrine, nebeneinander, Porzellan aus Lladro - ein kleines Mädchen mit Ente, wie Lucas Corso leidenschaftslos feststellte - und Meißener Hirtenfigürchen ausgestellt waren, für die irgendein schlauer Antiquitätenhändler den verblichenen Enrique Taillefer oder seine Ehegattin vermutlich tüchtig zur Ader gelassen hatte. Natürlich gab es auch einen Biedermeier-Sekretär und einen Steinway-Flügel, vor dem ein hundsteurer Orientteppich lag; des weiteren ein riesiges und sehr bequem wirkendes weißes Ledersofa. Auf ihm überkreuzte in diesem Augenblick Liana Taillefer ihre außergewöhnlich wohlgeformten Beine, die der enge schwarze Trauerrock ins rechte Licht rückte. Da sie saß, endete er knapp oberhalb ihrer Knie und ließ sinnliche Kurven erahnen, stromaufwärts, wo es dem Schatten und dem Mysterium entgegenging, wie sich Lucas Corso bei der Erinnerung an diese Szene später ausdrük-ken sollte. Hier sei betont, daß seine Bemerkung durchaus ernst zu nehmen war, denn bei Corso handelte es sich nur scheinbar um einen jener verschrobenen Typen, bei denen man sich denkt, sie leben mit einer alten Mutter zusammen, die Socken strickt und ihrem Sohn am Sonntag eine Tasse heiße Schokolade ans Bett bringt; ein Sohn, wie man ihn manchmal in Filmen hinter einem Sarg hergehen sieht, unter strömendem Regen, mit geröteten Augen und trostlos »Mama« murmelnd, wie eine hilflose Waise. In Wirklichkeit war Corso in seinem ganzen Leben nie hilflos gewesen, und von einer Mutter war auch nie die Rede. Jeder, der ihn näher kennenlernte, fragte sich früher oder später, ob er wohl jemals eine Mutter gehabt hatte.
   »Es tut mir leid, Sie in einem so ungelegenen Moment belästigen zu müssen«, sagte Corso. Er hatte der Witwe gegenüber Platz genommen, im Mantel, die Segeltuchtasche auf den Knien. Steif saß er auf der Kante eines Sessels, während Liana Taillefers Augen - stahlblau, groß und kalt - ihn von oben bis unten musterten, bemüht, ihn irgendeiner ihr bekannten Spezies von Mann zuzuordnen. Corso war sich der Situation bewußt und unterwarf sich bereitwillig ihrer Prüfung, ohne zu versuchen, einen bestimmten Eindruck zu erzielen. Er kannte die Prozedur, und in diesem Moment wurden seine Aktien an der Wertbörse der Witwe Taillefer eher niedrig notiert. Das reduzierte das Interesse an ihm auf eine Art herablassender Neugierde nach zehnminütiger Wartezeit und vorausgegangenem Scharmützel mit einem Dienstmädchen, das ihn für einen Hausierer gehalten und beinahe zur Tür hinausgeworfen hätte. Nun schielte die Witwe jedoch bereits ab und zu auf den Aktenordner, den Corso aus seiner Segeltuchtasche gezogen hatte, und der Wind begann sich zu drehen. Was Corso betraf, so bemühte er sich, Liana Taillefers Blick durch seine verbogene Brille hindurch standzuhalten, wobei er peinlich die tosende Meerenge mied - Skylla und Charybdis: Corso war Humanist -, die Beine im Süden, und den Busen im Norden, den er nach längerem Überlegen junonisch nannte - junonisch war das richtige Wort, sagte er sich mit Blick auf das, was den schwarzen Angorapullover geradezu furchterregend wölbte.
   »Es wäre mir eine große Hilfe«, murmelte er schließlich, »wenn Sie mir sagen könnten, ob Sie etwas von der Existenz dieses Dokuments wußten.«
   Er reichte ihr den Ordner und streifte dabei ungewollt ihre Finger mit den langen, blutrot lackierten Nägeln. Vielleicht streiften die Finger aber auch ihn. Wie dem auch sei, dieser leichte Kontakt deutete jedenfalls an, daß Corsos Aktien im Steigen waren. Er gab sich also Mühe, verlegen zu wirken, indem er sich das Stirnhaar kratzte, gerade so unbeholfen wie nötig, um zu signalisieren, daß es nicht zu seinen Spezialitäten gehörte, schöne Witwen zu behelligen. Die stahlblauen Augen betrachteten jetzt nicht den Ordner, sondern ihn und flimmerten auf einmal interessiert.
   »Warum sollte ich etwas davon gewußt haben?« fragte die Witwe. Ihre tiefe, etwas heisere Stimme deutete auf eine schlecht verbrachte Nacht. Sie hatte immer noch nicht den Plastikdeckel des Ordners aufgeschlagen und fuhr fort, Corso zu betrachten. Sie erwartete wohl noch mehr Erklärungen. Corso rückte sich die Brille auf der Nasenwurzel zurecht und setzte ein betrübtes Gesicht auf, das der Situation entsprechen sollte. Sie befanden sich noch in der protokollarischen Phase, so daß er das wirkungsvolle Lächeln des ehrlichen Kaninchens für den geeigneten Moment aufsparte.
   »Bis vor kurzem hat es Ihrem Mann gehört.« Er zögerte einen Augenblick, bevor er seinen Satz abrundete. »Gott habe ihn selig.«
   Sie nickte langsam, als erkläre das alles, und öffnete die Mappe. Corso blickte auf die Wand hinter ihr. Zwischen einem unverkennbaren Tapies und einem anderen Ölgemälde mit unleserlicher Signatur hing dort das gerahmte Stickbild eines Kindes mit bunten Blümchen, Namen und Datum: Liana Lasauca. Schuljahr 1970-71. Corso wäre geneigt gewesen, es als rührend zu bezeichnen, wenn die Blumen, die gestickten kleinen Vögel und das Mädchen mit seinen Söckchen und den blonden Zöpfen ihn nur in irgendeiner Art gefühlvoll gestimmt hätten. Aber das war nicht der Fall. So ließ er seinen Blick zu einem anderen, kleineren Rahmen aus Silber wandern, auf dem der verstorbene Verleger Enrique Taillefer - ein goldenes Probierglas um den Hals und mit einer Schürze bekleidet, in der er entfernt an einen Freimaurer erinnerte - in die Kamera lächelte. Er hielt einen seiner Verlagsrenner aufgeschlagen in der rechten Hand und in der erhobenen Linken ein Messer, mit dem er sich gerade anschickte, ein Spanferkel auf segoviani-sche Art zu zerteilen. Mit seinem dicken Bauch wirkte er pummelig und gemütlich, ja direkt glücklich beim Anblick des Tierchens, das auf der Anrichteplatte alle viere von sich streckte. Corso sagte sich, daß sein frühzeitiger Abgang ihm wenigstens einen Haufen Cholesterin- und Harnsäureprobleme erspart habe. Er fragte sich auch, mit kaltem, technischem Interesse, was Liana Taillefer zu Lebzeiten ihres Gatten wohl unternommen habe, wenn sie einen Orgasmus brauchte. Allein aufgrund dieses Gedankens warf er einen weiteren, kurzen Blick auf die Beine und den Busen der Witwe, bevor er sich sagte, daß sie zu sehr Frau war, um sich mit einem Spanferkel zufriedenzugeben.
   »Das ist das Manuskript von Dumas«, sagte sie, und Corsu richtete sich ein wenig auf, wachsam und hellhörig. Liana Taillefer klopfte mit einem ihrer roten Fingernägel auf die Plastikhüllen, mit denen die Seiten geschützt waren. »Das berühmte Kapitel. Klar kenne ich das.« Als sie den Kopf über den Ordner beugte, fiel ihr das Haar vors Gesicht, und durch diesen blonden Vorhang hindurch sah sie ihren Besucher mißtrauisch an. »Wie kommen Sie dazu?«
   »Ihr Mann hat es verkauft. Ich prüfe, ob es echt ist.«
   Die Witwe zuckte mit den Schultern.
   »Soweit ich weiß, ist es echt.« Sie seufzte gedehnt, während sie ihm den Ordner zurückgab. »Verkauft, sagen Sie? Seltsam ...« Sie schien nachzudenken. »Enrique lagen diese Papiere sehr am Herzen.«
   »Vielleicht erinnern Sie sich daran, wo er sie erworben haben könnte.«
   »Keine Ahnung. Ich glaube, es war ein Geschenk.«
   »Hat er Originalhandschriften gesammelt?«
   »Die einzige, von der ich weiß, war diese.«
   »Hat er Ihnen gegenüber nie die Absicht geäußert, sie zu verkaufen?«
   »Nein. Sie sind der erste, der mir etwas davon erzählt. Wer ist der Käufer?«
   »Ein Buchhändler, mit dem ich befreundet bin. Er möchte sie versteigern, sobald mein Gutachten vorliegt.«
   Liana Taillefer beschloß, ihm etwas mehr Interesse zu widmen, Corsos Aktien erfuhren einen weiteren, leichten Aufschwung an der lokalen Börse. Er nahm seine Brille ab, um sie mit dem zerknitterten Taschentuch zu putzen. Ohne Gläser wirkte er schutzlos, das wußte er nur zu gut. Jeder verspürte dann so etwas wie das Bedürfnis, ihm beim Überqueren der Straße behilflich zu sein.
   »Ist das Ihre Arbeit?« fragte sie ihn. »Handschriften begutachten?«
   Corso bejahte. Ohne Brille hatte er die Witwe ein wenig verschwommen und dabei doch näher vor Augen.
   »Unter anderem. Aber ich forsche auch nach Buchraritäten, Stichen und ähnlichen Dingen. Und dafür kassiere ich.«
   »Wieviel kassieren Sie?«
   »Das kommt ganz darauf an.« Er setzte die Brille auf, worauf sich die Umrisse der Frau wieder scharf auf seiner Netzhaut abzeichneten. »Manchmal viel, manchmal wenig: Der Markt hat seine Schwankungen.«
   »Eine Art Detektiv, nicht?« meinte sie in belustigtem Ton. »Ein Bücherdetektiv.«
   Das war der richtige Moment, um ein Lächeln aufzusetzen. Er tat es, seine Schneidezähne entblößend und mit einer Bescheidenheit, die auf den Millimeter kalkuliert war. Adoptieren Sie mich auf der Stelle, signalisierte sein Lächeln.
   »Ja, so könnte man es, glaube ich, nennen.«
   »Und Sie besuchen mich im Auftrag Ihres Kunden .«
   »Genau.« Jetzt konnte er es sich erlauben, mehr Selbstsicherheit an den Tag zu legen, und so klopfte er mit den Fingerknöcheln auf das Manuskript. »Schließlich stammt das von hier. Aus Ihrem Hause.«
   Sie nickte langsam, während sie die Mappe betrachtete, und schien nachzudenken.
   »Eigenartig«, sagte sie nach einer Weile. »Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Enrique dieses Manuskript verkauft hat. Obwohl sein Verhalten in den letzten Tagen seltsam war ... Wie, sagten Sie, heißt der Buchhändler? Der neue Eigentümer?«
   »Das habe ich Ihnen nicht gesagt.«
   Die Witwe sah ihn von oben nach unten an, überrascht, aber gelassen. Sie schien es nicht gewohnt zu sein, den Männern mehr als drei Sekunden Zeit zu lassen, um ihre Wünsche zu befriedigen.
   »Dann tun Sie es jetzt.«
   Corso ließ ein wenig Zeit verstreichen, gerade soviel, wie nötig war, bis die Nägel Liana Taillefers ungeduldig auf der Armlehne des Sofas zu trommeln begannen.
   »Er heißt La Ponte«, erklärte er schließlich. Das war ein weiterer Trick von ihm, es so einzurichten, daß die anderen für sich als Triumphe verbuchten, was in Wirklichkeit triviale Zugeständnisse von seiner Seite waren. »Kennen Sie ihn?«
   »Natürlich kenne ich den, der war sozusagen der Lieferant meines Mannes.« Sie runzelte mißmutig die Stirn. »Er kam laufend hier an, um Enrique mit diesen dämlichen Zeitungsromanen zu versorgen. Ich nehme an, daß er eine Quittung besitzt ... Davon hätte ich gerne eine Kopie, wenn Sie nichts dagegen haben.«
   Corso nickte zerstreut, während er sich leicht zu ihr hinüberbeugte.
   »War Ihr Mann ein großer Liebhaber von Alexandre Dumas?«
   »Von Dumas, sagen Sie?« Liana Taillefer lächelte. Sie hatte ihr Haar zurückgeworfen, und ihre Augen glänzten jetzt spöttisch. »Kommen Sie mit.«
   Sie richtete sich unendlich langsam auf und strich sich den Rock glatt, wobei sie sich umsah, als habe sie auf einmal den Zweck ihrer Bewegung vergessen. Obwohl sie Schuhe mit flachen Absätzen trug, war sie um einiges größer als Corso. Sie schritt ihm voraus in das angrenzende Arbeitszimmer. Wäh-rend Corso ihr folgte, betrachtete er ihren Rücken, der breit war wie der einer Schwimmerin, und die schmale Taille, die hart an der Grenze zur Wespentaille war. Er schätzte sie auf dreißig. Sie schien auf dem besten Wege, sich in eine jener nordischen Matronen zu verwandeln, in deren Hüften die Sonne nie untergeht, wie im Reich Kaiser Karls V.
   »Wenn es nur Dumas gewesen wäre«, sagte sie und wies ins Innere des Arbeitszimmers. »Sehen Sie sich das an.«
   Corso gehorchte. Die Holzregale an den Wänden bogen sich unter dem Gewicht gebundener Wälzer. Er spürte, wie seine Speicheldrüsen zu arbeiten begannen. Ein beruflich bedingter Reflex. Er machte ein paar Schritte auf die Regale zu und faßte sich an die Brille: Die Gräfin von Charny, A. Dumas, acht Bände, La Novela Ilustrada, Herausgeber Vicente Blasco Ibänez. Die beiden Dianen, A. Dumas, drei Bände. Die drei Musketiere, A. Dumas, Miguel Guijarro, Stiche von Ortega, vier Bände. Der Graf von Monte Christo, A. Dumas, vier Bände, Juan Ros, Stiche von A. Gil. Des weiteren vierzigmal Rocambole, von Ponson du Terrail. Zévacos Les Pardaillan, vollständig. Und noch mehr Dumas, neben neun Bänden von Victor Hugo und ebenso vielen von Paul Féval, dessen Buckliger in einer Luxusausgabe vorlag, mit Saffianlederband und Goldschnitt. Dann Dickens’ Pickwickier in der Übersetzung von Benito Pérez Galdôs, zwischen mehreren Werken von Barbey d’Aurevilly und Eugène Sues Geheimnisse von Paris. Und dann noch mehr Dumas - Die Fünfundvierzig, Das Halsband der Königin, Die Genossen Jehus - und Mérimées Mateo Falcone. Fünfzehn Bücher von Sabatini, mehrere von Conan Doyle, Mayne Reid und Patricio de la Escosura ...
   »Beeindruckend«, meinte Corso. »Wieviel Bände stehen hier?«
   »Ich weiß es nicht. Zweieinhalb- bis dreitausend. Fast alles gebundene Erstausgaben von Fortsetzungsromanen, die vorher in Zeitungen erschienen sind . Daneben auch illustrierte Ausgaben. Mein Mann hat sie geradezu zwanghaft gesammelt und jeden Preis dafür bezahlt.«
   »Ein echter Liebhaber, wie ich sehe.«
   »Liebhaber?« Liana Taillefer zeigte ein undefinierbares Lächeln. »Für ihn war es die reinste Sucht.«
   »Ich dachte, die Gastronomie .«
   »Mit Kochbüchern hat er das Geld verdient. Enrique hatte etwas vom König Midas: In seinen Händen verwandelte sich jede billige Rezeptsammlung in einen Verkaufsschlager. Aber sein Herz gehörte diesen alten Fortsetzungsromanen. Er konnte sich stundenlang hier einschließen, nur um sie in die Hand zu nehmen. Sie sind gewöhnlich auf schlechtem Papier gedruckt, und er war von dem Gedanken besessen, sie konservieren zu müssen. Sehen Sie das Thermometer und das Hygrometer? Aus seinen Lieblingsschmökern konnte er ganze Seiten auswendig zitieren. Manchmal sind ihm sogar Ausdrücke wie >Alle Wettere, >Tod und Teufel< und ähnliches herausgerutscht. Die letzten Monate hat er damit verbracht, zu schreiben.«
   »Einen historischen Roman?«
   »Nein, einen Fortsetzungsroman. Selbstverständlich mit sämtlichen Gemeinplätzen, die zu dieser Gattung gehören.« Sie ging zu einem der Regale und entnahm ihm ein schweres Manuskript: fadengeheftete Druckbogen, die mit großen, runden Schriftzügen einseitig beschrieben waren. »Wie finden Sie den Titel?«
   »Die Hand des Toten oder der Page Annas von Österreich«, las Corso laut. »Der Titel ist zweifellos, ähem ...«, er fuhr sich mit dem Finger eine Augenbraue nach, während er das angemessene Wort suchte, »vielversprechend.«
   »Und langweilig, wie der ganze Text«, fügte sie hinzu, indem sie das Manuskript an seinen Platz zurücklegte. »Und voll von Anachronismen. Und absolut schwachsinnig, das kann ich
   Ihnen versichern. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Nach jeder Schreibsitzung hat er mir Seite für Seite vorgelesen, vom Anfang bis zum Ende.« Sie klopfte wütend auf den Buchtitel, der in schönen Großbuchstaben ausgeführt war. »Mein Gott. Wie ich diesen Pagen und seine Königin, diese Hure, zum Schluß gehaßt habe!«
   »Wollte Ihr Mann das veröffentlichen?«
   »Na, klar. Und unter einem Pseudonym. Vermutlich hätte er dafür Tristan de Longueville, Paulo Florentini oder irgend etwas in dem Stil gewählt. Solche Spinnereien waren typisch für ihn.«
   »Und sich zu erhängen? War das auch typisch für ihn?«
   Liana Taillefer starrte auf die bücherbedeckten Wände und schwieg. Ein etwas künstliches Schweigen, sagte sich Corso. Ein Schweigen wie von einer Schauspielerin, die so tut, als ob sie nachdenkt, während sie in Wirklichkeit eine kurze Pause einlegt, um desto überzeugender in ihrem Dialog fortzufahren.
   »Ich werde wohl nie herausbekommen, was wirklich vorgefallen ist«, antwortete sie schließlich, und ihre Selbstsicherheit war auch jetzt wieder umwerfend. »Während der letzten Woche war er ungesellig und deprimiert; er hat dieses Arbeitszimmer kaum noch verlassen. Und dann hat er eines Abends die Tür zugeschlagen und ist aus dem Haus gerannt. Im Morgengrauen kam er wieder zurück. Ich war im Bett und habe ihn kommen hören. Später wurde ich vom Geschrei des Dienstmädchens geweckt: Enrique hatte sich an der Lampe erhängt.«
   Jetzt sah sie Corso an, gespannt auf den Effekt. Der Bücherjäger dachte an das Foto mit der Schürze und dem Spanferkel und fand, daß sie nicht übermäßig betrübt wirkte. Obwohl er sie irgendwann bei einem Blinzeln ertappte, als hätte sie Mühe, eine Träne zu unterdrücken, blieben ihre Augen völlig trocken. Aber das hieß gar nichts. Ganze Generationen von gefühlsanfälliger Schminke haben die Frauen gelehrt, sich zu kontrollieren. Und die Schminke Liana Taillefers, ein heller Lidschatten, der die Farbe ihrer Augen betonte, war perfekt.
   »Hat er einen Brief hinterlassen?« fragte Corso. »Das tun Selbstmörder für gewöhnlich.«
   »Nein. Die Arbeit hat er sich erspart. Keine Erklärung, keine einzige Zeile. Nichts. Diese Rücksichtslosigkeit hat dazu geführt, daß ich von einem Richter und ein paar Polizisten mit Fragen bombardiert wurde. Höchst unangenehm.«
   »Das kann ich mir vorstellen.«
   »Sicher. Dazu gehört nicht viel.«
   Für Liana Taillefer war die Begegnung hiermit abgeschlossen. Sie begleitete Corso, der seine Segeltuchtasche umgehängt und den Manuskriptordner unter den Arm geklemmt hatte, zur Tür und reichte ihm dort die Hand. Corso ergriff sie und fühlte einen festen Druck. Er kam nicht umhin, Liana Taillefer in Gedanken eine gute Note zu geben. Weder lustige Witwe noch völlig dem Schmerz ausgeliefert, noch kalt in der Art >ein Idiot ist gegangen< oder >endlich alleine< oder >du kannst aus dem Schrank kommen, Liebling<. Daß im Schrank jemand war, ließ sich allerdings vermuten, aber das ging Corso nichts an. Wie ihn auch der Selbstmord Enrique Taillefers nichts anging, so seltsam er anmuten mochte. Und er war bei Gott seltsam, mit dem Pagen der Königin und dem gehefteten Manuskript, das da noch hineinspielte. Aber das war, wie auch die schöne Witwe, nicht seine Sache. Jedenfalls im Moment.
   Er sah Liana Taillefer an. >Ich wüßte zu gerne, wer sich augenblicklich an dir gütlich tut<, dachte er mit gelassener, technischer Neugier und erstellte im Geiste ein Phantombild: reif, stattlich, gebildet, wohlhabend. Mit fünfundachtzigprozen-tiger Wahrscheinlichkeit handelte es sich um einen Freund des Verblichenen. Er fragte sich auch, ob der Selbstmord des Verlegers womöglich damit zusammenhing, aber dann ekelten ihn die eigenen Gedanken. War es nun berufliche Deformation oder was auch immer, jedenfalls hatte er schon die Angewohnheit, wie ein Polizist zu denken. Schlagartig wurde ihm das klar. Man weiß tatsächlich nie, welch düstere Abgründe der Perversion oder der Dummheit die eigene Seele birgt.
   »Ich möchte Ihnen dafür danken«, sagte er, während er das rührendste Nette-Häschen-Lächeln seines gesamten Repertoires aufsetzte, »daß Sie sich so viel Zeit für mich genommen haben.«
   Sein Lächeln ging ins Leere, die Witwe blickte auf das Manuskript von Dumas.
   »Nichts zu danken. Es würde mich natürlich interessieren, wie die Geschichte ausgeht.«
   »Ich halte Sie auf dem laufenden ... Noch etwas. Haben Sie vor, die Sammlung Ihres Mannes zu erhalten, oder gedenken Sie, sich davon zu trennen?«
   Sie sah ihn verblüfft an. Corso wußte aus Erfahrung, was passierte, wenn ein Bibliophiler starb: Vierundzwanzig Stunden nach dem Sarg verließ seine Bibliothek durch dieselbe Tür das Haus. Es wunderte ihn, daß sich noch kein Geier von der Konkurrenz hatte blicken lassen. Schließlich gab Liana Taille-fer selbst offen zu, daß sie die literarischen Neigungen ihres Gatten nicht teilte.
   »Ehrlich gesagt hatte ich noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken ... Würden Sie sich denn für diese Romane interessieren?«
   »Eventuell.«
   Sie zögerte einen Moment. Vielleicht zwei Sekunden länger als nötig.
   »Ich muß mich erst noch mit meiner neuen Situation abfinden«, sagte sie schließlich mit einem entsprechenden Seufzer. »Lassen Sie mir ein paar Tage Zeit.«
   Corso legte die Hand aufs Geländer und begann die Treppe hinunterzusteigen. Stufe für Stufe, langsam, als empfinde er ein gewisses Unbehagen, wie jemand, der das Gefühl hat, etwas vergessen zu haben. Er hatte nichts vergessen, das wußte er, aber als er den ersten Treppenabsatz erreicht hatte, sah er hoch und begegnete dem Blick von Liana Taillefer, die noch immer auf der Türschwelle stand und ihn beobachtete. Sie wirkte besorgt und zugleich neugierig, oder es schien ihm nur so. Und während er weiter hinunterstieg, rückte der Ausschnitt dessen, was er sehen konnte, langsam nach unten. Nachdem der forschende Blick ihrer stahlblauen Augen daraus verschwunden war, erschien ein letztes Mal Liana Taillefers Körper, ihr Busen, ihre Hüften, schließlich die leicht gespreizten Beine aus festem, weißem Fleisch, beeindruckend und unerschütterlich wie die Säulen eines Tempels.
   Corsos Kopf drehte sich noch, als er das Hausportal durchschritt und auf die Straße hinaustrat. Es gab mindestens fünf Fragen, die nach einer Antwort verlangten und deshalb ihrer Wichtigkeit nach geordnet werden mußten. Er blieb vor dem schmiedeeisernen Tor des Retiro, des berühmten Madrider Stadtparks, stehen und blickte zufällig nach links, auf der Suche nach einem Taxi. Wenige Meter entfernt war ein riesiger Jaguar geparkt. Der Chauffeur in dunkelgrauer, fast schwarzer Livree lehnte an der Kühlerhaube und las die Zeitung. In diesem Moment sah er von dem Blatt auf und begegnete den Augen Corsos. Er war nicht mehr als eine Sekunde, in denen sich ihre Blicke kreuzten, dann wandte sich der Chauffeur wieder seiner Lektüre zu. Er hatte dunkles Haar, einen Schnurrbart, und auf einer seiner Wangen befand sich eine lange, blasse Narbe, die von oben nach unten verlief. Sein Äußeres kam Corso bekannt vor. Hatte nicht der Mann so ausgesehen, der in Makarovas Bar die Dicke am Spielautomaten abgelöst hatte? Obwohl es noch etwas anderes sein mußte. Sein Anblick weckte in Corso eine entfernte, ungenaue Erinne-rung, aber da tauchte schon ein freies Taxi auf, dem ein Typ mit Lodenmantel und Aktenköfferchen von der andern Straßenseite aus Zeichen machte. Corso nützte es aus, daß der Taxifahrer in seine Richtung sah, trat rasch vom Bordstein auf die Straße hinunter und schnappte dem andern den Wagen vor der Nase weg.
   Im Wagen lehnte er sich bequem zurück, bat den Fahrer, das Radio leiser zu stellen, und sah in den Verkehr hinaus. Jedesmal, wenn er die Wagentür eines Taxis hinter sich schloß, genoß er den Frieden wie eine Waffenruhe zwischen sich und der Außenwelt. Er lehnte den Kopf zurück und betrachtete die Straße.
   Es war Zeit, an ernste Dinge zu denken: wie an das Buch der neun Pforten oder an die Reise nach Portugal, die erste Etappe seiner Arbeit. Aber Corso konnte sich nicht konzentrieren. Die Begegnung mit der Witwe Enrique Taillefers hatte zu viele Fragen offengelassen, und das bereitete ihm eine seltsame Unruhe. Irgend etwas glitt ihm da aus der Hand. Und noch etwas: Es bedurfte mehrerer roter Ampeln, bis ihm klar wurde, daß das Bild des Jaguar-Chauffeurs seine Gedanken durchkreuzte. Das störte ihn gewaltig. Er wußte hundertprozentig, daß er ihn bis zu dem Moment in Makarovas Bar noch nie im Leben gesehen hatte. Aber in seinem Innern bohrte eine Erinnerung, so irrational es auch war. Ich kenne dich, sagte er sich. Da bin ich mir sicher. Irgendwann, vor langer Zeit, bin ich mal einem Typen wie dir begegnet. Und ich weiß, daß du da bist. Irgendwo, im dunklen Teil meines Gedächtnisses.
   Grouchy ließ sich nirgends blicken, aber das war auch gar nicht mehr nötig. Bülows Preußen zogen sich von den Anhöhen um Chapelle-Saint-Lambert zurück, die leichte Kavallerie Suber-vies auf den Fersen. Zur linken Flanke hin, keinerlei Problem: Die roten Verbände der schottischen Infanterie boten nach dem
   Überfall der französischen Kürassiere ein Bild des Jammers. Im Zentrum hatte die Division Jerömes endlich Hougoumont eingenommen. Und nördlich von Saint-Jean sammelten sich langsam, aber unerbittlich die blauen Bataillone der guten Alten Garde, während Wellington sich herrlich ungeordnet in das kleine Dorf Waterloo zurückzog. Jetzt brauchte man ihm nur noch den Gnadenstoß zu versetzen.
   Lucas Corso überflog das Terrain. Die Lösung war natürlich Ney. Der Tapferste unter den Tapferen. Er stellte ihn an die Front, zusammen mit Erlon und der Division Jerömes oder was von ihr übriggeblieben war, und ließ ihn auf der Straße nach Brüssel au pas de charge vorrücken. Als sie mit den britischen Formationen in Berührung kamen, lehnte Corso sich ein wenig in den Stuhl zurück und hielt den Atem an, völlig im klaren darüber, welche Entscheidungen seine Tat zur Folge hatte: Er hatte soeben, in knapp einer halben Minute, über Leben und Tod von 22 000 Männern verfügt. Dieses Gefühl auskostend, ergötzte er sich am Anblick der kompakten, blauen und roten Glieder, am sanften Grün des Waldes von Soigne, an den braunen Flecken der Hügel. Was für eine grandiose Schlacht, bei Gott!
   Der Zusammenprall war hart. Erlons Armeekorps löste sich auf wie Schnee an der Sonne, aber Ney und die Männer Jerömes behaupteten ihre Stellung. Die Alte Garde rückte vor und machte unterwegs alles dem Erdboden gleich, und die englischen Bataillone verschwanden eines nach dem andern von der Landkarte. Wellington blieb keine andere Wahl, als zum Rückzug zu blasen, und Corso versperrte ihm den Weg nach Brüssel mit der französischen Kavallerie-Reserve. Danach holte er langsam und mit Vorbedacht zum Gnadenstoß aus. Er packte Ney mit Daumen und Zeigefinger und ließ ihn drei Sechsecke auf dem Spielplan vorrücken. Dann zählte er nach, wieviel Streitkräfte dem jeweiligen Lager übrigblieben, und sah in der Tabelle nach: Das Verhältnis war acht zu drei. Wellington war erledigt. Das Schicksal ließ ihm nur mehr eine winzige Chance. Corso warf einen Blick auf die ÄquivalenzTabelle und stellte fest, daß eine Drei genügen würde. Trotzdem verspürte er einen Anflug von Nervosität, als er zu den Würfeln griff, um den entsprechenden, kleinen Schicksalsfaktor zu bestimmen. Jedenfalls kam der Faktor fünf heraus. Er lächelte, während er dem blauen Napoleon-Figürchen mit dem Nagel freundschaftlich auf die Schulter klopfte. Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst, Kamerad. Wellington und seine letzten fünftausend Unglücksraben waren tot oder gefangen, und der Kaiser hatte soeben die Schlacht von Waterloo gewonnen. Allons enfants! Die Geschichtsbücher konnten alle miteinander zum Teufel gehen.
   Er gähnte ausgiebig. Neben dem Spielplan, auf dem im Maßstab 1:5000 das Schlachtfeld dargestellt war, lag zwischen diversen Nachschlagewerken, graphischen Darstellungen, einer Kaffeetasse und einem Aschenbecher voller Zigarettenstummel seine Armbanduhr auf dem Tisch und zeigte drei Uhr früh. Vom Barschrank herüber winkte Johnnie Walker ihm verschmitzt zu, während er auf seinem roten Etikett - rot wie ein britischer Uniformrock - ausschritt. >Blonder Lümmel<, dachte Corso. Ihm war es vollkommen gleichgültig, daß soeben mehrere tausend seiner Landsmänner ins flandrische Gras gebissen hatten.
   Er kehrte dem Engländer den Rücken, um sich einer noch ungeöffneten Flasche Bols Gin zuzuwenden, die auf einem Regal an der gegenüberliegenden Wand zwischen dem Memorial von St. Helena in zwei Bänden und einer französischen Ausgabe von Rot und Schwarz eingezwängt stand, legte letzteres auf den Tisch, schlug wahllos eine Seite auf und begann zu lesen; gleichzeitig goß er sich Gin in ein Glas.
   Rousseaus Bekenntnisse bestimmten sein Weltbild. Das Bulletin der Großen Armee und das Memorial von St. Helena vervollständigten seinen >Koran<. Für diese drei Bücher hätte er sich umbringen lassen. Er glaubte zeitlebens an nichts anderes.
   Corso trank stehend, in kleinen Schlucken, und streckte dabei seine steifen Glieder. Dann warf er einen letzten Blick auf den Kampfplatz, wo der Schlachtenlärm nach dem Gemetzel langsam verebbte. Er trank und fühlte sich wie ein träumender, berauschter Gott, der mit Menschen umgeht wie mit Zinnsoldaten. Vor Augen stand ihm Lord Arthur Wellesley, der Herzog von Wellington, wie er Marschall Ney sein Schwert übergab. Er sah tote junge Soldaten im Dreck, Pferde ohne Reiter und einen Offizier der Scots Grey, der röchelnd unter der zerstörten Lafette einer Kanone lag und einen goldenen Anhänger mit Frauenbildnis und blonder Haarsträhne in den blutüberströmten Fingern hielt. Jenseits des Schattens, in dem er versank, ertönten die Klänge des letzten Walzers. Und die Tänzerin betrachtete ihn vom Kaminsims aus, mit ihrem goldenen Flitter, der die Flammen des Feuers reflektierte, bereit, dem Teufelchen aus der Schnupftabaksdose in die Hände zu fallen. Oder dem Krämer an der Ecke.
   Waterloo. Jetzt konnten sie getrost ruhen, die Gebeine des alten Grenadiers, seines Ururgroßvaters. Er dachte sich ihn auf irgendeinem der kleinen blauen Felder des Spielplans, entlang des braunen Strichs, der die Straße nach Brüssel darstellte. Sein Gesicht war rußig und sein Schnurrbart vom Mündungsfeuer versengt. Heiser und fiebrig schleppte er sich nach drei Tagen Bajonettkampf davon. Er hatte einen abwesenden Blick, den Corso in Gedanken vertausendfachte, auf alle Männer in allen Kriegen übertrug. Und er hielt erschöpft seinen durchlöcherten Bärenfelltschako auf dem Gewehrlauf in die Höhe, wie seine
   Kameraden. Lang lebe der Kaiser. Das einsame, aufgedunsene, verkrebste Gespenst Bonapartes war gerächt. Ruhe es in Frieden. Hipp, hipp, hurra.
   Er schenkte sich ein weiteres Glas Bols ein, prostete schweigend dem Säbel zu, der an der Wand hing, und trank auf die Gesundheit des treuen Schattens von Grenadier Jean-Pax Corso, 1770-1854, Ehrenlegion, Ritter des Ordens von Sankt Helena, unbeugsamer Bonapartist bis zum Tode, französischer Konsul in derselben Mittelmeerstadt, in der ein Jahrhundert später sein Ururenkel zur Welt kommen sollte. Und den Geschmack des Gins im Mund, begann er, das einzige Erbe zu zitieren, das vom einen an den andern weitergereicht worden war, über jenes Jahrhundert hinweg und über die Corsos, die nun mit ihm ausstarben:
   So will ich liegen und horchen still, wie eine Schildwach’, im Grabe, bis einst ich höre Kanonengebrüll und wiehernder Rosse Getrabe.
   Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, viel Schwerter klirren und blitzen; dann steig’ ich gewaffnet hervor aus dem Grab -den Kaiser, den Kaiser zu schützen!
   Er lachte leise vor sich hin, nahm den Telefonhörer ab und wählte La Pontes Nummer. In dem stillen Zimmer war nur das Geräusch der Wählscheibe zu hören, die sich drehte, Bücher umgaben ihn, und seinem dunklen Glasbalkon gegenüber glänzten regennasse Dächer. Der Ausblick von dort war nicht besonders schön, außer an Winterabenden, wenn die Strahlen der untergehenden Sonne durch die Heizungs- und Verkehrsabgase drangen und die Luft sich in einen dicken Vorhang aus roten und ockerfarbenen Flammen verwandelte. Der Arbeits-tisch mit dem Computer und dem Waterloo-Spielbrett war vor diesem Panorama aufgestellt, dicht an den Balkon herangerückt, an dessen Scheiben in dieser Nacht Regentropfen herabglitten. An den Wänden hingen weder Andenken noch Fotos. Nur der Säbel der Alten Garde in seiner Scheide aus Messing und Leder. Wenn Besucher zu ihm kamen, so wunderten sie sich, außer den Büchern und dem Säbel keinerlei Spuren eines Privatlebens in diesem Zimmer zu entdecken, keinen jener Ankerpunkte der Erinnerung oder Vergangenheit, die sich jedes menschliche Wesen unbewußt schafft. Genau wie die Gegenstände, die in dieser Wohnung fehlten, war die Welt, aus der Lucas Corso stammte, seit langer Zeit erloschen. Keines der würdevollen Gesichter, die ab und zu in seinem Gedächtnis auftauchten, hätte ihn im Falle einer Auferstehung wiedererkannt, und vielleicht war das auch besser so. Es war, als habe der Bewohner dieser Räume nie etwas besessen und also auch nichts weitergeben können. Als habe er immer sich selbst genügt, mit dem, was er auf dem Leib trug, ein gelehrter Stadtvagabund, der alle seine Habseligkeiten im Futter seines Mantels mit sich herumträgt. Und doch behaupten die wenigen Auserwählten, die erlebt haben, wie Corso in einer jener rötlichen Abenddämmerungen, den Blick vom Gin getrübt, auf seinem verglasten Balkon sitzt und geblendet in die untergehende Sonne starrt, daß seine Miene eines tolpatschigen, hilflosen Kaninchens echt wirkt.
   La Ponte meldete sich mit schlaftrunkener Stimme am Telefon. »Ich habe gerade Wellington zu Brei zermalmt«, teilte Corso ihm mit.
   Nach einigem Schweigen antwortete La Ponte, das freue ihn sehr. Das perfide Albion, die Nierenpastete und die Münzheizung in den schäbigen Hotels. Dieser Sepoy Kipling und das ganze Bettelpack von Balaklawa, Trafalgar und den Falklands. Und was Corso betraf, so wolle er ihn nur daran erinnern, daß es - das Telefon blieb stumm, während La Ponte nach seiner Uhr tastete - drei Uhr morgens sei.
   Danach faselte er unzusammenhängendes Zeug, aus dem nur zwei Worte deutlich zu verstehen waren: »Mistkerl« und »Arschloch«, in dieser Reihenfolge.
   Corso lachte immer noch, als er den Hörer wieder auflegte. Einmal hatte er La Ponte per R-Gespräch von einer Auktion in Buenos Aires angerufen, bloß um ihm einen Witz zu erzählen: von der Nutte, die so häßlich war, daß sie als Jungfrau starb. »Ha.ha. Sehr gut. Aber meine Telefonrechnung stecke ich dir in den Hintern, wenn du zurückkommst, verdammter Idiot.« Und einmal, vor vielen Jahren, an dem Morgen, an dem er die Augen aufgeschlagen und Nikon im Arm gehalten hatte, war es sein erstes gewesen, zum Telefon zu greifen und La Ponte zu erzählen, daß er eine wundervolle Frau kennengelernt habe und daß alles ganz danach aussah, als sei er verliebt. Corso war in der Lage, wann immer er wollte, die Augen zu schließen und Nikon vor sich zu sehen, wie sie langsam aufwachte, das offene Haar übers Kissen verteilt. Den Hörer ans Ohr gepreßt, hatte er sie La Ponte beschrieben und eine seltsame Rührung empfunden, eine rätselhafte, ungeahnte Zärtlichkeit, während er am Telefon sprach, sie zuhörte und ihn schweigend betrachtete; und er hatte gewußt, daß die Stimme am andern Ende der Leitung - »freut mich, Corso, alter Junge, Gott sei Dank, war ja auch höchste Zeit, freut mich für dich« - aufrichtig war, während sie an seinem Erwachen, an seinem Triumph, an seinem Glück teilnahm. An diesem Morgen hatte er La Ponte so gerne gehabt wie Nikon. Vielleicht auch sie so gerne wie ihn.
   Seit damals war viel Zeit vergangen. Corso löschte das Licht. Draußen in der Nacht rauschte unablässig der Regen. Im Schlafzimmer setzte er sich auf die Kante des leeren Betts, zündete eine letzte Zigarette an und wartete reglos im Dunkeln auf den Nachhall ihrer Atemzüge zwischen den Laken. Danach streckte er eine Hand nach dem Kissen aus, um ihr Haar zu streicheln, das nicht mehr da war. Er trauerte nichts in seinem Leben nach. Nichts, außer Nikon. Der Regen war stärker geworden, die Wassertropfen auf der Fensterscheibe brachen das spärliche Außenlicht und streuten bewegliche Punkte auf das Bettuch, schwarze Rinnsale, winzige Schatten, die abwärts trudelten, ziellos wie die Fetzen eines Lebens.
   »Lucas.«
   Er sprach seinen Namen laut aus, genau wie Nikon es immer getan hatte, die einzige, die ihn grundsätzlich beim Vornamen genannt hatte. Diese fünf Buchstaben waren ein Symbol für das zerstörte Vaterland, das sie vor langer Zeit einmal beide ersehnt hatten. Corso konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die rote Glut der Zigarette in der Dunkelheit. Er hatte geglaubt, Nikon sehr zu lieben, früher, als er sie schön und intelligent fand, unfehlbar wie eine päpstliche Enzyklika, leidenschaftlich wie ihre Schwarzweißfotografien: Kinder mit großen Augen, alte Leute, Gassenköter mit treuherzigem Blick. Als er sie für die Freiheit kämpfen und Manifeste zugunsten inhaftierter Intellektueller, unterdrückter Völker und ähnliches unterschreiben sah. Auch zugunsten der Robben. Einmal hatte sie es geschafft, daß sogar er unter irgend etwas über Robben seine Unterschrift setzte.
   Er stand leise auf, um das Gespenst, das neben ihm schlief, nicht zu wecken, und lauschte auf den Rhythmus ihres Atems, den er manchmal tatsächlich zu hören glaubte. »Du bist so tot wie deine Bücher, du hast nie jemanden geliebt, Corso«. Es war das erste und letzte Mal, daß sie nur seinen Nachnamen aussprach, das erste und letzte Mal, daß sie ihm ihren Körper verweigerte, bevor sie für immer ging. Auf die Suche nach dem Kind, das er nie gewollt hatte.
   Er öffnete das Fenster und fühlte die feuchte Kälte der Nacht.
   Während ihm Regentropfen ins Gesicht fielen, zog er noch einmal an seiner Zigarette und ließ sie dann auf die Straße fallen, ein roter Punkt, der in der Dunkelheit verglühte, eine unterbrochene - oder unsichtbare - Bahn in den Schatten.
   Diese Nacht würde es auch über anderen Gegenden regnen. Über den letzten Spuren Nikons. Über den Feldern um Waterloo, dem Ururgroßvater Corsos und seinen Kameraden. Über dem Grab Julien Sorels, der guillotiniert worden war, weil er geglaubt hatte, die Zeit der Helden sei nach dem Verschwinden Bonapartes endgültig vorbei. Ein Irrtum. Lucas Corso wußte es besser, er wußte, daß es immer noch möglich war, sich ein Schlachtfeld zu suchen und sich seinen Lohn als Söldner zu verdienen, der luzid blieb, selbst wenn die Schlacht verloren war. Im dunklen Raunen Tausender von Verlierern, die auf dem Rückzug waren, hielt er standhaft Wache zwischen Gespenstern aus Papier und Leder.

III. Männer des Degens und Männer der Feder

   »Tote reden nicht.«
   »Sie reden, wann Gott will«, erwiderte Lagardere.
   P. Feval, Der Bucklige

   Die Absätze der Sekretärin klapperten auf dem gebohnerten Parkettboden. Lucas Corso folgte ihr über einen breiten Korridor - cremefarbene Wände, indirekte Beleuchtung, Hintergrundmusik - bis zu einer schweren Eichentür. Er kam ihrer Aufforderung nach, einen Augenblick zu warten, dann öffnete ihm die Sekretärin mit einem kurzen, unpersönlichen Lächeln das Büro. Varo Borja saß in einem Sessel aus schwarzem Leder, zwischen einer halben Tonne Mahagoniholz und einem Fenster, das einen wundervollen Blick auf Toledo bot: alte, ockerfarbene Dächer, die gotische Turmspitze der Kathedrale, die sich gegen den klaren, azurblauen Himmel abhob, und im Hintergrund die graue Silhouette des Alcazar.
   »Setzen Sie sich, Corso. Wie geht es Ihnen?«
   »Gut.«
   »Ich habe Sie warten lassen.«
   Das war keine Entschuldigung, sondern eine Feststellung. Corso verzog den Mund.
   »Macht nichts. Diesmal waren es ja nur fünfundvierzig Minuten.«
   Varo Borja hielt es nicht einmal für nötig, zu lächeln, während Corso Platz nahm. Der Schreibtisch war leer bis auf eine komplizierte Telefon- und Sprechanlage in modernem Design. Auf der Tischplatte spiegelte sich das Gesicht des Antiquars mit der Fensterlandschaft als Hintergrunddekoration. Varo
   Borja war um die Fünfzig, er hatte eine solariumgebräunte Glatze und bemühte sich, den Eindruck eines achtbaren Menschen zu vermitteln, der er in Wirklichkeit nicht war. Seine Augen waren klein, flink und hinterlistig. Die füllige Taille vertuschte er mit engen, lebhaft gemusterten Westen, über denen er maßgeschneiderte Sakkos trug. Er war ein Marqués soundso und hatte eine bewegte und ziemlich windige Vergangenheit hinter sich, die eine Vorbestrafung ebenso einschloß wie einen Betrugsskandal und vier fahre freiwilliges Exil in Brasilien und Paraguay, zu dem ihm die Vorsicht geraten hatte.
   »Ich möchte Ihnen etwas zeigen.«
   Seine ruppigen Umgangsformen waren genau kalkuliert und hatten oft etwas Flegelhaftes. Corso sah, wie er sich erhob, zu einer kleinen Vitrine ging und diese mit einem Schlüsselchen öffnete, das er an einer goldenen Kette aus seiner Westentasche zog. Varo Borja hatte kein Geschäft, das dem allgemeinen Publikum zugänglich gewesen wäre, nur einen festen Stand auf den wichtigsten internationalen Antiquariatsmessen. Sein Katalog umfaßte nie mehr als fünfzig ausgewählte Stücke. Er verfolgte die Spuren seltener Bücher bis in die letzten Winkel der Erde, scheute kein noch so brutales Mittel, um in ihren Besitz zu gelangen, und spekulierte dann mit ihnen je nach den Möglichkeiten, die der Markt gerade bot. Auf seiner Warteliste standen von Fall zu Fall Sammler, Konservatoren, Graveure, Buchdrucker und »Lieferanten« wie Lucas Corso.
   »Was sagen Sie dazu?«
   Corso streckte seine Hand aus, um das Buch mit einer Behutsamkeit entgegenzunehmen, mit der andere ein neugeborenes Kind auf den Arm nehmen. Es hatte einen goldgeprägten Ledereinband und war vorzüglich erhalten.
   »Die Hypnerotomachia Poliphili von Colonna«, las er. »Dann haben Sie es also endlich bekommen.«
   »Vor drei Tagen. Venedig, 1545. In casa di figlivoli di Aldo.
   Einhundertsiebzig Holzschnitte ... Meinen Sie, der Schweizer, von dem Sie mir erzählt haben, wäre immer noch daran interessiert?«
   »Ich glaube schon. Ist es denn vollständig?«
   »Natürlich. Bis auf vier sind alle Holzschnitte dieser Ausgabe Nachdrucke von 1499.«
   »Mein Kunde hätte eine Erstausgabe vorgezogen, aber ich will sehen, ob er sich auch mit einer zweiten Auflage zufriedengibt. Vor fünf Jahren ist ihm auf der Auktion in München ein Exemplar durch die Lappen gegangen.«
   »Gut, Sie haben die Option.«
   »Geben Sie mir zwei Wochen, um mich mit ihm in Verbindung zu setzen.«
   »Ich würde lieber direkt verhandeln.« Varo Borja lächelte wie ein Hai auf der Suche nach einem Badenden. »Selbstverständlich unter Berücksichtigung Ihrer Kommission mit den üblichen Prozenten.«
   »Kommt nicht in Frage. Der Schweizer ist mein Kunde.«
   Borja lächelte ironisch.
   »Sie trauen keinem, stimmt’s? Sollte mich nicht wundern, wenn Sie als Kind die Milch Ihrer Mutter analysiert hätten, bevor Sie Zugriffen.«
   »Und Sie haben die Milch Ihrer Mutter wahrscheinlich weiterverkauft.«
   Varo Borja musterte den Bücher Jäger, der jetzt überhaupt nichts mehr von einem netten Kaninchen an sich hatte, sondern eher von einem Wolf, der seine Zähne fletschte.
   »Wissen Sie, was mir an Ihrem Charakter gefällt, Corso? Die Natürlichkeit, mit der Sie die Rolle des gedungenen Meuchelmörders spielen, inmitten all der Großmäuler und Aufschneider, denen man heutzutage begegnet . Irgendwie erinnern Sie mich an diese hageren und gefährlichen Gestalten, von denen Julius Caesar sich verfolgt fühlte. Wie schlafen Sie eigentlich?«
   »Hervorragend.«
   »Das ist mit Sicherheit gelogen. Sie gehören zu denen, die stundenlang ins dunkle Zimmer starren - darauf würde ich glatt zwei mittelalterliche Handschriften verwetten. Soll ich Ihnen etwas sagen? Ich mißtraue aus Instinkt Menschen, die hager, zielstrebig und enthusiastisch sind. Ich bediene mich ihrer nur, wenn es sich um hochdotierte Söldner handelt, um Leute ohne familiäre Bindungen und ohne Skrupel. Wer für eine Sache eintritt, sich mit seinem Vaterland oder seiner Familie großtut, ist mir verdächtig.«
   Der Antiquar stellte die Hypnerotomachia wieder an ihren Platz zurück. Dann gab er ein trockenes, humorloses Lachen von sich: »Haben Sie Freunde, Corso? Manchmal frage ich mich, ob Typen wie Sie welche haben können.«
   »Lecken Sie mich doch am Arsch.«
   Diese Aufforderung war in völlig gelassenem Ton geäußert. Varo Borja lächelte langsam und mit Vorbedacht. Er wirkte durchaus nicht gekränkt.
   »Sie haben recht. Ihre Freundschaft interessiert mich keine Spur, ich kaufe Ihre Loyalität - die solide, dauerhafte Treue eines Vasallen. Oder nicht? Das berufliche Ehrgefühl eines Soldaten, der seinen Vertrag einhält; auch dann noch, wenn der König, in dessen Sold er steht, die Flucht ergriffen hat, wenn die Schlacht verloren ist und keinerlei Hoffnung auf Rettung mehr besteht .«
   Er sah Corso herausfordernd an und wartete auf eine Reaktion. Aber dieser beschränkte sich auf eine Geste der Ungeduld, indem er an die Uhr am linken Arm faßte, ohne darauf zu schauen.
   »Den Rest können Sie mir schreiben«, sagte er. »Ich werde nicht dafür bezahlt, daß ich über Ihre Witze lache.«
   Varo Borja schien einen Augenblick nachzudenken. Dann nickte er, immer noch erheitert.
   »Sie haben schon wieder recht, Corso. Kehren wir zu unseren Geschäften zurück ...« Er sah sich kurz um, bevor er zum Thema kam. »Erinnern Sie sich an das Traktat über die Fechtkunst von Astarloa?«
   »Ja. Eine sehr seltene Ausgabe aus dem Jahr 1870. Ich habe Ihnen vor zwei Monaten ein Exemplar verschafft.«
   »Derselbe Kunde möchte jetzt den Band Académie de l’espée. Kennen Sie ihn?«
   »Meinen Sie den Kunden oder das Buch? Sie treiben einen derartigen Mißbrauch mit den Personalpronomen, daß ich manchmal überhaupt nicht mehr mitkomme.«
   Varo Borjas finsterer Blick verriet, daß er diesen Kommentar lieber überhört hätte.
   »Nicht alle drücken sich so sauber und präzise aus wie Sie, Corso. Ich habe natürlich von dem Buch gesprochen.«
   »Das ist ein Elzevier-Druck aus dem 17. Jahrhundert. GroßFolio mit Stichen. Es gilt als das schönste Traktat übers Fechten. Und als das teuerste.«
   »Der Käufer ist bereit, jeden Preis zu bezahlen.«
   »Dann müssen wir es wohl auf treiben.«
   Varo Borja saß wieder in seinem Bürosessel vor dem Fenster mit Panoramablick und schlug zufrieden die Beine übereinander, während er die Daumen in die Täschchen seiner Weste hängte. Es war offensichtlich, daß seine Geschäfte gut gingen. Nur wenige unter seinen qualifiziertesten Kollegen in Europa konnten sich eine solche Aussicht hinterm Schreibtisch leisten. Aber das beeindruckte Corso nicht. Typen wie Borja hingen von Leuten wie ihm ab, und das wußten sie beide.
   Er rückte sich seine verbogene Brille zurecht und sah den Buchhändler an.
   »Was machen wir mit der Hypnerotomachia?«
   Varo Borja ließ seinen Blick zwischen Corso und dem Bücherschrank hin- und herwandern und war unentschlossen, ob er seiner Abneigung oder seinem Geschäftsinteresse nachgeben sollte. »Also gut«, gab er zähneknirschend nach. »Verhandeln Sie mit dem Schweizer.«
   Corso nickte, ohne seine Genugtuung über diesen kleinen Sieg zu verraten. Den Schweizer gab es gar nicht, aber das war seine Sache. So ein Buch hatte immer Käufer.
   »Lassen Sie uns über Ihre Neun Pforten reden«, schlug er vor und sah, wie sich die Miene des Antiquars aufhellte.
   »In Ordnung. Nehmen Sie den Auftrag an?«
   Corso biß sich das Nagelhäutchen eines Daumens ab und spuckte es wie beiläufig auf die saubere Fläche des Schreibtischs.
   »Stellen Sie sich einen Augenblick vor, Ihr Exemplar wäre gefälscht. Und das echte wäre eines der anderen beiden. Oder keines.«
   Varo Borja wirkte irritiert, während sein Blick das winzige Nagelhäutchen suchte. Schließlich gab er auf.
   »In diesem Fall«, erwiderte er, »schreiben Sie sich alles gut auf und befolgen meine Anweisungen.«
   »Und die wären?«
   »Das erfahren Sie noch früh genug.«
   »Ich möchte es aber jetzt erfahren.« Corso fiel auf, daß der Antiquar einen Moment lang zögerte, und er merkte, daß im hintersten Winkel seines Gehirns, dort wo der Jagdinstinkt steckte, etwas ins Stolpern geriet. Krack, krack. Das kaum wahrnehmbare Geräusch einer Maschine, die aus dem Takt gekommen war.
   »Wie es weitergeht«, sagte der andere schließlich, »werden wir später entscheiden.«
   »Was gibt es da zu entscheiden?« fragte Corso leicht gereizt. »Eines der Bücher befindet sich in einer privaten Sammlung und das andere in einer öffentlichen Stiftung; keins der beiden ist verkäuflich. Und das bedeutet, daß an diesem Punkt alles zu Ende ist: mein Auftrag und Ihre Forderungen. Ich sage Ihnen, das oder das Buch ist falsch, oder auch nicht. In jedem Fall ist meine Aufgabe damit erfüllt, Sie bezahlen mich, und auf Wiedersehen.«
   So einfach ist das nicht, schien das schiefe Lächeln des Antiquars zu sagen. »Kommt ganz darauf an.«
   »Das ist es ja, was ich befürchte ... Sie führen irgend etwas im Schilde, stimmt’s?«
   Varo Borja hob ein wenig seine Hand und betrachtete ihr Spiegelbild auf der polierten Schreibtischfläche. Dann ließ er sie langsam sinken, bis sie sich mit ihrem Spiegelbild vereinte. Corso kannte sie nur zu gut, diese breite, behaarte Pratze mit dem riesigen Goldpflaster am kleinen Finger. Er hatte sie gefälschte Schecks unterzeichnen, grobe Lügen beteuern und Hände drücken sehen, die sie später verriet, und immer noch hörte er das verdächtige Krack-krack und fühlte sich auf einmal seltsam müde, ja, er war plötzlich gar nicht mehr sicher, ob er diesen Auftrag überhaupt wollte.
   »Ich bin nicht sicher«, sagte er laut, »ob ich diesen Auftrag möchte.«
   Varo Borja mußte den Unterton in seiner Stimme wahrgenommen haben, denn sein Verhalten änderte sich. Er stützte das Kinn auf die ineinander verschlungenen Finger und verharrte reglos. Seine perfekt gebräunte Glatze glänzte im Licht, das zum Fenster hereinflutete. Er schien nachzudenken, während seine Augen unverwandt auf Corso ruhten.
   »Habe ich Ihnen nie erzählt, wie ich dazu gekommen bin, Antiquar zu werden?«
   »Nein. Und das interessiert mich einen feuchten Dreck.«
   Der andere bekundete mit einem theatralischen Lachen, daß er zum Scherzen aufgelegt war und einiges einstecken konnte. Bis auf neue Order durfte Corso seiner schlechten Laune freien
   Lauf lassen.
   »Ich bezahle Sie dafür, daß Sie mir zuhören, egal, um was es geht.«
   »Diesmal haben Sie aber noch nicht bezahlt.«
   Borja öffnete eine Schublade, zog ein Scheckheft heraus und legte es auf den Tisch, während Corso sich resigniert und hilflos umsah. An diesem Punkt mußte er entweder seinen Hut nehmen und gehen oder dableiben und abwarten. Freilich hätte es sich auch gehört, daß man ihm an diesem Punkt etwas zu trinken anbot, aber zu der Sorte von Gastgebern gehörte sein Gegenüber nicht. So zuckte er nur kurz die Schulter und berührte mit einem Ellbogen den Flachmann, der eine seiner Manteltaschen ausbeulte. Es war absurd. Er wußte genau, daß er nicht gehen würde, egal welchen Vorschlag er unterbreitet bekam. Und Varo Borja wußte das auch. Er schrieb eine Ziffer, setzte seine Unterschrift unter den Scheck und riß ihn vom Block ab. Dann schob er ihn seinem Visavis über den Tisch hinweg zu.
   Corso warf einen Blick auf den Scheck, ohne ihn zu berühren.
   »Sie haben mich überzeugt«, seufzte er. »Ich bin ganz Ohr.«
   Der Antiquar verzichtete auf eine Gebärde des Triumphs. Er nickte nur, kühl und gelassen, als habe er soeben eine lästige Formalität erledigt.
   »Daß ich zu diesem Beruf gekommen bin, war purer Zufall«, begann er zu erzählen. »Eines Tages stand ich ohne einen Heller in der Tasche da, mit nichts als einer Bibliothek, die mir ein verstorbener Großonkel als einzige Erbschaft hinterlassen hatte. Rund zweitausend Bände, von denen höchstens hundert etwas wert waren. Aber zu diesen gehörte eine Erstausgabe des Quijote, zwei Psalter aus dem 13. Jahrhundert und ein Exemplar von Geoffroy Torys Champfleury, von dem insgesamt nur vier Exemplare bekannt sind. Wie finden Sie das?«
   »Sie hatten unverschämtes Glück.« »Das können Sie laut sagen«, erwiderte Varo Borja. Er erzählte ohne die Selbstgefälligkeit, die viele Erfolgverwöhnte zur Schau tragen, wenn sie von sich sprechen. »Ich hatte damals keine Ahnung von den Sammlern seltener Bücher, aber das Wesentliche begriff ich sofort: Es ging um Leute, die bereit waren, für ein rares Produkt sehr viel Geld hinzublättern. Und ich besaß gleich mehrere von diesen raren Produkten . So kam es, daß ich Begriffe kennenlernte, die ich vorher noch nie gehört hatte, wie Kolophon, Fliegenkopf, goldener Schnitt oder Leporello. Und während ich mich langsam für dieses Gewerbe zu begeistern begann, habe ich eine Entdeckung gemacht: Es gibt Bücher zum Verkaufen und Bücher zum Aufbewahren. Was letztere angeht, so tritt man der Bibliophilie bei wie einer Religion: fürs ganze Leben.«
   »Sehr ergreifend. Aber jetzt sagen Sie mir, was ich und die Neun Pforten mit Ihrem ewigen Gelübde zu tun haben.«
   »Sie haben mich vorhin gefragt, was passiert, wenn sich herausstellen sollte, daß mein Exemplar gefälscht ist . Nun, eins kann ich Ihnen jetzt schon sagen, es ist gefälscht.«
   »Woher wissen Sie das?«
   »Das weiß ich eben, und zwar mit absoluter Gewißheit.«
   Corso verzog den Mund zu einer Grimasse, die durchblicken ließ, was er von absoluten Gewißheiten hielt.
   »Aber in der Bibliografia Universal von Mateu und im Ter-ral-Coy-Katalog ist es als authentisch verzeichnet.«
   »Ja«, gab Varo Borja zu, »wenn Mateu auch ein kleiner Fehler unterlaufen ist. Er spricht von acht Bildtafeln, obwohl das Buch in Wirklichkeit neun enthält . Aber formale Echtheit bedeutet nicht viel. Den Bibliographien zufolge sind auch das Exemplar von Fargas und das von Ungern authentisch.«
   »Vielleicht sind sie das ja auch. Alle drei.«
   Der Antiquar verneinte mit dem Kopf.
   »Das ist unmöglich. Die Prozeßakten des Buchdruckers Tor-chia lassen keinen Zweifel offen. Nur ein Exemplar ist gerettet worden.« Er lächelte geheimnisvoll. »Außerdem verfüge ich über weitere Beweise.«
   »Zum Beispiel?«
   »Das fällt nicht in Ihr Ressort.«
   »Wozu brauchen Sie mich dann überhaupt?«
   Varo Borja schob seinen Sessel zurück und stand auf.
   »Folgen Sie mir.«
   »Ich habe Ihnen doch schon gesagt«, Corso schüttelte den Kopf, »daß mich diese Geschichte nicht interessiert.«
   »Lügen Sie nicht. Sie sterben ja vor Neugier.«
   Er packte mit Daumen und Zeigefinger den Scheck und ließ ihn in einem Täschchen seiner Weste verschwinden.
   Dann führte er Corso über eine Wendeltreppe ins obere Stockwerk. Das Büro des Antiquars befand sich im hinteren Teil seines Hauses, einem mittelalterlichen Palacio im alten Stadtkern, für dessen Erwerb und Restaurierung Borja ein Vermögen ausgegeben haben mußte. Über einen Korridor, der mit dem Haupteingang und dem Vestibül in Verbindung stand, geleitete er Corso zu einer Tür, die er per Tastendruck mit einer geheimen Zahlenkombination öffnete. Sie traten in ein großes Zimmer mit schwarzem Marmorfußboden, Balkendecke und alten kunstgeschmiedeten Gittern vor den Fenstern. Es gab auch einen Schreibtisch, ein paar Ledersessel und einen großen Kamin aus Stein. Alle Wände waren mit Bücherschränken und Stichen in schönen Rahmen bedeckt.
   »Ein hübsches Plätzchen«, meinte er anerkennend - er sah dieses Zimmer zum erstenmal. »Ich dachte immer, Sie würden Ihre Bücher im Keller lagern.«
   »Die hier gehören alle mir; keines von ihnen ist käuflich. Es gibt Sammler, die sich auf Ritterromane oder höfische Literatur spezialisieren. Leute, die Quijotes oder unbeschnittenen Ausgaben hinterherjagen . Die Bücher, die Sie hier sehen, haben alle denselben Protagonisten: Luzifer.«
   »Darf ich sie mir ein bißchen genauer ansehen?«
   »Deshalb habe ich Sie ja hierher gebracht.«
   Corso trat ein paar Schritte vor. Die Bücher hatten zeitgenössische Einbände, angefangen von den lederbezogenen Holzdeckeln der Inkunabeln bis hin zu den mit Rankenwerk verzierten Maroquineinbänden. Der Marmorboden quietschte unter seinen ungeputzten Schuhen, während er zu einem der Bücherschränke ging und sich niederbeugte, um seinen Inhalt zu betrachten: De spectris et apparitionibus von Johannes Rivius. Summa diabolica von Benedictus Casianus.
   La haine de Satan von Pierre Crespet. Die Steganografia des Abtes Trithemius. De consummatione saeculi von Pontianus. Wertvolle und sehr rare Bücher, die Corso zum größten Teil nur aus bibliographischen Verweisen kannte.
   »Es gibt nichts Schöneres, stimmt’s?« fragte Varo Borja, der Corso aufmerksam beobachtete. »Nichts wie diesen zarten Schimmer: Goldprägungen auf Leder hinter einer Glasscheibe .ganz zu schweigen von den Schätzen, die sie in ihrem Inneren bergen: Jahrhunderte der Forschung und Weisheit. Antworten auf die Geheimnisse des Universums und der menschlichen Seele.« Er hob ein wenig die Arme, um sie dann auf seine Hüften fallen zu lassen, und gab es auf, seinen Besitzerstolz in Worte zu fassen. »Ich kenne Leute, die würden für so eine Sammlung einen Mord begehen.«
   Corso nickte, ohne seinen Blick von den Büchern zu nehmen. »Sie, zum Beispiel«, sagte er. »Wenn auch nicht persönlich. Sie würden es so einrichten, daß andere für Sie morden.«
   Varo Borja stieß ein verächtliches Lachen aus.
   »Das gehört zu den Vorteilen des Reichseins: Man kann Schergen anheuern und die Drecksarbeit von ihnen erledigen lassen. So bleibt man selbst ein Unschuldsengel.«
   Corso sah den Antiquar an.
   »Das ist auch ein Standpunkt«, gab er nach einem Augenblick des Schweigens zu, währenddessen er wirklich nachzudenken schien. »Aber mir sind die Typen, die sich nie die Hände schmutzig machen, noch mehr zuwider als die anderen.«
   »Was Ihnen zuwider ist, interessiert mich nicht. Kommen wir also zu den ernsten Dingen.«
   Varo Borja trat an die Bücherschränke heran. Ein jeder von ihnen mochte um die hundert Bände enthalten.
   »Ars Diavoli ...« Er öffnete den nächstgelegenen, um mit den Fingern sanft, beinahe streichelnd über die Buchrücken zu fahren. »Sie werden nirgend woanders so viele versammelt finden. Das sind die seltensten, die erlesensten Exemplare. Es hat mich Jahre gekostet, diese Sammlung zusammenzutragen. Aber es fehlte das Meisterwerk.«
   Er zog eines der Bücher heraus, einen Folianten mit schwarzem venezianischem Ledereinband, Rücken mit fünf Bünden, außen kein Titel, aber ein goldenes Pentagramm auf dem Vorderdeckel. Corso nahm es in die Hand und öffnete es mit größter Behutsamkeit. Auf dem ersten gedruckten Blatt, der ursprünglichen Titelseite, stand auf Lateinisch; DE UMBRARUM REGNI NOVEM PORTIS - Buch von den neun Pforten ins Reich der Schatten. Es folgten Druckermarke, Ort, Name und Datum: Venetiae, apud Aristidem Torchiam. M.DC.LX. VI. Cum superiorum privilegio veniaque. Mit Privileg und Genehmigung der Obrigkeiten.
   Varo Borja wartete gespannt auf Corsos Reaktion.
   »Einen Bibliophilen erkennt man daran, wie er ein Buch anfaßt«, sagte er.
   »Ich bin kein Bibliophiler.«
   »Natürlich. Obwohl Sie Ihre Landsknechtmanieren ziemlich gut verstecken können . Und wenn es um Bücher geht, ist das sehr beruhigend. Es gibt Hände, die geradezu kriminell mit ihnen umgehen.«
   Corso blätterte weiter. Der ganze Text war lateinisch, in schöner Schrift auf starkem, hochwertigem Papier gedruckt, das sich ausgezeichnet erhalten hatte. Es gab neun wunderschöne, blattgroße Tafeln, auf denen mittelalterlich anmutende Szenen dargestellt waren. Corso schlug wahllos eine auf. Sie war mit einer lateinischen »V« versehen, die von zwei Ziffern oder Buchstaben flankiert wurde, rechts griechisch und links hebräisch. Unter dem Bild ein unvollständiges oder verschlüsseltes Wort: FR. ST. A. Und die Abbildung selbst: ein Mann, der nach einem Händler aussah, zählte vor einer verschlossenen Tür einen Sack Goldmünzen ab, ohne das Skelett zu bemerken, das hinter seinem Rücken stand, in einer Hand eine Sanduhr, in der anderen eine Heugabel.
   »Was halten Sie davon?« fragte Varo Borja.
   »Sie meinten doch, das Buch sei gefälscht, aber mir sieht es nicht danach aus. Haben Sie es genau untersucht?«
   »Mit der Lupe und bis zum letzten Komma. Dazu hatte ich genügend Zeit, seit ich es vor einem halben fahr gekauft habe, als die Bibliothek Gualterio Terrals von seinen Erben versteigert wurde.«
   Der Bücherjäger blätterte weiter. Die Bildtafeln waren von einer schlichten, geheimnisvollen Eleganz und wunderschön. Eine zeigte einen Scharfrichter in Ritterrüstung, der sein Schwert erhoben hatte und drauf und dran war, eine junge Frau zu enthaupten.
   »Ich bezweifle, daß die Erben eine Fälschung zum Verkauf angeboten hätten«, schloß Corso, als er mit seiner Untersuchung fertig war. »Sie haben zu viel Geld und interessieren sich nicht für Bücher. Sogar den Katalog der Bibliothek mußte das Auktionshaus Claymore selbst zusammenstellen. Und außerdem hätte der alte Terrai, so wie ich ihn kenne, niemals ein gefälschtes oder irgendwie manipuliertes Buch in seiner Sammlung geduldet.« »Da bin ich einer Meinung mit Ihnen«, erwiderte Varo Borja. »Abgesehen davon, daß Terrai die Neun Pforten von seinem Schwiegervater geerbt hat, Don Lisardo Coy, der ein Vorbild von einem Bibliophilen war.«
   »Und das Buch seinerseits dem Italiener Domenico Chiara abgekauft hat«, Corso legte den Band auf den Tisch und zog seinen Notizblock aus der Manteltasche, »dessen Familie es dem Weiss-Katalog zufolge seit 1817 besaß.«
   Der Antiquar nickte zufrieden.
   »Wie ich sehe, haben Sie sich gründlich mit dem Thema befaßt.«
   »Natürlich habe ich mich damit befaßt.« Corso sah ihn an, als habe er soeben eine große Dummheit gesagt. »Das ist schließlich meine Arbeit.«
   Varo Borja machte eine einlenkende Geste.
   »Ich hege keine Zweifel an der Ehrlichkeit Terrais und seiner Erben«, stellte er klar. »Ich habe auch nicht behauptet, daß dieses Exemplar nicht alt sei.«
   »Sie sagten, es sei gefälscht.«
   »Gefälscht ist vielleicht nicht das richtige Wort.«
   »Dann müssen Sie etwas deutlicher werden. Mir sieht es jedenfalls ganz nach einem Original aus.« Corso griff erneut nach dem Buch, packte die Schnittkanten der Seiten mit dem Daumen und ließ sie durchsausen, wobei er die Ohren spitzte und auf ihren Klang lauschte. »Sogar das Papier klingt, wie es soll.«
   »Aber da ist etwas, das nicht klingt, wie es soll, und ich meine nicht das Papier.«
   »Vielleicht die Holzschnitte.«
   »Was ist damit?«
   »Die bringen eine falsche Note ins Spiel. Normalerweise würde man Kupferstiche erwarten. 1666 hat keiner mehr Holzschnitte angefertigt.«
   »Vergessen Sie nicht, daß es sich um eine ungewöhnliche Ausgabe handelt. Die Holzschnitte sind Kopien anderer, älterer Bildtafeln aus einem Buch, das der Buchdrucker Torchia entdeckt oder zumindest gesehen haben dürfte.«
   »Das Delomelanicon. Glauben Sie das wirklich?«
   »Ihnen kann egal sein, was ich glaube. Aber die neun Originalabbildungen des Buches werden nicht irgend jemandem zugeschrieben. Die Legende will, daß Luzifer nach seiner Niederwerfung und Vertreibung aus dem Paradies eine Sammlung von Beschwörungsformeln für seine Adepten zusammengestellt hat: den magischen Meistercodex der Schatten. Das schreckliche Buch wurde in Geheimverstecken aufbewahrt, mehrmals verbrannt und von den wenigen Privilegierten, die es besaßen, für Gold verkauft. Bei den Illustrationen handelt es sich in Wirklichkeit um infernalische Hieroglyphen. Wer sie mit Hilfe des Textes und mit dem entsprechenden Wissen zu deuten weiß, ist in der Lage, den Höllenfürsten zu rufen.«
   Corso nickte mit übertriebener Würde. »Ich kenne bessere Arten, seine Seele zu verkaufen.«
   »Machen Sie keine Witze. Diese Sache ist ernster, als sie aussieht ... Wissen Sie, was Delomelanicon bedeutet?«
   »Ich denke ja. Das kommt aus dem Griechischen: delo, rufen. Und melas, schwarz, dunkel.«
   Varo Borja bekundete ihm mit einem hysterischen Kichern seinen Beifall.
   »Ich hätte beinahe vergessen, daß Sie ein gebildeter Söldner sind. Ja, Sie haben recht, die Finsternis beschwören oder sie erhellen ... Schon der Prophet Daniel, Hippokrates, Josephus Flavius und Albertus Magnus haben auf dieses herrliche Buch hingewiesen. Obwohl der Mensch erst seit sechstausend Jahren schreibt, soll das Delomelanicon dreimal so alt sein. Die erste ausdrückliche Erwähnung findet sich in dem Papyrus von Turis, der vor dreitausend Jahren abgefaßt wurde. Danach wird es im Corpus Hermeticum zwischen dem ersten vorchristlichen und dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert verschiedentlich zitiert. Dem Asclemandres zufolge ermöglicht uns dieses Buch, das Licht von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Und in einem Teilinventarium der Bibliothek von Alexandria, das vor ihrer dritten und endgültigen Zerstörung im Jahr 646 erstellt wurde, erscheint es ebenfalls, und zwar unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die neun magischen Geheimnisse, die es birgt . Man weiß nicht, ob es nur ein oder mehrere Exemplare gab, und ob eins davon den Brand der Bibliothek überlebt hat. Von diesem Zeitpunkt an tauchen seine Spuren im Verlauf der Geschichte nach Kriegen, Feuersbrünsten und Naturkatastrophen immer mal auf und dann wieder unter.«
   Corso schnitt eine skeptische Grimasse. »Wie immer. Alle herrlichen Bücher haben dieselbe Legende: angefangen von Thot bis hin zu Nicolas Flamel . Ich hatte mal einen Kunden, der für die hermetische Chemie schwärmte und wollte, daß ich die von Fulcanelli und seinen Schülern erstellte Bibliographie für ihn auftreibe. Er war beim besten Willen nicht davon zu überzeugen, daß mindestens die Hälfte der darin aufgeführten Bücher überhaupt nie geschrieben worden waren.«
   »Das hier aber ist geschrieben worden. Irgend etwas muß an seiner Existenz ja sein, wenn die Inquisition es auf den Index setzt. Was meinen Sie?«
   »Was ich meine, ist unwichtig. Es gibt Verteidiger, die nicht an die Unschuld ihres Mandanten glauben und trotzdem seinen Freispruch durchsetzen.«
   »Genau darum geht es hier. Schließlich pachte ich nicht Ihren Glauben, sondern Ihr Können.«
   Corso wandte sich wieder den Holzschnitten des Buches zu. Auf dem mit der Nummer »I« war ein eigentümlicher Ritter ohne Waffen zu sehen, der den Zeigefinger an die Lippen legte, als gemahne er zum Schweigen oder wolle den Betrachter zu seinem Komplizen machen. Er war zu Pferd und ritt auf eine mauerbewehrte Stadt zu, die auf einem Hügel lag. Unter der Bildtafel las man: NEM. PERV.T QVI N.N LEG. CERT.RIT.
   »Diese Legende ist durch Abkürzungen verschlüsselt, aber entzifferbar«, erklärte Varo Borja, der ihn aufmerksam beobachtete: »Nemopervenit qui non legitime certaverit...«
   »Wer nicht kämpft, wie die Regeln es vorschreiben, wird nie an sein Ziel gelangen?«
   »Mehr oder weniger. Im Augenblick ist das die einzige Bildunterschrift, die wir sicher deuten können. Sie kommt in beinahe identischer Form bei Roger Bacon vor, der ein großer Kenner der Dämonologie, Kryptographie und Magie war. Bacon behauptete, ein Delomelanicon mit dem Schlüssel schrecklicher Geheimnisse zu besitzen, das vorher dem König Salomon gehört habe. Dieses Werk, das aus Pergamentrollen mit Abbildungen bestand, ist im Jahr 1350 verbrannt worden, auf persönliche Anweisung von Papst InnozenzVL, der erklärte: Es enthält eine Methode zur Beschwörung von Dämonen. Drei Jahrhunderte später beschließt Aristide Torchia, es mit den ursprünglichen Abbildungen in Venedig zu drucken.«
   »Nein. Die Bildtafeln sind zu perfekt«, wandte Corso ein.
   »Das können keine originalgetreuen Kopien sein, sonst wäre der Stil altertümlicher.«
   »Einverstanden. Torchia hat sie wahrscheinlich etwas dem Stil der Zeit angepaßt.«
   Auf der Bildtafel mit der Nummer »III« war eine Brücke dargestellt, die über einen Fluß führte und auf beiden Seiten mit turmförmig befestigten Toren versehen war. Corso hob den Blick und sah, daß Varo Borja ein geheimnisvolles Lächeln aufgesetzt hatte, wie ein Alchimist, der genau weiß, was in seinem Reagenzglas brodelt.
   »Und noch ein Bezugspunkt, der letzte«, sagte der Antiquar: »Giordano Bruno, Märtyrer des Rationalismus, Mathematiker und Verfechter der Theorie, daß die Erde sich um die Sonne dreht ...« Borja machte eine wegwerfende Handbewegung, als wäre dies alles von sekundärer Bedeutung. »Aber das ist nur ein Teil seines einundsechzig Bände umfassenden Werkes, in dem die Magie einen wichtigen Platz einnimmt. Und passen Sie auf: Bruno bezieht sich ausdrücklich auf das Delomelanicon, indem er sogar die griechischen Wörter delo und melas benützt, und fährt dann fort: >Auf dem Weg der Männer, die nach Wissen streben, gibt es neun geheime Pforten.< Danach erklärt er die Methoden, mit denen man Licht in die Dunkelheit bringt. Sic Luceat Lux, schreibt er, und das ist zufällig dasselbe Motto« - er zeigte Corso das Zeichen des Buchdruckers: ein Baum, in den der Blitz einschlägt, eine Schlange und daneben ein Motto -, »das auch Aristide Torchia im Frontispiz der Neun Pforten verwendet. Wie finden Sie das?«
   »Ganz interessant. Aber das sagt überhaupt nichts. Aus einem Text kann man alles mögliche herauslesen, besonders wenn er alt ist und viele Mehrdeutigkeiten enthält.«
   »Mehrdeutigkeiten, die Vorsichtsmaßnahmen sein können. Obwohl Giordano Bruno die goldene Regel des Überlebens außer acht gelassen hat: Scire, tacere. Wissen und schweigen. Offensichtlich wußte er einiges, aber er konnte den Mund nicht halten. Aber es gibt noch viel mehr Übereinstimmungen: Giordano Bruno wird in Venedig verhaftet, zum unbekehrbaren Ketzer erklärt und im Februar des Jahres 1600 in Rom auf dem Campo dei Fiori bei lebendigem Leibe verbrannt. Dieselben Begleitumstände, dieselben Orte, dieselben Daten, die siebenundsechzig Jahre später mit der Hinrichtung des Buchdruckers Aristide Torchia einhergingen: in Venedig verhaftet, in Rom gefoltert und im Februar 1667 auf dem Campo dei Fiori in Rom verbrannt. Und achten Sie auf dieses Detail: Damals wurden kaum noch Leute verbrannt, aber ihn hat man angesteckt.« »Ich bin beeindruckt«, sagte Corso ironisch.
   Varo Borja schnalzte mißbilligend mit der Zunge.
   »Manchmal frage ich mich, ob Sie überhaupt in der Lage sind, an etwas zu glauben.«
   Corso tat, als denke er nach, und zuckte dann mit der Schulter.
   »Früher habe ich an gewisse Dinge geglaubt. Aber damals war ich jung und skrupellos. Jetzt bin ich fünfundvierzig, also alt und skrupellos.«
   »Das bin ich auch. Trotzdem gibt es Dinge, an die ich glaube. Dinge, die mein Herz höher schlagen lassen.«
   »Wie das Geld?«
   »Machen Sie sich nicht lustig. Das Geld ist der Schlüssel, der die dunklen Türen des Menschen öffnet. Damit kaufe ich zum Beispiel Sie. Oder das einzige, was ich auf der Welt achte: diese Bücher.« Er ging ein paar Schritte an den vollgestopften Bücherschränken entlang. »Sie liefern uns ein getreues Abbild der Menschen, von denen sie geschrieben wurden. Sie spiegeln ihre Sorgen, ihre Geheimnisse, ihre Wünsche, ihr Leben, ihren Tod. Ich betrachte sie als lebende Materie: Man muß wissen, wie man ihnen Nahrung gibt und Schutz.«
   »Und wie man sie benützt.«
   »Manchmal.«
   »Und das hier funktioniert nicht.«
   »Nein, es funktioniert nicht.«
   »Sie haben es versucht.«
   Corsos Äußerung klang nicht nach einer Frage, sondern nach einer Feststellung. Varo Borja warf ihm einen wütenden Blick zu.
   »Reden Sie keinen Quatsch. Sagen wir, daß ich die Gewißheit habe, daß es gefälscht ist, und damit basta. Aus diesem Grund möchte ich es mit den anderen Exemplaren vergleichen.«
   »Und ich bin nach wie vor der Meinung, daß es nicht unbedingt gefälscht zu sein braucht. Viele Bücher weisen Unterschiede auf, selbst wenn sie aus derselben Auflage stammen .
   In Wirklichkeit kann es gar keine zwei Exemplare geben, die miteinander identisch wären, da bereits ihre Geburt zu kleinen Abweichungen beiträgt. Und danach lebt jedes Buch sein eigenes Leben: Bestimmte Seiten fehlen ihm, andere werden hinzugefügt oder ausgetauscht, es wird gebunden. Wenn genügend Jahre vergehen, sehen sich zwei Bücher, die auf derselben Presse gedruckt wurden, unter Umständen kaum noch ähnlich. Das könnte auch mit diesem der Fall sein.«
   »Finden Sie das heraus. Stellen Sie Nachforschungen an, als gehe es um ein Verbrechen. Heften Sie sich den Neun Pforten auf die Fersen. Nehmen Sie jede Seite unter die Lupe, jede Abbildung, das Papier, den Einband . Verfolgen Sie die Geschichte meines Exemplars bis zu seinen Ursprüngen zurück. Und dann machen Sie dasselbe in Sintra und Paris mit den anderen beiden.«
   »Es wäre mir eine große Hilfe, wenn Sie mir verraten würden, wie Sie darauf gekommen sind, daß Ihr Buch gefälscht ist.«
   »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Vertrauen Sie auf meine Intuition.«
   »Ihre Intuition wird Sie viel Geld kosten.«
   »Beschränken Sie sich darauf, es auszugeben.«
   Borja zog den Scheck aus seiner Westentasche und drückte ihn Corso in die Hand. Der drehte ihn unentschlossen zwischen den Fingern herum.
   »Warum bezahlen Sie mich im voraus? Das haben Sie bisher nie getan.«
   »Sie werden viele Ausgaben haben. Und das hier gebe ich Ihnen, damit Sie anfangen, sich zu rühren.« Er reichte ihm ein dickes, gebundenes Dossier. »Hier finden Sie alles, was ich über das Buch in Erfahrung bringen konnte. Es könnte Ihnen nützlich sein.«
   Corso sah immer noch den Scheck an.
   »Das ist zuviel für einen Vorschuß.«
   »Möglich, daß Sie gewisse Komplikationen haben .«
   »Was Sie nicht sagen.«
   Nach seiner sarkastischen Bemerkung räusperte sich der Antiquar. Endlich kamen sie zum Kern der Sache.
   »Wenn alle drei Exemplare gefälscht oder unvollständig sind«, fuhr Varo Borja fort, »ist Ihr Auftrag erledigt, und wir legen die ganze Sache zu den Akten .« Er machte eine Pause, um sich mit der Hand über die gebräunte Glatze zu fahren, und lächelte Corso etwas verlegen an. »Wenn sich jedoch herausstellt, daß eins der Bücher das echte ist, bekommen Sie noch mehr Geld. Denn in diesem Fall möchte ich es haben, egal wie, ohne Ausgaben oder Mittel zu scheuen.«
   »Sie scherzen, oder?«
   »Sehe ich so aus, Corso?«
   »Das ist illegal.«
   »Sie haben auch vorher schon illegale Sachen gemacht.«
   »Aber nicht von diesem Kaliber.«
   »Weil keiner Ihnen bezahlt hat, was ich Ihnen bezahlen werde.«
   »Was bieten Sie mir als Garantie?«
   »Ich erlaube Ihnen, dieses Buch hier mitzunehmen, auch weil Sie es für Ihre Arbeit brauchen ... Ist Ihnen das genug Garantie?«
   Krack, krack. Corso, der immer noch die Neun Pforten in der Hand hielt, legte den Scheck wie ein Lesezeichen zwischen die Seiten und blies ein imaginäres Staubkorn von dem Buch, bevor er es Varo Borja zurückgab.
   »Sie haben vor kurzem behauptet, daß sich mit Geld alles kaufen läßt - dann probieren Sie es doch selbst. Gehen Sie zu den Besitzern und halten Ihren Kopf hin.«
   Er drehte sich um und ging auf die Tür zu, wobei er sich fragte, wieviel Schritte er wohl tun würde, bevor er die Stimme des Antiquars vernahm. Es waren drei.
   »Das ist nichts für Männer der Feder«, sagte Varo Borja, »sondern für Männer des Degens.«
   Seine Stimme klang verändert. Sie hatte jetzt nichts mehr von der arroganten Selbstsicherheit und von der Verachtung für einen Söldner an sich, dessen Dienste man sich kaufte. Auf einem Dürer-Holzschnitt an der Wand schlug ein Engel hinter gerahmtem Glas sanft mit den Flügeln, während Corsos Schuhe sich langsam auf dem schwarzen Marmorboden drehten. Vor den gerammelt vollen Bücherschränken und dem vergitterten Fenster mit Blick auf die Kathedrale, inmitten all der Dinge, die für Geld zu haben waren, stand Varo Borja da und blinzelte bestürzt mit den Augen. Seine Miene wirkte immer noch überheblich, und die Finger einer Hand trommelten sogar, mechanisch und geringschätzig, auf den Deckel des Buches. Aber Lucas Corso hatte lange vor diesem glorreichen Moment gelernt, eine Niederlage in den Augen eines Menschen zu erkennen. Und die Angst.
   Sein Herz pochte ruhig und zufrieden, während er wortlos zu Varo Borja zurückging. Als er vor ihm stand, zog er den Scheck, der zwischen den Seiten herausragte, aus dem Buch, faltete ihn sorgfältig zusammen und steckte ihn in die Tasche. Dann nahm er die Neun Pforten und das Dossier an sich.
   »Sie hören von mir«, sagte er.
   Er wußte, daß der Würfel gefallen war, daß er in einem gefährlichen Strategiespiel auf das erste Feld vorgerückt war und nun nicht mehr zurückkonnte. Aber er hatte Lust zu spielen. Er stieg die Treppe hinunter und ließ das Echo seines eigenen trockenen, durch die zusammengebissenen Zähne ausgestoßenen Lachens zurück. Varo Borja hatte sich geirrt. Es gab Dinge, die nicht mit Geld zu kaufen waren.
   Die Treppe führte in einen Innenhof mit Steinbrunnen und Marmorlöwen. Ein schmiedeeisernes Tor trennte diesen Patio von der Straße. Vom Tajo stieg eine unangenehme Feuchtigkeit herauf, die Corso unter dem Mudejar-Torbogen innehalten ließ, um sich den Mantelkragen hochzuschlagen. Dann ging er die schmalen, stillen Gassen entlang bis zu einem kleinen Platz, auf den sich eine Bar mit Bistrotischen hin öffnete, gesäumt von ein paar kahlen Kastanienbäumen und dem Glockenturm einer Kirche. Er suchte sich ein Fleckchen in der warmen Sonne aus und setzte sich an einen der Tische. Langsam kam wieder etwas Wärme in seine steifen Glieder. Zwei Gläser Gin pur, ohne Eiswürfel, trugen vollends zur Normalisierung der Situation bei. Erst dann öffnete er das Dossier über die Neun Pforten, um einen ersten Blick hineinzuwerfen. Auf zweiundvierzig maschinengeschriebenen Seiten war die gesamte Vorgeschichte des Buches dargestellt, und zwar sowohl die der mutmaßlichen Originalversion - des Delomelanicon oder Beschwörung der Dunkelheit - als auch der Fassung, die Aristide Torchia unter dem Titel Die neun Pforten ins Reich der Schatten im Jahre 1666 in Venedig gedruckt hatte. Verschiedene Anhänge enthielten Bibliographien, Fotokopien von klassischen Texten, in denen das Buch erwähnt wurde, sowie Daten über die beiden Exemplare in Sintra und Paris: Adressen der Besitzer, Restaurierungen, Erwerbsdaten. Darüber hinaus fand sich in dem Dossier eine Transkription der Prozeßakten von Aristide Torchia, einschließlich der Schilderung eines Augenzeugen, eines gewissen Gennaro Galeazzo, der das Ende des bedauernswerten Buchdruckers überlieferte:
   Er bestieg das Schafott, ohne sich mit Gott versöhnen zu wollen, und schwieg hartnäckig. Als der Rauch des Feuers ihn zu ersticken drohte, riß er die Augen auf und empfahl mit einem entsetzlichen Schrei seine Seele dem Vater. Viele der Anwesenden bekreuzigten sich, weil sie glaubten, daß er im Anblick des Todes Gott um Gnade anflehe. Andere behaupteten, seine Schreie wären nicht zum Himmel, sondern zum Boden gerichtet gewesen, also zu den tiefsten Abgründen der Erde ...
   Auf der andern Seite des Platzes fuhr ein Auto vorbei und verlor sich in einer der Gassen, die zur Kathedrale führten. Sein Motor war hinter der Ecke noch eine Zeitlang zu hören, als habe der Fahrer kurz angehalten und erst dann seinen Weg fortgesetzt. Aber Corso achtete kaum darauf, so war er in das Buch versunken. Die erste Seite enthielt den Titel, die zweite war weiß. Auf der dritten Seite begann mit einer schönen Initiale der eigentliche Text in Form einer verschlüsselten Einleitung:
   Nos p.tens L.f.rjuv.te Stn. Blz.b, Lvtn, Elm, atq Ast.rot. ali.q, h.die ha.ems ace.tpct fo.de.is c.m t. qui no.st; et h.icpol.icem am.rem mul. flo.em virg.num de.us mon. hon v.lup et op. for.icab tr.d.o, eb.iet i.li c.ra er. No.is of.ret se.el in ano sag. sig. s.bped. cocul.ab sä Ecl.e et no.s r.gat i.sius er.t; p.ct v.v.t an v.q fe.ix in t.a hom. et ven. os. ta int. nos ma.et D:
   Fa. t in infint co.s daem.
   Satanas. Belzebub, Lcfr, Elimi, Leviathan, Astaroth Siqpos mag. diab. et daem. pri.cp dorn.
   Nach der Einleitung, deren angeblicher Verfasser mehr als evident war, fuhr Corso fort zu lesen:
   D.mine mag.que L.fr, te D.um m. et.pr ag.sco. et pol.c.or t ser.ire. a.ob.re quam.dp. vvre; et rn.io al.rum d. et js.ch.st. et a.s sn.ts tq.e s.ctas e. ec.les. apstl. et mm. et om. i sc.am. et
   o.nia ips. s.cramen. et o.nes .atio et r.g. q.ib fid. pos.nt int.red. p.o me; et t.bi po.lceor q. fac. qu.tqu.t m.lum pot., et atra. ad malap. omn. Et ab.rncio chrsm. et b.ptm et omn ...
   Er sah von dem Buch auf und betrachtete den Portikus der Kirche. Die Stirnbogen waren mit Darstellungen des Jüngsten Gerichts bemalt, die unter dem Einfluß der Witterung gelitten hatten. Über ihnen befand sich - oberhalb einer Säule in der Mitte des Kirchenportals - eine Nische, aus der ein erzürnter Pantokrator herniederblickte. Seine erhobene rechte Hand schien eher Strafe als Barmherzigkeit zu versprechen. Corsos Blick wanderte weiter, zum Turm der Kirche und zu den umstehenden Häusern. Auf ihren Fassaden prangten alte, bischöfliche Wappen, und er sagte sich, daß auch auf diesem Platz einst die Scheiterhaufen der Inquisition gebrannt hatten. Schließlich war das nicht irgendeine Stadt, sondern Toledo. Schmelztiegel von dämonischen Kulten, mysteriösen Initiationsriten und Scheinkonvertierten. Und von Ketzern.
   Er trank einen großen Schluck Gin, bevor er sich wieder dem Buch zuwandte. Der lateinische Text in seiner abgekürzten Form nahm weitere einhundertsiebenundfünfzig Seiten in Anspruch, die letzte war leer. Auf den restlichen neun Seiten waren die berühmten Bildtafeln abgebildet, die - wollte man der Legende glauben - Luzifer höchstpersönlich vorgegeben hatte. Jeder Holzschnitt war am oberen Rand mit einer hebräischen, einer lateinischen und einer griechischen Ziffer versehen, und am unteren Rand mit einer Legende in Latein, die sich wie der Buchtext aus rätselhaften Abkürzungen zusammensetzte. Corso bestellte einen dritten Gin, während er noch einmal die Bilder betrachtete. Sie erinnerten an Tarotkarten oder an mittelalterliche Stiche: der König und der Bettler, der Eremit, der Gehängte, der Tod, der Henker. Auf der letzten Bildtafel war eine schöne Frau dargestellt, die auf einem Drachen ritt.


   Zu schön für die kirchliche Moral der damaligen Zeit, dachte er bei sich.
   Eine identische Abbildung fand er auf einer Seite, die aus der Bibliografia Universal von Mateu fotokopiert war - obwohl es in Wirklichkeit nicht dieselbe war. Corso hatte das Terral-Coy-Exemplar der Neun Pforten vor sich, aber der kopierte Holzschnitt wurde von dem alten Gelehrten aus Mallorca, der seine Bibliographie im Jahre 1929 verfaßt hatte, einem anderen der beiden Exemplare zugeschrieben:
   TORCHIA (Aristide). De Umbrarum Regni Novem Portis. Venetiae, apud Aristidem Torchiam. MLCLXVI. In Folio. 160 5., einschl. Titelblatt. 9 Holzschnitte außerhalb des Textes, Von außergewöhnlicher Seltenheit. Nur in 3 Exemplaren bekannt. Bibliothek Fargas, Sintra, Portugal (s. Abbildung). Bibliothek Coy, Madrid, Spanien (Bildtafel 9 fehlt). Bibliothek Morel, Paris, Frankreich.
   Bildtafel neun fehlt. Das war nicht richtig. Corso hatte ihn ja vor sich, den Holzschnitt Nummer neun in dem Buchexemplar aus der Coy-Bibliothek, später Terral-Coy-Bibliothek, und jetzt Besitz von Varo Borja. Hier mußte es sich um einen Druckfehler handeln, oder aber Mateu selbst hatte sich geirrt. Im fahr 1929, dem Erscheinungsjahr der Bibliografia Universal, waren die Verfahren des Buchdrucks und des Buchvertriebs noch lange nicht so entwickelt gewesen wie heute, und viele Gelehrten erwähnten in ihren Schriften Bücher, die sie nur aus den Beschreibungen anderer kannten. Wahrscheinlich war das lückenhafte Exemplar eines der anderen beiden: das in Sintra oder das in Paris. Corso machte sich am Rand der Fotokopie einen Vermerk. Das mußte überprüft werden. Die Uhr des Kirchturms schlug dreimal, und von den umliegenden Dächern flogen Schwärme von Tauben auf. Corso zuckte leicht zusammen, als komme er plötzlich zu sich. Er klopfte suchend die verschiedenen Taschen seiner Kleidung ab, zog schließlich einen Geldschein aus der Hosentasche, legte ihn auf den Tisch und erhob sich. Der Gin gab ihm ein angenehmes Gefühl der Abgehobenheit, er dämpfte die Geräusche und Bilder, die von außen auf ihn eindrangen. Corso verstaute Buch und Dossier in seiner Segeltuchtasche und hängte sie sich über die Schulter. Dann betrachtete er gedankenversunken den erzürnten Pantokrator über dem Kirchenportal. Da er keine Eile hatte und sich ein wenig die Beine vertreten wollte, beschloß er, zu Fuß zum Bahnhof zu gehen.
   Bei der Kathedrale angekommen, wählte er die Abkürzung durch den Kreuzweg. Er ging an der Souvenirbude vorbei, die geschlossen war, und blieb einen Moment lang vor den leeren Gerüsten der Restauratoren stehen, die man vor den Wandmalereien aufgebaut hatte. Der Ort war völlig verlassen, und seine Schritte hallten unter dem Bogengang. Einmal glaubte er, hinter sich etwas zu hören. Wahrscheinlich ein Pfarrer, der mit Verspätung in seinen Beichtstuhl eilte.
   Corso verließ den Kreuzgang durch ein schmiedeeisernes Tor, das auf eine dunkle Gasse hinausführte. Sie war so eng, daß die Autos sie beim Durchfahren streiften, hier und da bröckelten schon die Wände ab. Kaum war er auf die Gasse hinausgetreten, als von hinten das Geräusch eines laufenden Motors an sein Ohr drang. Vor ihm wies ein Verkehrsschild, ein Dreieck mit rotem Rand, auf eine Verengung der Straße hin, und als er es beinahe erreicht hatte, heulte der Motor hinter ihm plötzlich auf. Corso hörte den Wagen näher kommen. >Der fährt zu schnelle, dachte er und wollte sich umdrehen, aber da nahm er auch schon eine große, dunkle Masse wahr, die direkt auf ihn zuschoß. Der Gin hatte sein Reaktionsvermögen stark beeinträchtigt, aber seine Aufmerksamkeit war zufällig noch immer auf das Verkehrsschild gerichtet. Instinktiv lief er darauf zu, zwischen Metallpfosten und Wand sah er eine Lücke. Wie ein Stierkämpfer, der hinter der Holzbarriere in der Arena in Deckung geht, zwängte er sich in den wenige Zentimeter breiten Zwischenraum, so daß der Wagen im Vorbeifahren nur seine Hand erwischte. Das allerdings so heftig, daß Corso vor Schmerz in die Knie ging. Er fiel auf die holprigen Pflastersteine und sah dem Auto nach, das sich quietschend entfernte und am Ende der Straße verschwand. Corso massierte seine geprellte Hand und lief weiter zum Bahnhof. Aber jetzt warf er manchmal einen Blick nach hinten, und der Tragegurt seiner Tasche, in der ja die Neun Pforten lagen, brannte auf der Schulter. Er hatte ihn nur flüchtig gesehen, nicht länger als drei Sekunden, aber lange genug, um zu erkennen, wer ihn da soeben fast überfahren hätte: Diesmal war es kein Jaguar, sondern ein schwarzer Mercedes, aber am Steuer saß ein dunkelhaariger Mann mit Schnurrbart und einer Narbe im Gesicht. Der Typ aus Makarovas Bar. Derselbe, der ihm zeitunglesend und in Chauffeursuniform vor dem Haus Liana Taillefers aufgefallen war.

IV. Der Mann mit der Narbe

   Woher er kommt, weiß ich nicht.
   Aber wohin er geht, das kann ich Euch sagen:
   Er geht zur Hölle.
   A. Dumas, Der Graf von Monte Christo

   Corso kam mit Einbruch der Dunkelheit nach Hause. Die geprellte Hand in seiner Manteltasche pochte schmerzhaft. Er ging ins Bad, hob seinen zerknüllten Schlafanzug und ein Frotteetuch vom Boden auf und hielt sein Handgelenk fünf Minuten unters kalte Wasser. Danach öffnete er in der Küche zwei Konservenbüchsen und aß im Stehen zu Abend.
   Es war ein seltsamer Tag gewesen, seltsam und gefährlich. Corso dachte immer noch etwas verwirrt über seine Erlebnisse nach, wenngleich er im Grunde eher neugierig als besorgt war. Er nahm unvorhergesehenen Ereignissen gegenüber die Haltung eines Fatalisten ein, der gelassen daraufwartet, daß das Leben den nächsten Schritt tut. Dieser Abstand zum Geschehen, diese Neutralität, schloß von vornherein aus, daß er sich für irgend etwas verantwortlich fühlte. Bis zum heutigen Vormittag in der schmalen Gasse von Toledo hatte er immer nur die Rolle des Vollstreckers gespielt. Die Opfer waren andere gewesen. Wenn er jemanden belog oder mit ihm verhandelte, so geschah dies in völlig distanzierter Weise, ohne moralischen Bezug zu Menschen oder Dingen, die lediglich Gegenstand seiner Arbeit waren. Lucas Corso blieb am Rande - ein Söldner, der sich für seine Dienste bezahlen ließ, mit der Sache an sich aber nichts zu tun hatte. Ein Außenstehender. Wahrscheinlich erlaubte ihm gerade diese Haltung, sich immer in Sicherheit zu fühlen, genau wie wenn er seine Brille abnahm und die Menschen und Dinge vor seinen Augen verschwam-men: hatten sich ihre festen Umrisse einmal aufgelöst, so konnte er sie einfach ignorieren - als existierten sie überhaupt nicht. Nun kündigten jedoch der konkrete Schmerz in seiner Hand und die Ahnung einer Gefahr, die gewaltsam in sein Leben, nicht in das eines anderen, einzubrechen drohte, besorgniserregende Änderungen an. Lucas Corso, der so oft den Henker gespielt hatte, war an die Rolle des Opfers nicht gewöhnt. Und das machte ihn ratlos.
   Seine verletzte Hand brannte, seine verkrampften Muskeln schmerzten, und seine Kehle war wie ausgedörrt. Er öffnete also eine Flasche Gin und suchte in der Segeltuchtasche nach Aspirintabletten. Davon trug er immer einen kleinen Vorrat mit sich herum, neben Bleistiften und Kugelschreibern, halb vollgeschriebenen Notizheften, einem Schweizer Offiziersmesser, Paß und Geld, einem prallen Telefonbüchlein sowie eigenen und bestellten Büchern. Mit dieser Ausstattung konnte er jederzeit wie eine Schnecke mit ihrem Haus verschwinden, ohne etwas zurückzulassen. Die Segeltuchtasche ermöglichte es ihm, ein provisorisches Lager aufzuschlagen, wo immer der Zufall oder seine Arbeit ihn auch hinführten: in Flughäfen, Bahnhöfen, staubigen Buchhandlungen und Hotelzimmern, die in seiner Erinnerung zu einem einzigen Raum mit austauschbaren Wänden verschmolzen. Erwachen ohne Anhaltspunkte, Herzklopfen in der Dunkelheit, wenn er nach dem Lichtschalter tastete und das Telefon umstieß, Konfusion. Augenblicke, die sich dem Leben und dem Bewußtsein entziehen. Corso war sich dann in nichts sicher, nicht einmal seiner selbst, wenn er die Augen aufschlug, während der ersten dreißig Sekunden, in denen der Körper schneller wach wird als das Denk- oder Erinnerungsvermögen.
   Er setzte sich vor den Computer, ordnete seine Notizhefte und verschiedene Nachschlagewerke auf einem Tisch zu seiner Linken an. Die Neun Pforten und das Dossier von Varo Borja legte er nach rechts. Dann lehnte er sich in den Stuhl zurück, zündete eine Zigarette an und ließ sie fünf Minuten lang in seinen Fingern vor sich hinqualmen, ohne sie zum Mund zu führen. Während dieser Zeit tat er nichts als schluckweise den restlichen Gin zu trinken, auf den leeren Bildschirm zu starren und auf das Pentagramm, das den Deckel des Buches schmückte. Endlich gab er sich einen Ruck, drückte den Zigarettenstummel in einem Aschenbecher aus, rückte seine verbogene Brille auf der Nase zurecht und begann zu arbeiten. Varo Borjas Dossier stimmte mit Crozets Enzyklopädie der Drucker und der kuriosen Buchraritäten überein:
   TORCHIA, Aristide. Venezianischer Buchdrucker, Graveur und Buchbinder (l620-1667). Signet: eine Schlange und ein Baum, in den der Blitz einschlägt. Lehre in der Werkstatt der Elzeviers in Leiden (Holland). Nach Venedig zurückgekehrt, gibt er eine Reihe von kleinformatigen Werken (Duodezformat, Sedezformat) zu Themen der Philosophie und des Okkultismus heraus, die großen Anklang finden.
   Besonders hervorzuheben sind Die Geheimnisse der Weisheit von Nicola Tamisso (3 Bde., Duodezformat, Venedig 1650) und ein kurioser Schlüssel zum Gefängnis der Gedanken (1 Bd., 132 x 75 mm, Venedig 1653). Die drei Bücher über die Kunst von Paolo d’Este (6 Bde., Oktavformat, Venedig 1658), Ausführliche Erklärung der Hieroglyphen und Arcana (1 Bd., Oktavformat, Venedig 1659), ein Nachdruck von Bernardo Trevisanos Das Zauberwort (1 Bd., Oktavformat, Venedig 1661) und Die neun Pforten ins Reich der Schatten (1 Bd., in Folio, Venedig 1666). Der Druck des letztgenannten Buches führt zu seiner Verhaftung durch die Inquisition. Seine Werkstatt wird mit dem gesamten gedruckten oder noch zu druk-kenden Material zerstört. Torchia erleidet dasselbe Schicksal wie sein Werk. Wegen Schwarzer Magie und Hexerei zum Tode verurteilt, stirbt er am 17. Februar 1667 auf dem Scheiterhaufen.
   Corso legte den Ordner beiseite, um die erste Seite des Buches zu studieren, das den Venezianer das Leben gekostet hatte. DE UMBRARUM REGNI NOVEM PORTIS lautete der Titel. Darunter folgte das sogenannte Signet, das Zeichen des Druk-kers, das manchmal nur die Form eines simplen Monogramms hat, aber auch eine komplizierte Illustration sein kann. Im Fall Aristide Torchias bestand es aus einem Baum, von dem der Blitz einen Ast abspaltet. Eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, ein ouroboros, kringelte sich um seinen Stamm. Die Abbildung wurde von dem Motto Sie Luceat Lux begleitet: So erstrahle das Licht. Am Fuß der Seite Ort, Name und Datum: Venetiae, apud Aristidem Torchiam. Gedruckt in Venedig, im Hause von Aristide Torchia. Und darunter: M.DC.LX.VI. Cum superiorum privilegio veniaque. Mit Privileg und Genehmigung der Obrigkeiten. Corso tippte weiter:
   Exemplar ohne Exlibris und ohne handschriftliche Anmerkungen. Dem Auktionskatalog der Terral-Coy-Sammlung (Claymore, Madrid) zufolge vollständig. Fehler bei Mateu (spricht von 8 statt 9 Holzschnitten in diesem Exemplar). In Folio. 299 x 215 mm. Unbedruckter Vorsatz, 160 Seiten und 9 Holzschnitte außerhalb des Textes, von I bis VIIII durchnumeriert. Seiten: 1 Titelseite mit Druckermarke, 157 Textseiten. Die letzte weiß, ohne Kolophon. Holzschnitte alle Recto, blattgroß. Verso weiß.
   Er untersuchte genauestens eine Abbildung nach der anderen. Varo Borja zufolge stammten die Originalzeichnungen ja aus der Feder des leibhaftigen Teufels. Jeder Holzschnitt wurde von einer römischen Ordinalzahl und ihrer jeweiligen Entsprechung im Hebräischen und Griechischen begleitet, sowie von einem lateinischen Satz, der mit Abkürzungen verschlüsselt war. Corso fuhr fort zu schreiben:
   I.    NEM. PERV.TQVIN.NLEG. CERT.RIT: Ein Ritter reitet auf eine Stadt zu, die mit einer Stadtmauer umgeben ist. Er legt den Zeigefinger an die Lippen, als gemahne er zur Vorsicht oder zum Schweigen.
   II.    CLAVS. PAT.T: Ein Eremit, der zwei Schlüssel in der Hand hält, steht vor einer verschlossenen Tür. Auf dem Boden steht eine Laterne. Er wird von einem Hund begleitet. Neben ihm ist ein Zeichen abgebildet, das dem hebräischen Buchstaben Teth ähnelt.
   III.    VERB. D.SVM C.S.TARCAN.: Ein Wanderer oder Pilger geht auf eine Brücke zu, die über einen Fluß führt.
   Sie ist an beiden Enden mit einem Turm bewehrt, dessen Tore verschlossen sind. Von einer Wolke aus zielt ein Bogenschütze auf den Weg, der zu der Brücke führt.
   IIII. Die lateinische Zahl ist so dargestellt, nicht in ihrer üblichen Form IV) FOR. N.N OMN. A.QVE: Ein Narr mit Schellenkappe steht vor einem Labyrinth aus Stein, dessen Eingangstür auch hier verschlossen ist. Auf dem Boden liegen drei Würfel, von denen jeweils drei Seiten mit einem, zwei und drei Punkten zu sehen sind.
   V. FR.ST.A: Ein Geizhals oder Kaufmann zählt einen Sack Goldstücke ab. Hinter seinem Rücken steht der Tod, in einer Hand eine Sanduhr und in der anderen eine Heugabel.
   VI.    DIT.SCO M.R.: Hier ist die Figur des Gehängten dargestellt, wie man ihn aus den Tarotkarten kennt. Er hat die Hände auf dem Rücken gefesselt und hängt an einem Bein von der Mauerzinne einer Burg. Neben ihm ein Turm mit verschlossenem Tor. Aus einer Schießscharte des Turmes reckt ein Arm mit Panzerhandschuh ein brennendes Schwert heraus.
   VII.    DIS.S P.TI.R M.: Ein König und ein Bettler spielen Schach. Das Schachbrett hat ausschließlich weiße Felder. Durch ein Fenster, das sich neben einer verschlossenen Tür befindet, scheint der Mond in den Raum. Unter dem Fenster raufen zwei Hunde.
   VIII.    VIC. I.T VIR.: Ein Scharfrichter mit erhobenem Schwert schickt sich an, eine Frau zu enthaupten, die mit entblößtem Hals vor einer Stadtmauer kniet. Im Hintergrund ein Glücksrad, auf dem sich drei menschliche Figuren in unterschiedlichen Positionen befinden: eine auf dem Scheitelpunkt, eine in aufsteigender, eine in absteigender Richtung.
   VIIII. (Auch diese Zahl ist so dargestellt, anstatt des üblichen IX) N.NC SC.O TEN.BR. LVX: Auf einem siebenköpfigen Drachen reitet eine nackte Frau, die ein geöffnetes Buch in der Hand hält. Ein Halbmond, der in ihrem Schoß liegt, verdeckt ihr Geschlecht. Im Hintergrund eine brennende Burg auf einem Hügel, deren Tor - wie die Türen der anderen acht Holzschnitte - verschlossen ist.






















   Er hörte auf zu tippen, streckte seine steifen Glieder und gähnte. Vom Lichtkegel seiner Arbeitslampe und dem Bildschirm des Computers abgesehen, lag das Zimmer im Dunklen. Durch die Scheiben der Glasveranda drang das schwache Licht der Straßenlaternen zu ihm herauf. Er trat auf den Balkon, um in die Nacht hinauszuspähen, obwohl er eigentlich nicht wußte, was er dort zu sehen erwartete. Vielleicht einen Wagen mit gelöschten Scheinwerfern, an den Bordstein geparkt, und die Umrisse einer schwarzen Gestalt hinterm Steuer. Aber bis auf die Sirene eines Krankenwagens, die sich zwischen den massigen dunklen Häuserblocks verlor, fiel ihm nichts auf. Sein Blick wanderte zur Uhr eines nahegelegenen Kirchturms: Es war fünf Minuten nach Mitternacht.
   Er setzte sich wieder vor den Computer und das Buch und betrachtete noch einmal die erste Abbildung, das Signet auf der Titelseite mit der Schlange, die Aristide Torchia sich als Symbol ausgewählt hatte. Sic Luceat Lux. Schlangen und Teufel, Beschwörungsformeln und okkulte Zeichen. Corso hob sein Glas und trank voller Sarkasmus auf das Andenken des Druckers. Er mußte entweder sehr mutig oder sehr dumm gewesen sein. Im Italien des 17. Jahrhunderts bezahlte man solche Scherze teuer, auch wenn man cum superiorum privilégia veniaque druckte.
   Moment mal ... Corso starrte in eine Ecke des dunklen Zimmers und verfluchte sich laut. Warum war er da nicht früher draufgekommen? Mit Privileg und Genehmigung der Obrigkeiten? Das konnte ja gar nicht sein!
   Seine Augen blickten unverwandt auf die Buchseite, während er sich zurücklehnte und noch eine seiner zerknitterten Zigaretten anzündete. Ihr Rauch stieg spiralförmig im Lichtschein der Lampe auf und bildete einen dünnen, grauen Vorhang, hinter dem die gedruckten Zeilen sich wellten.
   Dieses cum superiorum privilégia veniaque war völlig absurd! Oder aber meisterhaft subtil. Unmöglich, daß dieses Imprimatur, diese Druckerlaubnis, von einer der herkömmlichen Obrigkeiten erteilt worden war. Die katholische Kirche hätte im Jahr 1666 niemals ein Buch genehmigt, dessen unmittelbarer Vorgänger - das Delomelanicon - bereits seit fünfundfünfzig Jahren auf dem Index der verbotenen Schriften stand. Demnach bezog Aristide Torchia sich also nicht auf eine Druckerlaubnis der kirchlichen Zensoren. Und auch nicht auf die der weltlichen Behörde, die dafür zuständig gewesen wäre, die Regierung der Republik Venedig. Er mußte zweifellos anderen Obrigkeiten gehorcht haben ...
   Corso wurde vom Läuten des Telefons unterbrochen. Es war Flavio La Ponte, der ihm erzählen wollte, daß er zusammen mit einem Posten Bücher - En-bloc-Angebot: alles oder nichts -eine Kollektion europäischer Straßenbahnfahrscheine gekauft hatte. 5 775, um genau zu sein. Alle Nummern Palindrome, in Schuhkartons nach Ländern geordnet. Ja, das meinte er im Ernst. Der Sammler war vor kurzem gestorben, und seine Familie hatte den Plunder loswerden wollen. Kannte Corso nicht jemanden, der eventuell daran interessiert war? Natürlich, La Ponte wußte, daß es nur einem Fanatiker oder Irren einfallen konnte, 5775 Fahrscheine mit Zahlenpalindromen zusammenzutragen, ein absolut nutzloses Unternehmen. Wer sollte so einen Quatsch kaufen? Doch, die Idee war vielleicht gut: das Londoner Verkehrsmuseum. Diese Engländer mit ihren Perversionen ... Ob Corso sich um diese Sache kümmern könnte?
   Was das handschriftliche Kapitel Dumas’ betraf, so war auch La Ponte etwas besorgt. Er hatte zwei anonyme Telefonanrufe erhalten - ein Mann und eine Frau, die sich für den Vin d’Anjou interessierten, und das war seltsam, denn er hatte in Erwartung des Gutachtens mit keinem über diese Angelegenheit gesprochen. Corso berichtete ihm von seiner Unterhaltung mit Liana Taillefer und davon, daß er selbst ihr gesagt hatte, wer der neue Besitzer des Manuskripts war.
   »Sie kannte dich von deinen Besuchen bei dem Verblichenen, und übrigens«, fiel ihm wieder ein, »sie möchte eine Kopie deiner Quittung haben.«
   Am anderen Ende der Leitung erklang dröhnendes Gelächter. Eine Quittung, das konnte sie sich aus dem Kopf schlagen. Taillefer hatte ihm die Handschrift verkauft und damit basta. Aber wenn die Witwe die Sache noch einmal persönlich mit ihm besprechen wollte - La Ponte lachte anzüglich -, so stand dem von seiner Seite nichts im Wege. Corso fragte ihn, ob es nicht möglich sei, daß der Verleger vor seinem Tod mit irgend jemandem über das Manuskript gesprochen habe, aber sein Freund war skeptisch. Taillefer hatte nachdrücklich darauf bestanden, daß er den Mund hielt, bis er selbst ihm einen entsprechenden Hinweis geben würde. Und das hatte er zum Schluß unterlassen, es sei denn, man interpretierte seinen Selbstmord als Hinweis.
   »Warum nicht?« fragte Corso. »Das wäre doch kein schlechter Hinweis.«
   La Ponte ließ ein zynisches Lachen vernehmen und wollte dann nähere Einzelheiten über den Besuch bei Liana Taillefer wissen, den er mit obszönen Bemerkungen kommentierte. Dann beendeten beide das Gespräch, ohne daß Corso ihm von seinem Erlebnis in Toledo berichtet hätte.
   Nachdem er eingehängt hatte, wandte sich der Bücherjäger wieder den Neun Pforten zu, aber es wollte ihm nicht mehr gelingen, sich darauf zu konzentrieren. Seine Gedanken kreisten um das Dumas-Manuskript. Eine innere Stimme sagte ihm, daß zwischen dem Vin d’Anjou und dem Anschlag, der in Toledo auf ihn verübt worden war, eine Verbindung bestand, auch wenn er diese Ahnung nicht begründen konnte. Er wußte nur, daß er seit seinem Besuch bei der Witwe Taillefer eine seltsame Unruhe mit sich herumtrug. Schließlich holte er den Ordner mit den blauen und weißen Blättern, massierte sich die schmerzende Hand und rief die DUMAS-Dateien im Computer auf. Der Bildschirm begann zu blinken. Unter dem Dateinamen BIO fand er folgendes:
   Dumas, Alexandre (Alexandre Davy de la Pailleterie). Geboren am 24.7.1802. Gestorben am 5.12.1870. Sohn des Thomas Alexandre Dumas, General der Republik. Autor von 257 Romanen, Memoiren und anderen Erzählungen. 25 Theaterstücke. Hat exotische Gesichtszüge, da väterlicherseits Mulatte. Außeres Erscheinungsbild:    groß gewachsen,
   kraftstrotzend, mächtiger Hals, Kraushaar, fleischige Lippen, lange Beine. Charaktereigenschaften: vergnügungssüchtig, dominant, schwindlerisch, unzuverlässig, jovial. Hatte mindestens 27 Geliebte, zwei eheliche und vier uneheliche Kinder. Verdiente mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein Vermögen, das er für Feste, Reisen, teure Weine und Blumenarrangements verschwendete oder sich von den Geliebten, Freunden und Schmarotzern abknöpfen ließ, die ihn in seinem Schloß belagerten. Seine Freigebigkeit brachte ihn schließlich an den Rand des Ruins. Nicht politische Gründe, wie im Fall seines Freundes Victor Hugo, sondern die Gläubiger zwangen ihn zur Flucht aus Paris. Freunde: Hugo, Lamartine, Michelet, Gérard de Nerval, Nodier, George Sand, Berlioz, Théophile Gautier, Alfred de Vigny u. a. Feinde: Balzac, Badère u. a.
   Nein, das brachte ihn nicht weiter. Unzählige Fährten, die falsch oder nutzlos waren: Corso hatte das Gefühl, im dunkeln zu tappen. Und doch mußte es irgendwo einen Anhaltspunkt geben. Mit seiner gesunden Hand gab er den Dateinamen DUMAS.NOV ein:
   Romane von Alexandre Dumas, die in Fortsetzungen erschienen sind: 1831: Historische Szenen (Revue des Deux Mondes). 1834: Jacques I et Jacques II (Journal des Enfants). 1835: lsabel de Bavière (Dumont). 1836: Murat (La Presse). 1837: Pascal Bruno (La Presse). Die Geschichte eines Tenors (Gazette Musicale). 1838: Lecomte Horace (La Presse). La salle d’armes (Dumont). Le capitaine Paul (Le Siècle). 1839: Jacques Ortis (Dumont). Leben und Abenteuer des John Davis (Revue de Paris).Le capitaine Panphile (Dumont). 1840: Mémoires d’un maître d’armes (Revue de Paris). 1841: Der Chevalier von Harmental (Le Siècle). 1843: Sylvandire (La Presse). Das Brautkleid (La Mode). Albine (Revue de Paris). Ascanio (Le Siècle). Fernande (Revue de Paris). Amaury (La Presse). 1844: Die drei Musketiere (Le Siècle). Gabriel Lambert (La Chronique). Eine Tochter des Regenten (Le Commerce). Eine korsische Familie (Démocratie Pacifique).Der Graf von Monte Christo (Journal des Débats). La comtesse Berthe (Hetzel). Die Geschichte eines Nußknackers (Hetzel). Die Königin Margot (La Presse). 1845: Nanon de Lartigues (La Patrie). Zwanzig Jahre nachher (Le Siècle). Der Chevalier von Maison-Rouge (Démocratie Pacifique). Die Dame von Monsoreau (Le Constitutionnel). Madame de Condé (La Patrie). 1846: La vicomtesse de Cambes (La Patrie). Der Bastard von Mauleon (Le Commerce). Joseph Balsamo (La Presse). L’abbesse de Pessac (La Patrie). 1847: Die Fünfundvierzig (Le Constitutionnel). Der Graf von Bragelonne (Le Siècle). 1848: Das Halsband der Königin (La Presse). 1849: Die fünf Ehen des Vaters Olifus (Le Constitutionnel). 1850: Gott lenkt (Événement). Die schwarze Tulpe (Le Siècle). Histoire d’une colombe (Le Siècle). Ange Pitou (La Presse). 1851: Olympia von Clèves (Le Siècle).1852: Gott und Teufel (Le Pays). Die Gräfin von Charny (Cadot). Isaak Laquedem
   (Le Constitutionnel). 1853: Le pasteur d’Ashbourne (Le Pays). Catherine Blum (Le Pays). 1854: Vie et aventures de Catherine-Charlotte (Le Mousquetaire). Le Gentilhomme de la montagne (Le Mousquetaire). Die Mohicaner von Paris (Le Mousquetaire). Le capitaine Richard (Le Siècle). Le page du duc de Savoie (Le Constitutionnel). 1856: Die Genossen Jehus (Journal pour tous). 1857: Le dernier roi de Saxe (Le Monte-Cristo). Der Wolfsführer (Le Siècle). Le chasseur de sauvagine (Cadot). Black (Le Constitutionnel). 1858: Die Wölfinnen von Machecoul (Journal pour Tous). Mémoires d’un policier (Le Siècle). La maison de glace (Le Monte-Cristo). 1859: Ammalat-Beg (Moniteur Universel). L’histoire d’un cabanon et d’un chalet (Revue Européenne). 1860: Memoiren des Dichters Quintus Horatius Flaccus (Le Siècle). Le père la ruine (Le Siècle). La marquise d’Escoman (Le Constitutionnel). Jane (Le Siècle). 1861: Eine Nacht in Florenz (Lévy-Hetzel). 1862: Der Freiwillige von 92 (Le Monte-Cristo). 1863: La San Felice (La Presse). 1864: Die beiden Dianen (Lévy). Ivanhoë: (Pub. du Siècle). 1865: La dame de volupté (Avenir National). Le Comte de Moret (Les Nouvelles). 1866: Un cas de conscience (Le Soleil). Pariser und Provinzler (La Presse). 1867: Les blancs et les bleus (Le Mousquetaire). La terreur prussienne (La Situation). 1869: Hector de Sainte-Hermine (Moniteur Universel). Der geheimnisvolle Arzt (Le Siècle). La fille du marquis (Le Siècle).
   Er lachte in sich hinein und fragte sich, was der verstorbene Enrique Taillefer wohl dafür gegeben hätte, alle diese Titel zu besitzen. Seine Brille hatte sich beschlagen, also nahm er sie ab und putzte sorgfältig die Gläser. Die Zeilen auf dem Monitor waren nun undeutlich und verschwommen wie die seltsamen Bilder, die ihm durch den Kopf schwirrten und die er nicht recht einzuordnen wußte - auch dann nicht, als er die gesäuber-te Brille aufsetzte und die Bildschirmseite wieder scharf vor seinen Augen stand. Und doch glaubte Corso jetzt, auf dem richtigen Weg zu sein. Er suchte weiter:
   Baudry, Herausgeber von Le Siècle. Veröffentlicht die Drei Musketiere zwischen dem 14. März und dem 11. Juli 1844.
   Andere Dateien, die er aufrief, enthielten Informationen über die Mitarbeiter, von denen Dumas sich bei seiner literarischen Tätigkeit hatte unterstützen lassen. Das waren insgesamt zweiundfünfzig gewesen, und mit den meisten von ihnen hatte er sich über kurz oder lang zerstritten. Aber Corso interessierte nur ein Name:
   Maquet, Auguste-Jules. 1813- 1886. Verfaßt gemeinsam mit Alexandre Dumas verschiedene Theaterstücke, 19 Romane (darunter so bekannte wie Der Graf von Monte Christo, Der Chevalier von Maison-Rouge, Die schwarze Tulpe, Das Halsband der Königin) und vor allem die Trilogie der Drei Musketiere. Seine Zusammenarbeit mit Dumas verhilft ihm zu Berühmtheit und Reichtum. Während Dumas im Alter völlig verarmt, stirbt Maquet als reicher Mann auf seinem Schloß in Saint-Mesme. Keines der Werke, die er ohne Dumas geschrieben hat, überlebt ihn.
   Corso rief die Datei mit der Kurzbiographie Dumas’ auf. Sie enthielt Auszüge aus den Memoiren des Romanciers:
   Wir - also Hugo, Balzac, Soulié, De Musset und ich - waren die Erfinder der leichten Literatur. Und wir haben es geschafft, uns mit dieser Art von Literatur einen Namen zu machen, so leicht sie auch gewesen sein mag ...
   Meine Phantasie verhält sich der Realität gegenüber etwa so wie ein Mann, der die Ruine eines zerstörten Bauwerks besichtigt, über Trümmer klettert, geheime Gänge erforscht, sich durch niedrige Einlasse zwängt, um mit Hilfe seiner Vorstellungskraft das ursprüngliche Aussehen des Gebäudes wiederherzustellen, als es voller Leben war, als die Freude es mit Liedern und Gelächter füllte und der Schmerz sich in wilden Schluchzern Luft machte.
   Corso wandte sich entnervt von seinem Computer ab. Der Eindruck von vorher, endlich auf der richtigen Fährte zu sein, hatte sich verflüchtigt und in die letzten Winkel seines Gedächtnisses verkrochen, ohne daß es ihm gelungen wäre, ihn mit etwas Konkretem in Verbindung zu bringen. Er stand auf und machte ein paar Schritte durch das dunkle Zimmer. Danach richtete er den Schein seiner Arbeitslampe auf einen Stoß Bücher, der auf dem Boden lag: eine moderne Ausgabe der Memoiren von Alexandre Dumas dem Älteren. Er bückte sich nach zwei dicken Bänden, trug sie zum Tisch und begann sie durchzublättern, bis er auf drei Fotografien stieß. Auf einer von ihnen war Dumas, dem man seinen afrikanischen Vater deutlich ansah, im Sitzen abgelichtet; lächelnd betrachtete er Elisabeth Constant, die, so las Corso in der Bildunterschrift, gerade fünfzehn Jahre alt war, als sie die Geliebte des Romanciers wurde. Das zweite zeigte den Nestor des Fortsetzungsromans in fortgeschrittenem Alter, auf dem Gipfel seines Erfolgs; mit gutmütiger, heiterer Miene posierte er neben seiner Tochter Marie. Am amüsantesten und aufschlußreichsten fand Corso jedoch das dritte Foto: Es zeigte den fünfundsechzigjährigen Dumas mit weißem Haar, aber immer noch stattlicher Erscheinung, den Gehrock über dem mächtigen Kugelbauch geöffnet, wie er Adah Menken umarmt, eine seiner letzten Geliebten, »der es gefiel, sich leicht geschürzt mit den großen Männern ihres Lebens fotografieren zu lassen, besonders nach spiritistischen Sitzungen und Schwarzer Magie, deren große Anhängerin sie war« - so lautete die Bildlegende.
   Tatsächlich waren Beine, Arme und Hals der Menken auf dem Foto entblößt, was in der damaligen Zeit wohl einem Skandal gleichkam. Die junge Frau, die der Kamera mehr Aufmerksamkeit schenkte als dem Objekt ihrer Umarmung, hatte den Kopf an die mächtige Schulter des Greises gelehnt. Und was diesen selbst betraf, so kündete sein Gesicht von einem langen Leben in Saus und Braus. Er hatte die drallen Wangen eines Genußmenschen, und um seine Lippen spielte ein sattes, ironisches Lächeln. Die Augen betrachteten den Fotografen mit spöttischem Hintersinn, als wolle er ihn zu seinem Verbündeten machen. Der dickleibige Alte mit dem unzüchtigen, feurigen Mädchen, das ihn wie eine seltene Trophäe vorzeigte - ihn, dessen Romanhelden und Abenteuer so viele Frauen zum Träumen brachten: Man hatte den Eindruck, der alte Dumas bitte um Verständnis dafür, daß er der Grille einer jungen Göre nachgab, die sich partout mit ihm fotografieren lassen wollte - aber sie war auch verdammt hübsch, die Kleine mit der samtigen Haut und den glühenden Lippen, die ihm das Leben auf dem letzten Wegabschnitt, drei Jahre vor seinem Tod, noch beschert hatte. Der alte Lüstling.
   Corso schloß das Buch mit einem Gähnen. Seine Armbanduhr, ein altmodischer Chronometer, den er oft aufzuziehen vergaß, war auf Viertel nach zwölf stehengeblieben. Er trat auf die Veranda hinaus, öffnete eines der Schiebefenster und sog die frische Nachtluft ein. Die Straße machte nach wie vor einen völlig ausgestorbenen Eindruck.
   >Wie seltsam das alles istx, dachte er, während er zu seinem Schreibtisch zurückging, um den Computer abzuschalten. Seine Augen fielen auf den Aktenordner mit dem DumasManuskript, er schlug ihn mechanisch auf und nahm sich noch einmal die fünfzehn Blätter mit den zweierlei Handschriften vor: elf waren hellblau und vier weiß. >Apres des nouvelles presque désespérées du roi ...< >Nach den fast hoffnungslos klingenden Nachrichten über das Befinden des Königs ...< Corso ging zu dem Stoß Bücher auf dem Boden und wählte einen dicken roten Wälzer aus - eine anastatische Ausgabe von J. C. Lattes, 1988 -, der die gesamte Trilogie der Drei Musketiere enthielt sowie den Grafen von Monte Christo in der kurz nach Dumas’ Tod erschienenen Ausgabe von Le Vasseur mit Kupferstichen. Auf Seite 144 fand er das Kapitel mit der Überschrift Le vin d’Anjou und begann zu lesen, wobei er mit der Originalhandschrift verglich. Bis auf ein paar kleine Errata waren die beiden Texte identisch. Im Buch war das Kapitel mit zwei Zeichnungen von Maurice Leloir illustriert, die Huyot gestochen hatte: König Ludwig XIII. eilt mit zehntausend Mann zur Belagerung von La Rochelle. Im Vordergrund vier Reiter seines Geleits, Musketen in der Hand, mit breitkrempigem Hut und Uniformrock der Kompanie de Tréville; bei dreien von ihnen handelte es sich mit Sicherheit um Athos, Porthos und Aramis. Kurz darauf würden sie sich mit ihrem Freund d’Artagnan treffen, der als einfacher Kadett in der Gardekompanie des Herrn Des Essarts dient. Zu diesem Zeitpunkt weiß der Gascogner noch nicht, daß die Flaschen mit Anjouwein ein vergiftetes Geschenk seiner Todfeindin Milady de Winter sind, mit denen sie sich dafür rächen will, daß d’Artagnan sie so schmählich gekränkt hat. Diesem ist es nämlich mit einem Täuschungsmanöver gelungen, sich Zugang ins Bett der Spionin Richelieus zu verschaffen und in den Genuß einer Liebesnacht zu kommen, die eigentlich dem Grafen von Wardes zugestanden hätte. Als wäre das nicht genug, hat d’Artagnan zufällig auch noch das schreckliche Geheimnis Miladys entdeckt: die Lilie auf ihrer Schulter, das Schandmal, mit dem sie vom Henker gebrandmarkt worden ist.
   In Anbetracht dieser Vorgeschichte und des Charakters von Milady versteht man auch die Szene, die auf dem zweiten Kupferstich dargestellt ist: Vor den erschrockenen Augen d’Artagnans und seiner Kameraden verendet ihr Diener Brisemont unter fürchterlichen Qualen, weil er von dem Wein getrunken hat, der für seinen Herrn bestimmt war. Völlig im Bann der spannenden Erzählung, die er seit zwanzig Jahren nicht mehr gelesen hatte, gelangte Corso zu der Stelle, in der die drei Musketiere und d’Artagnan über Milady sprechen:
   »Ihr seht, lieber Freund«, sagte d’Artagnan zu Athos, »es ist ein Krieg aufleben und Tod!«
   Athos schüttelte den Kopf. »Ja, das sehe ich. Aber glaubt Ihr, sie ist es?«
   »Das steht fest!«
   »Doch ich muß Euch eingestehen, ich zweifle noch immer daran.«
   »Und die Lilie auf der Schulter?«
   »Vielleicht eine Engländerin, die irgendein Verbrechen in Frankreich begangen hat und dafür gebrandmarkt worden ist.«
   »Aber ich sage Euch, es ist Eure Frau, Athos«, antwortete d’Artagnan. »Erinnert Ihr Euch nicht, wie sehr sich die beiden Beschreibungen gleichen?«
   »Ich glaubte, sie wäre tot; ich hatte sie so gut gehenkt!« D’Artagnan schüttelte nun den Kopf.
   »Aber was läßt sich jetzt tun?« fragte er.
   »Man kann nicht ewig mit einem Damoklesschwert über dem Haupt leben«, sagte Athos. »Man muß aus dieser Lage herauskommen.«
   »Aber wie?«
   »Hört! Sucht mit ihr zusammenzukommen und Euch mit ihr auseinanderzusetzen! Sagt zu ihr: Entweder Krieg oder Frieden! Mein Wort als Edelmann, daß ich nie etwas von Euch sagen, nie etwas gegen Euch unternehmen werde. Dafür schwört mir feierlich, daß Ihr mir gegenüber neutral bleiben wollt. Wenn nicht, so suche ich den Kanzler, den König, den Henker auf; ich hetze den Hof gegen Euch, zeige Euch als gebrandmarkt an, lasse Euch vor Gericht stellen, und wenn man Euch freispricht, so töte ich Euch, so wahr ich ein Edelmann bin, am nächsten besten Eckstein, gerade wie ich einen tollen Hund töten würde.«
   »Das wäre mir schon recht«, sagte d’Artagnan.
   Eine Erinnerung zieht andere Erinnerungen nach sich. Auf einmal war es Corso, als husche eine vertraute Gestalt durch seine Gedanken. Er schaffte es, sie zu fixieren, bevor sie ihm entschwinden konnte. Es war wieder der Typ in der schwarzen Livree, der Chauffeur des Jaguars vor Liana Taillefers Haus, der Fahrer des Mercedes in Toledo ... Der Mann mit der Narbe. Und es war Milady gewesen, die ihn aus seinem Gedächtnis heraufbeschworen hatte. Er dachte verwirrt über diesen Umstand nach. Und plötzlich stand klar und deutlich ein Bild vor seinen Augen. Milady, natürlich. Milady de Winter, wie d’Artagnan sie zum erstenmal sieht: im ersten Kapitel des Romans, den Kopf wie eingerahmt im Fenster ihrer Kutsche vor dem Gasthof in Meung. Milady im Gespräch mit einem Unbekannten ... Corso blätterte das Buch rasch durch und hatte die betreffende Stelle bald gefunden:
   ... ein etwa vierzig- bis fünfundvierzigjähriger Mann mit stechenden schwarzen Augen, bleicher Gesichtsfarbe, stark hervortretender Nase und schwarzem, sauber gestutztem Schnurrbart.
   Rochefort. Der üble Geheimagent des Kardinals, der Feind d’Artagnans, der es soweit bringt, daß man im ersten Kapitel mit Stöcken, Schaufeln und Feuerzangen über den jungen Gascogner herfällt, der Edelmann, der ihm den Empfehlungsbrief an Herrn de Treville stiehlt und der indirekt daran schuld ist, daß d’Artagnan sich beinahe mit Athos, Porthos und Aramis duelliert ... Nach dieser Gedächtnispirouette, die zu einer ungewöhnlichen Assoziation von Gedanken und Figuren geführt hatte, kratzte Corso sich ratlos am Kopf. Was verband den Begleiter Miladys mit dem Chauffeur, der ihn in Toledo hatte überfahren wollen? Und dann die Narbe - in dem Abschnitt, den er soeben gelesen hatte, war keine Rede davon. Und doch mußte Rochefort ein Mal im Gesicht gehabt haben, daran erinnerte er sich gut. Er blätterte in dem Buch herum, bis er im dritten Kapitel die Bestätigung seiner Vermutung fand, dort, wo d’Artagnan Herrn de Treville von seinem Abenteuer erzählt:
   »Sagt, hatte dieser Edelmann nicht eine leichte Narbe auf der Backe?« »Ja, wie von einem Streifschuß.«
   Eine leichte Narbe auf der Backe. So stand es schwarz auf weiß geschrieben, aber Corso erinnerte sich an eine »große Narbe«, wie die des schwarzlivrierten Chauffeurs. Er dachte angestrengt nach, bis er schließlich laut hinauslachte. Jetzt war die Szene komplett und in Farbe: Lana Turner in den Drei Musketieren hinter einem Kutschenfenster, und ein entsprechend grimmig wirkender Rochefort: Er war nicht fahl, wie in Dumas’ Roman, sondern braungebrannt, mit einem Federhut auf dem Kopf, und hatte tatsächlich eine große Narbe, die seine rechte Wange von der Schläfe bis zum Kinn durchzog. Dann gingen seine Erinnerungen also auf einen Film zurück und nicht auf ein Buch. Corso schüttelte, verzweifelt und belustigt zugleich, den Kopf. Verdammtes Hollywood.
   Aber von Filmen und Zelluloid einmal abgesehen, herrschte jetzt endlich ein wenig Ordnung in seinem Kopf. Unter einem gemeinsamen, wenn auch geheimen Notenschlüssel verbanden sich versprengte Töne zu einer rätselhaften Melodie. Die vage Unruhe, die Corso seit seinem Besuch bei der Witwe Taillefer empfand, begann konkrete Formen anzunehmen. Gesichter, Schauplätze und Gestalten zwischen dem Fiktiven und dem Realen waren auf seltsame und noch undurchsichtige Weise miteinander verknüpft: Dumas und ein Buch aus dem 17. Jahrhundert, der Teufel und Die drei Musketiere, Milady und die Scheiterhaufen der Inquisition - so absurd und romanhaft dies alles auch anmutete.
   Corso löschte das Licht und ging ins Bett, aber er fand lange keinen Schlaf. Da war ein Bild, das ihm einfach nicht aus dem Sinn wollte - mit offenen Augen sah er es vor sich in der Dunkelheit schweben. Es war eine Landschaft, die Landschaft seiner Jugendlektüren, bevölkert mit Schatten, die nun, zwanzig Jahre später, die Gestalt von Gespenstern annahmen und in greifbare Nähe rückten. Die Narbe. Rochefort. Der Mann aus Meung. Der Meuchelmörder seiner Eminenz.


V. Remember

   Er saß, wie ich ihn verlassen hatte,
   in seinem Lehnstuhl vor dem Kamin.
   A. Christie, Alibi

   Ich glaube, es war wenige Tage vor seiner Abreise nach Portugal, als Corso sich zum zweitenmal an mich wandte. Wie er mir später gestand, ahnte er zu diesem Zeitpunkt bereits, daß die Neun Pforten von Varo Borja und das Dumas-Manuskript nur die Spitze eines Eisbergs waren und daß er, um hinter ihr Geheimnis zu kommen, zuerst den anderen Geschichten auf den Grund gehen mußte, die mindestens ebenso fest miteinander verknotet waren wie die Krawatte um Enrique Taillefers Hände. Das war sicher nicht einfach, da es in der Literatur nie klare Grenzen gibt. Dort baut eins auf dem anderen auf, die Dinge sind ineinander verschachtelt wie die hohlen Holzfiguren einer Babuschka, überlagern sich manchmal zu einem komplizierten Spiel zwischen den Zeilen, sogar eine Art Spiegelkabinett kann entstehen, in das sich nur die Dümmsten oder aber Selbstsichersten unter meinen Kollegen mit der Überzeugung hineinwagen, ein Tatbestand sei zweifelsfrei zu klären, eine literarische Patenschaft eindeutig festzulegen. Mancher Standpunkt ist ebenso anfechtbar wie etwa die Behauptung, Robert Ranke-Graves sei von Quo Vadis geprägt und nicht von Sueton oder Apollonios von Rhodos. Ich für meinen Teil weiß nur, daß ich nichts weiß. Und wenn ich eine bestimmte Information benötige, dann schlage ich in den Büchern nach, deren Gedächtnis nie versagt.
   »Der Graf von Rochefort ist eine der wichtigsten Nebenfiguren in den Drei Musketieren«, erklärte ich Corso, als er mich zum zweitenmal aufsuchte. »Er ist ein Agent des Kardinals und Freund von Milady. Er ist aber auch der erste Feind, den d’Artagnan sich macht, und ich kann Ihnen sogar genau sagen, wann: am ersten Montag im April des Jahres 1625 in Meung-sur-Loire. Ich spreche natürlich von dem fiktiven Rochefort, obwohl in den Memoiren des echten d’Artagnan von Gatien de Courtilz eine ähnliche Gestalt unter dem Namen Rosnas auftaucht. Aber den Rochefort mit der Narbe, wie wir ihn aus den Drei Musketieren kennen, hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Dumas entnahm diese Figur einem anderen Buch, den Mémoires de MLCDR (Monsieur le comte de Rochefort), die ebenfalls Courtilz zugeschrieben werden und wahrscheinlich apokryph sind. Ich sage wahrscheinlich, weil auch schon vermutet wurde, es handle sich um Henri-Louis de Aloigny, den Marquis de Rochefort, der ums Jahr 1625 geboren wurde. Aber das ist doch eine sehr gewagte Hypothese.«
   Ich betrachtete die Lichter des Abend Verkehrs, der auf dem Boulevard vorbeifloß, draußen, vor dem Fenster des Cafés, in dem ich mich regelmäßig mit Freunden zu einem literarischen Stammtisch treffe. Wir saßen um einen Tisch voller Zeitungen, Tassen und rauchender Aschenbecher. Außer Corso und mir waren ein paar Schriftsteller gekommen, ein erfolgloser Maler und eine um so erfolgreichere Journalistin, ein Theaterschauspieler und vier oder fünf Studenten, die wie immer mucksmäuschenstill in einer Ecke hockten und mich anstarrten wie einen Halbgott. Corso saß an die Fensterscheibe gelehnt im Mantel da, trank Gin und machte sich ab und zu eine Notiz.
   »Eins steht fest«, fuhr ich fort. »Der Leser, der sich durch die siebenundsechzig Kapitel der Drei Musketiere kämpft und einem Duell zwischen Rochefort und d’Artagnan entgegenfiebert, wird bitter enttäuscht. Dumas bereinigt die Angelegenheit in drei Zeilen und läßt das oder besser die Duelle einfach unter den Tisch fallen. Wenn wir Rochefort in Zwanzig fahre nachher wieder begegnen, so stellen wir nur fest, daß er sich inzwischen dreimal mit d’Artagnan geschlagen hat und ebensooft von ihm verwundet wurde - die Narben an seinem Körper sind der Beweis. Nichtsdestotrotz ist ihr gegenseitiger Haß einem heuchlerischen Respekt gewichen, wie er nur zwischen ehemaligen Feinden möglich ist. Ihr abenteuerliches Leben führt dazu, daß sie erneut in unterschiedlichen Lagern kämpfen. Aber jetzt herrscht zwischen ihnen die komplizenhafte Verbundenheit zweier Ehrenmänner, die sich seit zwanzig Jahren kennen ... Rochefort zieht sich die Ungnade Mazarins zu, entflieht aus der Bastille, ist an der Flucht des Herzogs von Beaufort beteiligt, schließt sich der Fronde an und stirbt in den Armen d’Artagnans, der ihn inmitten des Tumults nicht erkennt und mit seinem Degen durchbohrt. Das Schicksal will es so, sagt er zu dem Gascogner. Von dreien Eurer Degenstiche bin ich genesen, aber den vierten werde ich nicht überleben. Dann schließt er für immer die Augen. Ich habe soeben einen alten Freund getötet, erzählt d’Artagnan später seinem Kameraden Porthos. Mehr wird dem alten Spion Richelieus nicht auf den Grabstein geschrieben.«
   Meine Erläuterungen setzten eine angeregte Diskussion in Gang. Der Schauspieler, ein alter Galan, der in einer Fernsehserie die Rolle des Grafen von Monte Christo gespielt hatte und an diesem Abend keine Sekunde lang die Journalistin aus den Augen verlor, begann, von dem Maler und den beiden Schriftstellern angefeuert, seine Erinnerungen zum besten zu geben und brillante Schilderungen der Romanfiguren zu liefern. Von Dumas kamen wir auf Zevaco und Paul Feval zu sprechen, und schließlich auf Salgari, dem wir wieder einmal das überragende Können Sabatinis gegenüberstellten. Ich erinnere mich, daß irgend jemand schüchtern den Namen Jules Verne erwähnte, aber sofort von allen ausgebuht wurde. Im Kontext leidenschaftlicher Mantel-und-Degen-Stücke, in dem wir uns bewegten, waren Vernes kalte, herzlose Helden völlig fehl am Platze.
   Was die Publizistin betraf - eine jener Modejournalistinnen mit eigener Kolumne in der Sonntagsausgabe einer bekannten Tageszeitung -, so begann ihr literarisches Gedächtnis bei Milan Kundera, weshalb sie die meiste Zeit vorsichtige Zurückhaltung übte, nur dann und wann erleichtert nickte, wenn ein Titel, eine Anekdote oder eine Figur - der Schwarze Schwan, Yafiez, der Degenstich Nevers - sie an einen Film erinnerten, den sie im Fernsehen gesehen hatte. Corso dagegen betrachtete mich mit der ruhigen Ausdauer eines Jägers über den Rand seines Gin-Glases hinweg, als lauere er nur auf eine Gelegenheit, das Gespräch wieder auf sein Thema zu lenken. Und so nützte er denn auch sofort das peinliche Schweigen aus, das sich über unsere Runde legte, nachdem die Journalistin verkündet hatte, sie fände Abenteuerromane zu oberflächlich -meinen Sie nicht auch? Irgendwie seicht. Wie soll ich sagen.
   Corso knabberte am Radiergummi seines Bleistifts.
   »Senor Balkan, wie ist Ihrer Meinung nach die Figur Roche-forts innerhalb der Geschichte zu interpretieren?«
   Die Blicke der Versammelten richteten sich auf mich und besonders die der Studenten, unter denen sich zwei Mädchen befanden. Ich weiß wirklich nicht, warum ich in bestimmten Kreisen als eine Art Bonze der schönen Künste gelte und alles andächtig verstummt, sobald ich den Mund aufmache. Egal, was ich von mir gebe, es wird aufgenommen wie ein Glaubensdogma. Ein Artikel von mir, in der entsprechenden Literaturzeitschrift veröffentlicht, kann einen jungen Schriftsteller in den Himmel heben oder für immer verdammen. Absurd, ich weiß, aber so ist das Leben. Denken Sie nur an den letzten Nobelpreisträger, den Autor von Ich, Onän, Auf der Suche nach mir selbst und des weltberühmten Oui, c ’est moi. Ich war es, der ihn vor fünfzehn Jahren, am achtundzwanzigsten Dezember, mit einem eineinhalb Seiten langen Artikel in Le Monde dem Lesepublikum vorgestellt habe - auch wenn ich mir das nie verzeihen werde.
   »Am Anfang ist Rochefort der Feind schlechthin«, begann ich zu erklären. »Er symbolisiert die dunklen Mächte, das Böse ... Er steht im Zentrum des diabolischen Komplotts gegen d’Artagnan und seine Freunde, der mörderischen Ränke, die der Kardinal hinter ihrem Rücken spinnt .«
   Ich sah, daß eine der Studentinnen lächelte, geistesabwesend und beinahe etwas spöttisch. Ob sie dazu meine Worte veran-laßten oder irgendwelche geheimen Gedanken, die vielleicht gar nichts mit unserem Stammtisch zu tun hatten, war nicht zu erraten. Jedenfalls überraschte mich dieses Lächeln, denn wie schon gesagt, war ich daran gewöhnt, daß man mir mit demselben Respekt zuhörte, mit dem ein Redakteur des L’Osservatore Romano den Text einer päpstlichen Enzyklika in Empfang nehmen würde, den er exklusiv bekommt. Das bewirkte, daß ich mich etwas eingehender mit ihr beschäftigte, obwohl mir ihre aufregenden grünen Augen und ihr knabenhaft kurz geschnittenes Haar schon zu Beginn aufgefallen waren, als sie sich in ihrem blauen Kapuzenmantel, einen Stoß Bücher unterm Arm, zu uns gesellt hatte. Jetzt saß sie etwas abseits von der Gruppe und hörte zu. Es gibt immer junge Leute um unseren Tisch herum, meistens Literaturstudenten, die ich zu einem Kaffee einlade, aber dieses Mädchen war noch nie erschienen. Ihre Augen konnte man unmöglich vergessen - sie waren klar, beinahe durchsichtig, und kontrastierten mit dem braungebrannten Gesicht, das auf viel Sonne und frische Luft hindeutete. Sie hatte einen schlanken, biegsamen Körper und lange Beine, die ich mir unter ihrer Jeans ebenfalls braun vorstellte. Und noch etwas fiel mir an ihr auf: Sie trug keinerlei Schmuck, weder einen Ring noch eine Uhr, noch Clips an den Ohrläppchen, die im übrigen auch nicht durchstochen waren.
   »Rochefort ist aber auch der Mann, den man nie zu fassen bekommt: Kaum hat man ihn gesichtet, so taucht er schon wieder unter«, fuhr ich fort, als es mir endlich gelang, den Faden wieder aufzunehmen. »Sein Gesicht mit der Narbe könnte man als die Maske des Mysteriösen bezeichnen. Er verkörpert das Paradox, die Machtlosigkeit d’Artagnans, der ihn verfolgt, aber nie erwischt, töten möchte, das aber erst nach zwanzig Jahren schafft, überdies unbeabsichtigt, da die beiden mittlerweile keine Feinde mehr sind, sondern Freunde.«
   »Dein d’Artagnan scheint das Unglück ja förmlich anzuziehen«, bemerkte einer meiner Bekannten - der ältere der beiden Schriftsteller. Von seinem letzten Roman waren nur fünfhundert Exemplare verkauft worden, dafür verdiente er aber ein Heidengeld mit Krimis, die er unter dem perversen Pseudonym Emilia Forster veröffentlichte. Ich quittierte seine treffende Bemerkung mit einem anerkennenden Blick.
   »Das kann man laut sagen. Die große Liebe seines Lebens wird vergiftet. Er selbst muß sich trotz seiner Heldentaten und der unbezahlbaren Dienste, die er der französischen Krone leistet, zwanzig Jahre lang mit dem bescheidenen Rang eines Leutnants der Musketiere zufriedengeben. Und als er in den letzten Zeilen des Grafen von Bragelonne nach vier Bänden und vierhundertfünfundzwanzig Kapiteln endlich zum Marschall befördert wird, tötet ihn kurz darauf eine holländische Kugel.«
   »Wie den echten d’Artagnan«, sagte der Schauspieler, der es geschafft hatte, eine Hand auf den Schenkel der Modekolumnistin zu legen.
   Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee und nickte. Corso ließ mich keinen Moment lang aus den Augen.
   »Es gibt drei d’Artagnans«, erklärte ich. »Vom ersten, Charles de Batz-Castelmore, wissen wir aus einem zeitgenössischen Bericht der Gazette de France, daß er am 23. Juni 1673 während der Belagerung von Maastricht einem Schuß in den Hals erlag; und wie er ist auch die Hälfte seiner Männer gefallen . Aber von seinem tragischen Ende einmal abgesehen, hatte er im Leben mehr Glück als sein fiktiver Namensvetter.«
   »Kam der auch aus der Gascogne?«
   »Ja, aus dem kleinen Dorf Lupiac. Dort erinnert noch heute eine Gedenktafel an ihn, auf der zu lesen steht: Hier wurde ums fahr 1615 d’Artagnan geboren, der in Wirklichkeit Charles de Batz hieß und im fahr 1673 während der Belagerung von Maastricht gefallen ist.«
   »Dann haben wir es da mit einer historischen Unstimmigkeit zu tun«, stellte Corso mit einem Blick in seine Unterlagen fest. »Dumas läßt seinen Roman ums Jahr 1625 beginnen, und da ist sein d’Artagnan achtzehn. Dagegen war der historische d’Artagnan zu diesem Zeitpunkt gerade zehn.« Auch jetzt erinnerte mich Corsos skeptisches, wohlerzogenes Lächeln an ein Kaninchen. »Ein bißchen zu jung, um den Degen zu führen.«
   »Ja«, gab ich zu. »Dumas hat das ein wenig hingebogen, um seinen d’Artagnan das Abenteuer mit den Diamantnadeln zur Zeit Richelieus und Ludwigs XIII. erleben zu lassen. Aber Charles de Batz muß auch sehr jung gewesen sein, als er nach Paris kam: Im Jahr 1640 wird er in Dokumenten, die sich auf die Belagerung von Arras beziehen, als Gardist in der Kompanie Des Essarts erwähnt, und zwei Jahre später taucht sein Name im Zusammenhang mit der Kampagne von Roussillon auf ... Allerdings hat er nie zur Zeit Richelieus als Musketier gedient. Dieser Elitetruppe ist er erst nach dem Tod Ludwigs XIII. beigetreten. In Wirklichkeit war er ein Günstling von Kardinal Mazarin«, berichtete ich der Tischrunde. »Zwischen dem historischen und dem fiktiven d’Artagnan gibt es also tatsächlich einen zeitlichen Sprung von zehn, fünfzehn Jahren. Im folgenden hat Dumas dann mehr Rücksicht auf die wahren Begebenheiten genommen. Sie wissen ja, daß er die Handlung der Drei Musketiere, mit denen er so erfolgreich war, später fortgeführt hat, bis sie beinahe vierzig Jahre der französischen Geschichte abdeckte.«
   »Was wissen wir über den echten d’Artagnan denn nun wirklich? Ich meine an historisch abgesicherten Fakten.«
   »Ziemlich viel. Sein Name wird sowohl in den Briefen Maza-rins erwähnt als auch in der Korrespondenz des Kriegsministeriums. Genau wie der Romanheld tritt er während des FrondeAufstands als Agent des Kardinals auf, mit vertraulichen Aufträgen am Hof Ludwigs XIII. Dem Briefwechsel von Madame de Sevigne ist zu entnehmen, daß er unter anderem mit der Verhaftung und Überführung des Finanzministers Fouquet betraut wurde - eine äußerst heikle Angelegenheit also. Möglich, daß er unseren Maler Velazquez kennengelernt hat, als er Ludwig XIV. auf die Fasaneninsel begleitete, wo dieser seine Verlobte Maria Theresia, die spanische Habsburgerin, abgeholt hat.«
   »Demnach war er ein Höfling, wie er im Buche steht. Ganz anders als der Haudegen, den Dumas uns vorführt.«
   Ich hob beschwörend die Hand.
   »Lassen Sie sich vom äußeren Schein nicht trügen. Charles de Batz oder d’Artagnan war bis zu seinem Tod ein harter Kämpfer. Er hat unter Turenne den Dreißigjährigen Krieg mitgemacht und wurde 1657 zum Leutnant der grauen Musketiere ernannt, also praktisch zum Anführer dieser Abteilung. Zehn fahre später stieg er zum Hauptmann der Musketiere auf, und mit diesem Rang, der dem eines Kavallerie-Generals gleichkommt, kämpfte er in Flandern ...«
   Corso, der dabei war, ein Wort oder Datum auf seinem Block zu vermerken, hielt inne und verdrehte die Augen hinter den Brillengläsern.
   »Verzeihung«, sagte er, indem er sich über den Marmortisch zu mir herüberbeugte, »in welchem Jahr war das?«
   »Die Beförderung zum General? 1667. Warum interessiert Sie das?«
   Corso biß sich auf die Unterlippe und entblößte dabei einen Augenblick lang seine Schneidezähne. »Nur so«, antwortete er, und seine Miene war jetzt wieder völlig gelassen. »Genau im selben Jahr wurde in Rom ein gewisser Torchia verbrannt. Seltsamer Zufall ...« Er sah mich ausdruckslos an. »Sagt Ihnen der Name Aristide Torchia etwas?«
   Ich dachte nach, aber es fiel mir nichts ein.
   »Noch nie gehört«, erwiderte ich. »Hat der etwas mit Dumas zu tun?« Corso zögerte noch einmal kurz.
   »Nein«, sagte er schließlich, obwohl er alles andere als überzeugt schien. »Ich glaube nicht. Aber fahren Sie ruhig fort. Sie haben uns gerade erzählt, daß der echte d’Artagnan in Flandern gekämpft hat.«
   »Ja, und er starb, wie schon gesagt, in Maastricht an der Spitze seines Heeres. Ein wahrer Heldentod: Die Stadt wurde von Engländern und Franzosen gemeinsam belagert, und als es galt, eine gefährliche Stelle zu passieren, beschloß d’Artagnan voranzugehen, weil er sich den Verbündeten gegenüber höflich zeigen wollte ... Das hat er mit dem Leben bezahlt: Die Kugel einer Muskete traf ihn genau in die Halsschlagader.«
   »Dann ist er also nie Marschall geworden.«
   »Nein. Es ist ausschließlich das Verdienst Alexandre Dumas’, daß dem fiktiven d’Artagnan zugestanden wurde, was der geizige Louis XIV. seinem Vorgänger aus Fleisch und Blut verwehrt hat. Ich kenne ein paar interessante Bücher zu diesem Thema. Notieren Sie sich die Titel, wenn Sie möchten. Eins stammt von Charles Samaran: D’Artagnan, capitaine des mousquetaires du roi, histoire véridique d’un héros de roman, 1912 veröffentlicht. Das andere heißt Le vrai d’Artagnan und wurde vom Duc de Montesquiou-Fezensac geschrieben, einem direkten Nachfahren des echten d’Artagnan. Wenn ich mich nicht täusche, ist es 1963 erschienen.«
   Keine dieser Einzelheiten hatte direkt etwas mit dem DumasManuskript zu tun, aber Corso notierte sie mit äußerster Gewissenhaftigkeit. Ab und zu sah er vom Blatt auf und warf mir durch seine verbogene Brille hindurch fragende Blicke zu. Dann wieder beugte er den Kopf über seinen Block und schien so tief in Gedanken zu versinken, daß er überhaupt nicht mehr zuhörte. Ich wußte damals so gut wie alles über den Vin d’Anjou, noch viel mehr, als der Bücherjäger zu diesem Zeitpunkt ahnte, aber ich hätte mir niemals vorstellen können, welch weitreichende Auswirkungen die Sache mit den Neun Pforten im folgenden auf die Geschichte haben würde. Corso, dessen Gedanken normalerweise einer strengen Logik folgten, begann dagegen schon jetzt unheimliche Bezüge herzustellen und die Realität mit der Fiktion zu verknüpfen. Was ich Ihnen hier berichte, mag alles etwas konfus erscheinen, aber vergessen wir nicht, daß die ganze Situation aus Corsos Sicht damals tatsächlich verwirrend war. Jetzt, wo ich diese Zeilen niederschreibe, gehören die dramatischen Begebenheiten, zu denen es später kommen sollte, natürlich der Vergangenheit an. Da ich mir aber vorgenommen habe, die Geschichte aus der Sicht Corsos zu erzählen, bin ich gezwungen, nach Art einer unendlichen Treppe - man denke an die Bilder M. C. Eschers -immer wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren und mich innerhalb der engen Grenzen zu bewegen, die Corsos Vorstellungsvermögen gesetzt waren. Wissen und schweigen, lautet die Regel. Und ohne Regeln kein Spiel, selbst wenn man ein bißchen schummelt.
   »Gut«, sagte der Bücherjäger, nachdem er sich die von mir genannten Titel vermerkt hatte. »Das war also der erste d’Artagnan, der echte. Und der dritte ist der, den Dumas erfunden hat. Was vom einen zum andern überleitet, dürfte dann wohl das Buch von Gatien de Courtilz sein, das Sie mir neulich gezeigt haben: die Mémoires de M. d’Artagnan.«
   »Genau. Dieser d’Artagnan ist sozusagen das Verbindungsglied, der am wenigsten bekannte von den dreien. Er existierte sowohl in der Wirklichkeit als auch in der Literatur, und ihn hat Dumas als Vorbild für seinen Romanhelden benützt. Gatien de Courtilz de Sandras war ein Zeitgenosse d’Artagnans, als Schriftsteller erkannte er das Romanhafte an dieser Gestalt und machte sich ans Werk. Einhundertfünfzig Jahre später stieß Dumas während eines Aufenthalts in Marseille auf sein Buch. Der Herr des Hauses, in dem er beherbergt wurde, hatte einen Bruder, der Vorsteher der Stadtbücherei war. Dieser hat ihm das Buch gezeigt, das im Jahr 1700 in Köln erschienen war. Dumas begriff sofort den Nutzen, den er daraus ziehen konnte, lieh es sich aus und hat es nie wieder zurückgegeben.«
   »Was wissen wir über Dumas’ Vorgänger, über Gatien de Courtilz?«
   »Ziemlich viel. Nicht zuletzt, weil er eine umfangreiche Akte bei der Polizei hatte. Er wurde 1644 oder 1647 geboren und war Musketier, Kornett bei der Royal-Étranger, eine Art Fremdenlegion der Zeit, und Rittmeister im Regiment von Beaupré-Choiseul. Er hat am selben Krieg teilgenommen wie d’Artagnan, nur daß dieser gefallen ist, während Courtilz nach Kriegsende in Holland blieb und den Degen gegen die Feder eintauschte, um Biographien zu verfassen, historische Essays, mehr oder weniger apokryphe Memoiren und anstößige Klatschgeschichten über den französischen Hof. Damit hat er sich dann allerdings in die Brennesseln gesetzt. Seine Memoiren des Herrn d’Artagnan waren ein richtiger Renner: fünf Auflagen in zehn fahren, aber Ludwig XIV. mißfiel die Respektlosigkeit, mit der er gewisse Details aus der Intimsphäre der königlichen Familie und ihrer Anhänger an die Öffentlichkeit zerrte. Kaum nach Frankreich zurückgekehrt, wurde Courtilz festgenommen und auf Kosten des Staates bis kurz vor seinem Tod in der Bastille einlogiert.«
   Ich machte eine Pause, die der Schauspieler auf denkbar ungelegene Weise ausnützte, um ein Zitat aus Marquinas In Flandern ging die Sonne unter loszuwerden. Nichts als ein weiterer, schamloser Versuch, sich vor der Journalistin hervorzutun, deren Schenkel seine Hand bereits völlig in Besitz genommen hatte. Die anderen, besonders der Schriftsteller, der unter dem Pseudonym Emilia Forster schrieb, warfen ihm neidische oder übelwollende Blicke zu.
   Nach kurzem Schweigen beschloß Corso, mich in die Kommandogewalt wiedereinzusetzen.
   »Was hat Dumas’ d’Artagnan Courtilz zu verdanken?«
   »Er hat ihm viel zu verdanken. Obwohl in Zwanzig Jahre nachher und im Grafen von Bragelonne auch noch andere Quellen herangezogen werden, sind die Drei Musketiere im Kern bereits völlig bei Courtilz angelegt. Dumas bringt sein Genie zur Anwendung und verleiht der Geschichte Tiefe, aber die meisten Episoden finden sich, wenigstens ansatzweise, schon bei Courtilz: der Segen, mit dem d’Artagnans Vater seinen Sohn entläßt, der Brief an Herrn de Treville, das Duell mit den Musketieren, die in der Textvorlage Brüder sind. Selbst Milady taucht schon auf. Und die beiden d’Artagnans gleichen einander aufs Haar. Der von Courtilz ist vielleicht etwas zynischer, etwas egoistischer und verschlossener, aber sonst gibt es keinen Unterschied.«
   Corso beugte sich ein wenig nach vorn.
   »Vorher sagten Sie, Rochefort symbolisiere das Böse, die üblen Machenschaften gegen d’Artagnan und seine Freunde. Aber Rochefort ist doch nicht mehr als ein Sbirre.«
   »Ganz richtig. Ein Sbirre im Dienste seiner Eminenz, Armand Jean du Plessis, Kardinal Richelieu .«
   »Der Bösewicht«, warf der Schauspieler ein, der zu allem seinen Senf dazugeben mußte. Die Studenten, die von unserem Ausflug ins Reich des Feuilletonromans ganz überwältigt waren, lauschten uns an diesem Abend mit offenem Mund oder schrieben eifrig mit. Nur das Mädchen mit den grünen Augen zeigte sich wenig beeindruckt und blieb immer ein wenig am Rande, als sei sie nur zufällig hier vorbeigekommen.
   »Für Dumas«, fuhr ich fort, »gibt Richelieu - wenigstens im ersten Teil des Musketierzyklus - eine Figur ab, die in keinem romantischen Abenteuer- oder Schauerroman fehlen darf: die Figur des mächtigen Feindes, der im Trüben fischt, die Inkarnation des Bösen. Für die Geschichte Frankreichs war Richelieu ein bedeutender Mann, aber in den Drei Musketieren wird er erst zwanzig Jahre später rehabilitiert. Auf diese Weise versöhnt sich der schlaue Dumas mit der Realität, ohne den Interessen seines Romans zuwiderzuhandeln.
   Er ersetzte Richelieu durch einen anderen Bösewicht: Maza-rin. Diese Retusche, die er ausgerechnet d’Artagnan und seinen Kameraden in den Mund legt, dort, wo diese postum die Größe ihres ehemaligen Feindes preisen, ist natürlich unmoralisch -für Dumas stellte sie einen bequemen Akt der Reue dar. Aber das soll uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß Richelieu im ersten Band der Trilogie perfekt die Rolle des Unholds verkörpert: Er plant die Ermordung Buckinghams, will Anna von Österreich ins Verderben stürzen und läßt der ruchlosen Milady freie Hand. Seine Eminenz, der Kardinal, ist für d’Artagnan das, was Professor Moriarty für Sherlock Holmes ist. Ein unheimlicher, diabolischer Widersacher .«
   Corso unterbrach mich mit einer Geste der Hand, und das wunderte mich, denn ich begann sein Verhalten langsam zu durchschauen und hätte nicht gedacht, daß er seinem Gesprächspartner ins Wort fallen würde, bevor dieser nicht sein ganzes Wissen preisgegeben hatte.
   »Sie haben zweimal das Wort diabolisch benützt«, sagte er mit einem Blick in seine Aufzeichnungen. »Und beide Male mit Bezug auf Richelieu ... War der Kardinal denn ein Anhänger des Okkultismus?«
   Diese Worte schufen eine eigentümliche Situation. Das junge Mädchen hatte sich Corso zugewandt, um ihn neugierig zu betrachten. Er sah mich an und ich das Mädchen. Aber der Bücherjäger achtete nicht auf diese seltsame Dreieckskonstellation und wartete nur auf meine Antwort.
   »Richelieu hatte viele Interessen«, erwiderte ich. »Während er Frankreich in eine Großmacht verwandelte, fand er nebenher noch Zeit, Gemälde, Gobelins, Porzellan und Plastiken zu sammeln. Er war auch ein bedeutender Bibliophiler, der seine Bücher in rotes Maroquin und in Kalbsleder binden ließ.«
   »Und die Deckel trugen sein Wappen in Silberprägung.« Corso winkte ungeduldig ab. Das waren nebensächliche Details, die er längst wußte. »Es gibt einen berühmten Katalog von Richelieus Büchern.«
   »Dieser Katalog ist aber unvollständig, weil viele Werke verlorengegangen sind. Heute werden Teile der Kollektion in der französischen Nationalbibliothek, in der Bibliothèque Mazarin und in der Sorbonne aufbewahrt; andere Bücher befinden sich in privaten Sammlungen. Richelieu besaß hebräische und syrische Handschriften, herausragende Werke der Mathematik, Medizin, Theologie, Geschichte und Jurisprudenz ... Und Sie haben mit Ihrer Frage den Nagel auf den Kopf getroffen: Was die Wissenschaftler am meisten überraschte, sind die zahlreichen alten Schriften über den Okkultismus, angefangen von der Kabbala bis hin zu Büchern über die Schwarze Magie.«
   Corso schluckte, ohne mich aus den Augen zu lassen. Er wirkte gespannt wie die Saite eines Bogens, die im nächsten Moment mit einem domp zurückschnellt.
   »Können Sie mir Titel nennen?«
   Ich schüttelte den Kopf. Seine Hartnäckigkeit begann mich neugierig zu machen. Das Mädchen folgte unserem Gespräch immer noch aufmerksam, aber es war offensichtlich, daß sein Interesse jetzt nicht mir galt.
   »Tut mir leid«, sagte ich dann.
   »So weit reichen meine Kenntnisse über Richelieu leider nicht.«
   »Und Dumas? War er auch ein Anhänger der Geheimwissenschaften?«
   Diesmal war meine Antwort kategorisch.
   »Nein. Dumas war ein Lebemann, der das Licht des Tages nicht scheute - zur Freude und Empörung seiner Bekannten, denen seine Skandale willkommenen Anlaß zum Klatsch boten. Ein bißchen abergläubisch, das ja: Er trug ein Amulett an seiner Uhrkette, glaubte an den bösen Blick und ließ sich von Madame Desbarolles weissagen. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß er irgendwo im stillen Kämmerlein Schwarze Magie betrieb. Wie er in Louis XIV et son siècle selbst berichtet, war er nicht einmal Freimaurer. Er hatte Berge von Schulden und wurde zu sehr von seinen Verlegern und Gläubigern bedrängt, als daß er Zeit verschwenden konnte. Möglich, daß er sich im Verlauf seiner Recherchen unter anderem auch mit esoterischen Themen beschäftigt hat -aber immer nur am Rande. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß er alle Freimaurer-Praktiken, die er in Joseph Balsamo und in Die Mohicaner von Paris beschreibt, direkt der Pittoresken Geschichte der Freimaurerei von Clavel entnommen hat.«
   »Und Adah Menken?«
   Ich betrachtete Corso mit aufrichtigem Respekt. Nur ein Fachmann konnte diese Art von Frage stellen.
   »Das war etwas anderes. Adah-Isaacs Menken, seine letzte Geliebte, war eine amerikanische Schauspielerin. Während der Weltausstellung von 1867 besuchte Dumas eine Theateraufführung, und dort fiel ihm ein hübsches Mädchen auf, das auf der Bühne von einem Pferd im Galopp über den Haufen gerannt wird. Vor dem Ausgang des Theaters trat die junge Frau auf den Romancier zu, umarmte ihn und teilte ihm freiheraus mit, sie habe alle seine Bücher gelesen und sei bereit, auf der Stelle mit ihm ins Bett zu gehen. Der alte Dumas, dem schon viel weniger reichte, um sich blindlings in eine Frau zu verlieben, nahm ihre Hommage gerne an. Die Menken erzählte herum, sie sei Gattin eines Millionärs, Mätresse eines Königs und sogar Generalin irgendeiner Republik gewesen. In Wirklichkeit war sie eine amerikanische Jüdin portugiesischer Abstammung und die Geliebte eines zwielichtigen Typen, eine Mischung aus Zuhälter und Boxer. Ihr Verhältnis mit Dumas rief einen großen Skandal hervor, da sie in der Rue Malesherbes 107, Dumas’ letzter Pariser Wohnung, ein- und ausging und es liebte, sich leicht geschürzt mit ihm fotografieren zu lassen ... Sie starb mit einunddreißig Jahren nach einem Sturz vom Pferd an Bauchfellentzündung.«
   »War sie Anhängerin der Schwarzen Magie?«
   »Das wird berichtet. Sie schwärmte für ominöse Zeremonien und liebte es, sich mit einer Tunika zu bekleiden, Weihrauch abzubrennen und dem Höllenfürsten Opfergaben darzubringen. Manchmal behauptete sie, vom Teufel besessen zu sein, und führte sich dann in einer Weise auf, die wir selbst heute als obszön bezeichnen würden. Ich bin mir sicher, daß der alte Dumas kein Wort von alledem glaubte, aber er muß sich bei dieser Komödie köstlich amüsiert haben. Ich könnte mir vorstellen, daß die Menken im Bett sehr feurig war, wenn der Teufel sie besaß.«
   Die Tischrunde quittierte meinen Witz mit schallendem Gelächter, selbst ich erlaubte mir ein zurückhaltendes Lächeln. Nur Corso und das Mädchen blieben ernst. Sie hatte ihre hellen Augen auf ihn geheftet und schien nachzudenken, während der Bücherjäger langsam mit dem Kopf nickte, obwohl er jetzt einen geistesabwesenden, fast entrückten Eindruck machte. Er sah durch das Fenster auf den nächtlichen Boulevard hinaus und schien im lautlosen Strom der Autoscheinwerfer, die sich in seinen Brillengläsern spiegelten, nach dem Zauberwort zu suchen, das all die Geschichten, die wie dürre, tote Blätter auf dem finsteren Fluß der Zeit dahintrieben, zu einer einzigen verband.
   An dieser Stelle muß ich als beinahe allwissender Erzähler wieder in den Hintergrund treten und erneut den Blickwinkel Lucas Corsos einnehmen, denn Sie, lieber Leser, sollen die dramatischen Ereignisse, die im folgenden über den Bücherjäger hereinbrachen, genau so nachvollziehen können, wie er selbst sie erlebt und mir später geschildert hat.
   Als Corso nach unserem literarischen Stammtisch zu Hause ankam, stellte er fest, daß der Pförtner bereits den Flur gefegt hatte und jeden Augenblick seine Portiersloge schließen würde. Der Mann kam soeben mit mehreren Müllsäcken aus dem Keller hoch, um diese auf die Straße hinauszustellen.
   »Heute abend ist jemand gekommen, um Ihren Fernseher zu reparieren.«
   Corso hatte genug gelesen und genügend Filme gesehen, um zu wissen, was das bedeutete, und so mußte er denn laut hinauslachen, während der Pförtner ihn verdattert ansah.
   »Ich habe schon lange keinen Fernseher mehr .«
   Der Portier gab konfus einen Schwall von Entschuldigungen von sich, aber Corso hörte ihm kaum zu. Wie herrlich voraussehbar auf einmal alles wurde! Da es sich um Bücher drehte, mußte er das Problem wie ein kritischer Leser angehen - mit Verstand, und nicht wie ein Konsument billiger Schundliteratur, zu dem ihn hier offensichtlich irgend jemand machen wollte. Im Grunde blieb ihm auch gar keine andere Wahl: Er war von Natur aus skeptisch, hatte einen notorisch niedrigen Blutdruck, und schon allein deshalb war es so gut wie unmöglich, daß ihm der Schweiß auf die Stirn trat oder der Ausruf: »Schicksal!« über seine Lippen kam.
   »Ja, dann habe ich womöglich einen Dieb in Ihre Wohnung gelassen, Senor Corso?«
   »Aber nein. Der Fernsehtechniker war dunkelhaarig, stimmt’s? Mit Schnurrbart und einer Narbe im Gesicht.«
   »Genau so sah er aus.«
   »Seien Sie beruhigt. Das ist ein Freund von mir, der einem gerne Streiche spielt.«
   Der Pförtner atmete erleichtert auf:
   »Jetzt ist mir aber ein Stein vom Herzen gefallen.«
   Was die Neun Pforten und das Dumas-Manuskript betraf, konnte Corso unbesorgt sein. Wenn er sie nicht in seiner Segeltuchtasche mit sich herumtrug, dann hinterlegte er sie in Makarovas Bar - einen sichereren Ort gab es für ihn nicht. Er stieg also ruhig die Treppe hinauf und versuchte dabei, sich die kommende Szene auszumalen. Da er sich an diesem Punkt bereits in einen sogenannten »anspruchsvollen Leser« verwandelt hatte, wäre er von einer allzu platten Klischeeszene enttäuscht gewesen. Aber er beruhigte sich, sobald er die Wohnungstür aufgeschlossen hatte: kein über den Fußboden zerstreutes Papier, keine ausgeräumten Schubladen, nicht einmal aufgeschlitzte Sessel. Seine Wohnung war noch genau so, wie er sie am frühen Nachmittag verlassen hatte.
   Er ging zu seinem Schreibtisch. Die Diskettenboxen waren an ihrem Platz, Papiere und Dokumente in ihren Ablagen, nichts war verrückt. Der Mann mit der Narbe, Rochefort oder wer zum Teufel er auch sein mochte, hatte saubere Arbeit geleistet. Aber alles hatte seine Grenzen. Als Corso den Computer anschaltete, erschien ein triumphierendes Lächeln auf seinem Gesicht.
   DAGMAR PC 555 K (S1) ELECTRONIC PLC
   19:35 THU / 3/ 21
   A>ECHO OFF
   A>
   An diesem Tag um 19.35 Uhr zum letzten Mal benützt, versicherte der Bildschirm. Aber Corso hatte den Computer seit vierundzwanzig Stunden nicht angerührt. Um 19.35 Uhr war er mit uns im Café gewesen, während der Mann mit der Narbe den Portier anlog.
   Neben dem Telefon entdeckte er noch etwas, das er im ersten Augenblick übersehen hatte - und das war weder Zufall noch eine Unvorsichtigkeit des mysteriösen Besuchers. In einem Aschenbecher fand er neben seinen eigenen Kippen den noch feuchten Stummel einer Zigarre, genauer einer Havanna, mit unversehrter Bauchbinde. Er nahm den Stummel zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete ihn, verständnislos zunächst, bis er langsam hinter seine Bedeutung kam und in hämischem Grinsen wie ein Wolf die Zähne fletschte.
   Marke Monte Christo. Wie hätte es auch anders sein können.
   Flavio La Ponte hatte auch Besuch bekommen. In seinem Fall war es der Klempner gewesen.
   »Ich finde das überhaupt nicht witzig«, sagte er zur Begrüßung. Er wartete, daß Makarova ihnen zwei Gläser Gin brachte, und schüttete dann den Inhalt einer Cellophantüte auf den Tresen. Der Zigarrenstummel war identisch, und die Bauchbinde war ebenfalls unversehrt.
   »Edmund Dantes schlägt wieder zu«, erwiderte Corso.
   Aber La Ponte konnte der Sache keinen Reiz abgewinnen, so romanhaft sie auch anmuten mochte.
   »Und raucht hundsteure Havannas, der verdammte Kerl.« Seine Hand zitterte so, daß ein wenig Gin an seinem Mund vorbei in den lockigen, blonden Bart floß. »Das habe ich auf meinem Nachttisch gefunden.«
   Corso machte sich über ihn lustig.
   »Du solltest die Dinge etwas gelassener angehen, Flavio. Wie es sich für einen harten Typen gehört.« Er legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Denk doch an die Harpuniere von Nantukket.«
   Der Buchhändler schüttelte finster seine Hand ab.
   »Ich war ein harter Typ. Und zwar bis zu meinem achten Geburtstag - da habe ich dann begriffen, daß das Überleben gewisse Vorteile mit sich bringt, und bin etwas weicher geworden.«
   Corso zitierte zwischen einem Schluck und dem nächsten Shakespeare. Der Feigling stirbt tausend Tode, der Tapfere ... und so weiter. Aber La Ponte gehörte nicht zu denen, die sich mit Zitaten trösten ließen. Jedenfalls nicht mit dieser Art von Zitaten.
   »Ich habe keine Angst«, sagte er nachdenklich und mit gesenktem Kopf. »Aber ich kann es nicht leiden, etwas zu verlieren ... Geld, meine unglaubliche sexuelle Potenz, das Leben.«
   Corso mußte ihm recht geben - mit diesen Dingen war nicht zu scherzen. Außerdem gab es noch andere, verdächtige Indizien, wie sein Freund ihm mitteilte: seltsame Kunden, die um jeden Preis das Dumas-Manuskript haben wollten, mysteriöse Anrufe in der Nacht .
   Corso horchte auf.
   »Rufen sie um Mitternacht an?«
   »Ja, aber sie sagen nichts, und nach einer Weile hängen sie ein.«
   Während La Ponte von seinen unerfreulichen Erlebnissen berichtete, drückte der Bücherjäger seine Segeltuchtasche an sich, die ihm vor ein paar Minuten von Makarova zurückgegeben worden war. Sie hatte den ganzen Tag zwischen Getränkekisten und Bierfässern sicher unter dem Schanktisch gelegen.
   »Ich weiß nicht, was ich machen soll«, schloß La Ponte in tragischem Ton.
   »Verkauf das Manuskript, und damit ist die Sache erledigt, bevor uns das Ganze noch über den Kopf wächst.«
   Der Buchhändler schüttelte den Kopf und bestellte noch einen Gin. Einen Doppelten.
   »Ich habe Enrique Taillefer versprochen, daß ich das Manuskript öffentlich versteigern würde.«
   »Taillefer ist tot. Und du hast in deinem Leben noch nie ein Versprechen gehalten.«
   La Ponte, der daran nicht erst erinnert zu werden brauchte, nickte traurig. Dann heiterte seine Miene sich jedoch ein wenig auf, wenigstens nahmen seine Lippen einen einfältigen Ausdruck an, der sich mit viel gutem Willen als Lächeln interpretieren ließ.
   »Apropos . Rate mal, wer auch angerufen hat?«
   »Milady?«
   »Beinahe: Liana Taillefer.«
   Corso warf seinem Freund einen unendlich müden Blick zu. Dann griff er nach seinem Gin-Glas, um es, ohne Luft zu holen, in einem einzigen, langen Zug zu leeren.
   »Weißt du was, Flavio?« sagte er endlich und wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Manchmal habe ich den Eindruck, als hätte ich diesen Roman schon mal gelesen.«
   La Ponte runzelte die Stirn.
   »Sie will den Vin d’Anjou zurückhaben«, erklärte er seinem Freund. »So, wie er ist, ohne Gutachten oder sonst was .« Er trank einen Schluck, bevor er Corso unsicher anlächelte. »Komisch, nicht? Dieses plötzliche Interesse.«
   »Was hast du ihr gesagt?«
   Der Buchhändler zog die Augenbrauen hoch.
   »Daß die Sache leider nicht von mir abhängt. Daß du das Manuskript hast. Und daß ich dir einen Vertrag unterschrieben habe.«
   »Das ist gelogen. Wir haben gar nichts unterschrieben.«
   »Klar ist das gelogen. Aber so mußt du die Kastanien aus dem Feuer holen, wenn’s brenzlig wird«, grinste La Ponte. »Angebote kann ich ja trotzdem entgegennehmen: An einem der nächsten Abende gehe ich mit der Witwe zum Essen, um die Angelegenheit noch einmal zu besprechen. Wie findest du das? Flavio, der mutige Harpunier.«
   »Harpunier? Ein dreckiger Bastard und Verräter bist du!«
   »Ja. Dazu hat mich England nun einmal gemacht, wie dieser Scheinheilige von Graham Greene sagen würde. In der Schule wurde ich von allen nur >die Petze< genannt. Habe ich dir eigentlich nie erzählt, wie ich durch Mathe gekommen bin?« Er zog erneut die Augenbrauen hoch, als schwelge er in wehmütigen Erinnerungen. »Ich bin nun mal zum Verräter geboren.«
   »Dann paß mit Liana Taillefer aber auf.«
   »Warum?« La Ponte betrachtete sich im Spiegel der Bar und schnitt eine anzügliche Grimasse. »Die Frau gefällt mir schon, solange ich sie kenne. Sie hat unglaubliche Klasse.«
   »Ja«, gab Corso zu. »Mittelklasse.«
   »Also, hör mal ... Was hast du gegen sie? Ich finde sie jedenfalls toll.«
   »Bis sie die Katze aus dem Sack läßt.«
   »Ich liebe Katzen. Vor allem wenn ihre Besitzerinnen blond und hübsch sind.«
   Corso klopfte ihm mit einem Finger auf den Knoten seiner Krawatte.
   »Paß mal auf, du Idiot ... In Schauerromanen stirbt immer der Freund. Begreifst du den Syllogismus? Das hier ist ein Schauerroman, und du bist mein Freund« - er unterstrich die erdrückende Logik seiner Worte mit einem vielsagenden Augenzwinkern. »Es spricht also alles für dich.«
   Aber La Ponte war so vom Gedanken an die Witwe beflügelt, daß er sich nicht einschüchtern ließ.
   »Komm schon. Ich habe in meinem Leben noch nie den ersten Preis gewonnen. Außerdem habe ich dir ja schon gesagt, daß ich einen Streifschuß für dich in Kauf nehmen würde.«
   »Hör auf, das meine ich im Ernst. Taillefer ist tot.«
   »Selbstmord.«
   »Angeblich. Aber hier können noch mehr Leute abkratzen.«
   »Dann kratz doch du ab. Spielverderber, Schweinehund.«
   Den Rest des Abends verbrachten die beiden mit Variationen zum selben Thema. Fünf oder sechs Gläser später verabschiedeten sie sich und verblieben, daß Corso aus Portugal anrufen würde. La Ponte wankte, ohne zu bezahlen, davon, aber vorher schenkte er Corso noch den Stummel von Rocheforts Zigarre. »Damit du ein Pärchen hast«, sagte er.

VI. Von apokryphen Ausgaben und eingefügten Blättern

   Zufall? Herrgott noch mal, daß ich nicht lache.
   Mit dieser Erklärung lassen sich nur Idioten abspeisen.
   M. Zevaco, Les Pardaillan

   GEBRÜDER CENIZA
   BUCHBINDER UND RESTAURATOREN
   ANTIQUARISCHE BÜCHER

   Die Holztafel hing an einem Fenster, das blind vor Staub war -ein rissiges Firmenschild mit verwitterter Schrift. Die Werkstatt der Gebrüder Ceniza befand sich in einer düsteren Madrider Gasse, im Hochparterre eines vierstöckigen Altbaus, dessen Rückseite mit Gerüsten abgestützt war.
   Lucas Corso läutete zweimal, erhielt aber keine Antwort. Nach einem Blick auf die Uhr lehnte er sich an die Hauswand und richtete sich auf ein längeres Warten ein. Schließlich kannte er die Gewohnheiten von Pedro und Pablo Ceniza. Um diese Uhrzeit standen sie zwei Straßen weiter am Marmortresen der Bar La Taurina, tranken einen halben Liter Wein zum Frühstück und sprachen über Bücher und Stierkämpfe -Zecher, Junggesellen, griesgrämig und unzertrennlich.
   Zehn Minuten später sah er sie nebeneinander daherschlurfen. Die grauen Staubmäntel flatterten wie Leichentücher um ihre skeletthaften, gekrümmten Körper, die sich ein Leben lang über Druckerpressen und Stempel gebeugt, Bogen geheftet und Fileten vergoldet hatten. Sie waren beide noch unter Fünfzig, aber man konnte sie leicht zehn Jahre älter schätzen, wenn man ihre eingefallenen Wangen betrachtete, ihre Augen und Hände, die von der handwerklichen Kleinarbeit angegriffen waren, ihre fahle Haut, auf die das Pergament, mit dem sie umgingen, abgefärbt zu haben schien. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Brüdern war verblüffend: Sie hatten dieselbe große Nase, dieselben an den Schädel geklebten Ohren, dasselbe schüttere Haar, das sie ohne Scheitel nach hinten kämmten. Das einzige, worin sie sich auffällig unterschieden, war ihre Körpergröße und ihre Gesprächigkeit. Pablo, der Jüngere, war größer und schweigsamer als sein Bruder. Pedro hatte einen rasselnden Raucherhusten, und seine Hand, mit der er eine Zigarette nach der anderen anzündete, zitterte immer leicht.
   »Was für eine Überraschung, Senor Corso. Freut uns, Sie wiederzusehen.«
   Sie stiegen ihm voraus eine Holztreppe mit ausgetretenen Stufen hinauf. Pablo Ceniza steckte den Schlüssel ins Schloß der Tür, die sich knarrend öffnete, und betätigte den Lichtschalter. In der Werkstatt herrschte wie immer ein heilloses Durcheinander. Neben der mächtigen alten Druckerpresse stand ein Zinktisch, auf dem sich alles mögliche befand: Werkzeuge, Druckbogen, die halb geheftet oder bereits mit einem Rücken versehen waren, Papierschneidemaschinen, gefärbtes Leder, Leimtöpfe, Streicheisen und andere Arbeitsutensilien. Und natürlich stapelten sich überall Bücher: Bücher mit Saffian-, Chagrin- oder Kalbsledereinbänden, Bücher, die abholbereit zu Stößen geschichtet waren, und Bücher ohne oder mit unbezogenen Deckeln, die erst noch fertiggestellt werden mußten. Auf Holzbänken und in Regalen warteten antike Bände, denen die Feuchtigkeit oder der Bücherwurm zugesetzt hatten, auf ihre Restaurierung. Es roch nach Papier, nach Buchbinderleim und neuem Leder. Corso weitete genüßlich die Nasenflügel. Dann zog er das Buch aus seiner Tasche und legte es auf den Tisch.
   »Ich wüßte gerne, was Sie davon halten.«
   Es war nicht das erstemal, daß er bei ihnen Rat einholen kam. Pedro und Pablo Ceniza näherten sich langsam, beinahe scheu. Wie üblich ergriff der Ältere als erster das Wort:
   »Die Neun Pforten ...« Er berührte das Buch, ohne es zu verrücken; seine knochigen, nikotinverfärbten Finger strichen darüber, als habe er es mit lebender Haut zu tun. »Ein schönes Buch. Und sehr rar.«
   Pedro Ceniza hatte graue Mausäuglein. Grauer Staubmantel, graues Haar, graue Augen - alles an ihm war grau. Beim Anblick des Buches bekam sein Mund einen gierigen Ausdruck.
   »Haben Sie es vorher schon einmal zu Gesicht bekommen?« fragte Corso.
   »Ja, vor weniger als einem fahr, als wir im Auftrag von Claymore zwanzig Bücher aus der Bibliothek von Don Gualte-rio Terrai restauriert haben.«
   »In welchem Zustand gelangte es in Ihre Hände?«
   »In ausgezeichnetem Zustand. Senor Terrai wußte, wie man mit Büchern umgeht. Fast alle waren gut erhalten. Nur ein Teixeira hat uns ein bißchen mehr Arbeit gemacht. Aber die anderen, das hier eingeschlossen, brauchten wir nur oberflächlich zu säubern.«
   »Es soll gefälscht sein«, sagte Corso unvermittelt.
   Die beiden Brüder sahen sich an.
   »Gefälscht, gefälscht . « murmelte der Ältere mißmutig. »Dieses Wort wird viel zu leicht in den Mund genommen.«
   »Viel zu leicht«, echote der andere.
   »Sogar von Ihnen, Senor Corso. Und das überrascht uns. Ein Buch zu fälschen ist unrentabel - das lohnt bei weitem nicht den Aufwand. Ich meine natürlich eine richtige Fälschung, kein Faksimile, mit dem man Bauerntölpel übers Ohr haut.«
   Corso bat mit einer beschwichtigenden Geste um Nachsicht.
   »Ich will ja nicht behaupten, das ganze Buch sei eine Fälschung, aber vielleicht ist es teilweise gefälscht. Es kommt öfter vor, daß Exemplare, denen eine oder mehrere Seiten fehlen, mit Kopien aus anderen Exemplaren vervollständigt werden, die komplett sind.«
   »Natürlich: Das ist das Abc unseres Berufes. Aber verwechseln Sie bitte nicht das Hinzufügen einer Fotokopie oder eines Faksimiles mit der Vervollständigung eines lückenhaften Buches nach .« Er wandte sich an seinen Bruder, ohne Corso aus den Augen zu lassen. »Sag du es ihm, Pablo.«
   »Nach allen Regeln der Kunst«, erläuterte der jüngere Ceniza.
   Corso setzte eine komplizenhafte Miene auf: ein Kaninchen, das eine halbe Mohrrübe teilt.
   »Das könnte aber hier der Fall sein.«
   »Wer sagt das?«
   »Sein Besitzer. Und der ist gewiß kein Bauerntölpel.«
   Pedro Ceniza zuckte mit der schmalen Schulter und zündete sich an der Glut seiner letzten Zigarette eine neue an. Beim ersten Zug wurde er von einem Hustenanfall gepackt, aber er rauchte unbeirrt weiter.
   »Hatten Sie schon Gelegenheit, Ihr Exemplar mit einem als echt eingestuften zu vergleichen?«
   »Die werde ich bald haben. Aber vorher wollte ich Ihre Meinung hören.«
   »Das hier ist ein wertvolles Buch, und wir üben keine exakte Wissenschaft aus.« Er wandte sich erneut an seinen Bruder. »Stimmt’s, Pablo?«
   »Wir üben eine Kunst aus«, bekräftigte der andere.
   »Da hören Sie es. Es täte uns leid, Sie enttäuschen zu müssen, Senor Corso.«
   »Sie werden mich nicht enttäuschen. Wer wie Sie in der Lage ist, von dem einzigen bekannten Exemplar des Speculum Vitae eine Fälschung anzufertigen, die so gut ist, daß sie in einem der renommiertesten Kataloge Europas als authentisch geführt wird ... Wer das schafft, der weiß, was er in der Hand hat.«
   Die beiden setzten ein säuerliches Grinsen auf - gleichzeitig, als wären sie synchronisiert.
   »Es ist nie bewiesen worden, daß wir das waren«, sagte endlich Pedro Ceniza. Er rieb sich die Hände und warf verstohlene Blicke auf das Buch.
   »Nie«, wiederholte sein Bruder mit einem Anflug von Melancholie in der Stimme - als bedauere er es, einer Gefängnisstrafe und damit der offiziellen Anerkennung der eigenen Urheberschaft entgangen zu sein.
   »Das stimmt«, gab Corso zu. »Und Beweise fehlen auch im Fall von Geoffrey Chaucer, der dem Katalog der Sammlung Manoukian zufolge von Marius Michel gebunden wurde. Oder im Fall der Polyglotten Bibel des Barons Bielke, deren fehlende drei Seiten von Ihnen so perfekt imitiert wurden, daß die Experten es noch heute nicht wagen, ihre Echtheit in Zweifel zu ziehen .«
   Pedro Ceniza hob seine gelbliche Hand mit den ungewöhnlich breiten Fingernägeln.
   »Ich glaube, wir müssen hier etwas klarstellen, Senor Corso. Es gibt Leute, die Bücher in kommerzieller Absicht fälschen, und Leute, die es aus Liebe zu ihrem Handwerk tun, denen es einzig darum geht, etwas zu kreieren, oder - wie im Großteil der Fälle - im wahrsten Sinne des Wortes zu >rekreieren< .«
   Der Buchbinder blinzelte ein wenig und lächelte dann verschmitzt. Seine kleinen Mausaugen glänzten, als er sie wieder auf die Neun Pforten heftete. »Obwohl ich mich nicht daran erinnere, und mein Bruder sicher auch nicht, an diesen Arbeiten beteiligt gewesen zu sein, die Sie als bewundernswert bezeichnen.«
   »Ich sagte perfekt.«
   »Ach ja? Egal.« Er führte sich die Zigarette zum Mund und sog so kräftig daran, daß seine hohlen Wangen noch mehr einfielen. »Aber wer auch immer der Urheber oder die Urheber waren, glauben Sie mir, daß diese Arbeit für ihn oder sie ein persönliches Vergnügen war - eine innere Genugtuung, die sich nicht mit Geld bezahlen läßt .«
   »Sine pecunia«, kommentierte sein Bruder.
   Pedro Ceniza blies den Rauch seiner Zigarette lässig durch die Nase und den halb geöffneten Mund aus.
   »Nehmen wir zum Beispiel diesen Speculum, den die Sorbonne als echtes Exemplar gekauft hat. Schon allein das Papier, der Satz, der Druck und die Bindung müssen mindestens fünfmal so viel gekostet haben wie der Gewinn, den die Autoren oder Fälscher, wie Sie es nennen, daraus gezogen haben. Es gibt Leute, die das nicht verstehen können ... Stellen Sie sich einen Maler vor, der das Talent Velazquez’ besitzt und in der Lage ist, seine Gemälde nachzuahmen: Woran liegt ihm wohl mehr? Daran, Geld zu machen, oder daran, seine Bilder zwischen Las Meninas und der Schmiede Vulkans im Prado aufgehängt zu sehen?«
   Corso stimmte ihm rückhaltlos zu. Acht Jahre lang hatte der Speculum der Brüder Ceniza zu den wertvollsten Werken der Pariser Bibliothek gezählt. Und die Entdeckung, daß es sich um eine Fälschung handelte, war keinesfalls das Verdienst von Experten, sondern Zufall gewesen. Ein Mittelsmann, der geplaudert hatte.
   »Werden Sie immer noch von der Polizei belästigt?«
   »Nein, fast nie. Vergessen Sie nicht, daß der Skandal in Frankreich ausgebrochen ist. Unsere Namen wurden zwar auch damit in Verbindung gebracht, aber nachweisen konnte uns keiner etwas.« Pedro Ceniza setzte erneut ein schiefes Lächeln auf. »Mit der Polizei stehen wir auf gutem Fuße. Sie zieht uns sogar zu Rate, wenn es darum geht, gestohlene Bücher zu identifizieren.« Er deutete mit der qualmenden Zigarette auf seinen Bruder: »Keiner versteht es so gut wie Pablo, Bibliotheksstempel, Exlibris oder Besitzervermerke aus einem Buch verschwinden zu lassen - manchmal verlangen sie von ihm, diese Arbeit im entgegengesetzten Sinne durchzuführen. Sie wissen schon: Leben und leben lassen.«
   »Was halten Sie von den Neun Pforten?«
   Der ältere der beiden Brüder sah den anderen an, dann das Buch und schüttelte den Kopf.
   »Seinerzeit ist uns nichts Ungewöhnliches daran aufgefallen. Wir haben es zwar nicht gründlich studiert, aber gewisse Unstimmigkeiten springen einem sofort ins Auge.«
   »Uns jedenfalls«, präzisierte sein Bruder.
   »Und jetzt?«
   Pedro Ceniza zog ein letztesmal an seiner Zigarette, die zu einem winzigen Stummel geschrumpft war, und ließ sie dann auf den Boden fallen, zwischen seine Schuhe, wo sie vollends verglomm. Das Linoleum war mit Brandlöchern übersät.
   »Gut erhaltener venezianischer Einband aus dem 17. Jahrhundert . « Die beiden Brüder beugten sich über das Buch, aber nur der ältere von ihnen berührte die Seiten mit seinen blassen, kalten Händen. Man hätte sie für Präparatoren halten können, die vor einem Tierkadaver stehen und beratschlagen, wie er wohl am besten auszustopfen sei. »Schwarzes Maroquinleder mit goldgeprägten Pflanzenornamenten .«
   »Etwas nüchtern für Venedig«, meinte Pablo Ceniza.
   Sein Bruder pflichtete ihm mit einem neuerlichen Hustenanfall bei.
   »Wahrscheinlich hat sich der Künstler in Anbetracht des Themas zurückgehalten.« Er sah Corso an. »Haben Sie schon die Deckel untersucht? Die Ledereinbände aus dem 16. und 17. Jahrhundert bergen mitunter Überraschungen. Die Pappe für die Buchdeckel wurde aus losen Blättern hergestellt, die man mit Leim tränkte und dann preßte. Oft wurden dazu Druckproben desselben Buches verwendet, oder gar noch ältere Drucke . Manche Deckel sind heute mehr wert als die Bücher, zu denen sie gehören - man hat da unglaubliche Funde gemacht.« Er deutete auf ein paar Blätter, die auf dem Tisch lagen. »Dort haben Sie ein Beispiel. Erzähl du ihm, was das ist, Pablo.«
   »Kreuzzugsbullen aus dem fahr 1483 ...«, erklärte der Angesprochene mit einem ordinären Grinsen, als gehe es nicht um totes Papier, sondern um pikantes pornographisches Material. »In den Deckeln wertloser Gedenkbücher aus dem 16. Jahrhundert.«
   Pedro Ceniza war immer noch auf die Neun Pforten konzentriert: »Der Einband scheint mir in Ordnung«, sagte er. »Es paßt alles zusammen. Ein kurioses Buch, nicht wahr? Rücken mit fünf Bünden, kein Titel, dafür aber dieses mysteriöse Pentagramm auf dem Vorderdeckel . Torchia, Venedig 1666. Womöglich hat er es selbst gebunden. Tadellose Arbeit.«
   »Was meinen Sie zu dem Papier?«
   »Jetzt erkenne ich Sie wieder, Senor Corso. Das ist eine gute Frage.« Der Buchbinder fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, als wolle er ihnen damit etwas Wärme verleihen. Danach packte er die Schnittkanten der Seiten mit dem Daumen und ließ sie durchsausen, wobei er angestrengt auf ihren Klang lauschte - genau wie Corso es schon bei Varo Borja getan hatte. »Ausgezeichnetes Papier! Überhaupt nicht zu vergleichen mit der Zellulose, die man jetzt verwendet . Kennen Sie die durchschnittliche Lebenserwartung eines Buches, das heutzutage gedruckt wird? Sag du es ihm, Pablo.«
   »Siebzig Jahre«, erwiderte der andere in vorwurfsvollem Ton, als läge die Schuld daran bei Corso. »Siebzig schäbige Jahre.«
   Der ältere Bruder suchte zwischen den Utensilien auf dem Tisch herum, bis er eine besonders starke Speziallupe gefunden hatte, mit der er an das Buch heranging.
   »Bis in hundert Jahren«, murmelte er, während er ein Blatt anhob und es mit zusammengekniffenen Augen gegen das Licht betrachtete, »wird beinahe alles, was sich heute in den Buchhandlungen befindet, verschwunden sein. Aber diese Bände hier, die zweihundert oder gar fünfhundert Jahre alt sind, werden unversehrt überleben . Wir haben eben nicht nur die Welt, sondern auch die Bücher, die wir verdienen. Stimmt’s, Pablo?«
   »Scheißbücher auf Scheißpapier.«
   Pedro Ceniza nickte zustimmend mit dem Kopf und fuhr fort, die Neun Pforten mit seiner Lupe zu untersuchen.
   »Da hören Sie es . Zellulosepapier vergilbt, wird mit der Zeit spröde wie eine Hostie, bis es schließlich ganz zerfällt. Es altert und stirbt.«
   »Das hier ist aber kein Zellulosepapier«, sagte Corso und deutete auf die Neun Pforten. Der Buchbinder war immer noch dabei, die Blätter gegen das Licht zu betrachten.
   »Nein, das ist einwandfreies Büttenpapier. Es wird aus Hadern gemacht und ist gegen die Zeit ebenso gefeit wie gegen die menschliche Dummheit ... Moment, stimmt nicht. Das ist Leinenpapier. Echtes Leinenpapier.« Er hob den Blick von der Lupe und sah seinen Bruder an. »Komisch ... Das kann nicht aus Venedig kommen. Stark, spongiös, faserig ... Vielleicht aus Spanien?«
   »Aus Valencia«, sagte der andere. »Jativa-Leinen.«
   »Genau - damals eines der besten in Europa. Die Italiener haben es viel importiert. Denkbar, daß der Künstler eine Partie davon an Land gezogen hat . Der Mann wollte seine Sache offensichtlich gut machen.«
   »Ja, er ist äußerst gewissenhaft zu Werk gegangen«, meinte Corso. »Und dafür hat er mit dem Leben bezahlt.«
   »Das gehörte zu seinen Berufsrisiken.« Pedro Ceniza nahm die zerknitterte Zigarette an, die Corso ihm hinhielt, und zündete sie augenblicklich an, ohne sich um seinen Husten zu kümmern. »Aber um auf das Papier zurückzukommen: Bekanntlich läßt sich damit schlecht etwas vormachen. Wir hätten auf alle Fälle ein Ries zeitgenössisches, weißes Papier benötigt, und selbst das hätten wir noch entsprechend behandeln müssen. Sie wissen ja, daß sich die Blätter eines Buches im Lauf der Zeit bräunlich verfärben, daß die Druckerschwärze oxidiert . Sicher, wir können die Seiten, die wir hinzufügen wollen, fleckig machen oder in schwarzen Tee tauchen und nachdunkeln. Aber das ist alles nicht so einfach. Nach einer fachgerechten Restaurierung oder Ergänzung mit authentisch wirkenden Seiten muß ein Buch aussehen wie aus einem Guß. Und dabei kommt es vor allem auf die Details an. Habe ich recht, Pablo? Diese verdammten Details!«
   »Wie lautet also Ihre Diagnose?«
   »Nun, wenn man genau gegeneinander abwägt, was möglich, was unmöglich und was wahrscheinlich ist, gelangt man zu dem Ergebnis, daß der Einband des Buches aus dem 17. Jahrhundert stammt. Das bedeutet nicht, daß die Blätter, die das Buch enthält, ursprünglich zu diesem Einband gehören - aber nehmen wir es einmal an. Was das Papier betrifft, so hat es ähnliche Eigenschaften wie andere Partien, die genau datiert sind. Es scheint also auch zeitgenössisch zu sein.«
   »Okay. Einband und Papier sind echt. Kommen wir zum Text und zu den Abbildungen.«
   »Hier wird die Sache etwas komplizierter. Von der Warte des Typographen aus betrachtet gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Das Buch ist echt. Aber Sie sagen ja, sein Besitzer habe beweiskräftige Gründe, das zu bestreiten - somit wäre diese Alternative zwar möglich, aber wenig wahrscheinlich. Wenn es sich dagegen - und das wäre die andere Variante um eine Fälschung handelt, dann tun sich zwei Wege auf. Zunächst: Der ganze Text ist frei erfunden, apokryph, aber auf Papier der Zeit gedruckt und unter Verwendung alter Deckel gebunden. Das ist vorstellbar, scheint jedoch unwahrscheinlich oder, besser gesagt, wenig überzeugend. Die Herstellungskosten für das Buch wären viel zu hoch gewesen . Die zweite Möglichkeit kommt der Annahme einer Fälschung eher entgegen: Das Buch könnte kurze Zeit nach der ersten Ausgabe gefälscht worden sein. Ich denke da an einen leicht modifizierten Nachdruck, den man als Erstausgabe hingestellt hat, obwohl er in Wirklichkeit nicht 1666 angefertigt wurde, dem angegebenen Erscheinungsjahr, sondern zehn oder zwanzig Jahre später. Nur, warum das Ganze?«
   »Weil die erste Auflage von der Inquisition verbrannt worden ist«, erwiderte Pablo Ceniza.
   »Das wäre eine Erklärung«, stimmte Corso zu. »Irgend jemand, der im Besitz der von Aristide Torchia benützten Klischees und Typen war, hat das Buch nachgedruckt.«
   Der ältere der beiden Brüder war dabei, mit einem Bleistift etwas auf ein Blatt zu kritzeln.
   »Möglich. Aber ich finde die anderen Alternativen oder Hypothesen plausibler ... Stellen Sie sich zum Beispiel vor; daß es sich bei dem Buch um ein authentisches, aber lückenhaftes Exemplar handelt, aus dem ein paar Seiten herausgerissen wurden oder verlorengegangen sind, und daß jemand mit Papier der Zeit, einer guten Drucktechnik und sehr viel Geduld die fehlenden Seiten ersetzt hat. In diesem Fall gäbe es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder die hinzugefügten Seiten wurden aus einem anderen, vollständigen Exemplar kopiert, oder aber sie sind frei erfunden, da es keine Originale gab, die als Vorlage hätten dienen können.« Der Buchbinder zeigte Corso, was er gezeichnet hatte. »Hier hätten wir es dann mit einer echten Fälschung zu tun, wie Sie auch auf diesem Schema sehen können.«


   Während Corso und der jüngere Bruder die Zeichnung betrachteten, blätterte Pedro Ceniza noch einmal die Neun Pforten durch.
   »Ich will Ihnen sagen, was ich glaube«, meinte er, als die beiden sich ihm zuwandten. »Wenn gefälschte Seiten in das Buch eingefügt worden sind, dann muß das entweder in der Zeit des Erstdrucks geschehen sein oder aber in unseren Tagen.
   Die Zeitspanne dazwischen können wir ausschließen, da es bis vor kurzem unmöglich war, alte Schriftstücke mit einer solchen Perfektion zu reproduzieren.«
   Corso gab ihm das Schema zurück.
   »Angenommen, Sie haben es mit einem lückenhaften Exemplar zu tun, das Sie mit modernen Techniken vervollständigen wollen ... Wie würden Sie vorgehen?«
   Die Brüder Ceniza seufzten im Gleichtakt, tief und professionell: Allein bei dem Gedanken an eine solche Möglichkeit lief ihnen das Wasser im Munde zusammen. Beide hatten jetzt den Blick auf die Neun Pforten geheftet.
   »Gut«, hob der Ältere an. »Stellen wir uns also vor, wir hätten dieses Buch von 168 Seiten, und die Seite 100 würde fehlen ... 100 und 99 natürlich, denn schließlich hat jedes Blatt zwei Seiten. Und wir möchten diese Seite ersetzen. Das Kunststück besteht darin, einen Zwilling aufzutreiben.«
   »Einen Zwilling?«
   »So nennt man das im Fachjargon«, erklärte Pablo Ceniza. »Ein anderes, vollständiges Exemplar.«
   »Oder eins, in dem wenigstens die beiden Seiten erhalten sind, die wir kopieren müssen. Wenn möglich, vergleichen wir auch den ganzen Zwilling mit unserem lückenhaften Exemplar, um festzustellen, ob es Unterschiede in der Drucktiefe gibt oder ob die Typen in einem abgenützter sind als im anderen ... Sie kennen das ja: Zu einer Zeit, in der die Lettern beweglich waren und sich im Handdruck schnell abnützten oder beschädigt wurden, konnten das erste und das letzte Exemplar ein und derselben Auflage unter Umständen große Unterschiede aufweisen . verbogene oder kaputte Typen, unterschiedliche Schwärzungen und ähnliches. Diese Untersuchung würde uns später in die Lage versetzen, kleine Mängel aus der einzufügenden Seite auszumerzen oder im Gegenteil anzubringen, um sie den restlichen Seiten anzugleichen ... Als nächstes würden wir eine plastische Photolithographie anfertigen. Und von dieser würden wir einen Polymer- oder Zinkabdruck machen.«
   »Ein Klischee aus Kunstharz oder Metall«, sagte Corso.
   »Genau. So perfekt die modernen Reprotechniken auch sind, man würde mit ihnen nie dasselbe Resultat erzielen wie mit den alten Holz- oder Bleidruckformen, also diesen charakteristischen Reliefcharakter auf dem Papier. Deshalb müssen wir die ganze Seite in formbarem Material wie Kunstharz oder Metall reproduzieren und ein Klischee herstellen, dessen technische Eigenschaften mit denen der alten Druckplatte vergleichbar sind, die 1666 aus beweglichen Lettern zusammengesetzt wurde. Dann kommt dieses Klischee in die Presse, und wir machen einen Handabzug, genau wie vor vierhundert Jahren ... Natürlich auf Papier der Zeit, das vorher und nachher mit den entsprechenden Methoden künstlich gealtert wird. Schließlich würden wir auch die Zusammensetzung der Druckfarbe eingehend studieren und sie mit chemischen Substanzen derart präparieren, daß sie mit der alten Druckfarbe identisch ist. Und damit ist das Verbrechen auch schon perfekt.«
   »Was aber, wenn es kein Original der Seite gibt? Keine Vorlage, nach der die beiden fehlenden Seiten kopiert werden können?«
   Die Brüder Ceniza lächelten selbstsicher und wie immer unisono.
   »Dann«, erwiderte der Ältere, »wird die Arbeit erst richtig spannend.«
   »Forschung und Phantasie«, fügte der andere hinzu.
   »Und natürlich Wagemut, Senor Corso. Gehen wir davon aus, daß Pablo und ich dieses lückenhafte Exemplar der Neun Pforten haben. In diesem Fall verfügen wir mit den restlichen 166 Seiten über einen ganzen Katalog von Lettern und Zeichen, die der ursprüngliche Drucker benützt hat. Wir verwenden diesen Katalog als Vorlage, um ein vollständiges Alphabet zusammenzustellen. Dieses Alphabet übertragen wir dann auf Photopapier, weil das einfacher zu handhaben ist, und vervielfältigen jeden Buchstaben so oft wie es nötig ist, um die ganze Seite zu setzen. Noch kunstgerechter wäre es natürlich, die Typen aus Blei zu gießen, wie es die Drucker früher gemacht haben . Aber das ist für uns leider zu aufwendig und zu teuer. Wir müssen wohl oder übel mit den modernen Techniken vorliebnehmen. Wir schneiden also mit einer Klinge die einzelnen Buchstaben aus, und dann setzt Pablo von Hand die beiden Seiten, Zeile für Zeile, genau wie ein Setzer aus dem 17. Jahrhundert. Wenn das geschehen ist, machen wir noch einmal einen Probeabzug auf Papier, korrigieren unregelmäßige Abstände zwischen den einzelnen Buchstaben und ähnliche kleine Fehler - oder bauen im Gegenteil Mängel ein, wie sie in den Buchstaben, Linien und Seiten des Originaltextes vorkommen. Zum Schluß fertigen wir ein Negativ an und davon eine plastische Druckplatte: das endgültige Klischee.«
   »Und wenn es sich bei den fehlenden Seiten um Illustrationen handelt?«
   »Das ist egal. Wenn wir über die Originalzeichnung verfügen, ist das Reproduktionsverfahren sogar noch einfacher. Mit Holzschnitten wie diesen hier, deren Linien klarer sind als die von Kupferstichen oder Radierungen, läßt sich saubere Arbeit leisten.«
   »Nehmen wir an, die Originalzeichnung sei verschollen.«
   »Das wäre auch kein Problem. Wenn wir sie aus Beschreibungen kennen, fertigen wir sie danach an. Wenn nicht, erfinden wir sie. Natürlich nach eingehendem Studium der anderen, erhaltenen Bildtafeln. Das kann jeder bessere Zeichner.«
   »Und der Druck?«
   »Sie wissen ja selbst, daß Holzschnitte im Hochdruckverfahren vervielfältigt werden: Die Zeichnung wird zuerst auf einen längs der Faser geschnittenen, weiß grundierten Holzstock übertragen. Dann wird sie mit dem Messer herausgeschnitten, so daß sie erhaben stehenbleibt, eingefärbt und auf Papier abgezogen . Wer einen Holzschnitt reproduzieren will, hat zwei Möglichkeiten: Entweder er überträgt die Zeichnung auf Kunstharz, oder er arbeitet selbst mit Holz, genau wie die Künstler vor Hunderten von Jahren; in diesem Fall wird direkt vom Holzstock gedruckt . Da mein Bruder ein ausgezeichneter Holzschneider ist, würden wir nach dieser handwerklichen Methode verfahren. Kunst soll Kunst nachahmen, wo immer möglich.«
   »Das ist sauberer«, warf Pablo ein.
   Corso zwinkerte ihm komplizenhaft zu.
   »Wie mit dem Speculum der Sorbonne.«
   »Kann schon sein, daß sein oder seine Urheber dieselben Ansichten vertreten wie wir . Was meinst du, Pablo?«
   »Jedenfalls waren sie Romantiker«, erwiderte der andere.
   »Das mit Sicherheit.« Corso deutete auf das Buch. »Und jetzt geben Sie Ihr Urteil ab.«
   »Ich würde sagen, daß es echt ist«, erwiderte Pedro Ceniza, ohne zu zögern. »Nicht einmal wir wären in der Lage, etwas so Perfektes zustande zu bringen. Sie sehen ja selbst, es stimmt alles: Qualität des Papieres, Stockflecken auf den Seiten, einheitliche Tönung, Unregelmäßigkeiten im Auftrag der Druckfarbe, Typographie . Es ist nicht ausgeschlossen, daß nachträglich fehlende Seiten eingefügt worden sind, aber ich halte das für unwahrscheinlich. Wenn das Buch gefälscht ist, dann muß es sich um eine Fälschung der Zeit handeln - das wäre die einzige Erklärung. Wieviel Exemplare sind denn bekannt? Drei? Sicher haben Sie schon die Möglichkeit in Betracht gezogen, daß alle drei gefälscht sind.«
   »Ja, das habe ich. Was halten Sie von den Bildtafeln?«
   »Seltsam sind sie, soviel steht fest. Mit all diesen Zeichen ... Aber sie stammen auch aus derselben Zeit. Die Drucktiefe der
   Klischees ist identisch. Ebenso die Druckfarbe, die Tönung des Papiers ... Vielleicht liegt der Schlüssel nicht darin, wie und wann sie gedruckt wurden, sondern in ihrer Aussage. Tut mir leid, daß wir Ihnen nicht weiterhelfen können.«
   »Sie irren sich.« Corso schickte sich an, das Buch zu schließen. »In Wirklichkeit haben Sie mir sehr viel weitergeholfen.«
   Pedro Ceniza hielt ihn zurück.
   »Noch etwas, obwohl Ihnen das bestimmt schon aufgefallen ist: die Zeichen des Holzschneiders.«
   Corso sah ihn verwirrt an.
   »Ich verstehe nicht . Was meinen Sie?«
   »Die mikroskopisch kleinen Signaturen am Fuß einer jeden Abbildung ... Zeig du sie ihm, Pablo.«
   Der jüngere Bruder rieb sich die Hände an seinem Staubmantel, als wären sie verschwitzt, was jedoch unmöglich war. Dann beugte er sich mit der Lupe über die Neun Pforten und zeigte Corso ein paar Seiten.
   »Jeder Holzschnitt«, erklärte er ihm, »ist mit den üblichen Abkürzungen versehen: inv. für invenit mit den Initialen des Malers, von dem der Entwurf stammt, und sculp. für sculpsit -der Holzschneider . Schauen Sie her: Auf sieben der neun Bildtafeln kommt die Abkürzung A. Torch. als sculp. und inv. vor. Somit ist klar, daß der Drucker selbst sieben Bildtafeln entworfen und geschnitten hat. Aber auf den anderen beiden taucht er nur als sculp. auf. Das heißt also, daß er diese nur geschnitten hat. Und daß der Autor der Originalzeichnungen, der inv., ein anderer war: jemand mit den Namensinitialen L. E«
   Pedro Ceniza, der den Erläuterungen seines Bruders kopfnikkend gefolgt war, zündete sich schon wieder eine Zigarette an.
   »Nicht schlecht, was?« Hustend stieß er den Rauch aus. Seine schlauen Mausäuglein funkelten verschmitzt, während er Corso ansah. »Dieser Drucker war nicht alleine, wenn auch nur er verbrannt worden ist.«
   »Nein«, sagte sein Bruder mit einem düsteren Lachen. »Irgend jemand hat geholfen, den Scheiterhaufen aufzuschichten.«
   Am Abend desselben Tages bekam Corso noch Besuch von Liana Taillefer. Die Witwe erschien ohne Voranmeldung, und zwar genau zur Dämmerstunde, als der Bücherjäger in einem verwaschenen Baumwollhemd und einer alten Kordhose auf seinem verglasten Balkon saß und die rot- und ockerfarben glühenden Dächer der Stadt betrachtete. Das war vielleicht nicht der günstigste Augenblick, und unter Umständen hätte sich viel von dem, was danach passierte, vermeiden lassen, wenn sie zu einer anderen Uhrzeit aufgetaucht wäre. Aber sicher werden wir das nie erfahren. Fest steht nur folgendes: Corso saß auf seinem Balkon, und sein Blick wurde trüber, je tiefer der Pegel seines Gin-Glases sank, als es plötzlich läutete und Liana Taillefer auf der Schwelle der Wohnungstür erschien
   - groß, blond, atemberaubend, in ihrem englischen Trenchcoat, unter dem sie ein maßgeschneidertes Kostüm und schwarze Seidenstrümpfe trug. Das Haar hatte sie im Nacken aufgedreht und unter einem tabakfarbenen Borsalino-Hut mit breiter Krempe versteckt, der ihr schräg auf dem Kopf saß. Das wirkte sehr verwegen und stand ihr ausgezeichnet, was sie selbst am besten zu wissen schien. Sie machte den Eindruck einer schönen Frau, die gerne Aufsehen erregt.
   »Was verschafft mir die Ehre?« fragte Corso - ein törichter Satz, aber zu dieser Uhrzeit und mit dem Gin, den er bereits intus hatte, konnte er sich keine brillanten Dialoge mehr abverlangen. Liana Taillefer hatte bereits das Zimmer durchquert und stand jetzt vor dem Schreibtisch, auf dem neben dem Computer und den Diskettenboxen das Dumas-Manuskript lag.
   »Arbeiten Sie immer noch daran?«
   »Klar.«
   Sie wandte sich von dem Vin d’Anjou ab, um ihren Blick ruhig durch das Zimmer schweifen zu lassen, über die vielen Bücher, die sich auf dem Fußboden stapelten und die Wandregale füllten. Corso begriff, daß sie Fotos suchte, Andenken, irgendwelche Indizien, die ihr geholfen hätten, ihn zu taxieren. Da sie aber nichts dergleichen fand, zog sie verdrießlich und arrogant eine Augenbraue hoch. Schließlich blieben ihre Augen an dem Säbel der Alten Garde hängen.
   »Sammeln Sie Degen?«
   Logische Schlußfolgerung nannte man so etwas. Durch Induktion gewonnen. Corso verzeichnete erleichtert, daß Liana Taillefers Talent, peinliche Situationen zu überbrücken, weit hinter dem Eindruck zurückblieb, den sie nach außen hin vermittelte. Es sei denn, sie nahm ihn auf den Arm. Er setzte also vorsichtshalber nur ein sehr zurückhaltendes Lächeln auf.
   »Ich sammle diesen hier. Das ist ein Säbel.«
   Sie nickte mit ausdrucksloser Miene, und es war nicht zu erraten, ob sie eine mittelmäßige oder eine gute Schauspielerin war.
   »Ein Familienerbstück?«
   »Nein, gekauft«, log Corso. »Ich dachte, der paßt gut an die Wand. Immer nur Bücher - das wird mit der Zeit langweilig.«
   »Warum haben Sie überhaupt keine Bilder, keine Fotos?«
   »Weil es niemanden gibt, an dessen Andenken mir etwas liegt.« Er dachte an das silbergerahmte Foto des verstorbenen Taillefer, auf dem er mit Schürze bekleidet vor einem Spanferkel stand. »In Ihrem Fall ist das natürlich etwas ganz anderes.«
   Sie beobachtete ihn scharf. Als wolle sie den Grad an Frechheit bestimmen, der sich in seinen Worten verbarg. Ihre blauen Augen blitzten wie Stahl und waren so kalt, daß Corso ein Frösteln überlief. Sie ging ein wenig herum, verweilte vor ein paar Büchern, betrachtete die Stadtlandschaft jenseits des Balkons und wandte sich dann wieder dem Schreibtisch zu.
   Einer ihrer Finger mit den blutrot lackierten Nägeln strich über den Ordner, der das Dumas-Manuskript enthielt. Vielleicht wartete sie darauf, daß Corso irgendeinen Kommentar abgab, aber der Bücherjäger schwieg und beschränkte sich darauf, geduldig zu warten. Wenn sie etwas wollte - und das war offensichtlich -, dann sollte sie ihre schmutzige Arbeit selbst erledigen. Er war nicht bereit, ihr die Sache zu erleichtern.
   »Darf ich mich setzen?«
   Wieder diese heisere Stimme. Der Nachklang einer schlechten Nacht, erinnerte sich Corso. Er blieb abwartend in der Mitte des Zimmers stehen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Liana Taillefer legte Hut und Trenchcoat ab, sah sich unendlich langsam um und wählte ein altes Sofa aus. Sie schlenderte darauf zu, ließ sich träge nieder - der Rock ihres maßgeschneiderten Kostüms erwies sich in dieser Position als ausgesprochen kurz - und überkreuzte die Beine in einer Art, die den stärksten Mann umgehauen hätte, nicht nur Corso, und das selbst, wenn er nüchtern gewesen wäre.
   »Ich bin gekommen, um über ein Geschäft mit Ihnen zu sprechen.«
   Das war klar. Ohne Absicht fuhr man solche Geschütze nicht auf. Corso mangelte es keineswegs an Selbstwertgefühl, aber dumm war er nicht.
   »Sprechen Sie nur«, sagte er. »Haben Sie schon mit Flavio La Ponte zu Abend gegessen?«
   Keine Reaktion. Die Witwe blieb völlig gelassen und fuhr fort, ihn von oben herab zu betrachten.
   »Nein, noch nicht«, antwortete sie schließlich ruhig. »Ich wollte vorher Sie treffen.«
   »Nun, jetzt haben Sie mich ja getroffen.«
   Liana Taillefer lehnte sich etwas tiefer in das Sofa zurück. Ihre Hand ruhte auf einem Riß des zerschlissenen Lederbezugs, durch den die Roßhaarfüllung zum Vorschein kam.
   »Sie arbeiten für Geld«, sagte sie.
   »Ganz recht.«
   »Verkaufen sich dem Meistbietenden.«
   »Manchmal.« Corso entblößte einen Eckzahn. Jetzt, wo er sich auf seinem Terrain befand, konnte er auf die Kaninchenmasche verzichten. »Normalerweise verpachte ich mich. Wie Humphrey Bogart im Film. Wie die Nutten.«
   Für eine Witwe, die als kleines Mädchen in der Schule Bilder gestickt hatte, blieb Liana Taillefer erstaunlich unberührt von seiner unflätigen Ausdrucksweise.
   »Ich möchte Ihnen einen Auftrag anbieten.«
   »Wie schön. Zur Zeit werden mir von allen Seiten Jobs angeboten.«
   »Ich werde Sie sehr gut dafür bezahlen.«
   »Toll. Derzeit wollen mich auch alle gut bezahlen.«
   Die Witwe hatte ein langes Roßhaar aus der kaputten Armlehne des Sofas gezogen und wickelte es sich zerstreut um den Zeigefinger.
   »Was zahlt Ihnen Ihr Freund La Ponte?«
   »Flavio? Nichts. Der läßt sich keinen roten Heller abknöpfen.«
   »Warum arbeiten Sie dann für ihn?«
   »Sie haben es ja selbst gesagt. Weil er mein Freund ist.«
   Corso hörte, wie sie das Wort nachdenklich wiederholte.
   »Aus Ihrem Mund klingt das komisch«, sagte sie dann mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln, das Verachtung und Neugier zugleich verriet. »Haben Sie auch Freundinnen?«
   Corso ließ seinen Blick langsam und unverschämt von ihren Knöcheln zu ihren Schenkeln hinaufwandern.
   »Ich habe Erinnerungen. Ihre zum Beispiel könnte mir heute nacht gute Dienste leisten.«
   Liana Taillefer ertrug seine Vulgarität mit stoischer Gelassenheit. Vielleicht war Corsos Anspielung aber auch zu subtil für sie.
   »Nennen Sie mir eine Zahl«, sagte sie kalt. »Ich will das Manuskript meines Mannes zurückhaben.«
   Das Geschäft ließ sich gut an. Corso setzte sich der Witwe gegenüber in einen Sessel. Von hier war der Ausblick auf ihre schwarzbestrumpften Beine besser: Sie hatte die Schuhe abgestreift und die Füße auf den Teppich gestellt.
   »Letztes Mal schienen Sie mir nicht so interessiert.«
   »Ich habe es mir noch einmal genau überlegt. Dieses Manuskript hat für mich einen . Wie soll ich sagen?«
   »Sentimentalen Wert?« fragte Corso spöttisch.
   »So etwas Ähnliches.« Ihre Stimme klang jetzt herausfordernd. »Aber nicht, wie Sie meinen.«
   »Und was wären Sie bereit, dafür zu tun?«
   »Das habe ich Ihnen schon gesagt. Sie bezahlen.«
   Corsos Lippen verzogen sich zu einem frechen Grinsen.
   »Sie beleidigen mich. Ich bin ein Profi.«
   »Sie sind ein Profisöldner, und die wechseln das Lager, wie es kommt. Ich lese auch Bücher.«
   »Mir fehlt es nicht an Geld.«
   »Ich spreche jetzt nicht von Geld.«
   Sie hatte sich in das Sofa zurückgelegt und rieb sich mit einem Fuß den Rist des anderen. Corso sah durch die schwarzen Seidenstrümpfe hindurch ihre rot lackierten Zehen. Ihr Rock rutschte mit jeder Bewegung höher und gab bereits ein kleines Stück weißes Fleisch frei, oberhalb der schwarzen Strumpfbänder, dort, wo alle Rätsel zu einem einzigen, uralten Rätsel verschmelzen. Der Bücherjäger hob mühsam den Blick. Die stahlblauen Augen fixierten ihn immer noch.
   Er nahm seine Brille ab, erhob sich und ging auf das Sofa zu. Die Frau beobachtete ihn, ohne mit der Wimper zu zucken, selbst als er so dicht vor ihr stand, daß ihre Knie sich berührten. Und dann hob Liana Taillefer eine Hand und legte ihre rot lackierten Nägel genau auf den Reißverschluß seiner Kordhose. Wieder spielte ein kaum wahrnehmbares, verächtliches und selbstsicheres Lächeln um ihre Lippen, als Corso sich endlich über sie beugte und ihren Rock bis zum Bauchnabel hochschob.
   Mehr als ein Nehmen und Geben war es ein gegenseitiger Überfall, als benützten beide die Gelegenheit, auf dem Sofa eine alte Rechnung zu begleichen - ein harter Kampf unter gleichwertigen Gegnern, mit dem passenden Stöhnen im richtigen Augenblick, dem einen oder anderen durch die Zähne gepreßten Fluch und den Nägeln der Frau, die sich erbarmungslos in Corsos Rücken krallten. Und das alles auf einer Handbreit Raum, ihr Rock über den kräftigen, breiten Hüften, die er mit verkrampften Händen umklammerte, während sich ihm die Schnallen ihres Strumpfhalters in die Leisten gruben. Er schaffte es nicht einmal, ihre Brüste zu sehen, obwohl er sie ein paarmal anzufassen bekam - festes Fleisch, das heiß und üppig aus ihrem BH quoll, unter der Seidenbluse und der maßgeschneiderten Kostümjacke, die Liana Taillefer im Eifer des Gefechts nicht hatte ausziehen können. Und jetzt lagen sie da, Arme, Beine und Kleider ineinander verheddert, atemlos, erschöpft wie zwei Ringkämpfer. Und Corso, der sich fragte, wie er aus diesem Schlamassel wieder herauskommen sollte. »Wer ist Rochefort?« fragte er, bereit, es zu einem Eklat kommen zu lassena Taillefer sah ihn aus zehn Zentimeter Entfernung an. Die untergehende Sonne warf einen rötlichen Schimmer auf ihr Gesicht, das blonde Haar hatte sich gelöst und lag wirr über das Ledersofa verteilt. Zum erstenmal wirkte sie entspannt.
   »Niemand Wichtiges«, erwiderte sie, »jetzt, wo ich das Manuskript zurückbekomme.«
   Corso küßte ihren zerknitterten Ausschnitt, um sich von ihm
   und seinem Inhalt zu verabschieden. Er ahnte, daß er dazu nicht so schnell wieder Gelegenheit bekommen würde.
   »Was für ein Manuskript?« fragte er, um irgend etwas zu sagen, und bemerkte, wie ihr Blick im selben Moment hart und ihr Körper unter ihm steif wurde.
   »Der Vin d’Anjou.« Ihre Stimme verriet einen Anflug von Nervosität. »Sie geben ihn mir doch zurück, oder?«
   Corso gefiel der Ton nicht, mit dem sie auf einmal zum »Sie« zurückkehrte. Er glaubte sich vage erinnern zu können, daß sie sich während des Scharmützels geduzt hatten.
   »Das habe ich nicht gesagt.«
   »Ich dachte ...«
   »Sie haben falsch gedacht.«
   Der Stahl in ihren Augen blitzte auf. Wutentbrannt schnellte sie in die Höhe, indem sie ihn mit einer brüsken Hüftbewegung von sich warf.
   »Gemeiner Kerl!«
   Corso, der drauf und dran gewesen war, in Gelächter auszubrechen und die Angelegenheit mit ein paar zynischen Witzen abzutun, fühlte sich gewaltsam nach hinten geschleudert und knallte mit den Knien auf den Boden. Während er sich aufrappelte und seinen Gürtel wieder zumachte, baute Liana Taillefer sich bleich und furchtbar vor ihm auf, mit verrutschter Bluse, die wundervollen Schenkel noch immer entblößt, und verpaßte ihm eine so saftige Ohrfeige, daß sein linkes Trommelfeld dröhnte wie nach einem Kanonenschuß aus nächster Nähe.
   »Elender Schuft!«
   Der Bücherjäger geriet ins Taumeln. Betäubt sah er sich um wie ein Boxer auf der Suche nach irgend etwas, woran er sich festklammern konnte, um nicht auf die Matte zu gehen. Liana Taillefer kreuzte sein Blickfeld, aber er nahm sie kaum wahr: Sein Ohr schmerzte höllisch. Er stierte mit dumpfem Blick auf den Säbel von Waterloo, als er das Geräusch von berstendem Glas vernahm. Kurz darauf sah er sie wieder im rötlich schimmernden Gegenlicht des Fensters. Sie hatte ihren Rock nach unten gezogen und hielt in der einen Hand das DumasManuskript und in der anderen den Hals einer zerbrochenen Flasche. Die gläserne Schnittkante näherte sich seinem Hals.
   In einer Reflexbewegung riß er den Arm hoch und trat einen Schritt zurück. Die Gefahr löste einen Adrenalinschub in ihm aus, so daß er geistesgegenwärtig die Hand Liana Taillefers zur Seite schlug und ihr einen Fausthieb auf den Hals versetzte, der ihr den Atem nahm und sie jäh stoppte. Die nächste Szene war etwas friedlicher: Corso hob das Manuskript und die kaputte Flasche vom Boden auf, und Liana Taillefer saß wieder auf dem Sofa und hielt sich mit beiden Händen den schmerzenden Hals. Das Haar fiel ihr jetzt wirr ins Gesicht, und sie rang unter aufgebrachten Schluchzern mühsam nach Luft.
   »Dafür werde ich Sie umbringen, Corso«, hörte er sie endlich sagen. Mittlerweile war die Sonne am anderen Ende der Stadt ganz untergegangen, und die Schatten der Nacht krochen bis in die letzten Winkel der Wohnung. Lucas Corso machte das Licht an, reichte der Frau verlegen Mantel und Hut und ging zum Telefon, um ihr ein Taxi zu rufen. Die ganze Zeit über vermied er es, ihr in die Augen zu sehen. Später, als er ihre Schritte im Treppenhaus verhallen hörte, stellte er sich ans Fenster und sah eine Weile auf die dunklen Dächer hinab, die sich im Schein des langsam aufgehenden Mondes abzeichneten.
   >Dafür werde ich Sie umbringen, Corso.<
   Er schenkte sich ein großes Glas Gin ein. Liana Taillefers fratzenhaft entstelltes Gesicht, ihr wutverzerrter Mund wollten ihm nicht aus dem Kopf. Wie Dolche hatten ihre Augen ihn durchbohrt, und das war kein Scherz gewesen: Sie hatte ihn wirklich töten wollen. Wieder wurden Erinnerungen in ihm wach. Langsam stiegen sie in ihm empor, ohne daß er diesmal sein Gedächtnis sonderlich anzustrengen brauchte. Schließlich stand klar und deutlich ein Bild vor seinen Augen, von dem er genau wußte, wo es hingehörte. Auf seinem Schreibtisch lag die Faksimileausgabe der Drei Musketiere. Er öffnete sie, suchte die Szene und fand sie auf Seite 129: Inmitten von umgestoßenen Möbeln sprang Milady wie eine Furie vom Bett und ging mit gezücktem Dolch auf den nur mit seinem Hemd bekleideten d’Artagnan los, der erschrocken zurückwich und sie mit der Spitze seines Degens in Schach hielt.


VII. Nummer eins und Nummer zwei

   Der Teufel kann sehr schlau sein, und mitunter ist er gar nicht so häßlich, wie man gemeinhin von ihm behauptet.
   J. Cazotte, Der verliebte Teufel

   Es fehlten wenige Minuten bis zur Abfahrt des Expreßzuges nach Portugal, als er das Mädchen sah. Corso stand auf dem Trittbrett seines Schlafwagens - Companhia Internacional de Carruagems-Camas -, als sie in einer Gruppe von Reisenden, die zu den Erste-Klasse-Waggons unterwegs waren, an ihm vorüberging. Sie hatte einen kleinen Rucksack auf der Schulter und trug denselben blauen Kapuzenmantel, aber er erkannte sie nicht sofort. Nur ihre grünen Augen, die hell, beinahe durchsichtig waren, und ihr extrem kurz geschnittenes Haar kamen ihm bekannt vor. Er sah ihr nach, bis sie zwei Wagen weiter vorn verschwand. Die Lokomotive pfiff, und während er einstieg und der Schaffner hinter ihm die Tür schloß, rekonstruierte er die Szene: Boris Balkans literarischer Stammtisch im Café und sie, die am Ende des Tisches saß.
   Er ging den Korridor entlang auf sein Abteil zu. Die Lichter des Bahnhofs flogen im Takt der ratternden Räder immer schneller vor den Fenstern vorbei. In dem engen Abteil konnte man sich kaum bewegen, so daß er nur Mantel und Jacke auf einen Bügel hängte und sich dann mit seiner Segeltuchtasche aufs Bett setzte. Die Tasche enthielt neben den Neun Pforten und dem Dumas-Manuskript das Memorial von St. Helena des Comte de Les Cases:
   Freitag, 14. Juli 1816. Der Kaiser hat die ganze Nacht gelitten ...
   Corso zündete sich eine Zigarette an. Wenn der Zug beleuchtete Stellen passierte und sein Gesicht wie von einem Blitz erhellt wurde, warf er manchmal einen Blick aus dem Abteilfenster, bevor er sich wieder in die langsame Agonie Napoleons und die ausführlich geschilderten Quälereien seines englischen Kerkermeisters, Sir Hudson Löwe, versenkte. Er las mit gerunzelter Stirn und rückte sich immer wieder die Brille auf der Nasenwurzel zurecht. Dann und wann hielt er einen Moment inne, um sein Spiegelbild im Fenster zu betrachten und eine spöttische Grimasse zu schneiden, die ihm selber galt. Bei all dem, was er bereits erfahren und erlebt hatte, war er immer noch in der Lage, Empörung über das schändliche Ende zu empfinden, das die Sieger dem gestürzten Titanen bereitet hatten - auf einen Felsbrocken inmitten des Atlantiks verbannt. Wie seltsam es war, das alles - die historischen Begebenheiten und seine eigenen Gefühle ihnen gegenüber - aus der heutigen Sicht eines Erwachsenen zu revidieren. Es schien ihm, als sei eine Ewigkeit vergangen, seit er, der andere Lucas Corso, das Kind, das die Mythen der Familie mit kriegerischem Enthusiasmus übernahm, der frühreife Bonapartist, ehrfurchtsvoll den Säbel des Veteranen von Waterloo bewundert und gierig Bücher verschlungen hatte, die mit Kupferstichen der glorreichen Feldzüge illustriert waren . Feldzüge, deren Namen wie Trommelwirbel klangen: Wagram, Jena, Smolensk, Marengo. Die geweiteten Augen, die ihn aus der Ferne anblickten, gehörten einem schemenhaften Wesen, das manchmal aus seinem Gedächtnis aufstieg, zwischen den Seiten eines Buches, bei einem Geruch oder Klang, auf einer dunklen Fensterscheibe, wenn draußen in der Nacht der Regen prasselte.
   Draußen ging ein Angestellter des Speisewagens vorbei und läutete mit einem Glöckchen. Corso klappte das Buch zu, zog seine Jacke an, hängte sich die Segeltuchtasche über die Schulter und verließ das Abteil. Am Ende des Korridors, nach der Pendeltür, empfing ihn der Faltenbalg zwischen seinem Waggon und dem nächsten mit einem kalten Luftzug. Er hörte die Puffer unter sich ächzen, während er ihn rasch durchquerte und in den Wagen mit den Erste-Klasse-Sitzabteilen hinüberging. Dort mußte er im Gang kurz stehenbleiben, um zwei Reisende vorbeizulassen, und dabei fiel sein Blick in das nächstgelegene Zugabteil, das nur zur Hälfte besetzt war. Das Mädchen saß neben der Tür, in Jeans und Pullover, die nackten Füße auf den gegenüberliegenden Sitz gestellt. Als Corso vorüberging, hob sie die Augen von dem Buch, das sie gerade las, und ihre Blicke kreuzten sich. Da ihre Augen jedoch durch nichts verrieten, daß sie ihn erkannte, ließ er die Hand, die er instinktiv zum Gruß gehoben hatte, schnell wieder sinken. Das junge Mädchen mußte seine Geste bemerkt haben, denn sie sah ihn neugierig an, aber der Bücherjäger hatte seinen Weg bereits fortgesetzt.
   Vom Schaukeln des Zuges gewiegt, aß er zu Abend und fand gerade noch Zeit, einen Kaffee und ein Glas Gin zu trinken, bevor das Restaurant schloß. Am Ende der Nacht ging in rohseidenen Tönen der Mond auf, und die im Schatten liegende Hochebene vor dem Fenster wurde von den vorbeihuschenden Telefonmasten in die verschwommenen Einzelbilder eines Filmes unterteilt, die man im Gegenlicht eines Projektors betrachtet.
   Auf dem Rückweg in sein Abteil traf er im Gang der ersten Klasse auf das Mädchen. Sie hatte die Arme auf den Rahmen des geöffneten Fensters gestützt und ließ sich den kalten Fahrtwind ins Gesicht wehen. Corso hatte sich gerade zur Seite gedreht, um sich in dem schmalen Korridor an ihr vorbeizuzwängen, da sah sie ihn an.
   »Wir kennen uns«, sagte sie.
   Aus der Nähe betrachtet, wirkten ihre Augen noch grüner und heller - wie aus Flüssigkristall. Zu diesem Effekt kam es vor allem durch den Kontrast mit ihrem sonnenverbrannten Gesicht, und daß sie Ende März bereits so braun war und das Haar streichholzkurz und mit Seitenscheitel trug, verlieh ihr ein ungewöhnliches, sportliches und sympathisch jungenhaftes Aussehen. Sie war groß, schlank, geschmeidig. Und sehr jung.
   »Stimmt«, bestätigte Corso. »Vor zwei Tagen ... im Café.«
   Sie lächelte, und auch ihre blitzweißen Zähne kontrastierten mit der dunklen Haut. Ihr Mund war groß und schön gezeichnet. Hübsches Mädchen, hätte Flavio La Ponte gesagt und sich den lockigen Bart gekrault.
   »Sie waren der, der sich für d’Artagnan interessiert hat.«
   Der kalte Wind, der zum offenen Fenster hereinblies, zerzauste ihr Haar. Sie war immer noch barfuß. Ihre weißen Tennisschuhe standen auf dem Boden des Abteils. Corso warf instinktiv einen Blick auf den Titel des Buches, das auf ihrem Sitz lag: Die Abenteuer des Sherlock Holmes - eine billige Taschenbuchausgabe.
   »Sie werden sich einen Schnupfen holen«, sagte er.
   Das Mädchen schüttelte immer noch lächelnd den Kopf, kurbelte aber trotzdem die Fensterscheibe hoch. Corso beschloß, eine Zigarette herauszuziehen, bevor er seinen Weg fortsetzte. Er tat es wie immer, direkt von der Jackentasche in den Mund, und merkte, daß sie ihn dabei beobachtete.
   »Rauchen Sie?« fragte er und hielt zögernd inne.
   »Manchmal.«
   Er klemmte sich die Zigarette zwischen die Lippen und kramte eine zweite hervor. Sie war schwarz, filterlos und zerknittert wie alle, die er mit sich herumtrug. Das Mädchen nahm sie entgegen und las die Marke, bevor sie sich von Corso mit dem letzten Streichholz seiner Schachtel und nach ihm Feuer geben ließ.
   »Die ist stark«, sagte sie, nachdem sie zum erstenmal daran gezogen hatte, aber der von Corso erwartete Hustenanfall blieb aus. Ihre Art, die Zigarette zu halten, war ungewöhnlich: mit Daumen und Zeigefinger, die Glut nach außen. »Reisen Sie in diesem Wagen?«
   »Nein. Im nächsten.«
   »Schön, sich einen Schlafwagen leisten zu können.« Sie klopfte sich auf die hintere, leere Hosentasche, als Zeichen, daß sie nicht besonders gut bei Kasse war. »Das würde ich auch gerne. Ein Glück, daß mein Abteil nur halb besetzt ist.«
   »Sind Sie Studentin?«
   »So etwas Ähnliches.«
   Der Zug fuhr donnernd und vibrierend in einen Tunnel, und das Mädchen drehte sich zum Fenster, als ziehe es die Finsternis dort draußen an. Gespannt und wachsam drückte sie sich gegen ihr eigenes Spiegelbild an die Scheibe und lauschte in das Getöse des engen Schachts hinaus. Als der Zug dann wieder im Freien war und kleine Lichter über kurze Strecken hinweg die Nacht sprenkelten, lächelte sie gedankenversunken.
   »Ich mag Züge«, sagte sie.
   »Ich auch.«
   Das Mädchen sah immer noch zum Fenster hinaus. Eine ihrer Hände berührte mit den Fingerspitzen die Scheibe.
   »Was halten Sie davon: Paris bei Nacht verlassen ... Morgens mit Blick auf die Lagune von Venedig aufwachen, und dann weiter nach Istanbul?« Ihr Lächeln wirkte jetzt verträumt, als hänge sie geheimen Erinnerungen nach.
   Corso schnitt eine Grimasse. Wie alt mochte sie sein? Achtzehn, wenn es hochkam zwanzig.
   »Poker spielen«, schlug er vor, »zwischen Calais und Brindisi.«
   Das Mädchen faßte ihn aufmerksamer ins Auge.
   »Auch nicht schlecht.« Sie dachte kurz nach. »Wie fänden Sie ein Champagnerfrühstück zwischen Wien und Nizza?«
   »Interessant. Wie Basil Zaharoff hinterher spionieren.«
   »Oder sich mit Nijinsky betrinken.«
   »Coco Chanels Perlen stehlen.«
   »Mit Paul Morand flirten ... Oder mit Mister Barnabooth.«
   Sie lachten beide. Corso wie immer mit zusammengebissenen Zähnen, das Mädchen offen heraus, seine Stirn an die kühle Fensterscheibe gelehnt. Sie hatte ein frisches, klangvolles Jungenlachen, das gut zu ihrem kurzgeschnittenen Haar und den leuchtendgrünen Augen paßte.
   »Solche Züge gibt es nicht mehr«, sagte sie.
   »Ich weiß.«
   Wie Blitze zischten die Lichter eines Signals vorbei. Es folgte ein schlecht beleuchteter, menschenleerer Bahnsteig; das Ortsschild war bei der Geschwindigkeit nicht zu lesen. Hier und da zeichnete sich ein Baum oder Häuserdach im nackten Schein des Mondes ab, der neben dem Zug herzufliegen schien
   - ein verrückter Wettlauf ohne Ziel.
   »Wie heißen Sie?«
   »Corso. Und Sie?«
   »Irene Adler.«
   Er musterte sie von oben bis unten, und sie hielt seiner Prüfung gelassen stand.
   »Das ist kein Name.«
   »Corso auch nicht.«
   »Da irren Sie sich. Ich bin Corso - der Mann, der rennt.«
   »Mir wirken Sie aber gar nicht hastig ... eher ruhig.«
   Corso neigte den Kopf, ohne zu antworten, und betrachtete die nackten Füße des Mädchens auf dem Teppichboden des Korridors. Dabei fühlte er ihren forschenden Blick, der an ihm hinabglitt, und das machte ihn etwas verlegen, so seltsam das in seinem Fall auch klingen mag. Zu jung, sagte er sich. Zu attraktiv. Mechanisch rückte er sich die verbogene Brille zurecht und schickte sich an weiterzugehen.
   »Gute Reise.«
   »Danke.«
   Er setzte sich in Bewegung und wußte, daß sie ihm nachsah.
   »Vielleicht sehen wir uns mal wieder«, hörte er sie hinter seinem Rücken sagen.
   »Vielleicht.«
   Nein, so ging es nicht. Der Corso, der da den Rückzug antrat, war ein anderer. Er fühlte sich ungemütlich, die Grande Armée war auf dem besten Wege, sich im Schnee aufzulösen, das brennende Moskau knisterte unter seinen Stiefeln. So durfte er nicht türmen. Er blieb also stehen, drehte sich auf dem Absatz um und verzog sein Gesicht zu einem Wolfsgrinsen.
   »Irene Adler«, wiederholte er und tat, als denke er nach. »Eine Studie in Scharlachrot?«
   »Nein«, entgegnete das Mädchen ruhig. »Ein Skandal in Böhmen.« Sie lächelte jetzt auch, und ihre Augen waren ein smaragdgrüner Strich in dem dämmrigen Zugkorridor. »Die Frau, lieber Watson.«
   Corso schlug sich mit der Hand auf die Stirn, als habe er plötzlich begriffen.
   »Elementar«, sagte er und war sich nun sicher, daß sie sich wiederbegegnen würden.
   Corso hielt sich nicht mehr als fünfzig Minuten in Lissabon auf, gerade so lange, wie nötig war, um vom Bahnhof Santa Apolonia zum Rossio-Bahnhof zu kommen. Eineinhalb Stunden später setzte er den Fuß auf den Bahnsteig von Sintra. Tiefhängende Wolken überzogen den Himmel und verschleierten die melancholischen grauen Türme des Castelo da Pena, das vom Berg herabsah. Da er weit und breit kein Taxi erblik-ken konnte, ging er zu Fuß zu dem kleinen Hotel hinauf, das genau gegenüber dem Königspalast mit seinen zwei riesigen Schornsteinen lag. Es war zehn Uhr, ein Mittwochvormittag, und auf der Esplanade gab es weder Touristen noch Autobusse. Corso bekam problemlos ein Zimmer mit Blick auf die zerklüftete, üppig grüne Landschaft, aus der inmitten von hundertjährigen, efeuüberwucherten Gärten die Dächer und Türme alter Landhäuser - der Quintas - aufragten. Er duschte, trank einen Kaffee und ließ sich dann von der Dame an der Rezeption den Weg zur Quinta da Soledade beschreiben, die weiter oben am Berg lag. Auf der Esplanade gab es keine Taxis, wohl aber ein paar Pferdekutschen. Corso handelte den Preis aus, und wenige Minuten später fuhr er an der Torre da Regaleira mit ihrem neumanuelinischen Maßwerk vorbei. Die Hufe des Pferdes hallten in den dunklen, hohlen Gassen, die von Brunnen und dünnen Rinnsalen gesäumt wurden. Dichter Efeu rankte sich an Häuserwänden, Fenstergittern, Baumstämmen empor und an den moosbedeckten, mit alten Kacheln verkleideten Steintreppen der verlassenen Villen.
   Die Quinta da Soledade war ein langgestrecktes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert mit vier Kaminen und verblichener ockerfarbener Fassade. Corso kletterte aus der Kutsche und versenkte sich einen Moment lang in den Anblick, bevor er das schmiedeeiserne Tor öffnete. Die Gartenmauer wurde rechts und links von Granitsäulen abgeschlossen, auf denen schimmelüberzogene Skulpturen aus graugrünem Stein standen. Bei einer von ihnen handelte es sich um eine weibliche Büste, die andere schien mit dieser identisch zu sein, obwohl ihr Gesicht nur zu erahnen war - der Efeu hatte es wie ein lästiger Parasit befallen und beinahe unkenntlich gemacht.
   Totes Laub raschelte unter seinen Sohlen, während er auf das Haus zuschritt. Die Marmorstatuen, die den Weg früher einmal flankiert hatten, lagen fast alle zerbrochen neben ihren Sockeln. Der Garten war völlig verwahrlost, von der Vegetation überwuchert, die alles unter sich begrub. Bänke und Aussichtsterrassen, deren rostige Geländer auf die bemoosten Steinböden abfärbten. Auf der linken Seite sah er neben einem Teich voller Wasserpflanzen einen gekachelten Brunnen mit einem pausbäckigen Puttchen, das den Kopf zum Schlaf auf ein Buch gelegt hatte. Die Augen waren ausgehöhlt, die Hände verstümmelt, und aus dem halb geöffneten Mund tröpfelte Wasser. Die ganze Atmosphäre war von einer unendlichen Traurigkeit durchtränkt, der Corso sich nicht entziehen konnte. >Quinta da Soledadec, wiederholte er bei sich, >Villa der Einsamkeit. Der Name paßte.
   Er stieg die Steintreppe zum Eingang hinauf und hob dabei die Augen. Zwischen seinem Kopf und dem grauen Himmel war eine Sonnenuhr mit römischen Ziffern auf die Fassade gemalt, die keine Zeit anzeigte; darunter eine lateinische Inschrift: Omnes vulnerant, postuma necat.
   »Alle verletzen«, las Corso, »die letzte tötet.«
   »Sie kommen gerade richtig«, sagte Fargas. »Zum Zeremoniell.«
   Corso reichte ihm ein wenig verwirrt die Hand. Victor Fargas war groß und hager wie ein Edelmann von El Greco. In seinem weiten Pullover aus grober Wolle bewegte er sich wie eine Schildkröte in ihrem Panzer. Er hatte einen penibel zurechtgestutzten Schnurrbart und trug eine Hose mit ausgebeulten Knien, sowie altmodische, abgenützte Schuhe, die jedoch sauber glänzten. Das war es, was Corso auf den ersten Blick wahrnehmen konnte, bevor seine Augen in das riesige, leere Haus wanderten, über die nackten Wände, die Deckenmalereien, die sich in Schimmellagunen auflösten und von feuchtem Gips verschluckt wurden.
   Fargas musterte seinen Besucher kritisch.
   »Ich nehme an, daß Sie ein Glas Cognac nicht ablehnen wer-den«, sagte er schließlich, als wäre er nach eingehender Überlegung zu diesem Schluß gelangt. Dann entfernte er sich mit hinkendem Gang, ohne sich darum zu kümmern, ob Corso ihm durch den Korridor folgte oder nicht. Die Zimmer, an denen sie vorbeikamen, waren entweder leer oder mit Resten von unbrauchbaren Möbeln ausgestattet, die man in den Ecken zusammengerückt hatte. Von den Decken hingen nackte Fassungen, zum Teil mit staubigen Glühbirnen.
   Die einzigen Räume, die einen halbwegs bewohnten Eindruck machten, waren zwei Salons, die eine Schiebetür miteinander verband. Die Tür, in deren Glasscheiben ein Wappen eingeschliffen war, stand offen und zeigte kahle Wände. Die Gegenstände, mit denen sie einst bedeckt gewesen waren, hatten ihre Spuren auf der alten Tapete hinterlassen: rechteckige Umrisse von verschwundenen Gemälden, Abdrücke von Möbeln, verrostete Nägel, Stromanschlüsse für nicht mehr vorhandene Lampen. Die ganze traurige Landschaft wurde von einem gemalten Himmelsgewölbe überspannt, in dessen Zentrum die Opferung Isaaks dargestellt war: Ein abgeblätterter Engel mit riesigen Flügeln hielt die Hand des Patriarchen Abraham fest, der dabei war, mit dem Messer auf einen blonden Jüngling loszugehen. Unter dem falschen Gewölbe öffnete sich auf die Terrasse und den hinteren Teil des Gartens hinaus eine schmutzige Fenstertür, deren Scheiben teilweise durch Kartonstücke ersetzt worden waren.
   »Home, sweet home«, sagte Fargas.
   Der ironische Ton, den er dabei anschlug, klang nicht sehr überzeugend. Wahrscheinlich hatte der Hausherr diesen Spruch schon so oft benützt, daß er selbst nicht mehr an seine Wirkung glaubte. Er sprach spanisch mit einem vornehmen, portugiesisch gefärbten Akzent. Seine Bewegungen waren sehr langsam, wie die eines Menschen, der eine Ewigkeit vor sich hat, aber das lag vielleicht an seinem invaliden Bein.
   »Cognac«, wiederholte er, als wolle er sich ins Gedächtnis rufen, was ihn hierher geführt hatte.
   Corso nickte leicht mit dem Kopf, ohne daß Fargas ihn sah. Der geräumige Salon wurde auf der anderen Seite von einem riesigen Kamin abgeschlossen, in dem ein kleiner Stoß Holzscheite angeordnet war. Das Mobiliar bestand aus zwei ungleichen Sesseln, einem Tisch und einer Kredenz. Des weiteren gab es eine Petroleumlampe, zwei Kerzenleuchter, eine Violine im geöffneten Kasten und wenig mehr. Auf dem Boden jedoch lagen, auf ausgefransten Teppichen und verblichenen Gobelins, so weit wie möglich von den Fenstern und dem bleifarbenen Tageslicht entfernt, säuberlich angeordnet, Hunderte von Büchern. Fünfhundert oder mehr, schätzte Corso. Vielleicht auch tausend. Darunter zahlreiche alte Handschriften und Inkunabeln. Wertvolle leder- oder pergamentgebundene Stük-ke, alte Exemplare mit Ziernägeln auf den Deckeln, Foliobände, Elzeviers, Einbände mit Fileten, Rosetten und Schließen, Bücher, deren Rücken und Kanten mit goldenen Lettern verziert oder in den Schreibstuben mittelalterlicher Klöster kalligraphisch ausgestaltet worden waren. Des weiteren fiel Corso auf, daß wohl ein Dutzend Mausefallen über die Zimmerecken verteilt waren, die meisten ohne Käse.
   Fargas, der an der Kredenz herumhantiert hatte, kam mit einem Glas und einer Flasche Remy Martin zurück, die er gegen das Licht hielt, um ihren Inhalt zu überprüfen.
   »Goldener Nektar der Götter«, sagte er in feierlichem Ton. »Oder des Teufels.« Er lächelte nur mit dem Mund, indem er wie die alten Filmgalane den Schnurrbart verzog, aber sein Blick blieb starr und ausdruckslos. Unter seinen Augen hingen schwere Tränensäcke wie nach unzähligen schlaflos verbrachten Nächten. Corso betrachtete seine feingliedrigen, aristokratischen Hände, während er aus ihnen das Cognac-Glas entgegennahm, dessen dünnes Kristall leicht vibrierte, als er es an die Lippen führte.
   »Hübsches Glas«, meinte er, um irgend etwas zu sagen.
   Der Büchersammler nickte mit einer resignierten und zugleich selbstironischen Miene, die alles in ein neues Licht rückte: das Glas, die nahezu leere Flasche, das geplünderte Haus, ja seine eigene Präsenz inmitten dieser Umgebung, ein vornehmes, blasses, abgetakeltes Gespenst.
   »Mir sind nur noch zwei von der Sorte geblieben«, gestand er nüchtern und gelassen. »Deshalb bewahre ich sie auf.«
   Corso lächelte verständnisvoll. Sein Blick schweifte kurz über die leeren Wände, um dann wieder zu den Büchern auf dem Boden zurückzukehren.
   »Diese Quinta muß einmal prächtig gewesen sein«, sagte er.
   Fargas zuckte mit der Schulter.
   »Ja, das war sie. Aber mit den alten Familien ist es wie mit den Hochkulturen - irgendwann sterben sie aus und gehen unter.« Er blickte sich gedankenverloren um, und in seinen Augen schienen sich die Gegenstände zu spiegeln, die den Raum einst geschmückt hatten. »Zuerst ruft man die Barbaren, damit sie den Limes bewachen, dann bereichert man sie, und zum Schluß macht man sie zu seinen Gläubigern . Bis sie sich eines Tages erheben, über einen herfallen und einen ausrauben.« Er sah sein Gegenüber in einem Anfall von Mißtrauen an. »Ich hoffe, Sie verstehen, wovon ich spreche.«
   Corso nickte und setzte das mitfühlendste Kaninchenlächeln seines gesamten Repertoires auf.
   »Ich verstehe Sie bestens«, bestätigte er. »Landsknechtsstiefel, die auf Meißener Porzellan herumtrampeln. Meinen Sie das? Putzfrauen in Abendkleidern. Neureiche Tagelöhner, die sich den Hintern mit alten Handschriften abwischen.«
   Fargas machte eine zustimmende Handbewegung und lächelte zufrieden. Dann hinkte er zu der Kredenz, um das zweite Glas zu holen.
   »Ich glaube, ich trinke auch einen Cognac«, sagte er.
   Sie stießen schweigend miteinander an und sahen sich dabei in die Augen wie die Brüder eines Geheimbundes, die soeben das Erkennungsritual vollzogen haben. Dann deutete der Bibliophile mit der Hand, in der er das Glas hielt, einladend auf die Bücher, als erlaube er Corso nun, wo er die Initiationsprobe bestanden hatte, eine unsichtbare Grenze zu überschreiten und sich ihnen zu nähern.
   »Da liegen sie. Achthundertvierunddreißig Bände, von denen nur noch knapp die Hälfte wirklich wertvoll ist.« Er nippte an seinem Glas, bevor er mit dem Zeigefinger über seinen feuchten Schnurrbart fuhr und seine Augen im Zimmer umherwandern ließ.
   »Jammerschade, daß Sie sie nicht in besseren Zeiten erlebt haben, als sie sauber aneinandergereiht in ihren Zedernholzregalen standen ... Ich hatte fünftausend Exemplare beisammen. Das hier sind die Überlebenden.«
   Corso, der seine Segeltuchtasche auf den Boden gelegt hatte, trat auf die Bücher zu. Er spürte, wie seine Fingerspitzen aus purem Reflex zu kribbeln begannen. Der Anblick war herrlich. Er rückte seine Brille zurecht und sichtete auf den ersten Blick einen Vasari im Quartformat, Erstausgabe von 1588, und einen pergamentgebundenen Tractatus von Berengario de Carpi, aus dem 16. Jahrhundert.
   »Ich hätte mir nie vorgestellt, daß die in sämtlichen Bibliographien zitierte Fargas-Sammlung so aussieht: Bücherstapel auf dem Boden, ohne Schränke, einfach an die Wand gerückt, in einem leeren Haus .«
   »So ist das Leben, mein Freund. Aber ich muß Ihnen zu meiner Entlastung sagen, daß sich alle in ausgezeichnetem Zustand befinden . Ich selbst säubere und überwache sie - ich lüfte regelmäßig das Zimmer und schütze sie gegen Ungeziefer und Mäuse, gegen Licht, Hitze und Feuchtigkeit. Und das beschäftigt mich den ganzen Tag.«
   »Was ist aus dem Rest geworden?«
   Der Bibliophile sah mit gerunzelter Stirn zum Fenster hinaus und schien sich dieselbe Frage zu stellen.
   »Tja ...«, erwiderte er und wirkte sehr unglücklich, als seine Augen wieder denen Corsos begegneten. »Außer der Quinta, ein paar Möbelstücken und der Bibliothek meines Vaters habe ich nur Schulden geerbt. Wann immer ich irgendwie zu Geld kam, habe ich es in Bücher investiert, und als meine Rente erschöpft war, habe ich verkauft, was es noch zu verkaufen gab: Bilder, Möbel, Geschirr. Ich glaube, Sie wissen, was es heißt, ein leidenschaftlicher Büchersammler zu sein - aber ich bin kein Bibliophiler, ich bin ein Bibliomane. Allein der Gedanke, meine Bibliothek auflösen zu müssen, bereitete mir unsägliche Qualen.«
   »Ich habe schon andere Leute wie Sie kennengelernt.«
   »Wirklich?« Fargas sah ihn neugierig an. »Ich bezweifle trotzdem, daß Sie sich eine genaue Vorstellung von meinem Zustand machen können. Ich stand mitten in der Nacht auf und irrte zwischen meinen Büchern umher wie eine arme Seele im Fegefeuer. Ich habe mit ihnen gesprochen, unter Treueschwüren ihre Rücken gestreichelt ... Alles umsonst. Eines Tages mußte ich einen Entschluß fassen, und der bestand darin, den Großteil von ihnen zu opfern, um wenigstens die liebsten und wertvollsten Exemplare zu retten. Weder Sie noch sonst irgend jemand wird je begreifen, was das für mich bedeutet hat: meine Bücher den Geiern zum Fraß vorgeworfen.«
   »Ich kann es mir vorstellen«, sagte Corso, dem es nicht das Geringste ausgemacht hätte, an einem solchen Leichenbegängnis teilzunehmen.
   »Sie können es sich vorstellen? Nein. Das könnten Sie nicht einmal, wenn Sie hundert Jahre alt würden. Allein die Auswahl hat mich zwei Monate Arbeit gekostet - einundsechzig Tage der Agonie und einen Fieberanfall, an dem ich beinahe gestorben wäre. Als sie dann endlich abgeholt wurden, glaubte ich, verrückt werden zu müssen . Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern passiert, obwohl mittlerweile zwölf Jahre vergangen sind.«
   »Und jetzt?«
   Der Bibliophile zeigte ihm sein leeres Glas, als symbolisiere es etwas.
   »Seit einiger Zeit muß ich wieder auf meine Bücher zurückgreifen. Dabei brauche ich eigentlich nicht viel zum Leben: Einmal pro Woche kommt jemand zum Putzen, und das Essen wird mir vom Dorf heraufgebracht . Nein, mein Geld geht fast ganz für Steuern drauf, die ich dem Staat für die Quinta bezahlen muß.«
   Er sprach das Wort »Staat« im selben Ton aus, in dem er »Ratten« oder »Bohrwürmer« gesagt hätte. Corso setzte seine mitfühlende Miene auf und ließ den Blick erneut über die nackten Zimmerwände schweifen.
   »Sie könnten das Haus doch verkaufen.«
   »In der Tat, das könnte ich.« Fargas nickte apathisch. »Aber es gibt Dinge, die Sie nicht verstehen.«
   Corso hatte sich gebückt und einen Folioband in die Hand genommen, den er interessiert durchblätterte. De Symmetria von Dürer, Paris 1557, ein Nachdruck der ersten, lateinischen Ausgabe von Nürnberg. Gut erhalten und mit breiten Seitenrändern. Das hätte Flavio La Ponte in helles Entzücken versetzt. Und wen nicht.
   »Wie oft verkaufen Sie Bücher?«
   »Zwei- oder dreimal pro Jahr; damit habe ich genug. Nach langem Hin und Her wähle ich einen Band aus und verkaufe ihn. Das ist das Zeremoniell, das ich vorher gemeint habe, als Sie ankamen. Ich habe einen Käufer, ein Landsmann von Ihnen, der mich zweimal im fahr besucht.«
   »Kenne ich ihn?« fragte Corso.
   »Das weiß ich nicht«, erwiderte der Bibliophile, ohne einen Namen hinzuzufügen. »Ich erwarte ihn just in diesen Tagen, und als Sie geläutet haben, war ich gerade dabei, ein Opfer zu bestimmen .    « Er imitierte mit einer seiner schlanken Hände
   die Bewegung eines Fallbeils und lächelte melancholisch. »Wieder einmal muß ein Buch sterben, damit die anderen zusammenbleiben können.«
   Corso sah zur Decke hinauf - die Analogie war augenfällig: Abraham, dem ein tiefer Riß quer durchs Gesicht verlief, versuchte unter großer Anstrengung, seine messerbewehrte Rechte freizubekommen, die der Engel mit einer Hand festhielt, während er mit der anderen den Patriarchen streng zurechtwies. Unter der Messerklinge, den Kopf auf einen Stein gebettet, wartete Isaak resigniert darauf, daß sich sein Schicksal erfüllte. Er war blond und rosig wie einer von diesen Epheben, die niemals nein sagen. Ein bißchen weiter links war eine Art Schaf gemalt, das sich im Dorngestrüpp verfangen hatte, und Corso ergriff insgeheim Partei für das Schaf.
   »Dann gibt es wohl keine andere Lösung«, sagte er.
   »Ich hätte schon eine gefunden .    « Fargas lächelte bitter.
   »Aber der Löwe verlangt seinen Teil, die Haie wittern das Blut und den Köder. Leider gibt es heute keine Leute mehr wie den Grafen von Artois, der König von Frankreich war. Kennen Sie die Anekdote? Der alte Marquis de Paulmy besaß sechzigtausend Bücher und war am Rande des Ruins. Um den Gläubigern zu entgehen, verkaufte er seine Bibliothek an den Grafen von Artois, aber der machte es zur Bedingung, daß sich der Alte bis zu seinem Tod darum kümmerte. Mit dem verdienten Geld konnte Paulmy neue Bände kaufen und so die Sammlung bereichern, die bereits einem anderen gehörte .«
   Fargas vergrub die Hände in den Hosentaschen, humpelte an seinen Büchern entlang und ging sie der Reihe nach durch.
   Corso mußte unwillkürlich an den abgemagerten, zerlumpten Montgomery denken, der seine Truppen in El Alamein abschritt.
   »Manchmal betrachte ich sie stundenlang und wedle nur ein bißchen den Staub weg, ohne sie anzufassen oder aufzuschlagen.« Er war stehengeblieben und hatte sich niedergebeugt, um eines der Bücher auf dem alten Teppich geradezurücken. »Ich weiß in- und auswendig, was sich unter jedem Deckel verbirgt ... Sehen Sie sich das hier an: De revolutionis celestium, Nikolaus Kopernikus. Zweite Auflage, Basel 1566. Eine Lappalie, nicht? Wie die Vulgata Clementina, die Sie dort zu Ihrer Rechten haben, zwischen den sechs Bänden der Poliglota Ihres Landsmannes Cisneros und dem Chronicarum von Nürnberg, Und beachten Sie dort drüben diesen kuriosen Folianten: Praxis criminis persequendi von Simon de Colines, 1541. Oder diesen Einband mit fünf Bünden und Ziernägeln, der vor Ihnen liegt. Wissen Sie, was der enthält? Die Legenda aurea von Jacobus a Voragine, Basel 1493, gedruckt von Nikolaus Kesler.«
   Corso blätterte das Buch durch. Es handelte sich um ein wunderschönes Exemplar, ebenfalls mit sehr breiten Blatträndern. Nachdem er es vorsichtig an seinen Platz zurückgelegt hatte, richtete er sich wieder auf und putzte mit dem Taschentuch seine Brillengläser. Das hätte dem kältesten Typen den Schweiß auf die Stirn getrieben.
   »Sie können nicht ganz recht im Kopf sein. Wenn Sie das alles verkaufen würden, hätten Sie für den Rest Ihres Lebens ausgesorgt.«
   »Ich weiß.« Fargas bückte sich, um die Position eines Buches zu korrigieren, das minimal verrückt war. »Aber wenn ich das alles verkaufen würde, hätte mein Leben keinen Sinn mehr, und wozu brauchte ich dann noch Geld?«
   Corso deutete auf eine Reihe von Büchern, die stark beschä-digt waren, darunter mehrere Inkunabeln und Handschriften. Dem Einband nach stammte das jüngste unter ihnen aus dem 17. Jahrhundert.
   »Sie haben viele alte Ausgaben von Ritterromanen ...«
   »Ja, die habe ich von meinem Vater geerbt. Er hatte sich in die Idee verrannt, alle fünfundneunzig Bücher aus der Bibliothek des Don Quijote zusammenzutragen, besonders die aus der Inventarliste des Dorfpfarrers. Von ihm habe ich auch diesen kuriosen Quijote bekommen, den Sie dort neben der Erstausgabe von Os Lusiadas sehen: ein vierbändiger Ibarra aus dem Jahr 1780. Er enthält nicht nur die ursprünglichen Bildtafeln, sondern wurde zusätzlich mit englischen Tafeln aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bereichert, sowie mit sechs Originalgouachen und einer faksimilierten Geburtsurkunde von Cervantes auf Velin. So hat jeder seinen Spleen. Bei meinem Vater, der als Diplomat viele Jahre in Spanien gelebt hat, war es Cervantes. Bei anderen artet es zu regelrechten Manien aus. Es gibt Sammler, die keine noch so unscheinbare Restauration dulden, oder solche, die grundsätzlich kein Buch kaufen, von dem mehr als fünfzig Stück gedruckt wurden ... Meine Vorliebe - das werden Sie schon bemerkt haben - galt unbeschnittenen Exemplaren. Mit einem Meterstab in der Hand habe ich Auktionen und Antiquariate abgeklappert, und wenn ich ein Buch aufschlug, das noch jungfraulich war, dessen Seiten womöglich noch gar nicht aufgeschlitzt waren, bekam ich weiche Knie ... Haben Sie Nodiers Spottgeschichte über den Bibliophilen gelesen? Mir erging es genauso. Ich hätte sie mit größtem Vergnügen erdolcht, die Buchbinder, die allzu leichtfertig mit der Papierschneidemaschine umgingen. Und ein Exemplar zu entdecken, das zwei Millimeter mehr Blattrand hatte, als in den kanonischen Bibliographien angegeben, war für mich der Gipfel des Glücks.«
   »Das ist es auch für mich.« »Dann, Prost! Lassen Sie uns auf unsere Brüderschaft anstoßen.«
   »Freuen Sie sich nicht zu früh. Mein Interesse ist nicht ästhetischer, sondern rein lukrativer Natur.«
   »Das macht nichts. Sie sind mir sympathisch. Ich gehöre zu denjenigen, die davon überzeugt sind, daß es im Hinblick auf Bücher eine Moral im herkömmlichen Sinne nicht gibt.« Fargas stand auf der anderen Seite des Zimmers, trotzdem beugte er sich ein wenig zu Corso vor, als wolle er ihm ein Geheimnis anvertrauen. »Wissen Sie was? Bei Ihnen in Spanien erzählt man sich doch die Legende von dem mörderischen Buchhändler aus Barcelona - nun, ich wäre wie er in der Lage, für ein Buch zu töten.«
   »Davon rate ich Ihnen ab. Mit einer solchen Bagatelle fängt es meistens an, und zum Schluß erzählt man Lügen.«
   »Und verkauft womöglich seine eigenen Bücher.«
   »Womöglich.«
   Fargas schüttelte traurig den Kopf. Dann verharrte er eine Weile reglos, mit gerunzelter Stirn, und schien über etwas nachzugrübeln. Als er wieder zu sich kam, sah er Corso lange und eindringlich an.
   »Und damit wären wir wieder bei der Sache, die mich gerade beschäftigt hat, als Sie an der Tür läuteten«, sagte er endlich. »Jedesmal, wenn ich dieses Problem angehe, fühle ich mich wie ein Pfarrer, der seinen Glauben verleugnet . Überrascht es Sie, daß ich das Wort Sakrileg benütze?«
   »Keine Spur. Ich finde, daß es genau darum geht.«
   Fargas rieb sich nervös die Hände und ließ den Blick durch das Zimmer irren, über die kahlen Wände und die Bücher auf dem Boden, bevor er ihn wieder auf Corso heftete. Sein fratzenhaftes Lächeln wirkte, als sei es ihm aufs Gesicht gemalt.
   »Ja. Ein Sakrileg läßt sich einzig und allein aus dem Glauben heraus erklären. Nur ein Gläubiger ist in der Lage, ein Sakrileg zu begehen und im selben Augenblick, in dem er es begeht, das Schreckliche seiner Tat zu begreifen. Keiner würde Entsetzen empfinden, wenn er eine Religion entweiht, die ihm gleichgültig ist. Das wäre, als lästere er einen Gott, zu dem er keinerlei Bezug hat. Absurd.«
   Corso zeigte sich einverstanden.
   »Ich weiß, was Sie meinen. Das entspricht dem Du hast mich besiegt, Galiläer von Julian Apostata.«
   »Dieses Zitat kenne ich nicht.«
   »Gut möglich, daß es apokryph ist. Einer der Maristenbrüder, bei denen ich zur Schule gegangen bin, pflegte uns damit zu veranschaulichen, was passiert, wenn man vom rechten Weg abkommt: Man bleibt von Speeren durchbohrt auf dem Schlachtfeld liegen und spuckt Blut unter einem Himmel ohne Gott.«
   Der Bibliophile nickte, als wäre ihm diese Problematik bestens vertraut. Sein krampfartig verzerrter Mund und der stiere Blick seiner Augen hatten beinahe etwas Unheimliches.
   »So fühle ich mich jetzt«, sagte er. »Nachts, wenn ich keinen Schlaf finden kann, pflanze ich mich hier vor meinen Büchern auf, entschlossen, eine weitere Profanierung zu begehen.« Er war beim Sprechen so dicht an Corso herangetreten, daß dieser beinahe vor ihm zurückweichen mußte. »Mich an ihnen und an mir selbst zu versündigen . Ich wähle ein Buch aus und bereue es sofort wieder, ich nehme ein anderes in die Hand und stelle es nach ein paar Minuten an seinen Platz zurück. Eines opfern, damit die anderen zusammenbleiben können, einen Ast vom Stamm abbrechen, damit der Baum überlebt .« Er zeigte Corso seine Hand. »Tausendmal lieber würde ich mir einen dieser Finger abhacken.«
   Seine Hand zitterte, während er sie vorstreckte. Corso schüttelte den Kopf: Er konnte zuhören - das gehörte zu seinem Beruf, er konnte sogar Verständnis aufbringen. Aber mitspielen, dazu war er nicht bereit. Das war nicht »sein« Krieg. Er war ein Landsknecht auf Bezahlung, wie Varo Borja gesagt hätte, und er war nur zu Besuch hier. Was Fargas brauchte, war ein Beichtvater oder Psychiater.
   »Für den Finger eines Bibliophilen würde niemand auch nur einen Escudo herausrücken«, sagte er in scherzhaftem Ton.
   Sein Witz verlor sich in der unendlichen Leere, die in den Augen seines Gegenübers herrschte. Fargas sah durch ihn hindurch, als wäre er aus Luft. In seinen geweiteten, entrückten Pupillen gab es nur Bücher.
   »Welches also wähle ich aus?« fuhr Fargas fort. Corso hatte eine Zigarette aus der Manteltasche gefischt, die er ihm in diesem Moment anbot, aber der andere ignorierte seine Geste, geistesabwesend wie er war und ausschließlich auf seinen eigenen Diskurs fixiert. Außer den Wahnbildern, die sein gequältes Gewissen heraufbeschwor, existierte nichts für ihn.
   »Nach langem Nachdenken habe ich zwei Kandidaten ausgesucht.« Er hob zwei Bücher vom Boden auf und legte sie auf den Tisch. »Sagen Sie mir, was Sie von ihnen halten.«
   Corso beugte sich über die Bücher und öffnete eines von ihnen. Die Seite, die er aufgeschlagen hatte, war mit einem Holzschnitt geschmückt: drei Männer und eine Frau, die in einer Mine Arbeiteten. Es handelte sich um die zweite lateinische Ausgabe des De re metallica von Georgius Agricola, hergestellt von Frohen und Episcopius in Basel, und zwar nur fünf Jahre nach dem ersten Druck von 1530. Er gab ein zustimmendes Knurren von sich und zündete die Zigarette an.
   »Sie sehen selbst, wie schwer es ist, eine Wahl zu treffen.« Fargas ließ den Bücherjäger keine Sekunde aus den Augen. Er beobachtete ihn unruhig, angespannt, während Corso mit äußerster Behutsamkeit in dem Buch blätterte. »Ich verkaufe jedesmal nur ein einziges Buch, aber nicht irgendeines. Das Opfer muß den anderen weitere sechs Monate Sicherheit gewähren. Das ist mein Tribut an den Minotaurus«, er faßte sich mit der Hand an die Schläfe, »wir alle haben einen hier, im Zentrum des Labyrinths . Unser Geist schafft ihn, und dann müssen wir uns seiner Schreckensherrschaft beugen.«
   »Warum verkaufen Sie nicht mehrere weniger wertvolle Bücher auf einmal? Vielleicht könnten Sie damit die nötige Summe zusammenbekommen und die seltensten Stücke oder Ihre Lieblingsbücher verschonen.«
   »Ein Exemplar offen verachten und ihm ein anderes vorziehen?« Den Bibliophilen schüttelte es. »Undenkbar. Sie alle besitzen dieselbe unsterbliche Seele und genießen für mich dasselbe Recht. Natürlich habe ich meine Vorlieben, das ist unvermeidlich . Aber das würde ich niemals zum Ausdruck bringen. Mit keiner Geste und keinem Wort würde ich ein Buch über seine vom Schicksal weniger begünstigten Artgenossen hinausheben. Im Gegenteil. Denken Sie daran, daß Gott selbst seinen eigenen Sohn zum Opfer bestimmt hat - um die Menschheit zu erlösen. Und Abraham . « Er schien auf das Deckengemälde anzuspielen, denn er hob den Blick und lächelte traurig ins Leere, ohne seinen Satz zu beenden.
   Corso hatte das zweite Buch geöffnet, ein Folio mit italienischem Pergamenteinband aus dem 16. Jahrhundert. Es handelte sich um einen wunderschönen Vergil - die 1544 gedruckte venezianische Ausgabe von Giunta. Das holte den Bibliophilen wieder in die Wirklichkeit zurück.
   »Herrlich, nicht?« Er trat einen Schritt vor, um ihm das Buch ungeduldig aus der Hand zu reißen. »Schauen Sie sich die Titelseite mit der geometrischen Bordüre an, die sie einrahmt. Einhundertdreizehn Holzschnitte, alle perfekt, bis auf die Seite 345, die rechts unten, kaum wahrnehmbar, eine kleine Restaurierung von alter Hand aufweist. Das ist zufällig der Holzschnitt, der mir am besten gefällt: Äneas in der Unterwelt, und neben ihm die Sibylle. Ist Ihnen je etwas Vergleichbares zu Gesicht gekommen? Beachten Sie die Flammen hinter der dreifachen Mauer, den Kessel, in dem die Verdammten schmoren . Und hier der Vogel, der die Eingeweide der Gemarterten verschlingt.« Corso glaubte das Blut in Fargas’ Schläfen und Handgelenken pulsieren zu sehen. Er sprach mit hohler Stimme, das Buch dicht vor den Augen, um besser lesen zu können. Sein Gesicht strahlte: »Moenia lata videt, triplici circundata muro, quae rapidus flammis ambit torrentibus amnis ...« Er hielt verzückt inne. »Der Holzschneider hatte eine mittelalterliche Vorstellung von Vergils Hades: großartig und grausam.«
   »Ein prächtiges Stück«, bestätigte der Bücherjäger, während er an seiner Zigarette zog.
   »Mehr als das. Fassen Sie das Papier an. Esemplare buono e genuino con le figure assai ben impresse, versichern die alten Kataloge . « Nach seinem euphorischen Anfall verloren sich Fargas’ Augen nun wieder im Leeren. Er wirkte abwesend, zurückgezogen in die dunkelsten Winkel seines Alptraums. »Ich glaube, ich werde das hier verkaufen.«
   Corso stieß gereizt den Rauch seiner Zigarette aus.
   »Ich verstehe Sie nicht. Das ist doch offensichtlich eines Ihrer Lieblingsbücher. Und der Agricola genauso. Ihnen zittern ja die Hände, wenn Sie sie berühren.«
   »Die Hände? Sagen Sie lieber, daß sich meine Seele unter Höllenqualen windet. Ich dachte, ich hätte es Ihnen erklärt ... Das zum Opfer auserkorene Buch darf mir nicht gleichgültig sein. Was wäre dieser schmerzliche Akt sonst? Eine plumpe Transaktion, die den Regeln des Marktes gehorcht: mehrere billige gegen ein teures.« Er schüttelte energisch und angewidert den Kopf und blickte mit wilden Augen um sich, als suche er jemanden, dem er hätte ins Gesicht spucken können. »Nein. Es sind gerade die liebsten, die ich an der Hand nehme und bis zum Opferaltar begleite, diejenigen, welche sich durch ihre Schönheit hervortun und durch die Liebe, die sie zu verbreiten wußten . Das Leben kann mich an den Bettelstab bringen, gewiß. Aber einen Schuft wird es nie aus mir machen.«
   Er irrte ziellos durchs Zimmer. Das traurige Szenarium, seine Behinderung, der Wollpullover und die alte Hose betonten noch den zerrütteten Eindruck, den er machte.
   »Das ist auch der Grund, weshalb ich in diesem Haus bleibe«, fuhr er fort. »In seinen Zimmern geistern die Schatten meiner verlorenen Bücher umher.« Er war vor dem Kamin stehengeblieben und starrte auf den kläglichen Holzstoß. »Manchmal fühle ich, daß sie mich umringen und von meinem Gewissen eine Wiedergutmachung fordern . Dann greife ich zu der Violine, die Sie dort sehen, und spiele stundenlang, um sie zu besänftigen; dabei laufe ich im Dunklen durchs Haus wie ein Verdammter.« Er hatte sich nun wieder Corso zugewandt, der sich im Gegenlicht vor der dreckigen Fensterscheibe abzeichnete. »Der ewige Büchernarr.«
   Er schritt langsam auf den Tisch zu und legte auf jedes Buch eine Hand, als habe er den Moment der Entscheidung bis zu diesem Augenblick hinausgezögert. Jetzt lächelte er und sah Corso forschend an.
   »Welches würden Sie an meiner Stelle auswählen?«
   Corso trat ungemütlich von einem Bein aufs andere.
   »Lassen Sie mich da raus. Glücklicherweise bin ich nicht an Ihrer Stelle.«
   »Sie sagen es: glücklicherweise. Scharfsinnige Bemerkung. Wenn Sie ein Dummkopf wären, würden Sie mich wahrscheinlich beneiden. Ein solcher Schatz im Hause ... Aber Sie haben mir nicht gesagt, welches ich verkaufen soll. Welcher Sohn geopfert werden soll.« Seine Miene verzog sich plötzlich zu einer gequälten Grimasse, als werde er bis ins Mark hinein, bis ins Innerste seiner Seele von Schmerzen gepeinigt. »Möge sein Blut über mich kommen«, fügte er leise und mit gebrochener Stimme hinzu. »Über mich und meine Nachkommenschaft bis zur siebten Generation.«
   Er legte den Agricola an seinen Platz auf dem Teppich zurück und streichelte den Pergamentdeckel des Vergil, während er zähneknirschend »sein Blut« wiederholte. Seine Augen waren feucht, und der Tremor seiner Hände schien unkontrollierbar geworden zu sein.
   »Ich glaube, ich verkaufe das hier«, stöhnte er.
   Wenn Fargas nicht schon ganz übergeschnappt war, so fehlte wenig. Corsos Blick glitt über die nackten Wände und über die Abdrücke der Bilder auf den schimmeligen Tapeten. Der siebten Generation würde das alles piepegal sein. Aber so weit kam es sowieso nicht - Fargas würde so wenig wie er, Lucas Corso, Nachkommen haben. Sein Geschlecht würde mit ihm aussterben. Oder endlich in Frieden ruhen. Der Qualm seiner Zigarette stieg zu dem abgeblätterten Deckengemälde empor, kerzengerade wie die Rauchsäule eines Opfers im windstillen Morgengrauen.
   Er sah zum Fenster hinaus, in den vom Unkraut überwucherten Garten, und hielt Ausschau nach einem Schaf, das sich im Dorngestrüpp verfangen hatte, aber es gab keine Alternative, es gab nur Bücher. Und der Engel ließ die Hand fahren, die das Messer umklammerte, und verkrümelte sich - weinend, der armselige Narr.
   Corso nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und schnippte sie in den Kamin. Er war müde und fröstelte trotz seines Mantels. Zu viele Worte hatte er in diesem Zimmer gehört, und er war froh, daß es keinen Spiegel gab, in dem er sein Gesicht hätte sehen können. Er warf mechanisch einen Blick auf die Uhr, aber ohne die Zeit abzulesen. Für das Vermögen auf den alten Teppichen und Gobelins hatte Victor Fargas mehr als genug Mitleid von ihm kassiert, und Corso fand, es sei nun an der Zeit, übers Geschäft zu reden.
   »Unddie Neun Pforten!«
   »Was ist damit?«
   »Ihretwegen bin ich hier. Sie haben meinen Brief doch bekommen, oder?«
   »Ihren Brief? Ach ja, natürlich. Jetzt erinnere ich mich wieder. Sie müssen mich entschuldigen, doch das alles hat mich ein wenig mitgenommen ... Die Neun Pforten, aber ja.«
   Fargas schaute sich verwirrt um - ein Schlafwandler, den man brüsk geweckt hat. Er wirkte auf einmal sehr erschöpft, als habe er eine große Anstrengung hinter sich. Er hob den Finger zum Zeichen, daß er einen Augenblick nachdenken wollte, und steuerte dann hinkend auf eine Ecke des Salons zu. Dort waren etwa fünfzig Bände auf einem verschossenen französischen Gobelin angeordnet, auf dessen Resten man gerade noch den Sieg Alexanders des Großen über Darius erkennen konnte.
   »Wußten Sie«, fragte Fargas, indem er auf die kunstvoll gewirkte Darstellung deutete, »daß Alexander die Schatztruhe seines Rivalen dazu verwendet hat, die Werke Homers aufzubewahren?« Er nickte zufrieden mit dem Kopf, während er das zerfaserte Profil des Makedoniers betrachtete. »Ein Bruder der Bibliophilie. Anständiger Kerl.«
   Corso scherte sich einen Dreck um die literarischen Neigungen Alexanders des Großen. Er war in die Hocke gegangen und las die Titel auf den Rücken und Deckeln einiger Bücher. Es handelte sich durchweg um alte Traktate der Magie, Alchemie und Dämonologie: Les trois livres de l’Art, Destructor omnium rerum, Disertazioni sopra le apparizioni de ’ spiriti e diavoli, De origine, moribus et rebus gestis Satanae ...
   »Was halten Sie davon?« fragte Fargas.
   »Nicht schlecht.«
   Der Bibliophile stieß ein lustloses Lachen aus. Er hatte sich neben Corso auf den Gobelin gekniet, ließ seine Hände mechanisch über die Bücher gleiten und vergewisserte sich, daß keines von ihnen auch nur einen Millimeter verrückt worden war, seit er sie zum letztenmal abgeschritten hatte.
   »Nicht schlecht. Allerdings. Mindestens zehn davon sind Exemplare von höchster Seltenheit. Diesen Teil der Bibliothek habe ich von meinem Großvater geerbt. Er war ein Anhänger der Geheimlehren, und außerdem Hobby-Astrologe und Freimaurer ... Schauen Sie: Das ist ein Klassiker, das Dictionnaire infernale von Collin de Plancy in der ersten Ausgabe von 1842. Und das hier ist das Compendi dei secreti von Leonardo Fioravanti, 1571 gedruckt ... Bei dem kuriosen Duodezband dort drüben handelt es sich um die zweite Ausgabe des Buches der Wunder.« Er öffnete ein anderes und zeigte Corso einen Stich. »Sehen Sie sich diese Isis an ... Wissen Sie, was das ist?«
   »Klar. Der Oedipus Aegiptiacus von Athanasius Kircher.«
   »Genau. Die römische Ausgabe von 1652.« Fargas legte das Buch an seinen Platz zurück und nahm ein anderes zur Hand, dessen Einband Corso wohl bekannt war: schwarzes Leder, fünf Bünde, ohne Titel und mit einem Pentagramm auf dem Deckel. »Und hier ist das Stück, das Sie suchen: De Umbrarum Regni Novem Partis. Die neun Pforten ins Reich der Schatten.«
   Corso bekam wider Willen eine Gänsehaut. Von außen betrachtet war dieser Band völlig identisch mit dem, der sich in seiner Segeltuchtasche befand. Fargas reichte ihm das Buch, und er richtete sich auf, während er es durchblätterte. Die beiden Exemplare glichen sich wie ein Ei dem anderen - oder doch beinahe. Bei diesem hier war das Leder des hinteren Deckels ein bißchen abgeschabt, und auf dem Rücken konnte man noch die Spur eines Schildchens erkennen, das aufgeklebt und dann wieder abgerissen worden war. Aber im übrigen war es so tadellos in Ordnung wie das Exemplar Varo Borjas, einschließlich der völlig unversehrten Bildtafel Nummer VIIII.
   »Vollständig und in einwandfreiem Zustand«, sagte Fargas, das Mienenspiel Corsos richtig deutend. »Seit dreieinhalb Jahrhunderten wandert es auf der Welt umher, und wenn man es aufschlägt, wirkt es so frisch, als käme es gerade aus der Presse . Man könnte fast meinen, der Drucker habe den Teufel beschwört und einen Pakt mit ihm geschlossen.«
   »Womöglich hat er das ja«, erwiderte Corso.
   »Die Formel wüßte ich gern.« Der Bibliophile deutete mit einer ausholenden Armbewegung auf den desolaten Raum und die Bücherreihen auf dem Boden. »Meine Seele, um das alles konservieren zu können.«
   »Warum versuchen Sie es nicht?« Corso zeigte auf die Neun Pforten. »Angeblich steckt die Formel da drin.«
   »Diesen Quatsch habe ich nie geglaubt - obwohl es vielleicht an der Zeit wäre, damit anzufangen. Finden Sie nicht? Nach dem Sprichwort: In der Not frißt der Teufel Fliegen.«
   »Ist das Exemplar in Ordnung? Haben Sie irgend etwas Ungewöhnliches an ihm bemerkt?«
   »Nein, nicht das geringste. Es fehlen keine Seiten, und die Stiche sind auch alle beisammen: neun an der Zahl und die Titelseite. Alles noch genau so wie am Anfang des Jahrhunderts, als mein Großvater es gekauft hat. Es stimmt mit den Katalogen überein und mit den anderen beiden Exemplaren: dem von Ungern in Paris und dem von Terral-Coy.«
   »Ehemals Terral-Coy. jetzt befindet es sich in der Sammlung Varo Borja in Toledo.«
   Diese Worte mußten den Bibliophilen alarmiert haben, denn Corso fiel auf, daß sein Blick plötzlich wieder mißtrauisch wurde.
   »Sagten Sie Varo Borja?« Er war drauf und dran, noch etwas hinzuzufügen, aber er machte im letzten Moment einen Rückzieher. »Eine bemerkenswerte Sammlung. Und sehr bekannt.« Fargas wanderte erneut im Zimmer auf und ab und betrachtete dann die Bücher auf dem Gobelin. »Varo Borja«, wiederholte er nachdenklich. »Ein Experte für Dämonologie, nicht wahr? Steinreicher Antiquar. Er ist seit Jahren hinter dieser Ausgabe der Neun Pforten her, bereit, jeden Preis zu bezahlen ... Ich wußte nicht, daß er an ein anderes Exemplar gekommen ist. Und Sie arbeiten für ihn?«
   »Gelegentlich«, gab Corso zu.
   Der andere schüttelte verwundert den Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder den Büchern auf dem Boden zu. »Eigenartig, daß er ausgerechnet Sie schickt. Schließlich sind Sie .«
   Er ließ den Satz unbeendet und heftete seinen Blick auf Corsos Tasche.
   »Haben Sie das Buch dabei? Darf ich es einmal sehen?«
   Sie gingen zu dem Tisch, und Corso legte sein Exemplar neben das von Fargas. Der Atem des Bibliophilen wurde kürzer, und sein Gesicht nahm wieder den Ausdruck ekstatischer Verzückung an.
   »Sehen Sie sich die Bücher genau an.« Er sprach leise, als fürchte er, an ein Geheimnis zu rühren, das zwischen diesen Seiten schlummerte. »Sie sind perfekt, wunderschön und identisch. Zwei von den drei Exemplaren, die dem Feuer entronnen sind, seit dreihundertfünfzig Jahren zum erstenmal beieinander . « Seine Hände zitterten jetzt wieder, und er massierte sich die Pulsadern an den Handgelenken, um sein wallendes Blut ein wenig zu beruhigen. »Beachten Sie den Druckfehler auf Seite 72. Und das gebrochene »s« in der vierten Zeile auf Seite 87. Dasselbe Papier, derselbe Druck ... Ist das nicht phantastisch?«
   »Doch.« Corso räusperte sich. »Und ich würde gern eine Weile hier bleiben. Um sie ernsthaft zu studieren.«
   Fargas musterte ihn scharf. Er schien zu zweifeln.
   »Wie Sie möchten«, sagte er endlich. »Aber wenn es sich bei Ihrem Exemplar um das von Terral-Coy handelt, steht seine
   Echtheit außer Frage.« Er beobachtete Corso neugierig, als wolle er in seinen Gedanken lesen. »Das sollte Varo Borja eigentlich wissen.«
   »Wahrscheinlich weiß er das auch.« Corso setzte ein neutrales Lächeln auf. »Aber ich werde dafür bezahlt, daß ich es überprüfe.« Er lächelte immer noch - nun war einer der heikelsten Punkte erreicht. »Apropos ... Wo wir schon von Bezahlung sprechen: Ich bin dazu autorisiert, Ihnen ein Angebot zu machen.«
   Die Neugier des Bibliophilen schlug in Mißtrauen um.
   »Was für ein Angebot?«
   »Geld. Eine beträchtliche Summe.« Corso legte die Hand auf das zweite Exemplar. »Damit könnten Sie Ihre Probleme eine Zeitlang lösen.«
   »Wer zahlt? Varo Borja?«
   »Schon möglich.«
   Fargas faßte sich mit den Fingern ans Kinn.
   »Er hat bereits eines der Bücher«, sagte er. »Will er sie etwa alle drei beisammen haben?«
   So verrückt dieser Mensch auch sein mochte, blöd war er nicht. Corso gab ihm mit einer vagen Geste zu verstehen, daß er das auch nicht so genau wußte. Vielleicht. Diese Büchersammler waren ja zu allem fähig. Aber angenommen, Fargas entschloß sich zu dem Verkauf, so konnte er den Vergil retten.
   »Sie haben anscheinend immer noch nicht verstanden«, erwiderte der Bibliophile, obwohl Corso in Wahrheit sehr gut verstand. Hier war nichts zu machen.
   »Vergessen Sie es«, sagte er. »Das war nur so eine Idee.«
   »Ich verkaufe nicht wahllos. Ich suche meine Bücher aus. Das habe ich Ihnen doch erklärt.«
   Die Adern auf den Rücken seiner verkrampften Hände schwollen an, und er begann in Wut zu geraten, so daß Corso fünf Minuten nur darauf verwendete, Signale der Beschwichti-gung auszusenden. Das Angebot sei völlig zweitrangig, eine reine Routineangelegenheit. Was er in Wirklichkeit wolle, sei etwas ganz anderes, nämlich die beiden Exemplare ausführlich miteinander vergleichen. Zu seiner großen Erleichterung nickte Fargas am Schluß zustimmend.
   »Dagegen gibt es eigentlich nichts einzuwenden«, sagte er, während sein Mißtrauen sich ein wenig legte. Es war offensichtlich, daß Corso ihm sympathisch war, sonst wären die Dinge anders gelaufen. »Nur kann ich Ihnen leider nicht viel zu ihrer Bequemlichkeit bieten.«
   Er führte ihn durch einen kahlen Korridor zu einem kleinen Zimmer, in dem ein zu Brennholz geschlagenes Klavier in der Ecke lag. Auf einem Tisch stand eine alte Menora, ein sieben-armiger Leuchter aus Bronze mit Tropfengebilden aus Wachs, und davor waren zwei aus den Fugen geratene Stühle gerückt.
   »Wenigstens haben Sie es hier ruhig«, meinte Fargas. »Und die Fensterscheiben sind heil.«
   Er schnalzte mit den Fingern, als habe er etwas vergessen, humpelte aus dem Zimmer und kehrte kurze Zeit später mit der Cognacflasche zurück, die allerdings nahezu leer war.
   »Dann hat Varo Borja es also endlich bekommen«, wiederholte er und schien in sich hineinzulächeln, als bereite ihm diese Vorstellung Vergnügen. Danach stellte er die Flasche und das Glas auf den Boden, weit entfernt von den beiden Exemplaren der Neun Pforten, sah sich um, wie ein zuvorkommender Gastgeber es getan hätte, um zu überprüfen, ob alles in Ordnung war, und richtete vor dem Hinausgehen eine letzte ironische Bemerkung an Corso:
   »Fühlen Sie sich wie zu Hause.«
   Corso leerte sein Glas, packte seine Aufzeichnungen aus und begann zu arbeiten. Auf einem Blatt Papier waren in Tinte drei Kästen gezeichnet, in die er jeweils eine Nummer und einen Namen geschrieben hatte:


   Er begann, Seite für Seite, jeden Unterschied zwischen Exemplar eins und Exemplar zwei aufzuschreiben, so klein er auch war: ein Fleck auf dem Papier, hier eine dunklere Tönung der Druckfarbe usw. Als er bei der ersten Abbildung ankam -NEM. PERV.T QVI N.N LEG. CERT.RIT: der Ritter, der den Betrachter zum Schweigen aufforderte -, zog er aus seiner Segeltuchtasche eine Lupe mit siebenfacher Vergrößerung heraus und begann die Holzschnitte der beiden Exemplare Linie um Linie miteinander zu vergleichen. Sie waren identisch. Er stellte fest, daß sogar die Tiefe des Abdrucks, den die Klischees auf dem Papier hinterlassen hatten, dieselbe war, wie überhaupt die ganze typographische Gestaltung der beiden Bände. Es gab weder Zeilen noch Lettern, die abgenützt, beschädigt oder verbogen gewesen wären, und wenn, so waren sie es in beiden Exemplaren. Das bedeutete, daß die Bücher eins nach dem anderen, womöglich sogar unmittelbar hintereinander, mit derselben Presse gedruckt worden waren. Corso hatte es also mit einem Zwillingspaar zu tun, wie es im Jargon der Gebrüder Ceniza hieß.
   Er fuhr mit seinen Notizen fort. Ein geringfügiger Mangel in der sechsten Zeile von Seite 19 des zweiten Exemplars hielt ihn ein wenig auf, bis er sicher war, daß es sich um einen simplen Tintenfleck handelte. Er blätterte weiter. Beide Exemplare hatten denselben Aufbau: ein Vorsatz und 160 Seiten auf zwanzig gehefteten Druckbogen, die jeweils achtmal gefalzt waren. Die neun Bildtafeln gehörten in beiden Büchern nicht zum eigentlichen Text. Man hatte sie extra gedruckt - die Rückseiten waren »vakat«, also unbedruckt - und erst bei der
   Bindung eingefügt. Ihre Position innerhalb der Bücher war in beiden Exemplaren identisch:











   Entweder Varo Borja litt an Wahnvorstellungen oder dieser Auftrag war verdammt seltsam. Hier deutete nichts, aber auch gar nichts, auf eine Fälschung hin. Bestenfalls konnte es sich um eine apokryphe Ausgabe der Zeit handeln, der dann aber beide Exemplare angehören mußten. Nummer eins und Nummer zwei waren ein Musterbeispiel der Rechtschaffenheit auf gedrucktem Papier.
   Corso trank den letzten Rest Cognac und beugte sich dann mit der Lupe über den Holzschnitt II - CLAVS. PAT.T -, der bärtige Eremit mit den zwei Schlüsseln, eine Laterne auf dem Boden und eine verschlossene Tür. Wie er so die Tafeln miteinander verglich, fühlte er sich auf einmal wieder wie als kleiner Junge vor einem Suchbild, in dem es sieben Fehler zu entdecken galt. Und im Grunde - er schnitt eine Grimasse -ging es genau darum. Das Leben als Spiel. Und die Bücher als Spiegel des Lebens.
   Da sah er es - plötzlich und unerwartet, wie es bisweilen passiert, wenn man etwas aus der richtigen Perspektive betrachtet und Dinge oder Situationen, die einem zunächst konfus erscheinen, Form annehmen und verständlich werden.
   Corso holte tief Luft und blähte die Backen, als wolle er jeden Augenblick in prustendes Gelächter ausbrechen, aber er brachte nur ein trockenes, ungläubiges und humorloses Husten zustande. Das war unmöglich. Mit solchen Dingen schummelte man nicht. Er schüttelte verwirrt den Kopf. Was er da vor sich hatte, war kein Rätselheft vom Bahnhofskiosk, das waren Bücher, die vor dreihundertfünfzig Jahren hergestellt worden waren. Sie hatten ihrem Drucker das Leben gekostet, waren auf dem Index der Inquisition gestanden und wurden von den seriösesten Bibliographien zitiert: Tafel II. Lateinische Bildunterschrift. Greis mit zwei Schlüsseln und einem Licht vor verschlossener Tür ... Aber niemand hatte bis jetzt zwei von den insgesamt drei bekannten Exemplaren nebeneinander gelegt und verglichen. Abgesehen davon, daß es nicht einfach war, sie zusammenzubekommen, hatte das niemand für nötig gehalten. Greis mit zwei Schlüsseln. Das hatte genügt.
   Corso stand vom Tisch auf und ging zum Fenster. Dort blieb er eine Weile stehen und sah durch die Scheibe hinaus, die sich langsam von seinem Atem beschlug. Letzten Endes hatte Varo Borja doch recht. Aristide Torchia mußte sich dort oben auf seinem Scheiterhaufen in Campo dei Fiori schiefgelacht haben, bevor das Feuer seiner Spottlust für immer ein Ende bereitete. Dieser postume Streich war genial.

VIII. Postuma necat

   »Antwortet keiner?«
   »Nein.«
   »Um so schlimmer. Dann ist er nämlich tot.«
   M. Leblanc, Arsène Lupin

   Keiner kannte die Schwierigkeiten seines Gewerbes besser als Lucas Corso, und zu diesen gehörte besonders der Umstand, daß Bibliographien für gewöhnlich von Gelehrten verfaßt werden, die Bücher zitieren, ohne sie je gelesen zu haben. Sie stützen sich auf Berichte aus zweiter Hand und vertrauen blind auf die Angaben, die sie enthalten. So kann es passieren, daß fehler- oder lückenhafte Darstellungen mitunter ganze Generationen lang in Umlauf sind, ohne daß irgend jemand Bedenken anmeldet, bis die Sache eines Tages zufällig ans Licht kommt. Und genauso war das mit den Neun Pforten. Abgesehen von einer kurzen Erwähnung in den kanonischen Bibliographien, fanden sich auch in ausführlicheren Abhandlungen immer nur flüchtige Beschreibungen der neun Holzschnitte. Was zum Beispiel die zweite Bildtafel betraf, so war in allen bekannten Aufsätzen die Rede von einem alten Mann mit dem Aussehen eines Weisen oder Eremiten, der vor einer Tür stand und zwei Schlüssel in der Hand hielt. Nirgends wurde aber genannt, in welcher Hand er die Schlüssel hielt. Nun hatte Corso die Antwort: in der linken auf dem Holzschnitt in Exemplar eins, in der rechten auf dem Holzschnitt von Exemplar zwei.
   Jetzt galt es herauszufinden, was mit der Nummer drei los war, aber damit mußte er sich noch eine Weile gedulden. Corso blieb bis zum Einbruch der Dunkelheit in der Quinta da Sole-dade. Er arbeitete im Schein eines mehrarmigen Kerzenleuchters und machte sich unentwegt Notizen, während er die beiden Exemplare ein ums andere Mal durchging und die Tafeln studierte, um seine Hypothese zu erhärten. Und er stieß tatsächlich auf neue Beweise. Zum Schluß betrachtete er zufrieden seine Ausbeute in Form von Notizen, Tabellen und Diagrammen, zwischen denen sich seltsame Bezüge herstellen ließen. Fünf Abbildungen der beiden Exemplare wiesen Abweichungen auf. Abgesehen von der Hand, in der der alte Mann auf Tafel II die Schlüssel hielt, hatte das Labyrinth auf Tafel IIII in einem Exemplar einen Ausgang und im anderen nicht. Auf dem Holzschnitt V zeigte der Tod eine Sanduhr, die bei Nummer eins unten gefüllt war, in der Nummer zwei dagegen oben. Das Schachbrett auf der Bildtafel VII hatte in Varo Borjas Exemplar weiße Kästchen und in dem von Fargas schwarze. Und auf der Tafel VIII verwandelte sich der Scharfrichter, der sich anschickte, eine junge Frau zu köpfen, dank eines Heiligenscheins in einen Racheengel.
   Aber das war noch nicht alles, denn die sorgfältige Untersuchung der Tafeln mit der Lupe führte zu einer weiteren Entdeckung. Die in den Bildtafeln versteckten Signaturen des Holzschneiders wiesen noch auf eine andere Spur: In beiden Büchern war A.T., Aristide Torchia, in der Abbildung mit dem alten Mann als sculptor genannt, aber nur in Exemplar zwei auch als inventor. Die Namensinitialen in Borjas Exemplar, auf die Corso bereits von den Brüdern Ceniza hingewiesen worden war, lauteten L.F. Dasselbe war bei weiteren vier der Bildtafeln der Fall, was nur bedeuten konnte, daß der Drucker zwar alle Schnitte eigenhändig in Holz angefertigt hatte, die Originalzeichnungen aber, die ihm dabei als Vorbild dienten, teilweise aus der Feder eines anderen stammten. Demnach handelte es sich weder um eine zeitgenössische Fälschung noch um eine apokryphe Neuauflage. Nein, der Drucker Torchia selbst mußte die Auflage seines Werks »mit Privileg und Erlaubnis der Obrigkeiten« und gemäß eines ausgeklügelten Planes abgeändert haben: Unter die von ihm modifizierten Darstellungen hatte er seine eigenen Initialen gesetzt, um die Autorenschaft L. F. der anderen zu respektieren. Seinen Folterern hatte er gestanden, daß nur ein Exemplar übriggeblieben sei. In Wahrheit hatte er drei hinterlassen und vielleicht einen Schlüssel, um sie womöglich in ein einziges zurückzuverwandeln. Den Rest des Geheimnisses hatte er auf den Scheiterhaufen mitgenommen.
   Corso griff auf ein altes System der Kollation zurück: die komparativen Tabellen, die auch Umberto Eco verschiedentlich benützt. Wenn er die Unterschiede zwischen den einzelnen Bildtafeln auf dem Papier anordnete, ergab sich folgendes Schema:


   Und die Abweichungen zwischen den Namensinitialen - A. T. (der Drucker Torchia) und L. F. (ein Unbekannter? Luzifer?) -, mit denen der Holzschneider sculptor und inventor gekennzeichnet hatte, sahen graphisch dargestellt so aus: